Wie viel Wahrheit in einem einfachen Frühstück liegt

Ich sitze in einem Hotel irgendwo in Hessen und frühstücke. Also, das ist der Plan. Eigentlich sitze ich da, schaue auf drei Teller, als müsste ich eine Entscheidung fürs Leben treffen. Ich bin geflüchtet. Zuhause: Pyjama-Party. Frauen in Schlafanzügen, Sekt, Musik, Glitzer, irgendwas mit „Selfcare“, und Gesichtsmasken. Und ich? Ich habe mich in Sicherheit gebracht. Das ist mein Beitrag zur häuslichen Harmonie.
Vor mir: zwei Brötchen, ein Croissant, zwei Scheiben Fleischwurst, Kochschinken, Käse, Salami, Tomaten mit Mozzarella und Rührei, das aussieht, als wäre es von jemandem zubereitet worden, der es nur aus Erzählungen kennt. Das ist kein Rührei, das ist eine gelbe Gummimatte. Und Kaffee. Schwarz. Stark. Sehr stark. Der Kaffee, der sagt: „Ich bin bei dir, Bruder.“
Und dann diese Rose in der Vase. Leicht verwelkt, aber kämpferisch. Die Hotelvariante von: „Wir geben uns Mühe, aber die Realität war schneller.“
Ich nehme einen Schluck Kaffee, sehe durch das Fenster. Es ist früh, das Licht noch grau, draußen steht mein Auto. Weil ich es dort geparkt habe. Sozusagen mein Fluchtwagen.
Ich bin also der Typ, der sich selbst ins Exil geschickt hat. Mit Frühstücksbuffet.
Ich schiebe mir ein Stück Brötchen in den Mund und denke, weil man ja immer irgendetwas denkt, und keiner da ist, der einem das Hirn vollquatscht: Was sagt eigentlich dieses Frühstück über mich aus? Eine legitime Frage, finde ich.
Man sagt ja, alles verrät etwas über den Menschen. Kleidung. Gestik. Die Art, wie einer „Hm“ sagt, wenn er eigentlich „Nein“ meint. Und neuerdings: das Frühstück.
Es gibt dazu angeblich Untersuchungen. Ich weiß nicht, wer sie gemacht hat. Wahrscheinlich jemand auf der Flucht mit Klemmbrett und zu viel Zeit in einem Hotel mit Buffet. Aber sie klingen plausibel.
Müsli zum Beispiel. Der Müsli-Mensch gilt als kontrolliert, strukturiert, ausgeglichen. Ein Mensch, der seinen Tag plant. Und zwar in Minuten. Der schon vor dem Frühstück weiß, was er morgen früh isst. Müsli-Leute sind diszipliniert. Sie glauben, das Leben sei wie ein Joghurtbecher. Man muss nur die Schichten ordentlich sortieren, dann schmeckt’s auch.
Rührei dagegen steht für Lebensfreude. Für Menschen, die gern improvisieren und beim Kochen „nach Gefühl“ würzen, weil sie das Rezept nicht finden. Rührei ist der Jazz des Frühstücks. Es sieht nie gleich aus, und wenn’s schiefgeht, nennt man’s einfach „rustikal“.
Croissant ist die romantische Kategorie. Der Croissant-Mensch glaubt an Sonne, Leichtigkeit, zweite Chancen und guten Sex. Er sitzt beim Frühstück und denkt an Paris, dabei riecht’s nach Filterkaffee und Teppichbodenreiniger. Croissant ist die Hoffnung in Gebäckform.
Käse, sagen die Experten, steht für Rationalität. Menschen, die Käse essen, sind stabil.
Sie wägen ab, sie planen. Käse-Menschen sind die, die beim Buffet denken: „Erst was Herzhaftes, dann was Süßes.“ Das sind die Vernünftigen. Bis der Käse anfängt zu stinken, dann zweifeln auch sie.
Und Wurst? Wurst ist Ehrlichkeit. Der Wurstesser ist Pragmatiker. Der steht morgens auf und weiß: Es wird kein guter Tag, aber ein Tag mit Wurst. Da ist nichts Inszeniertes, kein Lifestyle, nur pure Realität in Scheibenform.
Tomate-Mozzarella schließlich, die jüngste Kategorie. Das ist kein Essen, das ist ein Statement. „Ich bin mediterran, innerlich aber immer noch in der Eifel.“ Das sind Menschen, die Basilikum als Persönlichkeit sehen. Und die sich wundern, dass das Leben trotzdem nicht leichter wird.
Ich gucke auf meinen Teller. Ich sehe das alles, nicke langsam und denke: „Ich bin wohl alles ein bisschen, und nichts davon wirklich ganz.“
Ich stocher im Rührei rum. Es schmeckt nach … naja, nach „Der Hunger treibt’s rein.“ Wie vieles im Leben. Daneben liegt ein einsamer Streifen Bacon, der den Bratvorgang nur knapp überlebt hat. Ich kaue. Und denke. Denke immer weiter. Es ist ja niemand da, der mich aufhält. Keiner, der sagt: „Mach dir mal nicht so viele Gedanken.“
„Genieß doch einfach.“
„Das ist doch nur Frühstück.“
Ja, richtig. Aber vielleicht fängt jede große Erkenntnis mit einem Brötchen an. Ich sehe mich selbst da sitzen. Ein fremder Mann in neutralem Hotelambiente, drei Teller, eine Rose in der Vase, Kaffee, und ein Gesichtsausdruck irgendwo zwischen „Philosoph“ und „leicht verwirrter Tourist“.
Und ich denke: Vielleicht bin ich gar nicht geflüchtet. Vielleicht wollte ich einfach nur mal wieder mit mir alleine frühstücken. Ich lehne mich zurück, höre das leise Klirren von Besteck, die Kaffeemaschine in der Ferne, eine leise Unterhaltung am Nachbartisch. Und zum ersten Mal seit Tagen ist da dieser seltene Moment, in dem kein Geräusch zu mir gehört. Kein Plan. Keine Frage. Keine To-do-Liste. Nur ich, das Rührei und der Gedanke, dass innerer Frieden manchmal so simpel ist wie ein Brötchen, das niemand kommentiert. Ich muss grinsen.
Weil die Szene eigentlich absurd ist: Zu Hause versammeln sich Frauen in Pyjamas, reden über Männer, Hautpflege, Perimenopause, Netflix, Deko und warum Birkenstock jetzt „wieder geht“. Und ich sitze in Hessen, starre mein Hotel-Brötchen an und denke: „Bin ich das wirklich?“
Vielleicht ist das der kleine Unterschied zwischen Männern und Frauen:
Frauen: „Wir machen heute Mädelsabend und erzählen uns alles.“
Männer: „Ich fahre nach Hessen und denke über Brot nach.“
Ich richte den Teller nochmal, als würde ich ihn fotografieren wollen. Nicht für Instagram, sondern für mein Gehirn. Ich will mir merken, dass ich heute Morgen allein war und dass das nicht schlimm war. Weil Alleinsein ja immer sofort so klingt wie „keiner hat dich lieb“. Aber das stimmt ja nicht. Ich hab mich lieb. Meistens. Also … stundenweise.
Ich sitze da, nippe an meinem Kaffee, und betreibe angewandte Soziologie. Nicht, weil ich das will. Zwangsläufig, ich kann mich nicht dagegen wehren. Ausserdem zwingt mich das Buffet dazu.
Hotelgäste beim Frühstück sind wie Fische im Aquarium: Jeder schwimmt in seiner eigenen kleinen Welt, überzeugt davon, dass niemand ihn beobachtet.
Aber falsch gedacht. Big brother is watching you. Ich sehe euch.
Gleich links von mir: Typ 1 – Die Frühstarterin.
Sie hat schon vor sechs Uhr den inneren Motor angeworfen. Laptop aufgeklappt, AirPods im Ohr, Müsli vor sich. Sie rührt. Seit fünf Minuten. Ohne zu essen. Das ist kein Frühstück.
Das ist Projektmanagement auf Haferbasis. So jemand steht nicht einfach auf. So jemand eröffnet den Tag. Mit einem Plan und einer To-do-Liste.
Neben ihrem Joghurt liegt ein Apfel, der so glänzt, dass ich glaube, sie hat ihn vorher poliert und gewachst. Aus reiner Gewohnheit.
Ich wette, sie hat sich schon zweimal selbst gelobt, bevor der Tag überhaupt richtig angefangen hat. Ich gucke sie an und denke: Das ist die Sorte Mensch, die auf der Heimfahrt vom Urlaub schon wieder „neu durchstarten“ will. Und die „Montag“ nicht als Wochentag sieht, sondern als Charaktertest. Die hat alles im Griff; außer das Müsli, das langsam zu Beton wird.
Am Fenster: Typ 2 – das Ehepaar.
Sie sitzen da, als würden sie sich gegenseitig bewachen.
Er liest die Zeitung, sie tut so, als interessiere sie sich für das Buffet. Tut sie aber nicht. Sie kennt das alles schon. Auch ihn.
Vor ihnen: zwei Eier, ein Brotkorb, Butter.
Das sieht nicht nach Frühstück aus, das sieht nach Vertragserfüllung aus.
Er blättert, sie seufzt, keiner merkt’s.
Sie sagt nichts, weil sie weiß, wie er reagiert. Er sagt nichts, weil er weiß, dass sie’s trotzdem nicht richtig findet. So entsteht Stille. Nicht romantisch, sondern eher funktional.
Ich schaue hin und denke: Das ist die Endstufe der Vertrautheit. Wenn man beim Frühstück schon weiß, wie der andere gleich kauen wird. Und man es trotzdem aushält. Oder gerade deswegen.
Ich nippe am Kaffee und schwöre mir nichts. Man weiß ja nie, wie nah man selbst mal am Fenster sitzt.
Typ 3 – Das Wochenendpaar.
Sie sitzt aufrecht, Strickpulli, frisch geföhnt.
Er sitzt da, als hätte er sich beim Aufstehen schon überschätzt.
Vor ihnen: zwei Teller, ordentlich angerichtet. Käse, Wurst, bisschen Obst, Rührei. Es sieht aus wie ein Foto aus einem Prospekt, nur ohne Hochglanz.
Sie redet leise, wahrscheinlich über das Wochenende. Er nickt. Nicht zustimmend, eher rhythmisch. Man sieht, dass er sich Mühe gibt, interessiert zu wirken.
Zwischendurch greift sie zum Handy. Einmal, um das Frühstück zu fotografieren, einmal, um sicherzugehen, dass es gut aussieht. Er guckt auf seinen Teller, als wüsste er, dass das nichts mehr mit ihm zu tun hat.
„Das ist schön hier“, sagt sie.
„Ja“, sagt er, und kaut.
Man merkt: Die meinen das beide ernst, nur eben verschieden. Sie will reden, er will einfach nur essen. Und eigentlich wollen beide, dass der andere merkt, dass sie’s gut meinen.
Ich sehe die zwei und denk mir: So sieht Nähe aus, wenn man sie auf Sparflamme laufen lässt. Kein Streit, kein Drama, einfach zwei Menschen, die frühstücken und hoffen, dass das reicht.
Zwei Tische weiter: Typ 4 – die Monteure.
Drei Männer, graue Sweatshirts, ruhige Gesichter.
Die sehen aus, als hätten sie heute schon mehr gearbeitet, als ich den ganzen Monat noch vorhabe.
Vor ihnen: sechs Brötchen, sechs Eier, Kaffee, Wurst.
Kein Obst, kein Joghurt, kein Deko-Salatblatt.
Einfach das, was satt macht.
Hier wird nicht gefrühstückt, hier wird Energie umgewandelt. Der reine, unverfälschte Stoffwechsel.
Sie reden leise, in kurzen Sätzen, zwischen zwei Bissen. Über Dieselpreise, Fußball und „den Neuen auf der Baustelle“. Einer erzählt was, die anderen nicken. Das muss reichen. Das ist Kommunikation ohne Firlefanz.
Ich mag das. Da ist kein Theater, kein Getue, keine selbstoptimierte Frühstücksphilosophie.
Keiner sagt „Achtsamkeit“, keiner erwähnt Hafermilch. Nur Kaffee, Brötchen, Alltag. Ich will sie umarmen. Einfach, weil sie echt sind. Aber sie würden mich vermutlich verhauen.
Ich trink meinen Kaffee und denke: Wenn man morgens so sitzt, braucht man keine Meditation. Das hier ist Zen, nur mit ganz vielen Eiern.
Hinter mir: Typ 5 – die Frischverliebten.
Man hört sie, bevor man sie sieht. Dieses helle, übertrieben fröhliche Lachen, das so klingt, als wollten sie die Welt überzeugen, dass alles perfekt ist. Er sagt irgendwas, sie lacht, er lacht mit, aber keiner weiß genau, worüber.
Ich dreh mich kurz um. Sie sitzt leicht nach vorne gelehnt, die Hand auf seinem Unterarm, als müsste sie verhindern, dass er wieder verschwindet. Er sieht sie an, mit diesem Blick, den Männer nur haben, wenn sie noch glauben, das bleibt jetzt für immer so.
Vor ihnen zwei Croissants, Orangensaft, ein Herz aus Marmelade auf dem Teller. Keiner isst.
Sie reden, lächeln, schauen sich an. Halt das volle Programm. Das Essen ist Deko. Ab und zu flüstert sie was, er nickt, beide lächeln wieder. Die Szene ist so süß, dass man wahrscheinlich automatisch Diabetes bekommt.
Aber ich weiß genau, dass sie in einem Jahr beim Frühstück schweigend auf ihre Handys starren und beide heimlich googeln: „Wann ist man zu lange zusammen?“
Ich trinke meinen Kaffee, drehe mich wieder nach vorne und denk: Liebe ist am schönsten, solange sie noch warm ist. Wie Rührei.
Und dann gibt’s noch Typ 6 – den Beobachter.
Das bin ich.
Sitzt allein, trinkt Kaffee, guckt.
Nicht, weil mir langweilig ist, sondern weil es selten etwas Interessanteres gibt als Menschen, die frühstücken.
Ich mag das. Da siehst du alles, was das Leben ausmacht, in einer Stunde Buffet.
Die Ehrgeizigen, die Genießer, die Routinierten, die Romantiker. Alle nebeneinander, alle mit Brötchenkrümeln im Mundwinkel. Manche reden zu laut, manche gar nicht, und einer schafft es immer, das letzte Ei zu nehmen, ohne Reue.
Ich sitze mittendrin, höre zu, sehe zu und bin erstaunlich zufrieden damit. Ich muss nichts erklären, nichts entscheiden, niemandem recht geben. Ich habe keinen Plan, keinen Termin, keine Agenda. Nur Kaffee und die unerschütterliche Freude daran, anderen beim Leben zuzusehen.
Vielleicht schauen sie auch zu mir rüber, heimlich.
Vielleicht denken sie: Was guckt der so?
Und ich denk: Na, genau deswegen.
Ich finde das beruhigend. Dieses kleine Universum aus Tellern, Tassen und Gesprächen, die alle gleichzeitig stattfinden und sich trotzdem nie überschneiden. Das ist wie Kino, nur mit Rührei.
Ich mag Menschen.
In überschaubaren Portionen.
Mit etwas Abstand und einer Tasse Kaffee dazwischen.
Ich falte die Serviette, sehe auf meinen Teller und muss lachen. Vielleicht bin ich gar nicht geflüchtet. Vielleicht bin ich einfach auf Forschungsreise. Expedition ins Reich der Frühstückspsychologie. Meine Tarnung: perfekt. Ein Mann mit Rührei, Koffein, und der seltenen Gabe, über sich selbst zu schmunzeln, bevor’s jemand anders tut. Und genau das tue ich. Mit ganz viel Vergnügen.
Ich steh auf, schieb den Stuhl zurück und geh Richtung Zimmer. Nicht, weil mir was fehlt, sondern weil der Kaffee jetzt wirkt. Im Flur denk ich noch kurz darüber nach, wie viel man über Menschen lernen kann, wenn man sie einfach nur frühstücken lässt.
Dann öffne ich die Zimmertür und sage zu mir selbst: „So. Erkenntnis hin oder her, jetzt erstmal aufs Klo, ich muss pinkeln.“
Manchmal reicht es, zuzusehen und zu merken,
dass das Leben auch ohne Anleitung funktioniert.
Die meisten rennen, weil sie glauben, sonst was zu verpassen.
Aber das meiste passiert sowieso,
während man gerade sitzt und denkt, es passiert nichts.
Nicht alles zerdenken, sondern einfach still bleiben,
bis das Leben selbst die Antwort gibt.
Und wenn sie kommt, ist sie meistens unspektakulär.
Aber genau das macht sie wahr.
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