Eine Katze beobachtet ihr Zuhause

Ich heiße Lola.
Das ist kein Name, den ich mir ausgesucht habe. Katzen wählen andere Dinge: Plätze, Zeiten, Menschen. Namen sind etwas, das Menschen brauchen, um Ordnung in Gefühle zu bringen. Micha sagt meinen Namen so, dass er hängen bleibt. Das reicht. Wenn seine Stimme weicher wird, weiß ich, dass ich gemeint bin. Alles Weitere wäre überflüssig.
Ich bin schon eine Weile hier. Genauer gesagt seit 2014. Nicht immer genau hier, aber immer bei ihm. Angekommen bin ich zusammen mit meinem Bruder Charly, damals, als alles noch nach Tierheim roch und nach dieser besonderen Mischung aus Hoffnung und Vorsicht, die Menschen mitbringen, wenn sie glauben, etwas Gutes zu tun. Micha hatte Zeit. Das war das Erste, was mir aufgefallen ist. Keine Eile, kein Ziehen, kein Drängen. Er saß da mit seinen Kindern, Maren und Lars, schaute und wartete. Charly und ich haben beschlossen, dass man so jemandem zumindest eine Chance gibt.
Wir haben zuerst in Zülpich gelebt. Eine Wohnung ohne Garten, was ich damals nicht schlimm fand, weil ich nicht wusste, was mir fehlte. Es gab einen Balkon, und Micha hatte ein Netz gespannt, damit wir nicht verschwinden konnten. Menschen nennen das Fürsorge. Katzen nennen es eine kreative Einschränkung. Charly und ich saßen trotzdem gern dort, oft nebeneinander, haben nach unten geschaut und uns Dinge vorgestellt, die wir nie überprüft haben. Das war in Ordnung so. Die Kinder waren da, mit all der Unruhe, die sie mitbrachten, und mit dieser Selbstverständlichkeit, mit der Kinder Tiere behandeln, als wären sie einfach Teil der Welt und nicht etwas, das man erklären muss.
Im Sommer 2020 sind wir nach Kall gezogen. Ein Haus, ein Garten, und Silke war plötzlich auch da. Die Kinder nicht mehr. Menschen sagen dann, sie seien „flügge geworden“. Ich habe lange überlegt, was das heißen soll. Vögel werden flügge, Katzen bleiben.
Der Garten kam langsam. Micha hat uns daran gewöhnt, so wie er alles langsam macht, was ihm wichtig ist. Erst die Tür einen Spalt auf, dann ein paar Schritte, dann Zurückkommen. Vertrauen ist nichts, was man erklären kann. Es entsteht, wenn jemand da ist, wenn man zurückkommt.
Charly ist eines Tages nicht zurückgekommen. Ostern 2021. Ich habe gewartet, weil Warten manchmal das Einzige ist, was man tun kann, wenn etwas fehlt. Dann war da Gewissheit, diese schwere, unbewegliche Art von Wissen.
Vergiftet.
Micha hat im Garten ein Grab für ihn gemacht. Mit seinen Händen. Ich sitze oft dort. Nicht, weil ich festhalte, sondern weil Erinnerungen einen Ort brauchen. Micha spricht manchmal mit Tränen in den Augen von Charly. Sehr leise. So, dass man genau hinhören muss, um es mitzubekommen. Ich höre immer hin.
Ich bin mit den Jahren genauso gemütlich geworden, wie Micha. Das sagt Silke manchmal, so als wäre es eine Diagnose. Ich nenne es angekommen. Ich gehe noch raus, ja, aber lieber bleibe ich drinnen. Draußen ist viel passiert. Drinnen ist Micha. Wenn Silke und Micha länger weg sind, gehe ich trotzdem raus. Ab und zu muss ich ja nachschauen, ob alles noch da ist.
Ich bin eine Europäische Kurzhaarkatze, rot getigert, ungefähr fünf bis sechs Kilo Lebenserfahrung. Ich bewege mich langsam, außer es gibt Futter. Dann erinnere ich mich plötzlich daran, dass ich Beine habe. Meine Lieblingshaltung ist einfach zu erklären: auf Micha. Am liebsten abends, auf der Couch. Menschen glauben, das sei Bequemlichkeit. In Wahrheit ist es Orientierung.
Ich bin die Katze von ihm. Nicht im Besitzsinn, eher im Zusammenhangssinn. Ich hätte ihn gern für mich allein. Das ist kein Anspruch, eher eine Feststellung. Ich verstehe nicht ganz, warum da noch jemand sitzt. Silke zum Beispiel. Ich nehme das zur Kenntnis. Mehr nicht. Man muss nicht alles verstehen, um damit zu leben.
Ich erzähle das hier, weil Erinnern und Erzählen für mich dasselbe sind. Ich denke, und jemand hört zu. Das reicht. Ich erkläre nichts. Ich ziehe keine Schlüsse. Ich beobachte. Menschen machen aus allem Geschichten. Katzen merken sich einfach, wie es sich angefühlt hat.
Das hier ist mein Blick. Mein Tempo. Mein Zuhause.
Und alles, was kommt, passiert genau dazwischen.
Ich liege auf meinem Lieblingsplatz auf der Couch, da wo das Polster ein kleines bisschen nachgibt, gerade genug, um mich zu halten, ohne mich wieder auszuspucken, und wo die Decke nach Micha riecht, obwohl Silke behauptet, sie hätte sie „neulich erst gewaschen“. Menschen sagen solche Dinge mit Stolz, als wäre Sauberkeit eine Art Sieg über das Leben, dabei ist es eher eine kurze Unterbrechung, bevor wieder alles nach Kaffee, Haut und diesem unsichtbaren Durcheinander riecht, das sie Alltag nennen.
Samstagmorgen.
Man erkennt ihn nicht an der Uhr, sondern an der Art, wie das Haus atmet. Unter der Woche ist alles straff, Geräusche passieren schneller, Türen gehen zu, Schritte sind zielgerichtet, und selbst die Stille hat einen Plan. Am Samstag dagegen schiebt sich der Tag wie eine schwere Pfote vorwärts. Langsam, ohne Eile, und irgendwo zwischen dem ersten Licht und dem ersten Streit entscheidet sich, ob er freundlich wird oder anstrengend.
Aus dem Schlafzimmer höre ich Stimmen, gedämpft durch die Tür, aber klar genug, um die Richtung zu verstehen. Silke spricht schneller als Micha, wie immer, wenn sie etwas im Kopf hat, das größer ist als der Raum, in dem sie steht. Micha antwortet in dieser Tonlage, die er für ruhig hält, die aber in Wahrheit schon mit den Augen rollt, bevor er überhaupt die Augen aufgemacht hat. Ich kenne seine Geräusche. Ich kenne seine Pausen. Ich kenne auch das kleine Ausatmen, das er macht, wenn er merkt, dass ein Samstag dabei ist, sich zu einem Projekt zu entwickeln.
„Wir könnten das heute machen“, sagt Silke. Das „wir“ ist dabei wie eine Jacke, die sie ihm überwirft, ohne zu fragen, ob er sie anziehen will.
„Silke“, sagt Micha. Nur ihr Name. Mehr nicht. Das reicht oft, um eine Sache zu stoppen. Bei Silke ist es eher das Startsignal.
„Nein, hör zu“, sagt sie, und man hört sogar durch die Wand, wie sie dabei wahrscheinlich mit den Händen arbeitet. Menschenhände, diese hektischen Dinger, die ständig irgendwas zeigen müssen, damit sie selbst glauben, es wäre wichtig. „Das ist doch genial. Wir haben frei. Wir müssen das ausnutzen.“
Micha macht dieses Geräusch, das irgendwo zwischen Seufzen und Kapitulation liegt. Ich nenne es sein inneres Weglaufen. Es klingt so, als würde er kurz im Kopf die Koffer packen.
Ich bleibe liegen, die Pfoten ordentlich unter mir, weil ich nicht gern aus meiner guten Position gerissen werde. Aber mein Ohr dreht sich automatisch in Richtung Schlafzimmer, so wie es das immer tut, wenn Silke in diesen komischen Modus kommt. Silke hat viele Modi. Manche sind harmlos, wie „Ich räume auf“, was bedeutet, dass Dinge wochenlang verschwinden und irgendwann an Orten wieder auftauchen, an denen sie noch nie waren. Andere sind gefährlicher, wie „Ich hab da mal eine Idee“, was bedeutet, dass Micha früher oder später in Schuhe steigen muss, die er gar nicht angezogen hätte, wenn man ihn einfach in Ruhe gelassen hätte.
„Wir müssen gar nichts“, sagt er.
Das ist einer dieser Sätze, die Menschen sagen, wenn sie schon längst wissen, dass sie es trotzdem tun werden.
Silke lacht, so ein kurzes, helles Lachen, das bei ihr nicht bedeutet, dass etwas lustig ist, sondern dass sie sich schon in der Gewinnerposition sieht. „Doch. Also nicht müssen. Aber es wäre gut. Für uns.“
Für uns. Wieder so Wörter, die sie in den Raum stellt, als wäre es eine Schale, aus der beide trinken sollten. Micha ist eher jemand, der seinen Kaffee allein trinkt und dabei still wird. Ich mag das. Wenn Micha still wird, kann ich näher rücken, kann mich in diese Stille legen, als wäre sie ein warmer Teppich nur für uns beide. Stille ist bei ihm nicht leer. Sie ist voll. Voll von Denken, von Erinnerungen, von diesem leisen Druck, den er nicht gern zugibt. Bei Silke ist Stille dagegen meistens nur eine Pause, bis die nächste Idee angerauscht kommt.
„Was ist es diesmal?“, fragt Micha, und ich höre, dass er dabei wahrscheinlich schon sitzt, vielleicht am Bettrand, die Hände im Gesicht oder am Nacken, dort, wo Menschen ihre Müdigkeit festhalten.
Silke antwortet sofort, ohne Luft zu holen. Ich verstehe nicht jedes Wort, weil sie zu schnell spricht und die Türe dazwischen ist, aber ich höre genug. Irgendwas mit „endlich“, irgendwas mit „mal richtig“, irgendwas mit „das wollte ich schon länger“. Ihre Ideen haben immer eine Vorgeschichte, als hätte sie sie schon in sich getragen, während Micha noch dachte, er hätte einfach frei.
Ich schließe die Augen halb, nicht weil ich müde bin, sondern weil es mir hilft, besser zu hören. Manchmal muss man bei Menschen ein bisschen wegschauen, um sie klarer zu verstehen.
Micha sagt etwas, das klingt wie: „Das ist doch Quatsch“, aber sanfter, so wie er Quatsch sagt, wenn er weiß, dass Silke sich sonst verletzt fühlen könnte. Er ist gut darin, seine genervten Gedanken in höfliche Kleidung zu packen. Ich finde das anstrengend. Nicht weil Höflichkeit schlecht ist, sondern weil sie bei Menschen so viel Kraft frisst. Bei uns ist es einfacher. Ich will Nähe, also komme ich. Ich will Ruhe, also bleibe ich. Ich will, dass jemand aufhört zu reden, also gehe ich. Keine diplomatischen Umwege.
Silke macht ein Geräusch, das ich als empörtes Einatmen erkenne. „Quatsch? Das ist doch nicht Quatsch. Das ist praktisch. Und schön. Außerdem brauchst du mal wieder frische Luft.“
„Silke“, sagt Micha wieder, diesmal ein wenig tiefer, ein wenig fester. Ich höre seine Geduld wie ein dünnes Band, das sich langsam spannt.
Ich kenne Silke auch. Ich kenne ihre Art, sich an eine Idee zu hängen wie an einen Luftballon, den sie nicht loslassen will, selbst wenn der Wind schon stärker wird. Silke ist nicht böse. Sie ist nur überzeugt. Sie ist so überzeugt, dass sie manchmal nicht merkt, dass Micha an ganz anderen Stellen in der Welt steht, mit beiden Füßen, und dass er es nicht mag, wenn man ihn plötzlich in ein Konzept zieht.
Und trotzdem. Trotzdem sitzt sie da. Neben ihm. Neben meinem Micha. Als wäre das Zusammenleben mit einer Frau anders als mit einer Katze.
Das ist der Punkt, an dem ich innerlich den Kopf schief lege, so wie ich es manchmal wirklich tue, wenn ein Geräusch nicht zu dem passt, was ich kenne. Ich habe es nie ganz verstanden, wie es in Menschen passiert, dass sie Platz machen. Nicht auf dem Sofa, das können sie, da rücken sie, wenn ich komme. Ich meine Platz in sich. Platz neben dem Herzen, neben der Gewohnheit, neben dem, was sie sonst so festhalten. Micha ist für mich der Mittelpunkt. Er ist das Geräusch, wenn die Haustür aufgeht. Er ist die Wärme an meinem Bauch, wenn ich auf seinem Schoß liege. Er ist der ruhige Blick, der mich sieht, ohne etwas von mir zu wollen, außer dass ich da bin.
Silke will immer etwas. Nicht im schlechten Sinn. Eher so, als würde sie das Leben für eine Baustelle halten, auf der man ständig irgendwas verbessern muss, damit es sich lohnt.
Im Schlafzimmer wird es kurz still. Diese Art von Stille, in der man weiß, dass jemand die Augen verdreht. Wahrscheinlich Micha. Oder Silke. Oder beide gleichzeitig, nur aus unterschiedlichen Gründen.
Dann sagt er etwas, das ich nur halb verstehe, aber ich höre das Entscheidende: den Widerstand, der nicht mehr schneidet, sondern weich wird. Er klingt wie jemand, der schon ahnt, dass der Samstag nicht ruhig bleibt, und der sich innerlich fragt, ob er wenigstens zuerst einen Kaffee bekommt.
Ich strecke mich lang, ganz langsam, die Krallen kurz im Stoff, nicht um etwas kaputtzumachen, sondern um mir zu sagen: Ich bin hier. Mein Platz ist noch meiner. Die Couch ist mein Gebiet, die Decke hat seinen Geruch, und egal, welche Idee Silke heute durchdrücken will, es gibt Dinge, die sich nicht verhandeln lassen. Wenn Micha gleich rauskommt, werde ich bereit sein. Ich werde so tun, als wäre ich ganz zufällig wach geworden, als hätte ich nicht jedes Wort mitgehört, und ich werde mich ihm in den Weg legen, damit er sich gar nicht erst entscheiden muss: erst mich, und dann die Welt. Menschen haben seltsame Prioritäten. Man muss sie manchmal daran erinnern, was wirklich wichtig ist.
Aus dem Schlafzimmer höre ich Silke wieder, schon wieder schneller, schon wieder aufgeregt, als hätte sie gerade die Genehmigung bekommen, den Tag umzubauen. Micha sagt nichts sofort. Er lässt diese Pause entstehen, in der man bei ihm immer merkt, dass er nach dem richtigen Ton sucht, nicht nach der richtigen Antwort. Er will keinen Streit. Er will einfach seine Ruhe.
Ich öffne die Augen ganz und starre zur Tür, als könnte ich sie mit Blicken früher aufgehen lassen. Es gibt Momente, da ist das ganze Haus nur eine Frage: Kommt er jetzt, mit diesem müden Gesicht und diesem leisen Lächeln, das nur ich wirklich sehe, oder bleibt er noch da drin und lässt sich von Silkes „für uns“ überrollen?
Im Flur knackt es. Ein Schritt. Dann noch einer. Die Tür zum Schlafzimmer bleibt noch zu, aber der Samstag beginnt, sich zu bewegen, und ich spüre dieses alte, vertraute Ziehen in mir: die Bereitschaft, an seiner Seite zu sein, egal, ob er heute Ruhe bekommt oder eine Idee.
Und ich denke, nicht zum ersten Mal, dass Menschen sich das Leben oft unnötig kompliziert machen, obwohl es eigentlich so einfach wäre: Man steht auf. Man trinkt Kaffee. Man setzt sich. Man atmet. Man streichelt die Katze.
Alles andere ist Bonus. Manche nennen es Sinn. Manche nennen es Planung. Silke nennt es „genial“. Micha nennt es „nicht schon wieder“.
Ich nenne es einen typischen Samstag.
Silke steht zuerst auf. Ich merke das, aber es reicht mir, kurz den Kopf zu heben. Mehr Aufmerksamkeit bekommt der Moment nicht. Silke beginnt Tage gern mit Bewegung, mit dem Gefühl, dass etwas angeschoben werden muss. Ich bleibe liegen. Der Samstag läuft nicht weg.
Dann höre ich Micha im Flur.
Nicht laut, nicht plötzlich. Eher dieses leise Dasein, das er hat, wenn er noch halb bei sich ist und halb schon im Tag. Ein Schritt, ein Atemzug, dieses kurze Innehalten, als würde er prüfen, ob alles noch da ist. Mein Körper reagiert sofort. Ich bin von der Couch, noch bevor ich darüber nachdenken kann, renne los, nicht hektisch, sondern zielstrebig. So läuft man, wenn man genau weiß, wohin man gehört.
Ich komme bei ihm an, noch bevor er ganz in der Küche ist, schiebe meinen Kopf gegen sein Bein, umrunde ihn einmal, zur Ordnung der Dinge, und bleibe dann dicht bei ihm stehen. Micha lacht nicht laut. Er muss das nicht. Seine Hand ist schon da, ruhig, sicher, genau richtig. Kein Suchen, kein Zögern. Er weiß, wo ich sein will.
„Ja, ich weiß“, sagt er leise, mehr zu mir als zu sich selbst.
Er geht weiter, und ich gehe mit. Kein Vorangehen, kein Hinterherlaufen. Wir bewegen uns zusammen in die Küche, als hätten wir das so abgesprochen. Ich setze mich hin, ordentlich, geduldig. Er greift nicht zuerst nach dem Kaffee, nicht nach irgendetwas anderem. Er greift nach meinem Napf. Micha weiß, was für mich gut ist. Morgens zuerst das, was verlässlich ist.
Das Futter kommt hinein. Nicht zu hastig, nicht zu sparsam. Sondern so, wie es sein soll. Ich beginne zu fressen, ruhig, konzentriert, ohne Eile. Micha bleibt stehen, lehnt sich an die Arbeitsplatte, schaut mir zu. Er lässt mir Zeit. Menschen, die Zeit lassen, sind selten. Ich habe mir gemerkt, dass man sie behalten sollte.
Hinter uns ist Silke inzwischen auch in der Küche. Sie redet, sortiert, räumt um, als würde der Raum sonst auseinanderfallen. Micha hört nur halb hin. Ich höre gar nicht hin. Mein Napf ist wichtiger. Und Micha weiß das. Er sagt nichts. Er lässt es so.
Als ich fertig bin, hebe ich den Kopf. Er ist sofort da, geht in die Hocke, streicht mir über den Rücken, als würde er prüfen, ob alles stimmt. Ich lehne mich gegen seine Hand. Nicht, um mehr zu verlangen. Eher, um zu bestätigen, dass es gut war.
Der Samstag hat jetzt begonnen.
Nicht mit Diskussionen.
Nicht mit Ideen.
Sondern mit einer richtigen Entscheidung zur richtigen Zeit.
Nach dem Futter kommt das Nächste. Darüber denkt man nicht nach, das passiert einfach. Das ist ein tierisches Grundbedürfnis. Mein Körper hat seine Reihenfolge, und ich halte mich daran. Ich tapse in den Flur zum Katzenklo, ruhig, selbstverständlich, weil das dazugehört. Rituale sind dafür da, dass man sich sicher fühlt, gerade bei Dingen, bei denen man seine Ruhe braucht.
Ich steige ins Klo, drehe mich, richte mich aus. Man hockt sich nicht irgendwo hin. Man sucht sich den richtigen Moment, den richtigen Winkel, ein kleines Stück Ordnung in all dem täglichen Durcheinander.
Dann hämmert es von oben.
Nicht leicht. Nicht versehentlich. Sondern richtig. Auf meinem Klodach. Als hätte jemand beschlossen, dass genau jetzt der richtige Moment ist, um mir klarzumachen, wem hier was gehört. Silke hämmert auf das Dach und brüllt: „Lola, geh draußen kacken! Stink uns hier nicht die Bude voll.“
Mein Körper reißt mich hoch, schneller als mein Denken hinterherkommt. Der Moment ist kaputt. Die Ruhe weg. Dieses sichere Gefühl, das man braucht, um überhaupt seine Notdurft zu verrichten, ist einfach verschwunden. Ich springe aus dem Klo, völlig aus dem Takt, und renne los.
Durch den Flur, zur Terrassentür, weg von diesem Tonfall, weg von dem Gefühl, gerade etwas falsch gemacht zu haben, obwohl man genau das Richtige getan hat. Silke ist schon da, öffnet die Tür, lässt mich raus, als wäre damit alles erledigt.
Draußen ist es kalt, der Boden feucht, das Gras nass. Ich bleibe kurz stehen, schaue zurück zur Tür, die sich hinter mir schließt, und denke, dass es seltsam ist, wie wenig Platz manchmal für Selbstverständliches bleibt.
Ich suche mir einen Randplatz, nichts Schönes, nichts Geplantes, nur brauchbar und funktional. Man passt sich an. Auch das habe ich gelernt. Als ich fertig bin, scharre ich sorgfältig, einfach um mir selbst zu sagen, dass es noch Dinge gibt, die mir gehören.
Drinnen höre ich Stimmen. Silke sagt wieder etwas, das ich nicht verstehe, aber es klingt zufrieden, so, als hätte sie ein Problem gelöst. Ich bleibe noch einen Moment draußen stehen, atme die kalte Luft, sammle mich.
Ich gehe zur Terrassentür zurück, nicht hastig, sondern ruhig. Man muss sich erst wieder sammeln, wenn etwas einen aus dem Takt gebracht hat. Ich sitze kurz davor, warte. Ich kratze nicht. Ich schreie nicht. Ich bin da. Das muss reichen.
Micha ist es, der mich reinlässt. Nicht Silke. Ich höre seine Schritte, dieses andere Gehen, das nicht antreibt, sondern ankommt. Die Tür geht auf, und noch bevor ich ganz drin bin, bin ich schon wieder bei ihm, streife sein Bein, nehme seinen Geruch auf, dieses Verlässliche, das sagt: Alles ist gut. Zumindest jetzt.
Ich renne los. Direkt zum Fressnapf. Nicht, weil ich Hunger habe. Sondern weil die Ordnung wiederhergestellt werden muss. Der Ablauf war unterbrochen worden, brutal und völlig unnötig, und mein Körper will wissen, ob die Welt noch stimmt. Unterwegs mauze ich. Nicht leise. Nicht freundlich. Eher klar. In Richtung Silke. Damit sie versteht, dass ich sauer bin. Und dass mir das nicht gefallen hat.
Silke sagt etwas. Ich höre meinen Namen. Ich höre dieses Lachen, das immer kommt, wenn sie etwas abtut. Dann sagt sie zu Micha: „Lola wird dement. Die vergisst schon, dass sie gefressen hat.“
Ich bleibe kurz stehen. Direkt neben dem Napf. Mein Schwanz zuckt. Dement. So nennen Menschen das also, wenn sie nicht verstehen wollen, was gerade passiert ist. Sie hören nur das Ergebnis, nicht den Weg dorthin. Dass man erst erschreckt wurde. Dass man rausgeschickt wurde. Dass ein Ritual zerbrochen ist. All das zählt nicht. Hauptsache, es passt in ein Wort.
Micha sagt nichts sofort. Das ist gut. Er sagt oft nichts sofort, wenn etwas falsch ist. Er kommt näher, hockt sich zu mir runter, legt seine Hand auf meinen Rücken. Seine Stimme ist ruhig, tiefer als sonst. „Nee“, sagt er. „Die weiß schon, was sie tut.“
Ich lehne mich gegen seine Hand. Nicht, weil ich Trost brauche. Sondern weil er recht hat. Ich weiß genau, was ich tue. Ich überprüfe. Ich sichere. Ich bringe Dinge wieder an ihren Platz. Menschen nennen das Vergessen. Katzen nennen das Aufpassen.
Der Napf steht noch da. Leer. So, wie er stehen soll. Ich schaue Micha an. Er versteht. Er streicht mir einmal über den Kopf, genau zwischen die Ohren, dort, wo die Gedanken leiser werden.
Ich gehe ein paar Schritte, bleibe mitten in der Küche stehen und denke darüber nach, wie absurd das eigentlich ist. Immer draußen zu kacken. Als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Als hätte man mir das Katzenklo nicht genau deshalb in den Flur gestellt, weil es dort warm ist, ruhig, berechenbar, ein Ort, der genau für diesen Zweck existiert.
Draußen ist es kalt. Nicht theoretisch kalt, sondern dieses feuchte, kriechende Kalt, das sich in die Pfoten zieht und nicht sofort wieder geht. Der Boden ist unfreundlich, der Garten morgens noch halb im Schlaf, und nichts daran lädt dazu ein, sich in Ruhe hinzusetzen und Dinge ordentlich zu erledigen. Drinnen dagegen ist es still. Der Flur liegt geschützt. Das Klo steht da nicht aus Dekoration. Es steht da, weil jemand einmal verstanden hat, dass man für gewisse Dinge einen festen Platz braucht.
Ich rege mich innerlich auf. Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher so, wie man sich ärgert, wenn etwas logisch falsch ist. Menschen erwarten so viel Rücksicht von Katzen, dabei ist das hier eine sehr einfache Rechnung: warm ist besser als kalt. Drinnen ist besser als draußen. Planbar ist besser als improvisiert.
Ich schaue Richtung Flur, dorthin, wo mein Katzenklo steht, jetzt leer, und frage mich, warum man Dinge aufstellt, nur um sie im entscheidenden Moment zu verbieten. Menschen tun das öfter. Sie schaffen Möglichkeiten und wundern sich dann, wenn man sie nutzt.
Silke bewegt sich irgendwo hinter mir, sagt noch irgendwas, wahrscheinlich wieder halb im Scherz, halb genervt. Ich höre nicht genau hin. Ich habe beschlossen, dass das Thema für mich klar ist. Ich bin keine Katze, die draußen alles erledigen will, nur weil jemand empfindliche Nasen hat. Ich bin eine Katze, die Ordnung mag. Und Wärme. Und Verlässlichkeit.
Micha steht noch bei mir. Er sagt nichts dazu, aber ich merke, dass er es verstanden hat. Er versteht oft Dinge, ohne dass man sie ihm erklären muss. Seine Hand liegt kurz auf meinem Rücken, schwer genug, um zu sagen: Ich weiß.
Ich gehe zurück Richtung Couch. Man kann sich über vieles aufregen, aber man muss nicht alles ausdiskutieren. Manche Dinge merkt man sich einfach. Und irgendwann, denke ich, während ich mich wieder auf meinen Platz rolle, werde ich mich rächen.
Wenn Silke und Micha wegfahren, läuft das immer gleich.
Nicht überraschend, nicht spontan, sondern mit einer Konsequenz, die man nur entwickelt, wenn man glaubt, sie würde irgendwann nicht mehr auffallen. Ich soll raus. In den Garten. Immer dann, wenn sie das Haus verlassen.
Ich sitze in diesen Momenten auf der Couch. Auf meinem Platz. Bequem, warm, genau richtig. Ich stehe nicht auf, nur weil jemand Schuhe anzieht oder Schlüssel sucht. Ich bin ja nicht doof. Ich habe das System ganz genau verstanden. Rausgehen passiert nicht aus Höflichkeit. Rausgehen passiert aus Sorge. Aus dieser sehr menschlichen Angst, dass ich in die Bude kotzen oder ins Katzenklo scheißen könnte.
Also bleibe ich sitzen.
Silke sagt dann meinen Namen. Erst freundlich. Dann lockend. Dann leicht genervt. Ich rühre mich nicht. Ich schaue nicht einmal hin. Man darf in solchen Momenten keine Unsicherheit zeigen. Wenn ich jetzt aufstehe, verliere ich jede Verhandlungsposition.
Dann kommen die Leckerlis.
Nicht ein einzelnes, nicht direkt vor meiner Nase. Nein. Sie werden auf der Terrasse verteilt, sorgfältig, als wäre das ein Opfer, das man bringen muss, damit der Plan aufgeht. Das Rascheln ist deutlich. Absichtlich. Ich höre es, natürlich höre ich es. Ich hebe trotzdem erst dann den Kopf, wenn alles liegt, wo es liegen soll.
Ich stehe langsam auf, dehne mich, lasse mir Zeit. Man darf nicht wirken, als hätte man darauf gewartet. Dann gehe ich Richtung Terrasse, Schritt für Schritt, mit dieser Mischung aus Würde und Berechnung, die man entwickelt, wenn man weiß, dass man recht hat. Ich gehe raus. Erst dann. Nicht vorher.
Die Tür geht zu. Das ist der Ablauf.
Das hat alles mit dieser Angst zu tun, die Menschen haben, wenn sie weg sind. Die Angst, dass man etwas hinterlässt. Spuren. Gerüche. Beweise dafür, dass man lebt. Sie sind sehr empfindlich, Silke besonders. Micha weniger, aber er lässt es zu. Also lande ich draußen.
Das Katzenklo im Flur ist kein Widerspruch dazu. Es ist ein Notfallplan. Für nachts. Für Zeiten, in denen alle schlafen und niemand Türen öffnet. Für Momente, in denen man keine Wahl hat. Das Klo ist kein Einladungsschreiben. Es ist eine Absicherung. Zumindest habe ich das so verstanden.
Draußen ist es dann, wie es draußen eben ist. Kälter. Unberechenbarer. Ich erledige, was erledigt werden muss, suche mir einen halbwegs geschützten Platz, und warte. Ich denke darüber nach, wie seltsam es ist, dass man extra ein Klo aufstellt, um es dann möglichst nicht benutzen zu wollen. Menschen lieben solche Konstruktionen.
Wenn sie zurückkommen, kündigt sich das lange vorher an.
Nicht erst durch den Schlüssel. Ich höre das Auto schon auf den Parkplatz fahren, Schritte, Stimmen, der kurze Moment, in dem alles wieder Anspruch auf Aufmerksamkeit erhebt. Ich sitze dann schon bereit. Man muss schließlich vorbereitet sein.
Sobald die Terassentür aufgeht, schiebe ich Terror. Nicht unkontrolliert, sondern gezielt. Laut und deutlich. Unüberhörbar. Ich renne nicht einfach rein und freue mich. Ich mache klar, dass ich draußen war. Dass mir kalt war. Dass ich gewartet habe. Dass man so etwas nicht kommentarlos hinnimmt. Menschen brauchen Rückmeldungen. Vor allem, wenn sie glauben, sie hätten das letzte Wort.
Silke sagt dann meistens irgendwas wie „Lola hör auf mich anzuschreien“, was völlig am Thema vorbeigeht. Micha weiß es besser. Er zieht die Schuhe aus, beugt sich runter, sagt meinen Namen, und ich antworte ihm weiter. Laut. Direkt. Damit es sich einprägt. Ich habe Hunger. Das ist kein Gefühl, das man relativieren kann.
Es gibt Futter. Endlich. Danach wird es ruhiger. Ordnung stellt sich ein. Aber der Abend ist noch nicht erledigt.
Um acht Uhr ist Couchzeit. Nicht ungefähr. Nicht später. Punkt Acht.
Ich gehe vor. Ich springe auf die Couch, auf meinen Platz, rolle mich kurz ein, richte mich wieder auf. Micha steht noch, redet vielleicht mit Silke, räumt irgendwas weg, tut so, als hätte er Zeit. Hat er aber nicht. Ich mauze. Erst kurz. Dann länger. Dann mit Nachdruck.
Wenn er es nicht sofort versteht, erhöhe ich die Lautstärke. Ich brülle ihn an. Nicht aus Wut, sondern aus pädagogischer Verantwortung. Manche Dinge muss man immer wieder erklären, bis sie sich eingeprägt haben. Couch. Hinlegen. Sofort.
Irgendwann gibt er nach. Tut so, als wäre es seine Idee gewesen, setzt sich, lehnt sich zurück. Ich warte keine Sekunde. Ich klettere auf ihn, drehe mich, finde den richtigen Punkt, und lasse mich fallen. Sein Arm kommt automatisch. So, wie es sein soll.
Dann ist Ruhe.
Der Tag ist vorbei. Die Machtverhältnisse sind geklärt. Ich liege auf Micha, er liegt auf der Couch, Silke redet leiser, das Haus atmet wieder richtig. So endet ein Samstag.
Man muss nicht alles ausdiskutieren. Manches regelt man einfach.
Man kann ein Leben auch von unten betrachten.
Nicht von Zielen aus, sondern von Plätzen.
Von Wärme.
Von dem, was trägt, wenn man sich fallen lässt.
Vielleicht wäre vieles einfacher,
wenn man weniger fragen würde,
was noch möglich ist,
und öfter darauf achten würde,
was längst da ist.
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