Zwischen Lichterketten und Lebensfragen

Ich bin ja der Meinung es gibt nur zwei Arten von Menschen, die am Samstagmorgen aufwachen: Die, die sofort wissen, was sie tun. Und mich.

Ich liege im Bett wie ein schlecht zusammengeklappter Campingstuhl, halb zugedeckt, halb irgendwo zwischen Kissen, Decke und der Frage, ob mein Körper in der Nacht versucht hat, aus der Schwerkraft zu fliehen. Mein Rücken knackt beim Atmen, was vermutlich medizinisch bedenklich ist, aber gleichzeitig klingt wie ein alter Schuppen im Sturm. Philosophisch betrachtet: Vielleicht sind wir alle nur knarzende Hütten und hoffen inständig, heute nicht einzustürzen.

Neben mir liegt Silke. Natürlich ist sie wach. Sie ist immer vor mir wach. Das ist biologisch nicht erklärbar, aber sie behauptet, es sei „Gewohnheit“. Ich bin mir sicher: Das ist kein Schlafrhythmus. Das ist Überwachung.
„Guten Morgen“, sagt sie und streckt sich mit der Eleganz eines Menschen, der offenbar in einer Parallelwelt schläft, in der Rückenschmerzen verboten sind.
„Was ist an diesem Morgen gut?“, murmele ich in die Welt hinein, die offensichtlich noch nicht bereit für mich ist. Silke lächelt dieses Ich hab da gleich eine Idee-Lächeln. Nur heute … hat sie keine.
„Wir fahren doch auf den Weihnachtsmarkt“, sage ich zur Erinnerung an mich selbst, warum ich überhaupt existiere. „Stimmt,“ sagt Silke. „Weihnachtsmarkt am Dom. Mit Menschen. Sehr vielen Menschen.“ Ich nicke. Die Schwerkraft zieht mein Kopfkissen Richtung Boden. Ich lasse es gehen, vielleicht hatte es einfach genug. „Das wird schön“, sagt Silke. „Glühwein, Kakao, Lichter, Geschenke, Gebrannte Mandeln …“
Ich ergänze: „… und du wirst wieder behaupten, dass du wieder nichts kaufst, und am Ende schleppen wir eine Tasche aus recycelten Handbällen nach Hause, voll mit handbemalten Keramik-Einhörnern, die uns aus dem Küchenschrank anstarren wie enttäuschte Lebensberater.“
Silke kneift die Augen zusammen. „Das war EINMAL.“
„Das war letztes Jahr, Silke. Und das Einhorn steht immer noch im Küchenschrank und guckt mich an, als würde es mein Leben bewerten.“
Sie grinst. „Vielleicht tut es das.“
Ich seufze. „Ich brauche Kaffee, bevor ich mich bewerten lasse.“

Silke rutscht aus dem Bett, nackt, Haare wie frisch aus einem Werbespot. Ich rutsche hinterher, wie ein Baugerüst, das beschlossen hat, spontan zusammenzubrechen.
In der Küche wartet unsere Katze Lola. Natürlich sitzt sie schon auf dem Stuhl. Gerade so, dass man das Gefühl bekommt, man hätte Eintritt zahlen sollen. Ich sage: „Guten Morgen, Lola.“ Sie sagt nichts, aber ihr Blick sagt: Du bist mal wieder spät dran, mein Dosenöffner. Deine Leistung wird natürlich negativ bewertet.

Silke gießt Kaffee ein. Ich gieße Hoffnung nach.
„Weißt du“, sage ich nach dem ersten Schluck, „ein Weihnachtsmarkt ist eigentlich wie das Leben. Man geht rein, wird sofort von Essen abgelenkt, trifft Entscheidungen, die man später nicht versteht, gibt viel zu viel Geld aus, friert, und am Ende hält man Glühwein und Kakao in der Hand, obwohl man eigentlich nur gucken wollte.“
Silke nickt anerkennend. „Das war erstaunlich tiefgründig“.
„Ich weiß“, sage ich. „Ich bin quasi der Weihnachtsmarkt-Buddha.“
Lola starrt empört. Selbst Katzen haben Grenzen.

Draußen liegt ein dünner, kalter Novembermorgen. Und irgendwo zwischen Kaffee, zerzausten Haaren und Lolas stillem Urteil merke ich: Ich freue mich tatsächlich auf diesen Tag. Nicht wegen des Marktes. Nicht wegen der 140 Stände. Und schon gar nicht wegen der vielen Menschen. Die könnten auch wegbleiben.

Sondern wegen Silke.

Und wegen der Tatsache, dass wir beide genau wissen, dass dieser Ausflug chaotisch wird. Unvorhersehbar. Voll absurdem Kleinkram. Und trotzdem genau das Richtige.
Silke steht auf. „So. Anziehen. Köln wartet.“ Ich trinke meinen Kaffee aus und sage: „Köln weiß noch gar nicht, was es erwartet.“


Köln empfängt uns mit kalter Luft, Domglocken und dieser typischen Mischung aus Stadtlärm und Vorweihnachtschaos. Wir steigen aus dem Auto, gehen ein Stück und stehen mitten im Trubel.
„Da wären wir“, sage ich und stecke meine Hände in die Taschen, als wollten mich die Temperaturen persönlich herausfordern. Silke atmet tief ein und sagt: „Ich liebe Köln zu Weihnachten.“
Ich liebe Köln auch. Vor allem, weil es mich regelmäßig an meine Überforderung erinnert.

Der Dom ragt vor uns auf wie ein Monument der Geduld, das seit Jahrhunderten darauf wartet, dass jemand einen gescheiten Adventskalender erfindet. Unter ihm glitzert der Weihnachtsmarkt in voller Pracht. Lichter, Musik, Menschen, überall Bewegung. Wir treten durch den Torbogen hinein in eine Welt, die aussieht wie eine Kreuzung aus Sternenhimmel und mathematisch unlösbarem Irrgarten. Sofort schlägt uns eine Welle aus gebrannten Mandeln, Zimt, Bratwurst und irgendwelchen Duftkerzen entgegen, die angeblich nach „Winterzauber“ riechen, tatsächlich aber eher nach „Chemielabor“.
„Da sind sie“, sage ich andächtig. „Die Gerüche der Vorweihnachtszeit.“

„Guck mal“, sagt Silke und zeigt nach rechts. Ein Stand mit handbemalten Glaskugeln. Daneben einer mit Schmuck. Und direkt danach ein Stand mit Miniaturkrippen aus Keramik, die so niedlich sind, dass selbst mein innerer Grinch kurz „Oh“ sagt. Aber nur ganz leise.
„Komm. Wir machen erst einen großen Rundgang“, sagt Silke.
„Nein“, sage ich. „Ich möchte zuerst ein Bratwurstbrötchen.“ Silke dreht sich zu mir, als hätte ich gerade vorgeschlagen, Weihnachten abzuschaffen oder die Kölner Lichterkette alphabetisch zu sortieren. Was ja beides unsinnig ist.
„Jetzt sofort?“, fragt sie.
„Ja.“
„Aber wir sind doch gerade erst angekommen.“
„Genau deshalb! Ich brauche eine Grundlage! Ohne Grundlage überlebe ich hier keine zwanzig Minuten. Das ist Köln. Das ist Gesetz, hier herrschen kulinarische Regeln.“
Silke schiebt eine Augenbraue hoch. „Welche Regeln denn bitte?“ Ich zähle an meinen Fingern auf:
„Regel 1: Betritt niemals einen Weihnachtsmarkt ohne etwas Warmes im Bauch.
Regel 2: Wenn du etwas Warmes im Bauch willst, nimm eine Bratwurst.
Regel 3: Wenn du keine Bratwurst nimmst, ist Regel 1 schon gescheitert.“
Silke schaut mich an, als würde sie kurz überlegen, ob ich Hunger habe oder einfach philosophisch durchdrehe. „Wir haben zu Hause gefrühstückt“, sagt sie.
„Ein Brötchen. Ein einziges Brötchen. Das war eine Orientierungshilfe, kein Frühstück.“
Silke legt die Stirn in Falten, als würde sie sich seelisch vorbereiten. Auf mich.

„Gut“, sagt sie schließlich. „Dann holen wir dir eine Bratwurst.“
Ich nicke zufrieden. Der innere Frieden kehrt in mich zurück. Buddha wäre stolz. Wir laufen los. Drei Schritte später bleibe ich wieder stehen.
„Da!“, rufe ich. Ein Bratwurststand, direkt neben einem Lebkuchenherzstand, der „Schatzilein“ in 47 verschiedenen Schriftarten anbietet. Die Schlange ist überschaubar, die Wurst dampft, und ich spüre förmlich, wie mein Körper sagt: Das, mein Freund, das ist deine Bestimmung.

Der Mann vor uns bestellt vier Würste. Vier. Ich wirke äußerlich ruhig, innerlich schreit meine Seele: Gib mir die Wurst, Bro!

Endlich sind wir dran.
„Ein Bratwurstbrötchen, bitte“, sage ich mit der feierlichen Ernsthaftigkeit eines Anwalts vor Gericht. Der Verkäufer lächelt. Die Zange geht zur Wurst. Die Wurst wandert ins Brötchen. Das Brötchen kommt zu mir. „Jetzt“, sage ich, „kann Kölle kommen.“ Silke hakt sich wieder ein.
„Dann gehen wir jetzt weiter?“
„Ja“, sage ich mit vollem Mund. „Jetzt kann ich den Rundgang würdevoll absolvieren.“

Wir setzen uns in Bewegung. Und ich schwöre, in diesem Moment glitzert der Weihnachtsmarkt ein kleines bisschen mehr. Wir tauchen tiefer in den Weihnachtsmarkt ein, und sofort wird klar: Dieser Ort ist keine Ansammlung von Ständen. Das hier ist ein Labyrinth. Ein festliches Minotauren-Labyrinth, nur ohne Monster, dafür mit Menschen, die mitten im Weg stehen bleiben, weil ein Lichterstern „so hübsch glitzert“. Silke zielt auf den ersten Stand links. Ich ziele auf den zweiten rechts. Wir gehen nirgendwo hin, weil vor uns eine Familie zum vollständigen Stillstand kommt. Ein Kind schreit begeistert: „Guck mal, Papa! Ein Nussknacker!“
Der Vater sagt: „Nein, Leander. Das ist kein Nussknacker. Das ist ein Mann, der zwei Stunden geschlafen hat und jetzt Glühwein verkauft.“ Ich nicke anerkennend. Der Papa versteht das Leben.

Silke zieht mich weiter. „Da vorne! Glaskunst!“
„Ah, Glaskunst“, murmele ich. „Das ist das Areal, in dem ich grundsätzlich nichts anfassen darf.“ Und tatsächlich: Die Glaskugeln hängen so filigran und perfekt, dass ich das Gefühl habe, ich würde sie allein durch meine Existenz zum Schwingen bringen. Silke schaut sich eine Kugel an, die aussieht, als hätte jemand Nordlichter in Glas gegossen. Ich hingegen starre auf das Preisschild. Ich versuche nicht zu pfeifen, aber mein Geldbeutel macht es innerlich. Silke sagt: „Die ist schön.“
Ich sage: „Ja.“
Sie sagt: „Wirklich schön.“
Ich sage: „Ja.“
Sie schaut mich an.
„NEIN“, sage ich.
„Warum nicht?“
„Weil wir dann die Kugel kaufen. Und dann müssen wir sie nach Hause transportieren. Und dann halte ich die Tüte. Und dann werde ich nervös, weil meine Hände kalt werden und ich Angst bekomme, dass ich die Tüte fallen lasse. Und dann lasse ich sie fallen.“
Silke überlegt. Kurz. Dann schiebt sie die Kugel zurück an ihren Platz. „Okay. Dann nicht.“

Wir gehen weiter, entspannt, alles glitzert, alles riecht nach Zimt und Hoffnung, und genau in diesem Moment passiert es: Ein Mann vor uns dreht sich um, wankt, führt eine Armbewegung aus, die nur als physikalisch verboten durchgehen kann, und klatscht mir einen halben Becher Glühwein auf den Ärmel.
Es zischt. Es dampft. Es klebt. Ich sehe den roten Fleck. Ich sehe Silkes Gesicht. Und ganz kurz sehe ich meine Seele meinen Körper verlassen. Der Mann stammelt sofort: „Oh Gott, Entschuldigung! Das wollte ich wirklich nicht!“ Ich schaue ihn an. Ich atme ein. Ich atme aus. Und Silke atmet so, wie man atmet, wenn man nicht laut lachen darf.

Und dann sage ich: „Gott hat mir noch nie geholfen. Und der kann mir auch jetzt nicht helfen. Mein Ärmel ist versaut.“ Der Mann schaut mich an, als hätte ich ihm gerade das Herz gebrochen. Und außerdem …“, füge ich hinzu und hebe den klebrigen Arm etwas an, „hasse ich Glühwein. Schon vom Geruch wird mir schlecht.“ Der Mann wirkt völlig überfordert und hält seinen Becher plötzlich so weit weg, als wäre er eine explosive Christbaumkugel. Er bietet Reinigung, Ersatz, Therapie an. Alles. Ich seufze schwer.
„Es ist okay. Wirklich. Es ist … Weihnachten. Fast.“
Mein Ärmel dampft. ICH dampfe. Meine Stimmung dampft. Silke tritt einen Schritt näher, mustert meinen Arm und sagt dann trocken: „Du riechst jetzt wie ein übermotivierter Adventskranz.“  Ich starre sie an. „Danke.“
Sie nimmt meinen Arm, zieht mich aus dem dichten Gedränge heraus und sagt: „Komm. Wir retten, was zu retten ist.“ Ich schaue auf meinen Ärmel. Er klebt wie ein frisch glasierter Lebkuchen.

„Silke, ich schwöre dir, wenn mich noch EIN Tropfen Glühwein berührt, werde ich zur Legende. Aber nicht zu einer guten.“ Sie lacht jetzt doch. Laut. Herzlich.
„Komm, wir gehen zum Kakao-Stand“, sagt sie. „Du brauchst etwas Warmes, das dich nicht traumatisiert.“ Und während wir weiterlaufen, höre ich hinter mir, wie der glühweinschuldige Klappspaten murmelt: „Ich hab doch nur … ich wollte doch nur trinken.“

Ich drehe mich nicht um. Ich kann nicht. Ich bin ein Mann. Ein Mann mit Opferärmel. Und der Weihnachtsmarkt glitzert weiter. Ganz unschuldig. Als wäre nichts passiert.

Wir bahnen uns den Weg durch die Menge, und mein Ärmel klebt inzwischen so sehr, dass ich das Gefühl habe, er könnte spontan ein Eigenleben entwickeln. Silke zieht mich durch das Gedränge wie eine Frau, die absolut keine Geduld für mein „Ich-hab-Glühwein-auf-dem-Ärmel-Trauma“ hat.

„Da vorne“, sagt sie, „Da gibt‘s Kakao.“
Endlich stehen wir am Tresen. Silke zeigt auf mich.
„Ein Kakao mit Sahne für die Chaos-Queen. Und für mich einen Glühwein.“
Ich drehe den Kopf langsam zu ihr. „Echt jetzt? Glühwein? Neben mir? In meinem Zustand?“
Silke seufzt. „Micha. Ich halte meinen Glühwein fest. Ich bin kein Sicherheitsrisiko.“
„Das hat der andere auch gesagt“, sage ich düster. Der Verkäufer stellt uns die Getränke hin. Ich nehme meinen Kakao, Silke ihren Glühwein. Ich trete einen Schritt zur Seite und nehme einen großen Schluck. Sahne, Wärme, Ruhe. Ein Schluck wie ein Notfall-Knopf fürs Nervensystem. „Okay“, sage ich und spüre, wie mein inneres Alarmsystem abschaltet. „Ich bin wieder ein Mensch.“
Silke nimmt einen Schluck ihres Glühweins und grinst. „Siehst du? Alles wird gut.“ Ich hebe meinen Arm. „Bis auf den hier. Der ist verloren. Der klebt für immer.“
„Ach Quatsch“, sagt Silke und tupft vorsichtig an einer Stelle. „Das geht wieder raus.“
„Womit? Mit Beten?“
„Mit Waschmittel.“
„Aha“, sage ich. „Also doch Beten.“ Silke lacht und nimmt noch einen Schluck Glühwein. Ich sehe dabei genau hin. Sehr genau. Ich beobachte die Tasse wie einen gefährlichen Wildtier-Dokumentarfilm: Und hier sehen wir das seltene Glühweinweibchen, das sich vorsichtig anschleicht, um sein Opfer, den schlecht gelaunten Micha, ein weiteres Mal zu markieren. „Starrst du meinen Glühwein an?“, fragt Silke.
„Ich bewerte das Risiko“, sage ich.
„Wie hoch ist es?“
„Zwischen Haiangriff und Rolltreppenunfall.“
Wir schlürfen weiter vor uns hin und beobachten die Menschen. Kinder mit Nikolausmützen, Paare mit viel zu großen Schals, ältere Damen mit erstaunlicher Glühwein-Trittsicherheit. Ein paar Sekunden ist alles ruhig. Fast gemütlich. So ein winziger, warmer Moment mitten im Köln-Gewusel.

Ich nehme noch einen Schluck Kakao und sage: „Weißt du, manchmal denke ich, Weihnachtsmärkte wurden erfunden, damit Leute wie ich erkennen, wie gut sie es haben.“
Silke lehnt sich leicht an mich. „Weil alles so schön ist?“
„Nein. Weil ich dich neben mir habe, die mich davor schützt, komplett am Rad zu drehen.“
Sie schaut mich kurz an. „Das machst du auch ohne meine Hilfe ziemlich gut“, sagt sie trocken.
Der Moment ist perfekt. Bis ein Kind hinter uns ruft: „Mamaaaa! Guck mal! Der Mann hat Sahne auf der Nase!“ Ich fasse mir reflexartig an die Nase. Natürlich habe ich Sahne auf der Nase. Natürlich ruft ein Kind das. Natürlich hört man es bis in die Nordeifel.
Ich hebe meinen Kakao, betrachte die Sahne darauf, und dann kommt mir eine absolut grandiose Idee. Ich nehme einen großen Klecks Sahne mit dem Finger. Ziele. Und papp’ ihn mir mitten auf die Stirn. Perfekt platziert. Das Kind flippt aus. Lacht. Zeigt auf mich wie auf eine Zirkusattraktion. Ich drehe mich zu Silke. Sie steht da, Arme verschränkt. Blick neutral. Aber ihre Augen sagen ganz klar: Natürlich hast du DAS gemacht.
„Ich wusste es“, sagt sie ruhig. Nicht entsetzt, nicht überrascht. Einfach wissend.
„Was wusstest du?“, frage ich stolz wie ein Papagei, der gerade sprechen gelernt hat. „Dass du irgendwas Unnötiges, Albernes und komplett Unreifes machst, sobald ein Kind dich ansieht.“ Ich nicke ernst.
„Ich enttäusche ungern Erwartungshaltungen.“
„Du enttäuschst sie nicht“, sagt sie, „du bestätigst sie in einer Präzision, die schon Kunst ist.“
Ich zeige auf meine Stirn. „Das ist moderne Performance.“
„Das ist Sahne.“
„Aber mit Bedeutung.“
„Welche Bedeutung?“
Ich breite die Arme aus. „Ich bringe Menschen zum Lachen.“
Das Kind johlt immer noch. Die Mutter macht ein Foto. Eine ältere Dame sagt: „Ach, guck mal, der hat aber Spaß!“
Silke tippt sich gegen die Stirn. „Wisch die Sahne ab. Bitte.“
„Warum?“
„Weil du aussiehst wie ein Dessert.“
Ich zucke nicht mal und sage nur: „Ich sehe immer aus wie ein Dessert. Dafür brauche ich keine Sahne.“ Silke macht diesen Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Ich liebe dich und Ich weiß genau, was jetzt kommt, und ich kann es nicht verhindern feststeckt. Dann greift sie in ihre Jackentasche, zieht ein Tempo heraus und hält es mir hin wie eine Mutter, die keine Widerrede duldet. „Komm“, sagt sie. „Mach das jetzt weg. Langsam wird’s peinlich.“
„Peinlich für wen?“, frage ich empört.
„Für MICH“, sagt Silke. „Wenn du allein bist, kannst du hier rumlaufen wie ein Sahnekuchen mit Beinen, das ist mir egal. Aber ich stehe daneben.“
Ich seufze dramatisch. „Du nimmst mir jede Gelegenheit zu künstlerischem Ausdruck.“
„Du hattest Sahne im Gesicht. Das ist kein künstlerischer Ausdruck. Das ist ein erhöhter Bedarf an Betreuung.“
Ich schnaube. „Ich bin 57. Ich brauche noch keine Betreuung.“
„Doch“, sagt sie trocken. „Von mir. Permanent.“

Wir laufen gerade mal drei Meter weiter, da stoppt Silke plötzlich. Dieses Stoppen, das nur Menschen beherrschen, die eine Zimtschnecke im Umkreis von 50 Metern riechen.
„Da“, sagt sie. Ich folge ihrem Blick. Da liegt er, der heilige Gral in Teigform.
„Ich will eine“, sagt Silke.
„Du willst immer eine.“
Ja“, sagt sie. „Warum auch nicht!?“

Wir gehen rüber. Alles ganz normal. Bis ich aus Versehen, unbeabsichtigt, mit meinem Ärmel eine komplette Serviettenstapel-Deko vom Tresen fege. Nicht nur eine Serviette. Nicht vier. Sondern den ganzen Stapel. Wie ein kleiner weißer Papierwasserfall gleitet er vom Tresen, verteilt sich in eleganter Parabelbewegung über den gesamten Boden und landet zu meinen Füßen. Silke steht neben mir. Regungslos. Sie braucht zwei Sekunden, dann atmet sie aus und sagt eines ihrer meistgenutzten Wörter: „Natürlich.“ Nicht wütend. Absolut nicht überrascht. Einfach nur: „Natürlich.“
Ich starre auf den Serviettenhügel. „Tu nicht so, als hätte ich das absichtlich gemacht.“
„Micha, du hast dich noch nicht einmal angestrengt, es NICHT zu tun.“
“Das ist unfair. Ich habe extra Abstand gehalten.“
„Du hast Abstand gehalten“, sagt sie ruhig, „aber dein Ärmel nicht.“

Ich will mich bücken, um aufzuräumen, aber der Verkäufer hebt die Hand: „Lassen sie ruhig, ich mache das. Das passiert ständig.“
Silke schnaubt. „Nein. Das passiert nicht ständig. Das passiert NUR diesem Mann.“
Ich richte mich wieder auf, sehe sie an und sage: „Das ist jetzt aber nicht nett. Weißt du, das ist ganz einfache Physik.“
„Physik?“, fragt sie skeptisch.
„Ja … so … Ärmelbewegungsdynamik. Papierflugkurven. Einwirkung unglücklicher Zufälle.“ Silke schaut mich an wie eine Frau, die ernsthaft darüber nachdenkt, ob man mich irgendwo abgeben kann. Oder tauschen. Oder in fachkundige Hände. Dann sagt sie: „Wir kaufen jetzt zwei Zimtschnecken. Eine für mich. Und eine für dich, damit du beschäftigt bist und nichts mehr anfassen kannst.“

Der Verkäufer reicht die Tüte mit den Schnecken an Silke, und sagt im Tonfall eines Menschen, der schon alles gesehen hat: „Hier bitte, aber nicht an ihn geben.“ Ich starre ihn an. „Entschuldigung? Hallo? Ich stehe direkt hier! Ich bin anwesend!“
Er zuckt mit den Schultern. „Es gibt Menschen, die ziehen Chaos an. Und Sie … nun ja.“
Ich reiße die Augen auf, empört, beleidigt und moralisch verletzt in einem.
„Wie bitte?! Das ist ja wohl die Höhe! Ich habe noch NIE Chaos angezogen!“
Silke dreht sehr langsam den Kopf zu mir. Wie jemand, der kurz überprüft, ob ich gerade ernsthaft versuche, die Realität umzuformen. Ich greife in die Tüte, nehme mir eine Zimtschnecke und sage: „Komm, Silke, wir gehen. Bevor ich hier noch meine Menschenfreundlichkeit verliere.“

Wir gehen los. Zwei Meter in Stille. Drei Meter im Frieden. Beim vierten Meter merke ich, wie meine Philosophier-Feder im Kopf warmläuft. „Weißt du“, sage ich und halte die Zimtschnecke wie ein Mikrofon der Nachdenklichkeit, „Chaos wird ja immer so schlecht dargestellt. Als wäre es etwas, das man loswerden müsste. Aber Chaos ist eigentlich nur die Erinnerung daran, dass das Leben noch funktioniert.“ Silke seufzt leise. Nicht genervt. Mehr so: Ok, es geht schon wieder los.
Ich spreche weiter, weil ich nicht anders kann: „Ordnung ist was für Regale. Menschen brauchen ein bisschen Unordnung, sonst stehen sie still. Chaos ist Bewegung. Ein kleiner Schubs des Universums, der sagt: ‚Junge, du bist noch da. Mach was draus.‘“
Silke schaut nach vorne und sagt: „Das Universum schubst dich aber oft. Willst du ihm was sagen?“
Ich nicke. „Ja. Es soll sich mal keine Sorgen machen. Ich kann einiges ab. Ich glaube Chaos ist kein Gegenspieler. Chaos ist ein Begleiter, der einfach mitläuft. Manchmal neben dir, manchmal hinter dir, manchmal einfach durch dich durch.“
Silke guckt skeptisch. „Wie ein schlecht erzogener Hund?“
„Ja“, sage ich. „Nur ohne Leine.“
„Und du meinst, du hast ihn im Griff?“
„Nein“, sage ich. „Aber er mag mich.“
 „Micha, du bist nicht chaotisch, weil du willst. Du bist chaotisch, weil du so bist.“
Ich überlege kurz. „Und irgendwie ist das schön.“
„Ja“, sagt sie. „Aber manchmal echt anstrengend.“


Wenn man abends zurückblickt, merkt man, dass ein Tag nicht groß sein muss, um etwas Wesentliches zu zeigen. Nämlich, dass das Leben immer ein bisschen unordentlich bleibt, und trotzdem funktioniert. Irgendwie.
Man lernt, die kleinen Verschiebungen zu akzeptieren, statt sie permanent zu korrigieren. Nicht die Kontrolle bringt Ruhe, sondern die Gelassenheit, nicht alles kontrollieren zu können.

Hinterlasse einen Kommentar

Teilen mit:

Folge mir auf:

Neueste Beiträge:

Hinterlasse einen Kommentar