Ich zahle nicht für Heuchelei

Manche Geschichten wollen nicht unterhalten – sie wollen etwas sagen. Dies ist so eine: über Beichtstühle, Schuldgefühle, die stumme Wut eines Kindes und die stille Überzeugung, dass Gott nichts mit dem zu tun hat, was seine Vertreter manchmal daraus machen. Ich habe lange gezögert, diesen Text zu schreiben. Weil es nicht leicht ist, über Dinge zu sprechen, die einen geprägt haben – und enttäuscht. Aber irgendwann war klar: Mein Glaube bleibt. Nur nicht mehr in der Verpackung, die andere für heilig halten.

Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. Nicht gestern. Schon vor zwei Jahren. Vielleicht auch länger.

Amtsgericht Schleiden. Mit Termin natürlich – weil es schnelle Erlösung nicht zwischen Tür und Angel gibt. Ich sitze da, reiche meinen Ausweis rüber, setze das Kreuz bei „nein, will ich nicht mehr“. Die Dame hinterm Schalter fragt: „Grund?“
Ich sage: „Gott war nicht das Problem. Aber die Kirche hat’s gründlich vermasselt.“ Sie guckt mich an, als hätte ich gerade den Papst geschreddert, und schreibt dann „persönliche Gründe“. So läuft das.

Versteht mich nicht falsch – ich habe nichts gegen Gott. Wir verstehen uns immer noch blendend. Ich rede manchmal mit ihm, er antwortet manchmal mit einem Windstoß oder einem Lied im Radio, das viel zu gut passt, um Zufall zu sein. Ich habe lange gezögert. Nicht, weil ich meinen Glauben verloren hätte. Im Gegenteil. Ich glaube an Gott. An irgendwas Größeres. Gott ist okay. Der macht seinen Job. Die Kirche leider nicht.

Aber es war nie nur persönlich. Es war eine Art geistiger Sperrmüllhaufen – voll mit Dingen, die mal wichtig waren, aber irgendwann angefangen haben zu stinken. Die Kirche ist mir zu farblos. Zu staubig, zu steif, zu viel beige im Herzen. Wenn die Kirche von Liebe und Moral spricht, klingt das oft als würde ein Blinder von der Farbe sprechen. Die predigen, dass alle willkommen sind – aber bitte nicht so, dass man’s sieht. Frauen? Dürfen mithelfen, aber führen lieber nicht. Und queere Menschen? Die gibt’s natürlich. Auch in der Kirche. Aber halt lieber im Hintergrund. So wie die Topfpflanze in der Sakristei. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht echt sein. Man lässt sie mitlaufen – so still, als hätten sie beim Einlass ein Schild bekommen: „Glauben dürft ihr, aber bitte leise.“ Das ist keine Nächstenliebe. Das ist das kirchliche Äquivalent von: „Ich habe nix gegen Schwule, solange man’s nicht merkt.“ Oder anders gesagt: Das ist nicht Liebe.

Ich denk oft zurück. An meine eigene Kommunion. Mitte der 70er. Kleiner Junge im viel zu großen Anzug, nervös, mit frischgekämmter Frisur und Schuhen, die bei jedem Schritt so gequietscht haben, als wollten sie sagen: „Ich glaube, wir gehen gerade in die falsche Richtung.“
Das erste Mal im Beichtstuhl. Dunkel. Verstaubt. Irgendwie unheimlich. Der Priester flüstert: „Was du hier sagst, ist nur für Gott bestimmt.“ Und ich – acht oder neun Jahre alt, nicht blöd – denke mir: Gott findet das hier ganz bestimmt nicht lustig. Damals war’s nur ein mulmiges Gefühl. Heute weiß ich: Mein Bauch hatte recht.

Missbrauch. An Kindern. Nicht einmal. Nicht zufällig. Sondern immer wieder. Über Jahrzehnte. Und was hat die Kirche gemacht? Vertuscht. Verlegt. Vergessen. Gebetet, ja. Aber halt nur für sich selbst. Niemand würde einem Kinderschänder freiwillig 100 Euro im Monat überweisen. Außer, man nennt es Kirchensteuer. Dann ist es plötzlich Traditionspflege. Und irgendwann saß ich da, mit diesem brennenden Kloß im Magen, und ich habe gedacht: Ich kann das nicht mehr. Ich will damit nichts mehr zu tun haben.

Ich habe nicht den Glauben verloren. Ich habe nur beschlossen, dass mein Glaube nicht durch eine Organisation vermittelt werden muss, die sich selbst heilig spricht, während sie ihre Schuld in Säcke packt und im Keller einlagert. Heute bete ich immer noch. Aber anders. Nicht mehr im Gottesdienst, sondern zu Hause. Wenn ich hoffe, dass das Gyros vom Lieferdienst nicht wieder in einer Fettschicht schwimmt. Oder wenn ich mit gefalteten Händen vor der heimischen Tiefkühltruhe stehe und flehe: „Bitte, lass noch einen Becher Nutella-Eis da sein.“ Oder einfach als Dank für eine gelungene Verdauung. Also: Alltagsspiritualität mit Realitätsbezug. Ich weiß, man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt engagierte, wunderbare Menschen in der Kirche. Leute mit Herz, Haltung und Gitarre. Aber ich bin ja nicht weg. Ich glaube ja noch. Nur eben nicht mehr als Fördermitglied. Ich habe nur das Abo gekündigt.

Mein Gott braucht keinen Vereinsbeitrag. Der nimmt auch stilles Vertrauen – ohne Einzugsermächtigung. Ich habe die Kirche verlassen, um anständig weiterglauben zu können. Weil ich irgendwann verstanden habe: Der Gott, an den ich glaube, wäre selbst längst ausgetreten. Leise. Aber bestimmt. Vielleicht mit einem letzten Blick zurück und den Worten: „Jungs, so war das nicht geplant.“


Und wenn ich eines Tages da oben anklopfe – oder wo auch immer ich lande – und Petrus fragt: „Warum warst du nicht mehr in der Kirche?“
Dann sage ich: „Weil ich an euch geglaubt habe. Nur nicht mehr an das Theater drumherum.“

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