Über Männer ab 50, Gelassenheit und die zweite Hälfte

Wir sitzen am Küchentisch. Samstagmorgen. Kaffee steht da, Brötchen auch, niemand hat es eilig. Silke rührt in ihrer Tasse, sieht mich an und sagt: „Du lachst in letzter Zeit öfter.“
Ist in Ordnung, denke ich, kann man ja mal drüber reden.
„Wie meinst du das?“, frage ich.
„Na ja“, sagt sie, „früher warst du … angespannter.“
Ja, angespannter. Das ist ein Wort, das sagt man, wenn man eigentlich meint: Du hast früher wegen jeder Kleinigkeit innerlich Alarm ausgelöst.
Und da fängt es ja schon an. Früher war Lachen so eine Art Reaktion. Wie Niesen. Oder Stolpern. Heute ist Lachen eher ein ganz normaler Vorgang.
Ich sitze also da, trinke Kaffee und denke: Lache ich wirklich mehr? Oder lache ich nur gezielter?
Ich meine, früher hast du gelacht, weil man lacht. Soziale Schmierung. Ein fast reflexhafter Mechanismus, um Gruppendynamiken aufrechtzuerhalten, Spannungen zu lösen und Zugehörigkeit zu signalisieren. Es war ein Lachen, das oft mehr über den Wunsch nach Anerkennung als über den eigentlichen Witz aussagte. Mit zunehmender Reife wich dieser soziale Reflex einem authentischeren Humor. Gelacht wird nicht mehr, weil es erwartet wird, sondern weil mein innerer Impuls sagt: „Ja. Das ist jetzt wirklich lustig.“
Und was ist das dann? Reifer Humor? Oder einfach weniger Bedarf an Eskalation?
Wenn früher jemand nichts gesagt hat, dachte man sofort: Oh. Stille. Da stimmt was nicht.
Ich merke das immer wieder, wie selten sie geworden ist. Zwischen Menschen. Auf der Arbeit zum Beispiel, wenn man mit mehreren Kollegen zusammensitzt und gerade niemand etwas sagt. Diese paar Sekunden, in denen eigentlich nichts fehlt.
Man sieht es ihnen an. Dieses leichte Unruhigwerden. Der Blick wandert. Jemand räuspert sich. Einer greift zum Handy. Stille wird behandelt wie ein technischer Defekt. Als müsste gleich jemand kommen und fragen, ob alles in Ordnung ist. „Entschuldigung, hier ist gerade kommunikative Leere. Brauchen Sie Hilfe?“
Heute sitze ich da und denke: Ach guck. Niemand redet. Läuft doch. Es passiert nichts. Niemand stirbt. Niemand denkt schlecht über mich. Die Welt dreht sich einfach weiter.
Früher hätte ich sofort irgendwas gesagt. Einen Witz. Eine Beobachtung. Notfalls auch etwas Unnötiges. Hauptsache, die Stille wird beseitigt.
Heute sitze ich da und halte sie aus. Absichtlich. Wie ein Selbsttest. Männer ab 50 lernen das irgendwann. Nicht bewusst, eher nebenbei. Man muss nicht mehr beweisen, dass man präsent ist, witzig, schlagfertig oder relevant. Man ist einfach da.
Stille ist keine Leere. Sie ist Platz. Und Platz ist etwas, das man erst schätzen lernt, wenn lange genug alles vollgestellt war.
Manche verwechseln diese Ruhe mit Rückzug. Dabei ist es eher das Gegenteil. Man ist nicht weg, man ist nur nicht mehr laut. Und das ist vielleicht eine der größten Veränderungen bei Männern ab 50: Man muss nicht mehr ständig senden. Man darf auch einfach empfangen. Oder gar nichts. Auch das geht.
Und genau da fängt Gelassenheit an. Nicht beim Reden. Sondern beim Aushalten.
Oder dieses Gefühl, nichts mehr beweisen zu müssen. Männer ab 50 wirken nach außen oft ruhiger, dabei ist innen einfach weniger Bedarf an Drama. Das ist kein Training, das ist Abnutzung. Man hat mit den Jahren genug erlebt, um zu wissen, dass sich die meisten Aufregungen rückblickend als völlig überbewertet herausstellen. Außer Rückenprobleme. Die sind erstaunlich konsequent.
Silke sitzt mir gegenüber, trinkt ihren Kaffee und erzählt von Plänen. Reisen. Städte. Dinge, die man noch machen könnte. Früher hätte ich sofort innerlich mitgerechnet. Zeit. Geld. Sinn. Heute höre ich einfach zu und merke: Es geht gar nicht um die Orte. Es geht darum, nicht stehen zu bleiben.
Stillstand ist nämlich das Einzige, was wirklich gefährlich ist. Nicht das Älterwerden. Nicht graue Haare. Sondern dieses langsame Festfahren. Kaum ein Aspekt des Älterwerdens ist so signifikant wie die veränderte Beziehung zum eigenen Körper. Wo früher ein instrumentelles Verhältnis herrschte, in dem der Körper ein Werkzeug zur Leistungssteigerung war, entsteht nun eine partnerschaftliche Koexistenz. Die strategische Wichtigkeit dieses Wandels liegt in der Akzeptanz der neuen Realität und der Entwicklung kooperativer statt konfrontativer Strategien.
Ich gehe, wann immer es möglich ist, jeden Tag meine zehn Kilometer. Nicht sportlich. Nicht mit Zielzeit. Ich gehe für meine Gesundheit, für Herz und Kreislauf und dieses ganze Zeugs, und weil ich nicht einrosten will. Das klingt unspektakulär, ist aber ziemlich endgültig. Stillstand kommt nicht mit Ansage. Er schleicht sich an. Erst sitzt man mehr. Dann steht man schwerer auf. Und irgendwann fragt man sich, seit wann das eigentlich so ist.
Es geht nicht mehr darum, irgendwo anzukommen oder einen Sieg zu erringen, sondern darum, in Bewegung und damit handlungsfähig zu bleiben. Der Erfolg ist nicht die Medaille am Ziel, sondern das stille Gefühl, dass der Körper am nächsten Tag noch reibungslos funktioniert. Bewegung als Pflege, nicht als Leistung. Wie Zähneputzen, nur mit dem zusätzlichen Vorteil, dass man dabei denken kann. Beim Zähneputzen kann ich nämlich nicht denken, das ist mir zu laut im Mund.
Beim Gehen merke ich schnell: Der Körper ist kein Gegner. Er will nur beteiligt werden. Nach ein paar Kilometern hört er auf zu diskutieren und beginnt zu kooperieren. Zehn Kilometer sind dann keine Herausforderung mehr, sondern eine Verständigung. Wir machen das jetzt so, sagt der Kopf. Und der Körper sagt nichts Begeistertes, aber er macht mit. Was soll er auch sonst machen?
Unterwegs sehe ich Jüngere laufen. Mit Tempo. Mit Druck. Mit Musik im Ohr und diesem Blick, als müsste jeder Schritt beweisen, dass sie noch dazugehören. Ich gehe. Zügig, aber ohne Ehrgeiz. Ehrgeiz ist etwas für Menschen, die glauben, Zeit ließe sich verhandeln.
Wenn ich nach meinen zehn Kilometern wieder nach Hause komme, setzt sich nichts durch und nichts gibt nach. Es knackt nichts. Es zieht nichts. Meistens jedenfalls. Und genau das ist der Erfolg. Kein Triumph. Kein Applaus. Nur das stille Gefühl, dass alles noch da ist, wo es hingehört.
Der Körper meldet sich inzwischen ja auch, bevor etwas passiert. Früher kam der Schmerz nach der Aktion. Heute kommt erst die Durchsage. So ein inneres Rundschreiben durch den Sicherheitsbeauftragten meines Körpers. „Achtung, wir weisen darauf hin, dass diese Bewegung zwar grundsätzlich noch möglich ist, aber mit Folgereaktionen gerechnet werden muss.“
Neulich wollte ich etwas vom Boden aufheben. Nichts Schweres. Nichts Dramatisches. Ein Gegenstand, der eindeutig dafür gedacht war, aufgehoben zu werden. Ich beugte mich vor und merkte sofort: Das wird jetzt aber nichts Spontanes.
Früher war Bücken ein Handgriff. Heute ist es eher ein Projekt mit Vorbereitung. Standort prüfen. Fußstellung optimieren. Fluchtweg sichern.
Und dann diese Frage, die sich automatisch einschaltet: Brauche ich das wirklich? Diese bewusste Vorsicht ist kein Zeichen des Abbaus, sondern Ausdruck eines kooperativen Dialogs, der auf Respekt und dem Wissen um Konsequenzen beruht.
Männer ab 50 lassen Dinge gerne liegen. Silke kann wahrscheinlich ein Lied davon singen. Aber wir machen das ja nicht aus Bequemlichkeit. Sondern aus Risikoabwägung.
Man entwickelt auch eine völlig neue Beziehung zu Alltagsbewegungen. Drehen zum Beispiel. Früher hat man sich einfach umgedreht. Heute dreht man sich in Etappen. Oberkörper zuerst. Dann der Rest, wenn die Lage stabil ist.
Ich habe auch gelernt, Geräusche richtig zu deuten. Nicht jedes Knacken ist ein Problem. Manche sind nur Statusmeldungen. „Alles noch da, wir haben es registriert.“ Problematisch wird es erst, wenn kein Geräusch kommt. Dann wartet man. Wie bei einem Drucker, der gerade etwas sehr Wichtiges verarbeitet.
Und trotzdem lache ich heute mehr als früher. Nicht, weil das alles besonders lustig wäre, sondern weil es im Rückblick absurd ist, wie ernst man sich genommen hat. Man ging davon aus, der Körper sei selbstverständlich. So ein System, das einfach läuft. Dabei ist er eher ein Kollege, der lange mitarbeitet, solange man ihn nicht ständig übergeht oder mit spontanen Ideen behelligt.
Wenn ich heute lache, dann über mich. Über diese inneren Verhandlungen. Über das kurze Abwägen, bevor man aufsteht. Über diesen Moment, in dem man sich hinsetzt und denkt: Passt der Stuhl heute zu mir? Nicht vom Stil her. Von der Statik.
Man entwickelt da ein ganz neues Regelwerk. Bewegungen sind nicht mehr frei. Sie sind genehmigungspflichtig.
Ich stelle mir manchmal vor, es gäbe eine Kontrollstelle. So eine Art Bewegungsaufsicht. Mit Formularen. Und Klemmbrett.
„Sehr geehrter Herr Schneider“, würde es dann heißen, „um 9:14 Uhr führten Sie eine Drehung aus dem Oberkörper heraus durch. Diese war in dieser Form nicht angezeigt.“
Was soll man da sagen? Lügen? „Verzeihung, ich wurde überrascht.“
Oder ehrlich? „Ich dachte, das geht in meinem Alter noch.“
Ich würde mich entschuldigen.
Höflich.
Und versprechen, es langsamer zu machen.
Vielleicht sogar mit Unterschrift.
Männer ab 50 sind nicht kaputt. Sie sind nur nicht mehr experimentell.
Man könnte das jetzt alles als Abbau lesen. Als weniger. Als langsamer. Ist es aber nicht. Es ist eher ein Umbau. Weniger Improvisation, mehr Erfahrung. Weniger Ausprobieren, mehr Wissen, was man lieber lässt. Früher wollte man alles noch testen. Heute will man, dass es funktioniert.
Männer ab 50 müssen nicht mehr beweisen, dass sie können. Sie wissen es. Und genau deshalb müssen sie es nicht mehr ständig zeigen.
Man lacht mehr, weil man weniger verteidigen muss. Man bewegt sich bewusster, weil man weiß, was Bewegung bedeutet. Man hält Dinge aus, weil man gelernt hat, dass nicht alles sofort gelöst werden muss.
Und wenn man dann am Samstagmorgen am Küchentisch sitzt, Kaffee trinkt, nichts Besonderes passiert und der Körper nicht meckert, dann ist das kein Stillstand.
Dann ist das ein ziemlich guter Zustand.
Nicht spektakulär.
Aber stabil.
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