Chaos-Queen auf den Spuren der Einheit

Ein persönlicher Blick auf den 3. Oktober

3. Oktober. Feiertag. Ich kann ausschlafen.

Neben mir bewegt sich Silke. Das Geräusch kenne ich. Gleich kommt etwas, was kein normaler Mensch vor acht Uhr macht. Sie fängt an zu quatschen.
„Micha?“, flüstert sie.
Ich tue so, als hätte ich es nicht gehört. Ein Klassiker.

„MICHA?“
Ich brumme nur: „Was willst du?“
„Weißt du, was heute ist?“
„Freitag.“
„Nein! Tag der Deutschen Einheit!“
Ich stöhne. „Ganz toll. Unsere Wiedervereinigung war im Mai 2015. Auch dazu meinen herzlichen Glückwunsch.“
Silke grinst breit. „Romantiker des Jahres wirst du in deinem Leben nicht mehr werden.“ Ich drehe mich auf die andere Seite.
„Romantik wird überbewertet. Warum lässt du mich nicht einfach pennen?“
„Weil Feiertag ist.“
Ich werde immer genervter. „Ja genau, und wir haben frei, merkst du was? Das heißt, wir können länger schlafen. Und was machst du? Du weckst mich! Wenn du schon so fit bist, dann steh doch einfach leise auf und geh raus. Lass mich doch hier in Frieden liegen.“
Silke wirft die Decke zurück und setzt sich auf. „Na gut, wenn du unbedingt weiterschlafen willst.“
Ich drehe mich erleichtert auf den Bauch. Endlich Ruhe.

Doch keine zehn Sekunden später höre ich dieses vertraute Tippen. Ins Handy. Natürlich höre ich das.

„Micha?“, sagt sie mit dieser Unschuld in der Stimme, die nie etwas Gutes bedeutet.
Ich stelle mich schlafend. „In Bonn gibt’s heute ein Museumsfest. Eintritt frei, Konzert vom Beethoven-Orchester.“
Ich reiße die Augen weit auf, ahne Böses. Da ist er also, der Anschlag auf meinen Feiertagsschlaf. Trotzdem bleibe ich reglos liegen.
„Wind of Change“ spielen die, stell dir vor!“
Ich atme ein Mal tief ein, halte die Luft an. Wenn ich jetzt einen Mucks von mir gebe, habe ich verloren.

Dann stupst sie mich in die Seite. „Na komm, sag doch mal was dazu.“
Ich poltere: „Was soll ich sagen? Gratulation. Fahr hin. Viel Spaß. Aber ohne mich.“
„MICHA!“
„Silke, ernsthaft. Wir haben frei. Und du suchst nach einem Grund, mich aus dem Bett zu zerren. Du treibst mich komplett in den Wahnsinn.“
Sie tut entsetzt. „In den Wahnsinn? Ich?! Du bist es doch, der mich ständig in den Wahnsinn treibt! Erinner dich mal an Pützchens Markt!“
Ich stütze mich halb auf, schnaube: „Ja eben! Und genau das müsste dir doch eine Lehre sein, nicht noch mal mit mir nach Bonn zu fahren.“
Sie schlägt mit der Hand auf die Bettdecke. „Wie kann man schon am frühen Morgen so unfreundlich sein.“
Ich drehe den Kopf zu ihr. „Ich bin morgens nie unfreundlich, frag meine Kolleginnen. Ich bin einfach nur müde. Das ist ein Unterschied.“
Sie schmunzelt, rückt näher und legt ihren Kopf an meine Schulter. „Dann nerv ich dich halt so lange, bis du wach bist.“
Ich stöhne. „Silke, das ist kein Nerv-Fest, das ist ein Feiertag. Der Tag der Deutschen Ruhe. Lies nach.“
Sie kichert. „Da steht nix von Ruhe. Da steht Bonn, Museumsfest. Eintritt frei, Konzert vom Beethoven-Orchester.“
Ich rolle mich auf den Rücken, schüttle ungläubig den Kopf, schlage mir die Hände vors Gesicht und brumme etwas, das garantiert als Beleidigung angezeigt werden könnte. Dann werfe ich die Decke zurück, schwinge die Beine aus dem Bett und stapfe fluchend ins Badezimmer.

Ich stehe vorm Spiegel, das Wasser läuft, ich starre in ein Gesicht, das eindeutig noch nicht bereit ist für Beethoven. Oder Bonn. Oder überhaupt für irgendwas. Hinter mir taucht Silke in der Tür auf, Kaffee in der Hand, bester Laune. Sie reicht mir die Tasse. „Sag danke.“
Ich nehme einen Schluck, seufze tief. „Danke. Aber das ändert nichts. Nach Bonn lockst du mich damit trotzdem nicht.“ Sie lehnt sich in den Türrahmen. „Abwarten. Du bist käuflich. Ich kenne deinen Preis.“ Dann lässt sie den Bademantel von den Schultern gleiten.


Zwei Stunden später stehen wir im Museum.
Ich in Jeans und Hemd, mit einem Gesichtsausdruck, der „gezwungen“ schreit. Silke strahlt, als hätte sie gerade höchstpersönlich die deutsche Einheit neu verhandelt.

Ich beuge mich zu ihr und murmle: „Sag mal, ist dir eigentlich klar, dass ich hier nur stehe, weil du im Badezimmer Abrüstung betrieben hast?“
Sie lacht und flüstert zurück: „Tja, Diplomatie funktioniert manchmal eben besser ohne Uniform.“
Ich seufze. „Und ich Depp habe noch gedacht, die große Politik läuft über Verträge. Dabei reicht einfach ein Bademantel.“
Sie lächelt mich an. „Genau. Und jetzt guck dir endlich die Ausstellung an, bevor ich noch den nächsten Einsatz starte.“ Wir gehen weiter. Eine Leinwand zeigt Bilder vom Mauerfall. Jubelnde Menschen, Tränen, Umarmungen. Silke bleibt ganz ergriffen stehen.
„Wahnsinn, oder? Stell dir das mal vor, mittendrin gewesen zu sein!“
Ich nicke langsam. „Schon. Aber weißt du was? Ich war heute auch mittendrin. Zwischen Bademantel und Museumspflicht.“
Sie lacht leise. „Du kannst auch nirgends ernst bleiben, oder?“
„Doch“, sage ich, „aber wenn man mich morgens im Bad zur Kapitulation zwingt, muss ich das Trauma irgendwie verarbeiten.“

Wir laufen weiter in den nächsten Raum. An den Wänden hängen Wahlplakate aus der Nachkriegszeit. Silke liest aufmerksam die Texte, ich bleibe einen Schritt zurück, verschränke die Arme. „Micha?“, fragt sie, ohne sich umzudrehen. „Bist du eigentlich froh, dass wir die Einheit feiern?“
Ich seufze. „Natürlich bin ich froh. Aber man muss doch nicht um sieben Uhr morgens dafür aufstehen.“
Sie dreht sich zu mir um. „Das sagst du jetzt so. Aber eigentlich bedeutet dir das doch was, oder?“
Ich zucke mit den Schultern. „Klar bedeutet mir das was. Ich war damals 21. Alt genug, um zu verstehen, dass da gerade etwas Großes passiert.“
Ich bleibe vor einem Plakat stehen, sehe die verblassten Farben, die alten Parolen. „Weißt du, Silke, das war nicht irgendein Fernsehbericht. Das war Geschichte live. Und plötzlich hattest du das Gefühl, die Welt dreht sich schneller. Grenzen, die du immer für zementiert gehalten hast, waren plötzlich weg.“
Silke nickt langsam. „Und? Wie hat sich das angefühlt?“
Ich atme tief durch. „Unwirklich. Als würdest du morgens aufwachen und feststellen: Dein Nachbar ist jetzt dein Mitbürger. Und gleichzeitig wusstest du: Das wird kompliziert. Weil Mauern zwar fallen, aber die Köpfe brauchen länger.“
„Also findest du, wir sind noch nicht ganz so weit?“
Ich grinse müde. „Die Mauer ist eingerissen. Aber manchmal baut man sie im Alltag mit kleinen Steinen wieder auf. Vorurteile, Witze, Klischees. Und genau deswegen ist der 3. Oktober wichtig. Damit man’s nicht vergisst.“

Ich bleibe kurz stehen, schaue an Silke vorbei, als würde ich durch die Ausstellung zurück in meine eigenen Erinnerungen stolpern.
„Weißt du, wir hatten Verwandte in der DDR. Das war jedes Mal wie eine Reise in eine andere Welt. Offen reden? Ging nur in dem Zimmer ganz außen am Haus, damit kein Nachbar mithören konnte. In den Geschäften war kaum was da. Leere Regale, Luxus war ein Fremdwort. Viele kannten nicht mal Bananen, die waren dort sowas wie ein Märchenobst.“
Ich lache kurz. „Und dann unser Benz. Wenn der vor dem Haus stand, versammelten sich die Leute drum herum, als wär’s ein Ufo. Den Mercedes-Stern haben sie uns irgendwann abmontiert. Ehrlich, das war surreal.“
Ich seufze leise. „Wenn ich an die DDR denke, dann sehe ich diese Bilder immer noch, aber alles in grau. Straßen, Häuser, Gesichter. Grau, wohin du guckst.“ Silke nimmt meine Hand, wir gehen langsam weiter durch die Ausstellung. Zwischen uns und den Wahlplakaten flimmern auf Bildschirmen Szenen vom Mauerfall, jubelnde Gesichter, Tränen, Menschen, die sich in den Armen liegen.

„Komisch, oder?“, sagt Silke leise. „Damals alles grau, wie du’s beschreibst. Und heute? Alles bunt, alles frei. Und trotzdem bist du skeptisch.“
Ich nicke. „Weil bunt und frei nicht automatisch heißt, dass alle glücklich sind. Viele fühlen sich bis heute abgehängt. Die Unterschiede sind kleiner geworden, aber die Mauern in den Köpfen, die gibt’s immer noch. Man spürt sie, wenn Leute über ‚den Osten‘ oder ‚den Westen‘ reden, als wären das zwei verschiedene Länder. Und wenn ich ehrlich bin, passiert mir das ja auch noch.“
Silke schaut mich aufmerksam an. „Und was macht das mit dir?“
Ich atme tief durch. „Einerseits bin ich dankbar, dass wir das hier feiern können. Frei, ohne Angst, mit vollen Regalen und Bananen, die keine Sensation mehr sind. Andererseits merke ich, wie fragil das Ganze ist. Wie schnell die Stimmung kippen kann, wenn man nicht aufpasst.“
Ich sehe wieder auf die Bilder vom 9. November 1989. „Die Einheit war kein Endpunkt. Sie war ein Anfang. Und der dauert bis heute.“
Silke runzelt die Stirn. „Aber warum ist der Feiertag nicht am 9. November? Da war doch der Mauerfall.“
Ich seufze. „Weil man schlecht einen Nationalfeiertag auf ein Datum legen kann, an dem 1938 die Synagogen brannten. Das passt nicht zusammen.“
Sie nickt langsam. „Stimmt, habe ich so gar nicht bedacht.“
Ich zucke die Schultern. „Eben. Also hat man den 3. Oktober genommen. Frei von historischer Sprengkraft.“
Silke sieht mich fragend an. „Aber warum genau der 3. Oktober?“ Ich lehne mich gegen die Wand, verschränke die Arme. „Weil die Volkskammer am 23. August bis tief in die Nacht diskutiert hat. Am Ende haben sie gesagt: 3. Oktober, da ist der Einigungsvertrag fertig, und wir kommen dem kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR gerade noch zuvor. Verzögern ging nicht. Und damit keiner später fragt, haben sie’s in den Einigungsvertrag geschrieben: der 3. Oktober ist Feiertag. Berlin Hauptstadt, fertig.“
Silke lacht. „Das klingt, als hätten die die Wiedervereinigung zwischen zwei Terminen eingeschoben.“
Ich nicke. „Im Prinzip ja. Dienstag noch Außenministerrunde, Mittwoch Einheit, Donnerstag wieder Alltag. Deutsche Gründlichkeit eben, selbst die Weltgeschichte wird durchgetaktet.“

Silke schaut mich an, während die Bilder vom Brandenburger Tor über die Leinwand flimmern. „Weißt du eigentlich noch, wo du am 9. November 1989 warst?“
Ich nicke ohne Zögern. „Ja, weiß ich. Ich war in Zülpich, im Bistro, mit meiner damaligen Freundin. Plötzlich liefen die Bilder im Fernsehen. Du sitzt da mit ’ner Bacardi-Cola in der Hand, und auf einmal fällt die Mauer. Grenzen offen, Jubel. Es war schon ein irres Gefühl, einfach krass.“
Silke nickt langsam. „Das klingt ziemlich intensiv.“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „War es auch. Intensiv und unfassbar gleichzeitig. Du bist da in der Kneipe, alles läuft wie immer, und plötzlich ändert sich die Welt. Heute schaust du Nachrichten und siehst, wie nah so was wieder ist. Ukraine, Kriege, Provokationen, Spannungen überall. Viele denken immer noch: Ach, das betrifft uns nicht direkt. Aber die Mauer hat gezeigt, dass alles kann in Sekunden anders sein. Und genau deswegen macht mir die Gegenwart manchmal mehr Angst als damals.“

Silke sieht mich ernst an. „Hast du wirklich Angst?“
Ich bleibe einen Moment still, schaue auf die Bilder vom Jubel am 9. November 1989, und nicke dann langsam. „Ja, habe ich. Nicht jeden Tag, nicht panisch, aber die Angst ist unterschwellig da. Weil ich weiß, wie schnell so was kippen kann. Ein falscher Befehl, eine falsche Entscheidung, ein falsches Wort, und plötzlich stehst du wieder vor einer Mauer. Oder noch schlimmer. Damals hat man gesehen, wie Geschichte sich in einer Nacht zum Guten wenden kann. Heute sehe ich, wie schnell sie auch wieder ins Gegenteil rutschen könnte. Das macht mich nervös.“
Silke legt sanft ihre Hand auf meinen Arm. „Aber du bist doch sonst immer so gelassen.“
Ich zucke die Schultern. „Gelassen bin ich, solange es um Erdnüsse, Wetter oder den Bademantel geht. Aber wenn ich mir vorstelle, dass irgendwann Bomben fallen könnten, ist Schluss mit Gelassenheit. Dieser Krieg in der Ukraine, der ist nicht weit weg. Manchmal habe ich echt Schiss, dass der irgendwann hier rüber schwappt. Dass wir plötzlich nicht mehr Zuschauer sind, sondern mittendrin.“
Silke schluckt. „Das glaubst du wirklich?“
Ich nicke langsam. „Ja. Putin macht mir Sorgen, weil er bereit ist, alles aufs Spiel zu setzen. Für Macht, für Kontrolle, für was auch immer. Und ich frag mich manchmal, wie seine Kinder über ihn denken. Was sagt man da später? ‚Mein Vater hat Grenzen verschoben und Menschenleben geopfert‘? Da fällt dir keine Ausrede ein, die das geradebiegt.“

Ich atme tief durch. „Und genau deshalb beschäftigt mich das so am 3. Oktober. Wir feiern, dass Mauern gefallen sind. Und gleichzeitig baut einer in Europa neue. Nicht aus Beton, sondern aus Hass und Gewalt. Und Trump? Der hätte die Berliner Mauer nicht eingerissen, der hätte einen Deal draus gemacht. ‚The best wall, believe me. East pays, West pays, everybody pays.‘“
Silke prustet los. „Das ist böse.“
Ich hebe die Hand. „Nee, das ist Trump-Logik. Für ihn wäre selbst der Mauerfall ein Geschäftsmodell gewesen. Eintrittskarten vorne, Merchandising hinten.“

Wir treten aus dem Museum ins Freie. Die Sonne blendet, draußen rauscht der Verkehr, Menschen schlendern über den Platz. Silke bleibt kurz stehen, schaut zurück. „Schon verrückt, was dieser Tag eigentlich bedeutet.“

Ich nicke langsam. „Ja. Aber wenn wir ehrlich sind, für die meisten ist der 3. Oktober einfach nur ein freier Tag. Ausschlafen, spazieren, ein bisschen Familie. Und am nächsten Morgen geht alles weiter wie vorher. Das geht uns ja nicht anders, wir rennen ja auch nicht jedes Jahr am 3. Oktober ins Museum. Außerdem haben wir frei, weil wir Urlaub haben. Ansonsten wären wir arbeiten, und nicht hier. Und vielleicht ist genau das die Pointe: Freiheit ist nichts, was dir geschenkt wird. Du musst ständig was dafür tun. Genau wie in der Liebe. Ansonsten bleibt der Bademantel an.“

Nichts bleibt von selbst bestehen. Weder Freiheit, noch Gerechtigkeit, noch die Nähe zwischen Menschen. Alles, was Bedeutung hat, verlangt ständige Aufmerksamkeit, Pflege, auch den Mut, unbequem zu sein. Wer glaubt, dass Errungenschaften ein für alle Mal gesichert sind, der täuscht sich. In Wahrheit beginnt ihre Verteidigung jeden Tag von Neuem. Still, unaufgeregt, aber unerlässlich.

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