Warum Eis keine gute Idee ist

Es ist Samstagmorgen, eine dieser müden, fast schon beleidigten Oktobersonnen-Attacken. Die Sonne, die mittlerweile nur eine bessere Funzel am Himmel ist, kriecht durch den Spalt der Gardine und macht auf der zerwühlten Bettdecke so ein warmes Lichtband. Fast schon idyllisch.
Silke blinzelt und streckt sich. Dann dreht sie sich zu mir um. Zu Micha, dem lebenden Beweis, dass man auch im Schlaf die Würde verlieren kann. Ich liege da. Friedlich. Weit weg im Reich der Träume, da wo es keine Termine gibt und man bedenkenlos weiße Socken in Sandalen tragen darf. Haare zerzaust, ein Arm quer über die Decke. Sie liegt da, beobachtet mich. Spürt die Ruhe, die ich ausstrahle. Das ist immer das Gefährliche. Ihr kennt das, diese Stille vor dem Sturm.
Ich weiß, dass es mit der Ruhe gleich vorbei ist. Sie hat dieses Blitzen in den Augen. Eine Idee. Eine dieser Ideen, die bei mir sofort den inneren Alarm auslösen. Es ist wie ein Rauchmelder im Gehirn, nur dass er nicht „Feuer!“, sondern „Achtung! Jetzt wird’s bescheuert!“ schreit.
„Micha“, flüstert sie.
Aus dem Kissen kommt ein tiefes Brummen.
„Micha, ich hab ’ne tolle Idee.“
Ich öffne ein Auge. Skeptisch. Misstrauisch. So wie man eben guckt, wenn morgens jemand fröhlich klingt, bevor man überhaupt weiß, wie man heißt.
„Lass uns Schlittschuhlaufen gehen.“
Zack. Peng. Das ist, als würde man einem Mönch in der stillen Stunde eine Motorsäge schenken. Ich runzle die Stirn, blinzle sie an. Ich ziehe eine Miene, als hätte sie gerade vorgeschlagen, den Tag mit einer Darmspiegelung und anschließendem Zahnarztbesuch zu beginnen.
„Normale Menschen, Silke, normale Menschen, die auf ihre Gelenke achtgeben, schlafen jetzt noch. Und denken sich keine beknackten aktivitätsgesteuerten Ideen aus. Und wieso, zum Teufel, weckst du mich für so ’nen Driss? War das dringend? Hatte das Notruf-Potenzial?“ Ich ziehe die Decke bis unters Kinn, als könnte ich mich damit gegen ihre Pläne abschirmen. „Silke, tu mir den Gefallen, und lass mir einfach mal meinen Frieden. Ich bin ein Profi im Nichtstun. Du störst meinen Workflow.“
Silke setzt wieder ihr unschuldiges Grinsen auf. Das, was immer dann auftaucht, wenn sie innerlich schon längst die Packliste für eine dreiwöchige Alaska-Expedition fertig hat. „Ach komm schon, Micha. Wir könnten nach Troisdorf in die Eissporthalle fahren.“
Ich hebe den Kopf. Gucke sie ungläubig an. Troisdorf. Eissporthalle. Das sind Wörter, die in meinem Samstagswörterbuch nicht vorkommen. „Nach Troisdorf? Im Ernst? Silke, das ist ja wohl das Letzte, was ich an meinem freien Samstag machen will. Das ist die Art von Freizeitaktivität, bei der man am Ende immer mit irgendeiner Teilamputation nach Hause fährt.“ Ich lasse mich mit einem hörbaren Seufzen wieder ins Kissen fallen, ziehe es halb über den Kopf und murmle: „Ich wollte heute eigentlich nichts tun. Professionell. Auf Weltmeisterniveau.“
Silke lacht leise. Dieses Lachen, das ich hasse. Weil es immer bedeutet: Gegen diese Frau kommst du nicht an. Sie ist die Naturgewalt und du bist der müde Heilerziehungspfleger, der gerade Pause machen wollte. „So läuft das aber nicht“, sagt sie und tippt mir mit dem Finger gegen die Schulter. „Du musst mal raus, du brauchst Bewegung.“
„Raus?“, kommt es dumpf unter dem Kissen hervor. „Das ist kein Raus. Das ist eine Unfallstelle mit Musikbeschallung. Lars wäre beim Schlittschuhlaufen fast mal der Finger flöten gegangen, erinnerst du dich? Blaulicht, Tatütata, das volle Programm.“
Silke schnaubt leise. „Micha, du redest, als würde da jede halbe Stunde ein Hubschrauber landen.“
„Wird er auch, wenn ich da aufm Eis steh.“ Ich ziehe das Kissen noch fester über den Kopf. „Ich sehe es doch schon vor meinem inneren Auge: alle gleiten fröhlich umher, wie in einem kitschigen Weihnachtsfilm, und ich? Ich schlittere auf dem Bauch liegend, mit dem rechten Bein in der Luft, quer über die ganze Eisfläche.“
Silke fängt an zu lachen.
„Und wenn’s ganz schlecht läuft“, muffel ich weiter, „niete ich noch drei Grundschüler um. Die haben dann auch gleich ein Trauma fürs Leben.“
„Ach komm, das wird lustig.“
„Lustig ist, wenn ich auf dem Sofa liege, Kaffee trinke und keiner mir Schlittschuhe andrehen will. Und lustig ist auch, wenn man abends im Fernsehen sieht, wie jemandem ein kleiner Finger abfällt. Aber nicht, wenn es der eigene Finger ist.“
Silke grinst, lehnt sich über mich und zieht mir frech das Kissen ein Stück weg. „Stell dich nicht so an, du Chaos-Queen.“
„Ich stell mich nicht an“, knurre ich. „Ich verteidige mein Wochenende gegen sinnlose sportliche Betätigung. Außerdem reden wir hier von einer rutschigen Fläche, auf der vernünftige Menschen wie ich, sich die Haxen brechen könnten. Die Unfallchirurgen warten doch nur auf mich.“
„Jetzt übertreib mal nicht.“ Sie legt ihre Stirn zärtlich an meine. „Du bist kein Unfallmagnet. Du bist eher ein, sagen wir mal … langsamer Katastrophenplaner. Einer, der die Apokalypse akribisch vorbereitet.“
Ich fluche laut. Mit Leidenschaft. So ein richtig schönes, ehrliches Morgengewitter. Erst ein leises Knurren, dann ein ganzer Schwall von nicht jugendfreien Wörtern, die man normalerweise nicht vor 22 Uhr erwähnt. Ich fluche auf Troisdorf, auf Eis, auf Schlittschuhe, auf den Oktober und darauf, dass mein Samstagmorgen eigentlich völlig anders hätte aussehen sollen. Mit einer Fernbedienung, einer Decke und dem Gefühl, das Leben im Griff zu haben. Silke liegt da, mit diesem Grinsen im Gesicht, das alles sagt: Ich habe gewonnen.
Ich kämpfe nur noch pro forma. Ich halte noch ein paar Minuten durch, schwadroniere über mangelnde Bremswege und die akute Gefahr, auf dem Eis zur menschlichen Bowlingkugel zu werden. Ich beschreibe Bilder, in denen ich quer über die Fläche schlittere und am Ende kopfüber in der Bande stecken bleibe. Und trotzdem weiß ich tief drinnen: Ich bin erledigt. Der Kampf ist verloren. Und das war er schon beim ersten „Micha“.
Mit einem lauten Seufzer werfe ich die Decke zur Seite und stapfe ins Bad. Als ich wieder rauskomme, ziehe ich mich an: Jeans, Pullover, leichte Jacke. Nicht zu warm, nicht zu schick. Mein Standardoutfit für Dinge, die ich nicht tun will. Meine Uniform der Resignation.
Silke ist inzwischen auch aufgestanden. In der Küche duftet es nach frischem Kaffee. Ich schnappe mir meine Tasse und greife zum Handy.
„Weißt du was“, sage ich. „Ich schreib einfach in die Gruppe. Die sollen wissen, was du mir antust.“
„Welche Gruppe?“
„Na, die Family-Gruppe. ›Schlittschuhbahn Troisdorf heute? Wer will zugucken, wie ich mich offiziell zum Horst mache? Und wer hat eine Schiene für den Oberschenkel? Frage für einen Freund. Papa.‹
Keine fünf Sekunden später. Pling. Maren: ›Julian und ich sind dabei. Quasi schon auf dem Weg 😄‹
„Quasi schon auf dem Weg?! Die Frau kriegst du doch sonst mit `nem Presslufthammer nicht aus dem Bad. Die braucht vier bis sechs Arbeitstage, um `ne Jeans anzuziehen, und jetzt? Quasi schon auf dem Weg. Das ist kein spontaner Ausflug, das ist ein Hinterhalt! Die hat doch bloß auf den Startschuss gewartet, um mein persönliches, eisiges Scheitern live zu erleben.“
Silke lacht sich schlapp.
Dann vibriert das Handy wieder. Lars: ›Komme mit Vanessa. Alter, das wird lustig. 😂😂😂😂😂😂😂😂😂😂‹
Ich halte das Display hoch, schaue Silke an. „Zehn Smileys. Zehn Stück. Das ist nicht mal mehr Vorfreude, das ist blanker, roher Spott!“
„Tja, mein Schatz, das nennt man Motivation.“
„Motivation?“ Ich schnaube. „Das ist keine Motivation. Das sind meine Ableger, die sich auf den Moment freuen, in dem ich, ihr alter Herr, der sie durchgebracht hat, mit einem hässlichen Geräusch auf die Fresse fliegt und anschließend vier Tage lang nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Schön, oder?“
Zwei Stunden später sitze ich am Steuer vom Skoda. Silke neben mir, mit diesem entspannten Gesichtsausdruck, der nur sagt: Du jammerst zwar wie ein alter Mann, aber Hauptsache du trägst zu unserer Belustigung bei.
Im Rückspiegel klebt der Audi mit Maren, Julian, Lars und Vanessa wie ein Schatten hinter uns. Man spürt förmlich, wie die da drin grinsen. Lars hat vermutlich jetzt schon den ersten blöden Spruch auf den Lippen, Vanessa lacht sich warm, und Maren hat garantiert die Stoppuhr schon bereit, um die Sekunden bis zu meiner ersten Bruchlandung zu messen.
„Die hängen uns ganz schön im Nacken“, murmele ich.
Silke grinst. „Na klar. Die wollen in der ersten Reihe sitzen. Popcorn-Kino, live und in Farbe.“
„Toll“ brumme ich. „Meine eigene Familie fährt mir hinterher wie zu ’nem Live-Event. Fehlen nur noch die Eintrittskarten. Und ein Merchandise-Stand mit ‚Micha fällt‘-T-Shirts.“
Auf der rechten Spur rauscht das Schild Troisdorf vorbei. Mein Magen zieht sich zusammen. Silke legt die Hand auf meinen Oberschenkel, als wolle sie sagen: Wird schon schiefgehen. Ich dagegen denke nur: Auf dem Eis brauche ich unbedingt einen Rollator, sonst geht das in die Hose.
Wir rollen auf den Parkplatz der Eissporthalle. Kaum bin ich ausgestiegen, stehen die anderen schon am Eingang. Maren strahlt wie ein Kind vor dem Karussell, Lars grinst sich einen, als wäre er persönlich fürs Kommentieren meines Untergangs gebucht, und Vanessa … Vanessa hat offensichtlich jetzt schon Spaß. Die wollen das alle. Die sind gekommen, um Blut zu sehen.
Keine zehn Minuten später hat jeder Schlittschuhe an den Füßen.
Alle. Außer mir.
Ich sitze da, auf dieser kalten, hölzernen Folterbank, und starre auf die Schlittschuhe. Die Dinger sehen aus, als hätte sie der Teufel persönlich im Schlussverkauf erworben. Und die sind dafür gedacht, dass ich, ein ausgewachsener Mann mit Verantwortung, darauf stehe. Das ist doch Irrsinn.
„Na los, zieh sie an“, sagt Silke.
„Die Dinger sind schmaler als mein Vertrauen in diese Idee“, murmele ich.
Lars ruft quer durch die Halle: „Beeil dich, Papa! Ich will die erste Pirouette sehen! Oder zumindest den ersten Sturz!“
Ich seufze, und denke: Na schön. Dann Bühne frei für den Horst auf Kufen.
„Gib mir deine Hand“, sage ich zu Silke, als wir das Eis betreten. Der erste Schritt fühlt sich an wie ein Fehlversuch bei einem Balanceakt. Ich klammere mich mit der einen Hand an die Bande, und mit der anderen kralle ich mich in Silkes Hand fest.
„Locker bleiben“, sagt sie fröhlich.
„Locker bleiben? Ich stehe auf zwei Rasierklingen, die unter meine Füße geschnallt sind, ich wiege gefühlte 85 Kilo, und du sagst locker bleiben?“ Mein Blick fixiert die Bande, als könnte sie weglaufen. Hinter uns sausen schon die ersten Kinder vorbei, als wären sie auf Schienen montiert, und ich stehe da wie ein Verkehrshütchen mit akuter Höhenangst.
„Lass doch mal los“, sagt Silke und lächelt.
„Ich lass hier gar nix los“, knurre ich. „Wenn ich das hier loslasse, gibt’s ein Erdbeben der Stärke 8 auf der Richterskala des Scheiterns!
Lars ruft von weiter hinten: „Sieht gut aus, Papa!“
„Halt die Klappe, Lars!“, murmele ich, während ich mich noch fester an die Bande presse. Und dann passiert es. Zwei Sekunden Unaufmerksamkeit. Ein kleiner Wackler. Ein Mini-Schlenker mit dem Fuß. Und zack sitze ich auf dem Hosenboden. Ein dumpfer, unschöner Knall, der von der Akustik der Halle noch verstärkt wird.
„Aua! Verdammte Scheiße!“ Mein Fluch hallt über die ganze Eisfläche. Silke lacht so sehr, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten kann.
„Das ist DEINE Schuld!“, rufe ich empört. „Du hast nicht aufgepasst! Wenn du mich richtig festgehalten hättest, wie es eine Nicht-Ehefrau in der Not tun sollte, säße ich jetzt nicht hier unten!“
Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Klar, logisch. Ich bin schuld, dass du auf zwei Beinen stehst wie Bambi beim ersten Winter, der gerade drei Flaschen Korn getrunken hat.“
„Ganz genau!“, sage ich und bleibe trotzig sitzen. Ein stolzer Mann auf dem kalten Eis. Silke beugt sich zu mir runter, die Schlittschuhe leicht wackelnd, und streckt mir die Hand hin. „Komm schon, steh auf.“
„Ich stehe auf, wenn ich wieder Gefühl im Arsch hab“, knurre ich und greife nach ihrer Hand. Sie zieht, ich rutsche und Lars steht daneben und lacht sich kaputt. Richtig laut. Ohne Scham.
„Hase“, sagt Vanessa und gibt ihm einen Schubs, „man lacht seinen Vater nicht aus.“ Lars ringt nach Luft. „Ich … kann … nicht … der Anblick ist zu geil! Zu geil für diese Welt!“
„Toll“ murmele ich, mein eigenes Kind lacht mich aus, während ich hier um mein Leben ringe. Das ist genau die Familiendynamik, die man sich wünscht.“ Silke hält mich fest, keucht vor Lachen und ruft: „Jetzt beweg dich endlich mal, bevor ich auch noch da liege! Dann haben wir hier ein menschliches Domino!“
Silke zerrt noch immer an meinem Arm, aber wir kommen keinen Millimeter vom Fleck. Lars steht daneben und lacht so schamlos, dass selbst die Kinder nebenan kurz stehenbleiben, um zu gucken, wer hier gerade die Hauptrolle in einer Eis-Komödie mit Slapstick-Einlage spielt. Vanessa versucht tapfer, ernst zu bleiben. „Hase, jetzt reiß dich mal zusammen“, sagt sie zu Lars, der sich kaum noch einkriegt. Das mit dem ernsten Ton wäre auch überzeugend, wenn sie nicht gleichzeitig so heftig mit den Lippen zucken würde, dass es aussieht, als würde sie gleich platzen.
Dann tauchen Julian und Maren auf. Ich sehe es sofort. Die beiden versuchen verzweifelt, nicht loszulachen. Julian beißt sich in die Unterlippe, Maren hat die Hand vorm Mund, ihre Schultern wackeln verdächtig.
„Na kommt schon“, knurre ich, „macht’s offiziell. Lacht einfach. Spart euch das Schauspiel.“ Julian streckt mir die Hand hin. „Komm, Micha. Aufstehen. Noch ist nicht alles verloren.“ Mit vereinten Kräften, Julian zieht, Silke stützt, ich wackle, schaffe ich es irgendwie auf die Beine. Ein kurzer Moment der Stabilität. Dann rutsche ich einen halben Meter nach links, fange mich aber. „Geht doch“, keucht Julian lachend. Ich atme tief durch, kralle mich mit beiden Händen an die Bande und spüre, wie sich der Trotz in mir aufbaut. „So“ sage ich. „Jetzt reicht’s. Wenn andere das können, krieg ich das auch hin. Ich bin ein Mensch, ich habe ein Recht auf Würde.“
Lars grölt: „Das will ich sehen!“
„Ja. Das wirst du“, murmele ich. Ich weiß nicht, wie das klappen soll, aber ich bin plötzlich wild entschlossen, dieser verdammten Eisfläche zu zeigen, wer hier das Sagen hat. Oder zumindest, wer nicht sofort wieder auf dem Arsch landet und dabei die Hälfte der Bevölkerung mit in den Abgrund reißt. „Und jetzt weg mit euch, fahrt! Ich brauch keine Zuschauer, macht Platz. Ich zeig’s euch schon.“
Kaum habe ich meinen großen „Lasst mich allein, ich zeig’s euch schon“-Moment, wirbeln sie schon wie eine verdammte Gala-Truppe über die Eisfläche. Maren gleitet federleicht übers Eis, als hätte sie Kufen im Blut. Kein Wackler, kein Zögern. So elegant, dass es mich fast ein bisschen aggressiv macht. Lars und Vanessa fahren Hand in Hand rückwärts. Rückwärts! Ohne hinzusehen! Als wär das nichts. Als hätten sie gerade eine Choreografie mit der Eiskunstlauf-Nationalmannschaft abgesprochen. Und Julian springt über Hindernisse. Der Bengel fliegt da rüber, als sei das hier sein Wohnzimmer und nicht eine spiegelglatte Fläche, auf der ich um mein Leben kämpfe.
Und ich?
Ich stehe wieder an der Bande. Mit beiden Händen festgekrallt wie ein schlecht verankerter Türöffner. Meine Knie wackeln, meine Kufen quietschen, und jedes Mal, wenn ich versuche, einen Schritt zu machen, sieht es aus, als hätte jemand einen betrunkenen Flamingo aufs Eis geschickt, dem man vorher die Federn gestutzt hat.
„Na los, Papa!“, ruft Maren lachend, während sie elegant an mir vorbeischwebt.
„Ich mach ja“, rufe ich zurück, während ich mich drei Zentimeter nach vorne bewege und sofort wieder nach hinten rutsche. Lars winkt mir zu. Rückwärts. Freihändig. Natürlich.
Julian fährt vorbei, wirft mir ein breites Grinsen zu und ruft: „Guck, Micha, das ist ganz einfach!“ Ganz einfach, klar. Für ihn vielleicht. Für mich ist das hier Überlebenskampf auf blankem Eis. Eine ständige Gratwanderung zwischen Schwerkraft und Scham. Silke steht neben mir und versucht, ernst zu bleiben, aber ihre Mundwinkel zucken. „Na komm“, sagt sie leise. „Einfach ein Bein vor das andere.“
„Einfach“, wiederhole ich, „ist ein sehr großes Wort. Ein Wort, das in dieser Halle keinen Platz hat.“ Dann atme ich tief ein. Verdammt, denke ich, während ich mich mit beiden Händen an der Bande festklammere. Als Jugendlicher konnte ich doch Rollschuhlaufen wie ein junger Gott. Rückwärts, Slalom, Rampen runter. Und jetzt? Jetzt stehe ich hier rum wie ein Wackelpudding. Ich kneife die Augen zusammen, atme tief durch. Komm schon, das muss doch irgendwie funktionieren. Das ist ja peinlich.
Ich richte mich auf, löse ganz langsam eine Hand von der Bande. Nur eine. Mein Gleichgewicht protestiert lautstark, aber ich ignoriere es. Dann die zweite Hand. Kurz fühlt es sich an, als würde die Welt kippen. Aber sie bleibt stehen. Ich auch. Ein kleines, persönliches Wunder. Langsam schiebe ich den rechten Fuß ein Stück nach vorn. Es quietscht. Dann den linken. Es wackelt. Aber ich falle nicht. Ich bewege mich. Ein Meter. Zwei. Drei.
Silke fährt neben mir her, ganz entspannt. „Siehst du“, sagt sie mit diesem Tonfall, der mich gleichzeitig nervt und motiviert, „geht doch.“ Ich sage nichts. Ich will mich nicht ablenken lassen. Ein falscher Gedanke, ein falscher Atemzug, und ich lande wieder auf dem Hintern. Stattdessen konzentriere ich mich auf jeden einzelnen Schritt, als würde ich gerade für Olympia trainieren. Oder zumindest für die Teilnahme an der Eis-Olympiade der Senioren. Hinter mir höre ich Julian, der über ein weiteres Hindernis springt, Maren lacht, Vanessa und Lars drehen Pirouetten. Aber diesmal stört es mich nicht. Weil ich endlich laufe. Und dann, ganz plötzlich, wird aus Angst Konzentration. Mein Körper hört auf zu klammern, meine Schultern entspannen sich, und das Zittern in den Knien fühlt sich nicht mehr an wie Panik, sondern wie Bewegung. Ich schiebe den rechten Fuß etwas mutiger nach vorn, kräftiger diesmal, fast schon selbstbewusst. Mein linker folgt, und plötzlich ist da ein Rhythmus. Kein schöner Rhythmus, eher ein rhythmischer Kontrollverlust, aber immerhin. Ich rutsche nicht mehr, ich fahre. Silke schaut mich an, als hätte ich gerade das Rad neu erfunden. „Na guck mal einer an …“
„Tja“, sage ich, „wer’s kann, der kann’s.“ Im selben Moment muss ich wild mit den Armen rudern, um nicht den Beweis des Gegenteils zu liefern. Das ist mein Leben.
Ich wage mich weiter in die Mitte der Eisbahn. Weg von der Bande. Weg vom sicheren Hafen, raus aus der Komfortzone und rein in die Notaufnahme. Meine Schritte werden größer, flüssiger. Die Angst schrumpft mit jedem Meter. Lars und Vanessa fahren an mir vorbei und klatschen wie Cheerleader. Julian fliegt rückwärts an mir vorbei. Und ich halte dagegen. Ich spüre, wie sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitet. Dieser Moment gehört mir. Kein Zuschauer, kein Gelächter.
Na gut, wenig Gelächter.
„Nicht zu schnell, Micha“, ruft Silke, die mich mittlerweile grinsend verfolgt.
„Ich habe alles unter Kontrolle“, rufe ich zurück. Und das Verrückte: Für einen kurzen Augenblick stimmt das sogar.
Und dann passiert das Unfassbare. Ich drehe tatsächlich eine Runde. Eine komplette Runde. Ohne Bande. Ohne Sturz. Ohne akrobatische Einlage. Zwar nicht elegant, es sieht eher aus, als würde ich gleichzeitig bremsen, beschleunigen und beten. Aber ich bleibe aufrecht. Schritt für Schritt, wackelig, aber entschlossen. Silke fährt neben mir, strahlt wie ein Honigkuchenpferd und ruft: „Schau dich an! Eine ganze Runde! Du bist ein Held!“
„Ich weiß“, presse ich raus, während ich versuche, die Kontrolle über meine Arme zurückzugewinnen, die offenbar beschlossen haben, in der Luft ein Eigenleben zu führen. Julian und Maren jubeln von der Bande, Lars hebt den Daumen, Vanessa klatscht. Und ich? Ich bin kurz davor, die Nationalhymne anzustimmen oder zumindest einen Freudentanz zu vollführen. Als ich wieder am Ausgangspunkt ankomme, bleibe ich vorsichtig stehen, ein bisschen unbeholfen, aber sicher. Ich hebe die Arme, als hätte ich gerade Olympia gewonnen.
„Hab ich’s nicht gesagt?“, schreie ich durch die Halle. „Geht doch! Und jetzt Applaus! Sofort!“ Und dann kommt dieser verhängnisvolle Gedanke: Wenn ich eine Runde schaffe, dann schaffe ich auch zwei.
Ich stoße mich ab. Aber diesmal richtig. Richtig im Sinne von: Völlig unkontrolliert. Der rechte Fuß schießt nach vorn, der linke hinterher. Und plötzlich bin ich in einer Geschwindigkeit unterwegs, für die ich absolut nicht ausgebildet bin. Ich bin ein Fußgänger, kein ICE! Silke ruft irgendwas, Lars lacht, Maren schreit: „Papa, BREMSEN!“
Und genau das ist das Problem. Ich habe keine Ahnung, wie man mit diesen verdammten Dingern bremst. Vor mir taucht eine Gruppe Kinder auf. Kleine, fröhlich kreischende Mini-Menschen, die mitten auf meiner Einflugschneise Schneeflocken-Formationen ausprobieren.
„Achtung, Gefahr im Verzug, aus dem Weg ihr Klappspaten!“ brülle ich. Die Kinder reißen die Augen auf, springen kreuz und quer auseinander, und ich schieße mitten hindurch, wie ein außer Kontrolle geratener Einkaufswagen. Meine Arme rudern wie Windräder im Sturm, meine Beine führen ein Eigenleben, links will bremsen, rechts will fliegen.
„Micha!“, ruft Silke.
„Ich hab’s im Griff!“, brülle ich zurück, und in dem Moment weiß jeder in dieser Halle: Er lügt. Er hat es nicht im Griff.
Die Bande am anderen Ende kommt gefährlich schnell näher. Viel zu schnell. Ich schlittere, ich schwanke, meine Knie wackeln, und dann wird’s dramatisch. Ich sehe das Unheil auf mich zukommen wie ein Zug ohne Bremsweg. Die Gesichter links und rechts verschwimmen, Silkes entsetztes „MICHAAA!“ schneidet durch den Lärm der Halle. Ich rudere immer noch mit den Armen, als würde ich versuchen, abzuheben. Aber das Einzige, was wirklich abhebt, ist mein Selbstvertrauen.
Ein letzter Versuch: Ich drücke die Kufen schräg ins Eis, so wie es die Könner machen. In meinem Kopf sieht das elegant aus. Die Schlittschuhe quietschen, mein Körper dreht sich halb seitlich, und plötzlich bin ich auf direktem Kollisionskurs mit der Bande.
„Oh nein, oh nein, oh nein“ murmele ich, und dann: BÄMM.
Ich ramme volle Möhre hinein. Die Halle bebt, mein Hintern auch. Ich bleibe halb hängend, halb sitzend an der Bande kleben.
Lars liegt vor Lachen fast auf dem Eis. Vanessa kriegt keinen Ton raus, Maren hält sich den Bauch, und Julian ruft: „Micha, das war episch! Das war die beste Unterhaltung seit Jahren!“
Silke kommt angerannt, versucht ernst zu bleiben.
„Alles okay?“, fragt sie und ringt mit einem Lachen. Ich atme tief durch, hänge immer noch halb in der Bande, und sage: „Natürlich ist alles okay, was denkst du denn. Genauso hatte ich das geplant. Das war eine artistische Vollbremsung.“ Sie reicht mir die Hand und ringt immer noch mit sich, um nicht laut loszuprusten. „Komm, mein Held des Tages“, sagt sie schließlich, und das Grinsen in ihrem Gesicht macht die Sache kein bisschen besser. Ich versuche, mich aufzurichten. „Gib mir … ’ne Sekunde“, keuche ich. „Ich muss nur kurz gucken, ob ich noch alle Einzelteile am richtigen Platz hab. Ich brauche eine Bestandsaufnahme.“
„Ich schwöre“, keucht Lars, „das war das Beste, was ich je gesehen hab.“ Endlich stehe ich wieder. Halbwegs. Wackelig. Ein Mann zwischen Stolz und Desaster.
Die Kinder, die ich vorhin noch angebrüllt habe, stehen immer noch in sicherem Abstand und mustern mich ehrfürchtig. „Guckt nicht so“, rufe ich in ihre Richtung. „Ihr wart mitten im Weg. Das war höhere Gewalt!“ Silke legt mir die Hand auf die Schulter, schüttelt lachend den Kopf und sagt: „Du bist unmöglich.“
„Ich weiß“, antworte ich und reibe mir den Hintern. „Aber wenigstens bleib ich in Erinnerung. Und das ist doch alles, was zählt. Der Schmerz vergeht, der Ruhm bleibt.“
In dem Moment prustet Lars wieder los, Maren kippt fast vor Lachen und Julian ruft: „Das kriegt keiner mehr getoppt!“
Und ich? Ich stehe da. Mit einem Hintern, der sich anfühlt, als hätte man ihn mit einem Fleischklopfer bearbeitet. Aber mit diesem ganz kleinen, widerlichen Anflug von Stolz.
Langsam fahren wir alle gemeinsam zur Ausfahrt der Bahn. Die anderen gleiten elegant, ich humple mehr, als dass ich fahre, aber das ist mir egal. Mein Moment war … na ja, spektakulär. Auf seine ganz eigene Art. Als ich meine Schlittschuhe abschnalle, zischt es leise in meinen Knochen, aber ich grinse. Silke sieht mich an, schüttelt den Kopf und sagt: „Du bist echt ein Fall für sich. Aber ein lustiger.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch, ziehe mir die Jacke über und sage: „Ich habe dich vorgewarnt. Also beschwer dich nicht.“ Sie lacht und meint: „Stimmt. Eigentlich hätte ich’s wissen müssen. Aber das ist der Preis für eine Langzeitbeziehung: Man geht mit dem Wahnsinn.“
Und als wir die Halle verlassen, höre ich hinter uns ein paar Kinder kichern und flüstern: „Das ist der Typ, von dem ich euch erzählt habe, der eben voll in die Bande geknallt ist.“ Ich bleibe kurz stehen, drehe mich langsam um und gucke sie böse an, aber so richtig böse. Diesen Blick, den man als Vater üben muss. Die Kinder verstummen schlagartig, starren mich mit runden Augen an und treten einen Schritt zurück. Eins von ihnen stupst das andere an und flüstert: „Der guckt gefährlich.“
Silke lacht leise hinter mir. „Hör auf die Kinder zu erschrecken. Die sind schon traumatisiert genug.“
„Die haben angefangen“, murmele ich, drehe mich wieder um und gehe weiter, mit einem pochenden Hintern, einem angekratzten Stolz und einem Grinsen, das ich nicht ganz unterdrücken kann. Und der Gewissheit, dass ich dieses Wochenende gewonnen habe. Aber auf meine Weise.
Am Ende erinnert man sich nie an die perfekten Runden. Nicht an die, in denen alles mühelos war und man sicher auf den Beinen stand. Man erinnert sich an das Zittern. An den Moment, in dem man loslässt, obwohl alles in einem schreit, man solle sich festhalten.
Man erinnert sich an das Stolpern, an das Lachen, an das peinliche, herrlich ehrliche Chaos, das kein Drehbuch schöner schreiben könnte.
Vielleicht sind genau das die Momente, in denen man am meisten lebt: Wenn man wackelt, fällt, flucht, und trotzdem wieder aufsteht.
Teilen mit:
Folge mir auf:
Neueste Beiträge:
Hinterlasse einen Kommentar