Wie ich zur Lachnummer des Jahres wurde

Silke und ich sind auf dem Weg nach Euskirchen zum Einkaufen, als im Radio dieser Satz fällt: „Und am Wochenende findet in Müddershausen-West wieder ein großes Hobby-Horsing-Turnier statt.“
Stille im Auto. Ich gucke Silke an. Sie guckt mich an. Beide synchron: „Hobby … was?!“
Ich so: „Hobby-Housing?“
Silke: „Was soll das denn sein?“
Ich: „Keine Ahnung, vielleicht die englische Bezeichnung für Mietnomaden.“
Wir schweigen. Dann erklärt der Moderator seelenruhig weiter, dass erwachsene Menschen mit Steckenpferden Dressur- und Springreiten machen. Ich hau raus: „Also ehrlich, haben die Leute keine anderen Hobbys, wo man sich nicht zum Horst macht? Ich hüpfe doch nicht mit über 50 auf ’nem Holzpferd durch die Gegend! Das soll Sport sein? Das ist doch die reinste Lachnummer!“
In meinem Kopf läuft sofort ein Film ab: Ich stelle mir vor, ich komme da als Zuschauer hin, nichtsahnend. Halle in Müddershausen-West. Eintritt fünf Euro. Neben mir sitzt einer, der ernsthaft sagt: „Ja, ja … die 17-Jährige mit Blitzblume, die ist Favoritin in der Kür.“ Und dann rennt sie los. Im Galopp. Mit Holzpferd über drei Gymnastikhocker. Die Zuschauer halten den Atem an. Und dann diese Durchsage: „Und nun in der Kür – Sandra auf Black Beauty!“
Neben mir einer, der völlig ernst flüstert: „Pssst … gleich kommt die Piaffe.“ Und ich? Ich falle vom Stuhl. Weil ich genau weiß: Wenn ich einmal anfange zu lachen, dann hört das nicht mehr auf.
Ich kriege mich kaum noch ein. „Stell dir mal vor“, sage ich zu Silke, „du bist Single, lernst einen Typen kennen, der wirkt ganz normal, und beim zweiten Date erzählt er dir: ‚Mein Hobby ist Hobby-Horsing.‘ Da bist du doch sofort wieder raus!“ Silke lacht Tränen und meint völlig trocken: „Eigentlich müssten wir uns das mal angucken.“
Ich bremse. „Bitte WAS?!“
„Na ja“, sagt sie, „stell dir das doch mal vor. Einfach mal so ein Turnier anschauen. Aus Neugier.“
Ich atme tief durch und sage: „Das ist nicht dein Ernst. Die tragen mich nach zehn Minuten lachend raus. Und dann stehen wir in der Zeitung: ‚Kaller Nicht-Ehepaar sorgt für Eklat beim Hobby-Horsing‘.“
Wir sind noch nicht mal in Euskirchen angekommen, da zückt Silke plötzlich ihr Handy.
„Was machst du?“ frage ich.
Sie grinst. „Ich such mal bei YouTube nach Hobby-Horsing.“
„NEIN!“, rufe ich. „Tu das nicht! Das kriegst du nie wieder aus dem Algorithmus raus, geschweige denn aus deinem Kopf! Morgen früh schlägt dir YouTube zwischen Kochrezepten und Modekram ‘Best of Hobby-Horsing 2025’ vor!“
Aber sie tippt schon. Kurze Zeit später höre ich Pferdewiehern aus dem Lautsprecher, was mich kurz hoffen lässt, es ginge doch um echte Pferde. Dann sehe ich es auf ihrem Display: Turnhalle. Erwachsene Menschen. Leggings. Steckenpferde. Einer galoppiert über eine Hürde, als hinge sein Leben davon ab. Das Publikum klatscht begeistert. Ich bekomme mich nicht mehr ein. „Das ist ja noch schlimmer, als ich dachte! Die machen das wirklich! Und nicht mal ironisch, die meinen das todernst!“
Silke kichert. „Guck mal, die haben sogar Kostüme.“
Ich reiße die Augen auf. „Kostüme?! Ich breche zusammen. Da hüpfen Leute mit ’nem Holzpferd in Glitzerjacken rum?“ Dann die nächste Szene: Eine Kür. Zeitlupe. Eine Frau springt über eine Hürde, landet, und verbeugt sich, mit Steckenpferd. Die Halle flippt aus. Ich lache Tränen. „Ich kann das gar nicht glauben, Silke. Die brauchen eine Therapie!“
Sie wischt zum nächsten Video. „Oh, hier, Europameisterschaften.“ Ich hau mir die Hand vors Gesicht. „Europameisterschaften?! Da sitzen irgendwo Leute in Brüssel und sagen: ‚Ja, wir brauchen mehr Förderung für Steckenpferdreiter.‘ Ich halt’s nicht aus.“
Silke grinst nur und sagt: „Weißt du was? Ich habe Bock. Das gucken wir uns wirklich mal live an.“
Endlich Wochenende. Ich sitze mit meiner Tasse Kaffee auf der Terrasse, freue mich darauf einfach nichts zu tun. Dann kommt Silke wieder mit einer ihrer Ideen um die Ecke. Ausgerechnet mit einer, die ich schon aus meinem Gehirn verdrängt hatte. „Los Micha, sitz hier nicht so faul rum. Wir fahren nach Müddershausen. Da ist wieder ein Hobby-Horsing-Turnier.“
Ich starre sie an. „Silke. Hör zu. Ich wollte in meinem Leben schon viel nicht, aber ganz sicher wollte ich nie eine Horde Erwachsener mit Holzpferdchen rumhüpfen sehen.“
Sie lacht nur. „Ach komm. Einmal. Nur gucken.“
Und dann sitzen wir da. In einer Sporthalle, auf diesen harten Holztribünen, zwischen Familien mit Klatschpappen und selbstgemalten Plakaten. Vorne eine Ansagerin mit Mikro: „Und jetzt begrüßen wir unsere nächste Starterin, Vanessa auf Mondschweif!“
Und dann geht’s los. Vanessa, mitte dreißig, Zopf, Glitzer-Leggings, klemmt sich ihr Steckenpferd zwischen die Beine und galoppiert los. Das Publikum jubelt, als wäre das hier Olympia. Ich sitze daneben, mit tränenden Augen, muss mich tierisch zusammenreißen.
Silke stupst mich in die Seite. „Sei bloß ruhig!“ Ich presse mir die Hand auf den Mund. Aber es ist zu spät. In meinem Kopf läuft die Szene wie in einem Bully-Herbig-Film. Sie springt über eine 50-Zentimeter-Hürde, reißt fast den Gymnastikhocker um, und die Halle flippt komplett aus.
Dann die Kür. Eine Frau dreht Pirouetten mit ihrem Steckenpferd. Neben mir klatscht ein älterer Herr und sagt ernsthaft: „Das war eine sehr saubere Traversale.“ Jetzt bin ich raus. Ich falle fast von der Bank. Silke sieht mich streng an. „Boah Micha, du bist peinlich, wir fliegen hier noch raus.“
Ich kriege kaum Luft. „Silke, wie kannst du so ruhig bleiben, das ist doch der Brüller!“
Als der Nächste aufgerufen wird, „Kevin auf Sturmhuf!“, liege ich halb unter der Bank, Tränen laufen mir übers Gesicht. In diesem Moment weiß ich: Wenn mich jemals jemand fragt, was mein absurdester Samstag war, dann sage ich nur: „Müddershausen-West. Hobby-Horsing. Vierte Reihe.“
Ich schaue zu Silke. Sie ist rot im Gesicht. Sie kämpft jetzt doch mit sich, weil sie versucht, ernst zu bleiben. Dann kommt die Durchsage: „Und jetzt die Synchron-Kür der Paare!“
Ich denke: Das war’s. Hier sterbe ich. Einfach tot vom Stuhl gefallen. Zwei Frauen rennen gleichzeitig mit Steckenpferden los, drehen Pirouetten, springen parallel über Hocker. Eine verliert fast das Gleichgewicht, fängt sich aber wieder. Die Halle tobt wie beim Champions-League-Finale. Silke flüstert mir ins Ohr: „Guck mal, das könnten wir auch!“
Ich brülle: „NEIN! Wir könnten das nicht! Wenn ich so losrenne, denken alle, das ist ein medizinischer Notfall!“
Seit zehn Minuten halte ich mir abwechselnd die Rippen und den Bauch, weil ich sonst zerberste. Vor mir hüpft gerade eine erwachsene Frau in glitzernden Leggings mit einem Pferdekopf aus Plüsch durch die Halle, als wäre sie hier bei Let’s Dance.
Das Publikum klatscht im Takt. Neben mir ein Mann im Holzfällerhemd, der völlig ernst mitstöhnt: „Ahhh … schöne Versammlung am äußeren Zügel.“ Und ich denke nur: Am äußeren WAS?! Das ist ein Besenstiel mit Ohren!
Ich presse mir die Hand vor den Mund, aber es bringt nichts, meine Brille beschlägt. Ich kann nicht mehr, ich grunze vor Lachen. Ich bin kurz davor, wirklich in die Hose zu pinkeln.
Silke stupst mich an. „Mensch Micha, hör auf damit, die Leute gucken uns schon an.“
Dann springt die nächste Teilnehmerin über eine Mini-Hürde. Ernsthaft, die war so niedrig, da stolpert nicht mal ein Meerschwein drüber. Die Halle flippt aus. Nichts geht mehr. Ich kriege einen Lachanfall, so laut, dass drei Reihen vor uns Leute noch irritiert gucken.
Silke flüstert: „Du bist einfach nur peinlich.“
Ich röchle: „Dann schmeiß mich raus, ich kann nicht mehr! Das ist noch besser als jede Comedy-Show.“
Und als ob es nicht schon schlimm genug wäre, läuft im Hintergrund diese epische Musik. So dramatisch, als würde hier gerade die Nationalhymne gespielt. Aber nein. Es ist eine Frau mit Steckenpferd, die im Kreis hopst. Ich wische mir die Lachtränen weg und sage zu Silke: „Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich mir eine Windel angezogen.“
Die Halle kocht. Ich sitze da, halb gekrümmt, mit Seitenstechen, rote Augen. Silke hält mich am Arm, weil sie Angst hat, dass ich vornüber kippe. „Wären wir doch zu Hause geblieben“, zischt sie. Auf dem Feld hüpfen gerade zwei Teenager mit Steckenpferden eine Synchro-Kür. Musik aus Fluch der Karibik, beide im Piratenkostüm. Ich kann fast nicht hingucken, halte mir eine Hand vors Gesicht, röchle, bekomme nur noch abgehackte Wortfetzen raus: „Silke … ich … kann nicht mehr.“
Und genau in dem Moment kommt die Durchsage. Die Ansagerin mit Mikro, sagt laut und freundlich: „Meine Damen und Herren, wir haben heute einen ganz besonderen Gast im Publikum: Herrn Schneider aus Kall!“
Stille.
Mein Herz bleibt stehen. Silke grinst. Ich stammle: „Fuck, das ist doch jetzt nicht wahr. Wieso kennt die meinen Namen?!“ Die Ansagerin lacht ins Mikro: „Wir haben mitbekommen, Herr Schneider amüsiert sich hier ganz köstlich. Vielleicht möchte er gleich selbst einmal ein Steckenpferd reiten?“
Die Halle rastet aus. Applaus. Pfiffe. Jubel. Ich spüre, wie mein Gesicht die Farbe einer roten Ampel annimmt. Ich fluche. „Silke. Ist das auf deinem Mist gewachsen?!“
Sie tut unschuldig: „Ach, vielleicht habe ich vorhin am Getränkestand kurz was erzählt und ein paar Flyer verteilt.“
Ich drohe zu kollabieren. „Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen?“ Die Ansagerin lächelt in die Halle, deutet in meine Richtung, und dann hält sie etwas hoch. Einen Flyer. Meinen Flyer. In Farbe und mit Logo. „Schaut mal, dieser Herr hier ist der Kopf hinter diesem Blog! Chaosqueen05.com!“
Ich sinke noch tiefer in den Sitz, während mir heiß und kalt gleichzeitig wird. Die Sprecherin legt nach: „Wenn er hier so viel Spaß hat, vielleicht schreibt er ja bald über uns? Hobby-Horsing auf Chaosqueen05! Das wäre doch was, oder?“
Die Halle rastet aus. Silke neben kann sich das Lachen nicht verkneifen. „Na, jetzt bist du offiziell dran.“ Ich röchle, wische mir die Augen: „Silke, ich fasse es nicht, dass du mir sowas antust. Aus der Nummer komme ich nicht mehr raus. Das ist mein Untergang.“
Von hinten ruft jemand: „Schreib was Nettes!“
Und ich denke nur: Junge, ich habe mir gerade fast in die Hose gepinkelt, da wird nix Nettes bei rumkommen.
Und während die Halle weiter jubelt, kommt eine Helferin angelaufen. Zwei Steckenpferde unterm Arm. Eins davon eindeutig für mich. Sie bleibt vor mir stehen, streckt mir das braune Pferd mit der struppigen Wolle entgegen. „Bitte sehr.“ Ich hebe abwehrend beide Hände hoch. „Och, nein danke. Wirklich nicht, wir wollten gerade fahren, wir haben noch Termine.“
Die Halle tobt: „DOOOONNERBLITZ! DOOOONNERBLITZ!“
Ich schnappe nach Luft: „Silke, das werde ich dir nie vergessen!“ Aber Silke schiebt einfach meine Hände runter und drückt mir das Pferd in den Arm. „Mach. Jetzt ist eh alles verloren.“
Ich starre das Ding an. Holzstiel, Stoffkopf, Knopfaugen. Es starrt zurück. Wir beide wissen: Das hier endet böse.
Die Moderatorin kreischt ins Mikro: „Und nun unser Überraschungsgast: Herr Schneider auf … Donnerblitz!“ Die Halle springt auf. Standing Ovations. Und ich stehe da, schwitzend, mit einem Stock zwischen den Beinen. In der Ferne läuft Musik, irgendwas aus Rocky.
Silke wispert: „Nur ein kleiner Sprung. Mach einfach.“
Ich: „Ein kleiner Sprung für die Menschheit, aber ein großer für mich! Ich kriege beim Schuhe zubinden schon Seitenstechen!“
„Du übertreibst wieder maßlos, du bist fit wie ein Turnschuh“, sagt diejenige, die mir den ganzen Mist hier eingebrockt hat.
Aber es ist zu spät. Die Menge johlt. Die Frau zeigt auf die Mini-Hürde in der Mitte der Halle. Und meine Beine fangen an, sich zu bewegen. Das Publikum steht. Kinder kreischen. Ich schaue hoch: „Silke, meine Silke. Tu irgendwas, ich kann das nicht!“
Sie brüllt von der Tribüne: „DU KANNST, ICH VERTRAUE DIR!“
Als ob mir das weiterhelfen würde. Und dann renne ich tatsächlich los. Galopp, oder das, was in meinen Chucks wie Galopp aussieht. Ein Mix aus Nordic Walking und Herzstillstand. Ich setze zum Sprung an. Reiße die Beine hoch, gleichzeitig platzt mir fast die Jeansnaht auf. Wie in Zeitlupe segle ich über den Hocker. Das Publikum flippt aus. Jubel. Pfiffe. Applaus. Ich lande, recht unsauber. Stolpere, rudere mit den Armen, halte mich am Pferdekopf fest, als könnte er mich retten.
„Donnerblitz, halt durch!“ spreche ich ihm Mut zu. Ich halte mich schon selbst für bekloppt, renne hier durch die Halle und rede mit einem Holzstiel.
Die Halle tobt. Einer schreit: „MEHR! NOCHMAL!“ Ein Junge ruft: „Mama, der Mann sieht ängstlich aus, bestimmt pinkelt er sich gleich ein!“ Ich schaue in seine Richtung, bin aber zu konzentriert, um ihn jetzt zu beleidigen und als Klappspaten zu bezeichnen.
Ich taumle weiter im Kreis, halb rennend, halb sterbend. Mein Gesicht knallrot, mein T-Shirt durchgeschwitzt. Die Moderatorin kreischt ins Mikro: „Unglaublich! Herr Schneider zeigt hier eine völlig neue Kür, die Kaller Wadenquetsche!“
Das Publikum johlt. Ich rase an der Tribüne vorbei, höre Silke kreischen vor Lachen. Sie hält sich den Bauch, Tränen laufen ihr runter. Ich brülle: „Machst du dich etwa über mich lustig?“
Dann kommt die letzte Hürde. Ich setze nochmal an, springe, und bleibe mit dem Schuh an der Stange hängen. Vorne die Landung, hinten die Katastrophe. Ich klatsche der Länge nach auf die Matte, Donnerblitz fliegt im hohen Bogen durch die Halle.
Die Halle ist ruhig.
Plötzlich stehender Applaus, Tröten, Jubel wie beim WM-Finale 2014. Und irgendwo ruft einer: „Der Mann braucht ein Sponsoring!“
Ich liege da, röchle, kann mich nicht bewegen und denke nur: Was zur Hölle mache ich hier? Das kann doch nicht wirklich wahr sein. Ich bin 57, kein dreijähriger auf’m Ponyhof! Das ist ein Albtraum, Silke weckt mich gleich.
Aber es ist kein Traum. Ich sehe Silke auf der Tribüne, die sich kaputtlacht. Die Moderatorin kreischt ins Mikro: „Meine Damen und Herren, das Publikum in Müddershausen-West wird diesen Auftritt nie vergessen!“ Ich liege da, will mich unsichtbar machen, während 300 Menschen im Chor klatschen. Und tief in mir schreit eine Stimme: Lieber Gott, wenn du existierst, hättest du das nicht zugelassen. Mach, dass ich sofort aus diesem lächerlichen Körper rauskomme und als anderer Mensch wiedergeboren werde. Von mir aus auch als Til Schweiger.
Ich wuchte mich hoch, starre Donnerblitz an, der mit seinen Knopfaugen aussieht, als wolle er sagen: „Tja, Micha, ich habe geliefert.“
Langsam, ganz langsam, robbe ich rückwärts von der Matte. Donnerblitz lasse ich wo er ist, der soll zusehen, wie er allein klarkommt. Ich fluche innerlich: Scheiß auf dieses Holzpferd, jeder ist sich selbst der Nächste. Ich wuchte mich hoch, versuche mich so unauffällig wie möglich Richtung Tribüne zu verpissen. Kopf runter, Blick auf den Boden. Vielleicht merkt’s ja keiner. Aber die Halle merkt’s natürlich. Die ersten Zuschauer rufen: „Wo will er hin?“ Einer schreit: „Nicht abhauen, Donnerblitz braucht dich!“
Ich stolpere, versuche schneller zu gehen, sehe Silke, die auf der Bank sitzt und sich so sehr schüttelt vor Lachen, dass sie fast runterfällt. Ich fauche sie an: „Wir gehen. Jetzt sofort. Bevor hier noch einer kommt und mir ’ne Reitbeteiligung andreht.“ Aber keine Chance: Zwei Helferinnen packen mich links und rechts unter den Armen. „Kommen Sie bitte mit zur Siegerehrung.“
„Nein. Wirklich nicht. Ich … ich muss los. Termine. Mein Pferd muss zum Schreiner.“ Keine Chance. Die schleifen mich Richtung Siegerpodest, während die Halle johlt, als stünde hier gleich Helene Fischer in Glitzershorts auf der Matte.
Auf dem Podest drei Plätze. Bronze, Silber, Gold. Und dann wird es absurd: Neben den üblichen Teilnehmerinnen stehe plötzlich auch ich. Rotes Gesicht, T-Shirt durchgeschwitzt, Jeans auf halb sieben.
Die Moderatorin grinst über beide Backen. „Meine Damen und Herren, ein einzigartiger Auftritt! Deshalb verleihen wir heute zum ersten Mal in Müddershausen-West den Sonderpreis für Humor, Einsatz und … äh … unorthodoxe Reittechnik!“
Eine Frau mit Schärpe hängt mir ernsthaft eine Medaille um. Keine echte, sondern ein laminiertes Pappstück mit Regenbogenband. Drauf steht in krakeliger Schrift: „Donnerblitz-Held 2025“.
Ich stehe da, schäme mich zu Tode, fühle mich irgendwie verarscht. Silke steht jetzt in der ersten Reihe, filmt das Ganze mit ihrem Handy. Sie ruft: „Micha, heb die Medaille hoch!“ Und ich … ich tue es. Weil Widerstand zwecklos ist. Die Halle tobt. Und ich will einfach nur verschwinden. Da tritt die Moderatorin ans Mikrofon: „Herr Schneider, wir hoffen, Sie behalten diesen besonderen Tag in guter Erinnerung, und vielleicht finden wir ja bald eine Geschichte darüber auf Chaosqueen05! Danke, und auf Wiedersehen in Müddershausen-West!“
„Natürlich werde ich darüber schreiben. Aber das Ganze ist so absurd, das glaubt mir eh keiner“, sage ich mehr zu mir selbst als ich mich vom Acker mache.
Die Veranstaltung ist zu Ende. Die Halle leert sich, die Leute packen ihre Steckenpferde ein, als wären es wertvolle Rennpferde. Silke und ich schlappen Richtung Ausgang. Die lächerliche Pappmedaille habe ich mir längst vom Hals gerissen und auf der Bank liegen lassen, soll sich der nächste darüber kaputtlachen.
Ich schwöre mir: Wenn Silke jemals wieder mit einer „lustigen Idee“ um die Ecke kommt, dann springe ich lieber freiwillig in die Urft, bevor ich nochmal auf einem lächerlichen Besenstiel durch die Gegend galoppiere.
Ich will nur noch ins Auto, Silke lacht sich immer noch schlapp, und dann stehen da drei Teenager mit Handys in der Hand. „Können wir ein Selfie mit Ihnen machen?“
Ich starre sie an, völlig fertig, Schweiß auf der Stirn, klitschnass. „Warum? WARUM wollt ihr ein Selfie mit mir?! Ich bin gerade eben mit einem Holzpferd auf die Schnauze geflogen!“
Die drei grinsen breit. „Ja eben! Das war das Beste an der ganzen Show!“
Ich blinzle. „Das BESTE? Was seid ihr denn für komische Vögel.“
Sie lachen, halten trotzdem die Handys hoch. „Bitte! Nur ein Foto! Sie sind jetzt berühmt in Müddershausen!“
Ich fluche: „Na super, jetzt bin ich hier der Dorftrottel.“ Silke lehnt sich entspannt ans Auto, gluckst vor Lachen. „Na los, Micha. Mach mit ihnen das Bild.“ Und dann stehe ich da, zwischen drei strahlenden Teenagern, mit hochgerecktem Daumen und ich weiß: Dieses Foto wird mir noch in Jahrzehnten Albträume bescheren.
Endlich im Auto. Motor läuft, ich starre stur nach vorne. Silke japst noch immer, sie hat Tränen auf den Wangen, als käme sie gerade aus einer Comedy-Show. Ich dagegen sitze da, fix und fertig, jede Faser meines Körpers schreit nach Sofa, Decke und einem halben Liter Baldrian, oder einer Flasche Pfirsich-Maracuja-Likör.
Und während wir vom Parkplatz rollen, ist mir klar: Das hier wird mich mein Leben lang verfolgen. Egal, was noch kommt, Müddershausen-West bleibt mein persönlicher Stempel fürs lächerlich machen auf höchstem Niveau.
Vielleicht ist das eigentliche Ziel nicht, niemals zu stürzen, sondern jedes Mal wieder einen Grund zu finden,
sich hochzuziehen.
Fallen ist menschlich, Aufstehen ist notwendig – und beides
zusammen macht uns lebendig. Alles andere ist Fassade.
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