
Manchmal fängt alles mit einem einzigen Satz an. Und plötzlich spielst du die Hauptrolle in einer Geschichte, die du nie geplant hast.
Silke stand in der Küche. Mit diesem Blick. Ihr kennt ihn bestimmt schon, diesen ganz speziellen Blick.
Sie sagte: „Ich habe da eine Idee.“
„Heute Abend machen wir’s uns mal romantisch.“
Sie sagte das ganz ruhig. So wie Menschen reden, die wissen, dass sie gewinnen. „Du wirst es nicht mögen. Aber du wirst trotzdem mitmachen, wir führen schließlich eine Beziehung. Das nennt man partnerschaftliches Wachstum.“
Und ich wusste genau: Irgendwo, in einem Paralleluniversum, sitzt ein Paartherapeut auf einem ergonomischen Stuhl, nippt an seinem Kräutertee und ruft: „Sie hat den Dreh raus.“
Ich sollte wegrennen, ich sollte sagen: ‚Nein, ich muss noch kurz mein Leben überdenken.‘ Stattdessen nickte ich. So wie man eben nickt, wenn man genau weiß: Gleich gerät man in ein Kapitel, das in jedem guten Beziehungsratgeber unter ‚So bitte nicht‘ aufgelistet ist.
„Kerzen, Musik, Massageöl. Ich habe alles da“, sagte sie. Diese Stimme, so ruhig und zart. Als würde sie mir gleich eine Wärmflasche reichen. In Wahrheit ist es die Einleitung zu einem Abend, der irgendwo zwischen Romantik, Improvisationstheater und innerer Kapitulation enden wird.
Am Abend dann die Szenerie. Das Wohnzimmer war kaum wiederzuerkennen. Überall Kerzen, überall Deko. Irgendwo zwischen Romantik und einem räucherstäbchenfinanzierten Neuanfang. Aus der Soundbar ertönte Musik, weichgespült und harmlos. Diese Art Musik, bei der man das Gefühl hat, sie wurde speziell dafür komponiert, dass Menschen sich dabei aus Versehen ausziehen.
Auf dem Couchtisch stand ein Fläschchen Massageöl. Nicht einfach abgestellt, sondern inszeniert. Mit der stillen Selbstverständlichkeit eines Requisits, das weiß, dass es heute Abend eine Hauptrolle spielt.
Ich stand da, in Boxershorts. Versuchte auf einem Bein die letzte Socke auszuziehen. Das war der Moment, in dem dieses Lied „Arms of a Woman“ so gefühlvoll einsetzte, dass ich kurz dachte, ich wäre in einem Softporno aus den frühen 90ern gelandet. Während sie die große Romantik andeutete, kämpfte ich einfach nur darum, nicht mit dem Hintern in diesem Kerzenmeer zu landen.
Lola, unsere Katze, saß wie eine Richterin auf der Sofalehne. Sie hat diese Art zu starren, bei der man das Gefühl bekommt, sie protokolliert alles für die Nachwelt. Ich schwöre, wenn die Katze reden könnte, hätte sie gesagt: „Ich bin enttäuscht, Micha. Ich hatte höhere Erwartungen an deine Choreografie.“
„Kannst du die Katze bitte wegsetzen?“, fragte ich.
Silke: „Wieso?“
„Ich kann einfach keine emotionale Tiefe aufbauen, wenn ich dabei von ihr beobachtet werde. Sie sitzt da wie eine Chansonsängerin aus Paris, die mir direkt in die Seele blickt.“ Lola blieb sitzen. Natürlich blieb sie sitzen. Katzen spüren Schwäche, und genießen sie. Wie jemand, der das alles schon dreimal gesehen hat und weiß, dass es gleich peinlich wird.
Dann das Öl. Minze. Eiskalt. Es roch, als hätte man Wick Vaporub mit guten Absichten verdünnt. Silke kippte ein paar Tropfen in ihre Hand, rieb sie aneinander und verteilte das Öl auf meiner Brust. Ich machte das Gleiche bei ihr. Und dann … naja. Dann war das Öl nicht mehr nur auf der Brust. Es war, sagen wir mal, im erweiterten Einsatzbereich, halt überall.
„Ähm… Silke?“
„Ja?“
„Brennt das bei dir auch so?“
Wir sprinteten gleichzeitig in die Dusche. Sie vor mir, ich hinterher, der Boden war glitschig vom Öl, ich rutschte aus, knallte mit dem Ellbogen an die Wand, prellte mir den Steiß.
Wenn dein Intimbereich plötzlich klingt wie ein Werbespot für Fisherman’s Friend, ist die Stimmung sehr emotional, aber anders. Sind sie zu stark, bist du zu schwach.
Aber wir haben gelacht. Also sie. Ich habe gejammert.
Lola saß im Türrahmen und sah aus, als würde sie die Szene innerlich bewerten. Wahrscheinlich hatte sie uns auf einer imaginären Skala von 1 bis 10 gerade eine stabile Minus 3 gegeben.
„Das war eine Scheißidee“, keuchte ich. Silke prustete los. Und als ich ihr nasses Haar aus dem Gesicht streichte, lachten wir beide so laut, dass selbst Lola kurz irritiert die Ohren anlehnte.
Wir waren noch nicht ganz aus der Dusche, als Silke mich ansah und sagte: „Okay. Neuer Plan. Wie machen ein Rollenspiel.“
Ich: „Oh nein, das ist ja wohl nicht dein Ernst.“
Sie: „Doch. Der Gärtner und die Chefin.“
Was dann kam, war … sehr anders.
Ich stand im Flur. Mein Herz klopfte. Ich war nervös. Und aus irgendeinem Grund, wirklich, ich weiß nicht, was mich geritten hat, kam ich ins Schlafzimmer … in einem gelben Regenmantel und Gummistiefeln.
Mit tiefer Stimme sagte ich: „Scheiße … Text vergessen.“
Es war sofort vorbei. Sie hat so gelacht, dass sie vom Bett gefallen ist. Ich stand da, mit Cape und Zauberstab, und wusste: Ich habe soeben das Gegenteil von Erregung erzeugt. Ich bin ein Anti-Aphrodisiakum in Regenkleidung. Die Erotik starb einen lautlosen, schnellen Tod.
Aber wisst ihr was? Wir lagen danach nebeneinander. Keuchend. Lachend. Verliebt. Und sie sagte nur: „Du bist halt ’ne Chaos-Queen, und genau deshalb liebe ich dich.“
„Ich glaube, ich bin der erste Gärtner der Welt, der in Gummistiefeln die Libido vernichtet“, murmelte ich. Silke grinste: „Ja. Und das mit beeindruckender Konsequenz.“
Dritter Versuch.
Sie hatte so ein neues Spielzeug. Teuer. Elegant, und mit App.
Sie: „Mach du die Steuerung!“
Ich: „Ich kann nicht mal Bluetooth-Kopfhörer richtig verbinden.“
Ich saß am anderen Ende der Couch und steuerte per Handy. Sie schnurrte wie ein zufriedenes Kätzchen. Ich grinste. Läuft doch, dachte ich.
Und dann plötzlich, verbindet sich mein Handy mit dem Lautsprecher in der Küche. Und es lief auf voller Lautstärke: „Radio Euskirchen, zähfließender Verkehr auf der A1 bei Wißkirchen.“
Sie erstarrte.
Ich wollte die Situation retten, tippte hektisch rum, und erwischte stattdessen den Maximalmodus. Das Gerät legte los wie ein Presslufthammer. Sie zuckte. Ich schwitzte. Lola sprang erschrocken vom Sofa. Der Katze war das alles zu viel High-Tech-Gebrummel. Das ganze Wohnzimmer vibrierte, als hätten wir eine sehr spezielle Technoparty gestartet. Der Lautsprecher stöhnte weiter seine Stauwarnungen.
„Mach … das …verdammte Ding aus!“, keuchte sie.
„Ich versuch’s ja! Das Display reagiert nicht!“
Am Ende lagen wir da, völlig fertig, und sie sagte nur: „Nie wieder Technik. Hol mir einfach ein Fisherman’s Friend und trag mich ins Bett.“
Liebe in Reinform ist nicht, wenn alles perfekt läuft.
Liebe ist, wenn du splitternackt, mit Gummistiefeln auf der Couch sitzt und mit einem vibrierenden Gerät in der Hand sagst: „Ich habe keine Ahnung, was hier gerade passiert, aber ich bin froh, dass wir das zusammen durchstehen.“
Teilen mit:
Folge mir auf:
Neueste Beiträge:
Hinterlasse einen Kommentar