Ein ganz normaler Ausflug

Ich wache auf, weil irgendwas nicht stimmt. Nicht so, dass man sofort an Rettungskräfte denkt. Eher so, dass das innere Betriebssystem kurz ruckelt. Ein Geräusch macht, das es eigentlich nicht machen sollte. So ein leises knarz, bei dem man weiß: Das hier ist kein Traum, aber auch noch kein Problem. Es ist so ein Übergang.
Der Samstagmorgen ist normalerweise still. Samstagmorgen ist ein Vertrag. Man steht nicht richtig auf, man erhebt sich nur so weit, wie nötig. Man denkt nichts Wichtiges. Und redet schon gar nicht. Zumindest nicht über Pläne.
Silke ist wach. Das merke ich an der Art, wie sie atmet. Diese Art von Atmen, bei der ich weiß: Der Körper liegt noch neben mir, aber der Kopf ist schon unterwegs. Vermutlich mit Navi.
Ich lasse die Augen zu. Vielleicht geht es vorbei. Vielleicht ist es nur ein inneres Zucken. Vielleicht ist sie einfach mal wach, ohne etwas zu wollen. Das ist statistisch unwahrscheinlich, aber ich sympathisiere gerne mit Minderheiten.
„Micha.“
Da ist er. Der Moment, in dem der Tag kippt. Noch nicht laut. Aber endgültig.
„ Jaaaaaa.“
Das ist kein echtes Ja.
Das ist ein Zeitkauf. Ein Kredit mit ganz schlechter Verzinsung.
„Ich hab da mal eine Idee.“
Bei Silke sind Ideen keine Ideen. Bei Silke sind Ideen Projekte. Mit Anlauf und innerem Zeitplan. Bei ihr haben Ideen Schuhe an, bevor ich selbst überhaupt sitze.
„Silke, es ist Samstag“, sage ich.
Nicht als Information. Eher als Warnhinweis.
„Eben“, sagt Silke.
Ich öffne ein Auge.
Sie liegt auf der Seite, aufgestützt, hellwach. So wach ist man nicht ohne Grund. So wach ist man nur, wenn man innerlich schon losgefahren ist und jetzt nur noch jemanden sucht, der das Auto lenkt.
„Was für eine Idee“, frage ich. Nicht neugierig. Eher präventiv.
„Wir könnten was Schönes machen.“
Da ist sie. Diese Formulierung, die alles und nichts bedeutet. Schön heißt bei Silke selten ruhig. Schön heißt meistens draußen. Bewegen. Gucken. Lernen.
„Wir haben Wochenende und wir haben frei“, sage ich. „Das ist gerade mein Beitrag zu etwas Schönem.“
Sie lächelt.
Dieses Lächeln, das sagt: Du hast recht. Aber nur theoretisch. Praktisch habe ich schon gewonnen. Nicht jetzt. Aber gleich.
„Chaos-Queen, du brauchst frische Luft“, sagt sie.
„Dann mach das Fenster auf“, sage ich.
„Ich brauche Kaffee. Und Ruhe. Und mindestens zwei Stunden, in denen niemand auf die Idee kommt, dass man sich bewegen müsste.“
„Ich habe gestern nachgeschaut“, sagt Silke.
Gestern ist ein gefährliches Wort. Gestern heißt bei ihr: Sie ist vorbereitet.
„Freilichtmuseum Kommern.“
Ich setze mich auf.
Nicht freiwillig.
Reflexartig.
Wie bei einem Schlagwort.
Freilichtmuseum ist kein Wort.
Freilichtmuseum ist ein Zustand.
Ein Zustand mit Wegen, Schildern und Menschen, die sagen: „Damals war das so.“
„Man geht da durch alte Häuser“, sagt Silke.
„Ganz ruhig. Schön. Viel Natur.“
Ich schaue sie an.
„Willst du mich verarschen“, sage ich.
„Du musst mir doch das Freilichtmuseum nicht erklären. Ich war da schon zwanzigmal.“
„Ja, aber …“
„Nein“, sage ich. „Ich kenne das. Man geht kurz irgendwohin und ist plötzlich drei Stunden unterwegs und weiß mehr über Dachneigungen in der Eifel als über sein eigenes Leben.“
„Diesmal ist es anders“, sagt sie.
Das ist ein Satz, der historisch noch nie gestimmt hat.
„Diesmal gehen wir bewusst“, sagt Silke. „Ohne Stress. Einfach gucken.“
Ich schaue sie an.
„Ich fühle mich nicht ernst genommen“, sage ich. „Du willst mich auf den Arm nehmen, oder?“
Sie zieht eine Augenbraue hoch.
Nur eine.
Das ist ihr Jetzt-bin-ich-gespannt-Gesicht.
„Ohne Stress. Einfach gucken“, wiederhole ich langsam. So langsam, dass jedes Wort Zeit hat, sich selbst zu rechtfertigen.
„Ich hatte noch nie Stress im Freilichtmuseum“, sage ich. „Noch nie. Das ist kein Ort für Stress. Das ist ein Ort für Menschen, die sagen: ‚Ach guck mal‘ und dann stehen bleiben.“
Sie setzt sich auf.
„Und was anderes als gucken“, sage ich weiter, „kann man da ja auch gar nicht machen. Man kann da nicht shoppen. Man kann da nicht fliehen. Man kann nicht mal falsch abbiegen, ohne dass ein Schild sagt, dass man gerade falsch abgebogen ist.“
Silke lacht leise.
Dieses Lachen, das sagt: Du bist anstrengend. Aber ich mag dich.
„Du weißt genau, wie ich das meine“, sagt sie.
„Nein“, sage ich. „Ich weiß genau, wie du glaubst, dass du das meinst. Das ist was anderes.“
Ich lasse mich zurück ins Kissen fallen.
Resignation. Aber ordentlich zusammengelegt.
„Bewusst gehen“, sage ich. „Was heißt das konkret?“
Silke denkt nach.
Das merke ich daran, dass sie nichts sagt.
Das macht sie selten.
„Langsam“, sagt sie schließlich.
„Ich kann nicht langsam“, sage ich.
„Ich kann stehen. Rennen. Oder denken.“
„Dann eben denken“, sagt sie.
Das klingt verdächtig plausibel.
„Und ohne Stress“, sagt sie nochmal.
Ich drehe den Kopf zu ihr und schnaufe leise.
Silke steht auf und zieht die Vorhänge auf.
Licht fällt ins Zimmer. Wie kann ein Mensch so früh so motiviert sein!?
„Na los“, sagt sie.
„Schwing deinen schönen Arsch aus dem Bett und zieh dich an. Wir wollen noch frühstücken.“
Ich kapituliere: Widerstand verzögert nur das Unvermeidliche.
„Wenn da heute irgendwo eine Führung ist“, sage ich,
„dann mache ich mich vom Acker.“
Silke dreht sich im Türrahmen um.
„Keine Führung.“
Eine Stunde später sitzen wir im Auto.
Die Strecke kenne ich auswendig.
Mein Körper fährt sie.
Mein Kopf hat frei.
Silke schaut aus dem Fenster. So, als hätte sie den Tag innerlich schon abgehakt und würde ihn jetzt nur noch abholen. Wir fahren an Häusern vorbei, die noch zu jung sind fürs Freilichtmuseum und noch keine Hinweistafeln brauchen.
„Das Gute am Freilichtmuseum ist ja“, sage ich, „dass da nichts passieren kann.“
Silke dreht fragend den Kopf zu mir. Ich sehe förmlich, wie sie denkt: Du hast den Satz selbst noch nicht zu Ende gedacht.
Der Parkplatz taucht auf. Ich stelle den Wagen ab. Motor aus.
Einen Moment sitzen wir einfach da.
„Bereit?“, fragt Silke.
Ich öffne die Tür.
„Nein“, sage ich.
„Aber es gibt Tage, da reicht Anwesenheit völlig aus.“
Der Kassenbereich ist genau so, wie man ihn erwartet.
Holz. Glas. Ein Tresen, der Vertrauen ausstrahlen soll.
„Zwei Erwachsene“, sagt Silke.
Ich nicke.
Zur Unterstützung. Mehr kann ich in diesem Moment nicht beitragen.
Ich stecke die Tickets ein.
„So“, sage ich, „jetzt haben wir die offizielle Berechtigung, etwas zu lernen.“
„Nur gucken“, sagt Silke und tippt mir gegen den Arm.
Wir gehen los. Nicht zielstrebig. Eher nach dem Prinzip: Jetzt sind wir schonmal hier, also bleiben wir auch.
Das erste Haus steht einfach da.
Fachwerk, wie Fachwerk eben ist.
Als hätte es nie etwas anderes vorgehabt, als alt zu sein.
Wir treten ein. Der Türrahmen ist niedrig. Natürlich ist er niedrig. Früher waren Menschen offenbar kleiner oder hatten weniger Erwartungen an Komfort.
Drinnen ist es dunkel.
Nicht romantisch.
Eher konsequent dunkel.
Ein Tisch. Stühle, die so aussehen, als würden sie einen erziehen, wenn man sich falsch hinsetzt.
„Das ist alles sehr … kompakt“, sage ich.
„Gemütlich“, sagt Silke.
„Gemütlich im Sinne von man konnte sich hier nicht aus dem Weg gehen“, sage ich.
Ein Schild erklärt etwas. Ich lese es nicht. Ich weiß trotzdem, was draufsteht.
„Hier hat eine Familie gelebt“, sage ich.
„Mit wenig Platz, viel Arbeit und ohne die Möglichkeit, mal kurz allein zu sein.“
„Das steht da nicht“, sagt Silke.
„Nein“, sage ich. „Aber es meint es.“
„Ich finde das schön“, sagt sie.
Ich stelle mir vor, hier zu wohnen. „Schön ist relativ“, sage ich. „Schön ist, wenn man nicht erklären muss, warum man müde ist.“
Wir gehen wieder raus.
„Okay“, sage ich.
„Das war Haus eins.“
„Es kommen noch viele“, sagt Silke.
Das nächste Haus wartet schon. Ein bisschen niedriger. Ein bisschen ernster. Als hätte es etwas vor mit mir.
„Eine alte Bäckerei“, sagt Silke.
Natürlich ist es eine Bäckerei. Früher war alles entweder Kirche, Stall oder Bäckerei. Und wenn nicht, wurde es später ein Museum.
Ich gehe rein. Ungebremst. In der festen Überzeugung, aus meinen Fehlern gelernt zu haben.
Habe ich nicht.
Ich stoße mir den Kopf.
Nicht leicht.
Nicht symbolisch.
Sondern volle Möhre.
„SCHEISSE!“, sage ich. Laut.
Mit historischem Nachdruck.
„VERFICKTE DACHBALKENSCHEISSE!“, füge ich hinzu, für den Fall, dass jemand die Ursache noch nicht ganz verstanden hat. Ich gehe automatisch in die Knie und halte mir den Kopf.
„Alles gut“, sage ich. Obwohl nichts gut ist.
„Nur mein Schädel, der sich kurz mit dem 18. Jahrhundert angelegt hat.“
Silke atmet einmal tief ein. Und dann lacht sie. Nicht fies. Nicht schadenfroh. Sondern richtig befreiend.
„Du weißt“, sagt sie, „dass die Leute früher kleiner waren.“
„Ja“, sage ich. „Aber mein Kopf wusste das nicht mehr.“ Ich richte mich vorsichtig auf. So vorsichtig, als könnte die Decke mir noch einen Schlag in den Nacken geben.
„Das war Absicht“, sage ich, „das ist ein pädagogisches Haus.“
„Inwiefern?“
„Es bringt dir Demut bei. Oder Kopfschmerzen. Je nach Körpergröße.“
Drinnen riecht es nach nichts. Aber mein Kopf ergänzt automatisch Brot. Eifeler Landbrot. Schweißtreibende Arbeit. Morgens um vier.
„Hier wurde gebacken“, sage ich.
„Ja“, sagt Silke.
„Und zwar ohne Rücksicht auf Körperhaltung“, sage ich. „Alles niedrig. Alles darauf ausgelegt, dass man sich bückt.“
„Weißt du“, sage ich, „früher war Arbeit offenbar etwas, das man mit dem Rücken bezahlt hat.“
Silke streicht wieder über Holz. Sie macht das gern. Sie hat einen anderen Zugang zu Dingen.
„Ich mag solche Orte“, sagt sie.
„Ich auch“, sage ich. „Aber nur aus sicherer Entfernung und am besten mit Helm.“
Wir gehen wieder raus. Draußen bleibe ich kurz stehen, lege den Kopf in den Nacken und prüfe, ob noch alles dran ist. Ist es.
„Okay“, sage ich. „Haus zwei hat gewonnen.“
Ich bleibe stehen und schaue mir die Balken noch einmal an. Aus sicherer Entfernung. Auch in meinem Alter lernt man ja noch dazu.
„Früher waren die Menschen kleiner, deshalb waren auch die Decken niedriger“, sagt Silke.
Ich nicke langsam. Nicht überzeugt, aber bereit, den Gedanken probeweise mitzunehmen.
„Das ist die offizielle Version“, sage ich.
„Und die inoffizielle?“
„Keine Zeit. Keine Rücksicht. Null Interesse an Entfaltung.“
Sie lacht.
„Vor zweihundert Jahren in der Eifel“, sage ich, „da war das Leben übersichtlich. Man ist aufgestanden, weil es hell wurde. Man hat gearbeitet, weil man sonst nichts hatte. Und man ist abends ins Bett gefallen, weil der Körper beschlossen hat, dass Diskussionen heute nicht mehr stattfinden.“
Ich deute auf das Haus.
„Das war kein Zuhause“, sage ich. „Das war ein Funktionsraum. Alles da drin sagt: Mach, was nötig ist, und dann leg dich in die Koje.“
Silke verschränkt die Arme.
Ich gehe ein paar Schritte weiter, bleibe wieder stehen.
„Die hatten keinen Stress“, sage ich. „Die hatten Dauerzustand. Kein Burn-out, kein Coaching, kein Achtsamkeitsgeschisse. Nur Rücken und Knie.“
Silke schüttelt den Kopf und grinst.
„Und müde sein“, sage ich, „war kein Zustand, den man erklären musste. Du warst müde, weil du gelebt und geschuftet hast. Fertig.“
Ich schaue sehr vorsichtig nach oben.
„Und wenn man sich hier den Kopf gestoßen hat“, sage ich, „dann hieß das nicht: Das Haus ist schlecht gebaut. Dann hieß das: Du bist zu groß für dein Leben.“
Silke lacht jetzt laut.
„Ich glaube“, sage ich, „die Menschen damals hätten uns sehr merkwürdig gefunden. Zwei Erwachsene, die freiwillig hier rumlaufen und sagen: Ach guck mal, wie die früher gelebt haben.“
Ich atme aus. „Die hätten gesagt: Ja. Und jetzt raus hier. Wir müssen malochen.“
Wir gehen weiter. Der Weg schlängelt sich. Schafe links. Ziegen rechts. Alle stehen einfach da. Ohne Aufgabe. Ohne Ziel. Ohne Erklärung. Ich werde automatisch langsamer. Tiere sind unberechenbar und haben hier eindeutig Vorfahrt.
„Die passen hier hin“, sage ich.
Die Schafe fressen. Die Ziegen gucken blöd. Beide mit der gleichen Ernsthaftigkeit.
„So muss das früher gewesen sein“, sage ich. „Nicht als Idylle, sondern als Zustand.“
Eine Ziege schaut mich an. Lange. Sachlich.
„Die denkt gerade nichts“, sage ich. „Die lebt einfach nur.“
Ich halte kurz inne.
„Oder“, sage ich, „sie denkt sehr viel und wir merken es nur nicht.“
Silke schaut zu mir rüber.
„Glaubst du, Ziegen können denken?“, frage ich.
„Natürlich“, sagt Silke. „Die sind ziemlich schlau.“
Ich schaue wieder zur Ziege.
„Dann ist das hier vielleicht gar kein Leerlauf“, sage ich. „Vielleicht denkt die gerade: Guck dir den Trottel an. Der läuft freiwillig hier rum und nennt das Freizeit.“
Die Ziege bewegt sich nicht. Kein Blinzeln. Kein Zucken.
„Wenn die wirklich schlau ist“, sage ich, „dann denkt sie nicht in To-do-Listen.“
Ich schaue die Ziege an. Sie schaut zurück. Völlig unbeeindruckt.
„Die denkt nicht: Was wird später? Die denkt: Jetzt ist jetzt. Was morgen ist, geht mir am Arsch vorbei. Die fragt sich nicht, ob sie gut genug ist, ob sie hätte was anderes machen sollen. Die steht da, frisst oder steht da und guckt. Irgendwann geht sie kacken und legt sich pennen. Vielleicht sind Ziegen wirklich nicht dumm, vielleicht sind wir einfach zu kompliziert“, sage ich.
Die Ziege schaut mich immer noch an. Ich halte dem Blick kurz stand. Dann wird es mir unangenehm.
„Ich fühle mich von ihr beobachtet“, sage ich. „Lass uns weitergehen.“
Silke lacht und setzt sich in Bewegung.
„Weißt du“, sage ich, „das hier war kein schönes Landleben. Das war Alltag. Jeder Tag war gleich.“
Wir kommen an der Windmühle an.
Die Stufen sehen harmlos aus. Aber das tun sie immer. Das ist so eine Masche von ihnen.
„Willst du wirklich da hoch?“, frage ich.
„Ja“, sagt Silke.
Wir gehen los. Die ersten Stufen gehen noch.
Holz. Alt, aber überzeugt von sich.
„Ich sag das nur, damit du das richtig einordnen kannst“, sage ich, „ich bin nicht schwindelfrei.“
„Du bist doch schon groß“, sagt Silke.
„Ja, genau das ist das Problem. Je größer man ist, desto mehr Fallhöhe hat man innerlich.“
Wir steigen weiter. Die Stufen knarren. Nicht warnend, eher informierend.
„Das ist hier alles sehr … offen“, sage ich.
„Das ist eine Windmühle“, sagt Silke. „Die braucht Luft.“
„Ich nicht, ich brauche Geländer“, entgegne ich.
Wir kommen höher. Der Blick wird weiter, und mein Magen wird stiller.
„Früher sind die Leute hier rauf, ohne drüber nachzudenken. Und ich krabbele hier hoch wie ein kleines Mädchen“, sage ich schwitzend.
„Die hatten auch keine andere Wahl“, sagt Silke.
„Das ist der große Vorteil von früher. Man hatte keine Zeit, Angst zu entwickeln“, sage ich.
Ich bleibe kurz stehen.
„Alles gut?“, fragt Silke.
„Ja“, antworte ich. „Ich suche nur meinen Mut. Der muss irgendwo da unten liegen.“
Wir gehen langsam weiter. Sehr langsam.
Oben angekommen halte ich mich am Geländer fest, als hätte es mir persönlich versprochen, auf mich aufzupassen.
Ich muss zugeben, der Ausblick ist großartig.
„Das ist doch schön“, sagt Silke.
„Ja, aber nur, wenn man nicht drüber nachdenkt, dass man hier runterfallen könnte.“
Der Wind geht. Die Mühle knarrt. Alles arbeitet. Ich halte mich immer noch am Geländer fest.
„Ich glaube, das hier erdet einen. Ob man will oder nicht“, philosophiere ich. Ein letzter Blick. Dann löse ich langsam die Hände.
„So“, sage ich. „Jetzt können wir wieder runter. Bevor ich hier oben anfange, tiefere Einsichten zu bekommen.“
Silke grinst.
Wir gehen wieder runter. Sehr langsam. Aus Gründen.
Unten angekommen merke ich: Ich lebe noch. Das reicht mir als Erfolgskriterium.
Wir schauen uns noch ein, zwei Sachen an. Ich stoße mir nichts mehr. Meine Lernkurve zeigt nach oben. Irgendwann sind wir durch. Nicht weil es nichts mehr zu gucken gibt. Sondern weil mein Kopf Feierabend macht.
Zu Hause steige ich aus dem Auto, strecke mich und merke: Ich bin müde. Nicht historisch müde. Einfach normal müde.
„War okay“, sage ich.
Vielleicht besteht Leben weniger aus Fortschritt als aus Gegenwart.
Nicht aus dem, was man erreicht, sondern aus dem, was man aushält. Aus Wegen, die man geht, ohne ihnen ein Ziel geben zu müssen.
Früher war der Tag kein Projekt. Er war ein Zustand. Man war müde, weil man gearbeitet hatte, nicht weil man sich rechtfertigen musste. Heute verwechseln wir Bewegung mit Sinn und vergessen dabei, dass Stillstand manchmal nur ein anderes Wort für Wahrheit ist.
Bewusst gehen heißt vielleicht, sich diesem Maß wieder anzunähern. Zu wissen, wann es genug ist. Zu erkennen, dass nicht jede Richtung eine Verbesserung verspricht. Und dass Anwesenheit kein Mangel ist, sondern eine Form von Ruhe, die man sich erst erlauben muss.
Am Ende bleibt nichts, was man festhalten könnte. Nur das leise Wissen, dass es Tage gibt, an denen es genügt, da gewesen zu sein. Und müde nach Hause zu gehen.
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