Wenn die Selbstironie kurz Pause macht

Samstage beginnen bei uns eigentlich mit Ausschlafen. Also manchmal. Falls Silke nicht wieder eine Idee hat. Heute hat sie keine. Denn heute ist Fotoshooting. Das war nämlich mein Plan, und ich habe das Gefühl, ich muss gut aussehen. Also nicht so „gut“ wie ein „Zalando-Model“, sondern mehr so „vernünftig angezogen, und nicht schwitzend“.
Ich sitze in der Küche und trinke Kaffee. Stark, schwarz, bitter – wie Silkes Meinung zu meinem nächtlichen Erdnussvorrat auf dem Nachttisch. Silke steht am Fenster, auch mit Kaffee. Ihr Blick schweift raus in den Garten, als überlege sie, ob ich gleich nochmal üben soll, wie man läuft, ohne zu stolpern. Dann guckt sie mich an.
„Du willst heute wirklich ein Fotoshooting machen?“
„Ja“, sage ich. „Ich will mal professionelle Bilder von mir. Für … das Leben. Als Warnung. Oder zumindest für dich, damit du mich ausdrucken und wegstellen kannst, wenn ich wieder Blödsinn erzähle.“
„Und was ziehst du an?“ Ich nippe am Kaffee.
„Meinen besten Anzug.“
„Den schwarzen?“
„Genau. Mit schwarzem Hemd. Und den weißen Pulli nehme ich auch mit.“
„Den weißen Pulli? Und was, wenn du dich im Auto bekleckerst, während du dir ein Schokobrötchen reinpfeifst? Glaubst du im Ernst, der ist noch weiß, wenn wir in Düsseldorf ankommen?“ Ich hebe die Hände.
„Ich zieh mich vor Ort um, keine Sorge.“
Ich stehe vorm Schrank wie ein Mann, der weiß: Gleich geht’s los. Nicht irgendein Tag, nicht irgendein Outfit – heute ist Shooting. Da zählt jedes Detail. Also stehe ich da. Königreich Kleiderschrank. Farben, Stoffe, Stilrichtungen – ich habe alles. Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich kann.
Silke nennt mich ja gerne ihre Chaos-Queen – was ich nicht im Geringsten nachvollziehen kann. Und ganz ehrlich? Es tut mir weh. Nicht tief, mehr so oberflächlich. Ich sag’s nicht, aber es ist so. Und trotzdem trage ich den Titel, als wäre er ein Preis. Aber sie vergisst immer, dass ich gleichzeitig auch die Shopping-Queen bin. Ich habe mehr gute Outfits als mancher Influencer – und ziehe trotzdem meistens das an, was oben liegt. Aber nicht heute.
Ich greife zum Anzug – schwarz, glatt, mit diesem Schnitt, der so tut, als hätte ich mein Leben im Griff. Dazu das schwarze Hemd – klassisch, eng, so geschnitten, dass ich mich darin besser fühle, als ich bin. Und dann der weiße Pulli – ich lege ihn aufs Bett, mit der Vorsicht eines Mannes, der weiß, dass er Frühstücksspuren mit Gedanken übertragen kann. Weit weg von allem, was kleckern, krümeln oder atmen könnte. Alles Essbare im Umkreis von drei Metern wird entfernt.
Und dann – natürlich – die schwarze Lederjacke. Die mit Haltung. Die, bei der ich immer ein bisschen so aussehe, als hätte ich in den 80ern was erlebt, obwohl ich nur am Kiosk war. Ich streich mit der Hand über das Leder. „Du kommst mit“, murmel ich.
Silke steht hinter mir. „Redest du mit der Jacke?“
„Ja. Die ist sensibel.“
„Du bist sensibel.“
„Deshalb verstehen wir uns.“
Silke trinkt ihren zweiten Kaffee. Ich fang an zu packen. Und die Lederjacke, die darf auf den Bügel. Stolz, mittig, bereit für das Rampenlicht.
Bevor wir losfahren, will ich sicherstellen, dass das Haus nicht abfackelt, während wir nicht da sind, und dass die Katze nicht verhungert.
Ich starte also die Runde.
Fenster? Alle zu. Ich kontrolliere sie mit der Gründlichkeit eines Mannes, der schon mal wegen eines gekippten Küchenfensters im Urlaub drei Tage lang innere Dialoge geführt hat. Kaffeemaschine aus. Herd aus. Ich war zwar nicht dran, aber man weiß ja nie – vielleicht hat er sich nachts selbst eingeschaltet. Technik ist empfindlich.
Dann zur Katze. Lola liegt auf dem Sofa wie eine französische Chansonsängerin. Ein Hauch Drama, ein Hauch Verachtung, beleidigt, unergründlich und maximal dekorativ. Der Wassernapf ist voll. Trockenfutter frisch aufgefüllt.
Ich beuge mich runter. „Sei brav. Und kotz nicht wieder auf Silkes Schmusedecke.“ Sie gähnt, dreht sich demonstrativ weg. Ich nehme das als Zustimmung.
Dann: die Männerhandtasche.
Braunes Leder, weiche Patina, nach dem Desaster im Schokoladenmuseum endlich wieder frei von Schoki-Resten und klebrigen Erlebnissen. Ich öffne sie. Portemonnaie: drin. Taschentücher, E-Zigarette, Brillenputztuch, Powerbank. Alles dabei. Ich nicke zufrieden. Tasche ist bereit. Ich bin bereit.
Dann noch ein kurzer Blick in die Speisekammer. Erdnüsschen? Die Tüte steht da, auf dem zweiten Brett. Noch gut halbvoll. Ich mache einen Haken in meinem Kopf. Wenn das heute ausartet – emotional, nervlich, oder einfach durch plötzlichen Erdnussbedarf – weiß ich: Der Notvorrat ist gesichert. „Wenn wir später beim REWE vorbeikommen, nehmen wir aber nochmal welche mit“, sage ich zu mir selbst. „Du willst ernsthaft vor einem Fotoshooting Erdnüsse essen?“ ruft Silke aus dem Flur.
„Nein“, rufe ich zurück. „Aber ich will wissen, dass ich es könnte.“
Dann: Endspurt. Nochmal kurz pinkeln. Grundsätzlich. Aus Vernunft, aus Vorsicht – und weil ich mich kenne.
11:47 Uhr, Nähe Düsseldorf. Ankunft im Fotostudio. Ich parke halbwegs gerade – was Silke mit einem dezenten „Hm“ kommentiert – und steige aus. Das Studio liegt auf einem ehemaligen Fabrikgelände, irgendwo zwischen Urban-Chic und hier war früher bestimmt mal was mit schwerer Arbeit. Große Backsteinhalle, hohe Fenster, Betonboden, schwere Metalltür mit mattschwarzem Logo. Sieht aus wie Berlin. Fühlt sich an wie Niveau.
Aber hier drin – wird’s ernst.
Ich schnappe mir die Kleiderschutzhülle, den Pulli und die Lederjacke. Atme tief durch. Und betrete das Studio wie jemand, der sich sicher ist, dass er auf gar keinen Fall der Mittelpunkt von irgendwas sein will – aber nun mal der ist, der im Kalender „Shooting, 12 Uhr“ stehen hat.
Drinnen ist es: wow.
Hohe Decken, riesige Fenster, moderne Technik, klare Linien. Kein Deko-Gedöns. Nur Fokus. Licht. Und der stille Vorwurf, dass ich hätte früher mit Gesichtspflege anfangen sollen.
Dann kommt sie. Jule. Schätzungsweise Mitte 40, schwarze Jeans, schwarze Bluse, elegante Bewegungen, hübsch. Nicht überfreundlich, sondern souverän.
„Hi, ich bin Jule“, sagt sie. Ich reiche die Hand.
„Micha. Das ist Silke. Meine … inoffizielle Ehefrau. Zuständig für alles, was ich vergesse.“
Silke hebt die Hand und sagt „Hallo“ mit diesem Tonfall, der jederzeit in ein Augenrollen übergehen kann, falls es nötig wird.
Jule zeigt nach links. „Die Garderobe ist da hinten. Visagistin ist schon da – die macht gleich ein bisschen was mit deinem Gesicht.“ Ich nicke.
„Klingt gut. Aber bitte nichts mit Trallala und Hopsasa.“
„Nur das notwendigste“, sagt Jule.
Was gleichzeitig beruhigend und beunruhigend ist.
Ich gehe Richtung Schminkbereich – so eine Ecke mit Spiegeln, Spots und lauter kleinen Tiegeln, Pinseln, Tuben. Die Visagistin – etwa Ende 30, freundlich konzentriert – bittet mich, Platz zu nehmen.
„Ich bin Lara. Ich kümmer mich kurz um dich. Nur ein bisschen pinseln, ein paar Unebenheiten raus, keine Sorge.“
„Wenn Du auch innere Unebenheiten mit abdecken kannst – ich zahl extra.“
Lara lacht. Silke sagt: „Fang mit dem Stirnfriedhof an.“
Ich nehme Platz. Und denke: Das ist jetzt also der Moment, in dem mein Gesicht offiziell in Bearbeitung geht.
„Einmal die Brille ab, bitte“, sagt sie. Ich gehorche. Dann tippt sie mir mit dem Pinsel ganz vorsichtig auf die Stirn. „Bisschen mattieren. Du glänzt ein bisschen … männlich.“
Silke sitzt im Hintergrund, trinkt Wasser und sagt: „Das ist sein Grundzustand.“ Ich überlege, ob ich beleidigt sein will, aber ehrlich gesagt – sie hat recht.
„Und hier ein bisschen Abdeckcreme. Nur minimal. Die Haut ist gut, aber …“
„… sie war auch schon mal ausgeruhter“, sage ich.
„Du hast ein Charaktergesicht. Wir machen das Beste draus.“
Das ist ein Satz, den man normalerweise bei der Allianz-Schadensregulierung hört.
Dann stellt sie sich hinter mich. „Und jetzt noch die Haare. Bleib mal so sitzen.“
Sie holt ein kleines Spray, dann ein Kamm, dann ein ganz leichtes Produkt mit irgendeinem französischen Namen – halb Schönheitsprodukt, halb Lebensgefühl, komplett über meinem Pflegelevel. „Du hast tolles Haar. Wirklich. Da kann man was machen.“
Ich gucke in den Spiegel und sage: „Wenn du mich so hinkriegst, dass die Leute sagen, ‚Wow‘ statt ‚Ohje‘– bekommst du einen selbstgebackenen Erdnusskranz. Mit Schleife. Und Widmung.“
„Ich nehme auch Kaffee“, sagt sie, während sie föhnt, richtet und formt.
Und dann: ein kleiner Schubs in die richtige Richtung.
Der Scheitel sitzt. Die Stirn glänzt nicht. Die Frisur sagt: Ich habe alles im Griff. Ich lass sie in dem Glauben. Während Lara noch mit einem feinen Pinsel meine Nasenflügel streichelt – was romantischer klingt als es ist – ruft Jule aus dem Hintergrund: „Was hast du an Outfits dabei?“
Ich deute auf meine Sachen „Schwarzer Anzug. Schwarzes Hemd. Schwarze Lederjacke. Weißer Pulli. Alles faltenfrei. Alles fleckenfrei – bis jetzt.“
Jule nickt zufrieden. „Sehr gut. Wir fangen gleich an. Hemd und Lederjacke. Dann sehen wir weiter.“ Nach fünf Minuten bin ich bereit. Also: mein Gesicht ist es. Der Rest folgt hoffentlich gleich.
Jule steht am Set, wirft einen Blick rüber. „Gut. Jetzt umziehen. Und dann machen wir das richtig.“
Ich nicke. Dreh mich zu Silke. „Jetzt wird’s spannend.“
„Nein“, sagt sie. „Jetzt wird’s sichtbar.“
Ich gehe Richtung Umkleide, dreh mich nochmal um, grinse und rufe: „Ich mach mich jetzt mal fein – sagt einfach Bescheid, wenn’s euch zu heiß wird.“
Jule lacht. Silke sagt gar nichts. Ich bleibe stehen. „Wie jetzt? Kein Kommentar?“
Sie hebt die Augenbraue. Langsam. „Ich warte einfach ab. Erfahrungsgemäß überschätzt du die Wirkung von schwarzem Stoff auf nackter Haut.“
„Das Hemd ist zu. Diesmal.“
„Wir werden sehen.“ Dann dreht sie sich demonstrativ zur Seite, nimmt einen Schluck Wasser – und flüstert laut genug: „Ich gebe ihm fünf Minuten, dann kommt er raus und fragt, ob er ein bisschen wie Richard Gere aussieht.“
Ich hebe den Kopf, tue so, als würde ich das nicht gehört haben, und verschwinde mit dem Gefühl: Das hier kann gut werden. Richtig gut.
Ich ziehe die Tür der Umkleide hinter mir zu und stehe für einen Moment einfach nur da. Nur ich, mein Spiegelbild und ein Stuhl, der aussieht, als hätte er schon Männer vor mir scheitern sehen.
Ich hänge den Anzug und die Lederjacke ordentlich auf, lege das schwarze Hemd und den Pullover über die Rückenlehne und ziehe mein T-Shirt aus. Der Blick in den Spiegel ist gnadenlos, wie immer. Aber ich halte stand. Im Ernst: Wenn ich nicht ich wäre, würde ich mich glatt in mich verlieben.
Ich ziehe das Hemd an, langsam, bewusst. Zwei Knöpfe bleiben offen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Überzeugung. Ich richte den Kragen, streiche den Stoff glatt, sehe mich an und denke: Wenn ich jetzt nichts mehr falsch mache, glauben sie mir alles. Dann kommt die Lederjacke. Sie sitzt. Nicht perfekt, aber so, als hätte ich sie ausgesucht, weil ich wusste, dass heute etwas Wichtiges passiert. Ich atme durch, setze die Brille auf, leicht schräg – nicht nerdig, eher so, als wäre ich wach. Bereit. Im besten Fall: leicht gefährlich.
Ich öffne die Tür und trete raus. Langsam, mit dieser gespielten Lässigkeit, die man nur hinbekommt, wenn man vorher zehn Minuten geübt hat, wie man unauffällig aufrecht geht. Jule schaut auf. Silke auch. Beide sagen nichts, was ich grundsätzlich als gutes Zeichen werte – oder als Schockstarre. Ich bleibe stehen, breite die Arme leicht aus und sage: „So. Ich bin fertig, Mädels. Fragen? Verbesserungsvorschläge? Heiratsanträge?“
Jule lacht, Silke nimmt einen Schluck Wasser und guckt demonstrativ wieder weg – vermutlich, damit ich nicht sehe, dass sie innerlich denkt: Scheiße, sieht der geil aus. Ich nicke, tue so, als wäre das hier mein Normalzustand, als würde ich samstags immer aussehen wie jemand, der gleich für einen Parfumwerbespot gebucht wird.
In Wirklichkeit steht mein Selbstwertgefühl gerade oben ohne auf einem Balkon und winkt der Welt. Und ich denke: Wenn die Kamera das jetzt verkackt, nehme ich sie mit und schmeiße sie in Köln in den Rhein.
„Okay, Micha. Stell dich mal genau hierhin. Ja. Füße leicht versetzt. Schulter ein bisschen nach hinten. Kopf gerade. Nicht zu viel denken.“ Sie schaut mich an wie ein altes Gemälde mit Potenzial – ein bisschen staubig, aber vielleicht reicht schon gutes Licht. Ich gebe mein Bestes. Also: Ich stehe. Ich gucke. Ich versuche, nicht wie ein Mann auszusehen, der sich gerade fragt, ob er den Herd angelassen hat.
„Super“ sagt Jule. „Jetzt einfach mal in dich reinfühlen.“
Ich nicke. Und ich merke sofort: In mir drin ist halt leider auch nur ein leicht übermotivierter Mann aus der Eifel, der nicht weiß, wohin mit seinen Händen – und sich beim Reinfühlen wahrscheinlich was verstaucht.
Jule stellt das Licht neu ein. Dann kommt sie zurück, zupft meine Jacke ein bisschen, richtet den Kragen, nimmt ein Haar von meiner Schulter. „So. Jetzt guck einfach so, wie du dich siehst.“ Ich schaue geradeaus. Konzentriert. Sie hebt die Kamera.
Klick.
Sie schaut aufs Display. Dann guckt sie mich an.
„Micha. Das ist krass. Das bist du. Richtig gut.“
Silke tritt näher. Sie schaut. Und sagt leise: „Du siehst … gefährlich aus.“
Ich grinse. Drehe mich leicht zur Seite. „Ein bisschen schon, oder?“
„Ja“, sagt sie. „Aber wenn da draußen alle wüssten, wie harmlos und sensibel du eigentlich bist …“
„Silke!“, unterbreche ich sie entsetzt.
„Sag das bloß niemandem! Damit zerstörst du mein ganzes Image. Das habe ich mir über Jahrzehnte aufgebaut! Jahrzehnte! In Grummeln, Schweigen, und mein Gesicht, das aussieht, als würde ich morgens jeden Clown sofort fressen!“
Jule lacht. Silke auch. Ich nicht. Dann schaue ich nochmal auf das Bild.
Schwarzes Hemd, Lederjacke, Augen direkt in die Kamera – ernst, wach, ein bisschen kantig. Stirn leicht gerunzelt, Blick geradeaus. Ich sehe aus wie jemand, der Geschichten zu erzählen hat. Und die meisten davon stimmen sogar. Ich sag nichts mehr. Ich nicke nur. Denn in diesem Moment, auf diesem Foto, sehe ich endlich so aus, wie ich mich manchmal heimlich gerne sehe.
Jule schaut mich lange an, dann auf meine Hände, dann wieder ins Gesicht. „Warte mal kurz.“ Sie dreht sich um, geht zu einem schmalen Kleiderständer, zieht eine schwarze Krawatte von einem Bügel. „Zieh die Lederjacke aus, und dann die mal bitte an.“ Ich nehme das schmale, glatte Teil entgegen wie ein geheimes Symbol der Ernsthaftigkeit. Und frage noch: „Bist du sicher? Ich mein, zu dem Hemd …?“
„Vertrau mir. Das wird stark. Schwarz auf Schwarz. Das holt nochmal was anderes aus dir raus.“ Ich ziehe die Jacke aus und binde die Krawatte so, wie ich’s bei der Bundeswehr gelernt habe: schnell, straff, und mit dem Gefühl, gleich angeschrien zu werden. Jule kommt näher, greift kurz an meinen Kragen, zieht die Krawatte fester, so, dass ich einen Moment lang denke, sie meint das wirklich ernst mit dem „jetzt hol ich was aus dir raus“. Dann tritt sie zwei Schritte zurück und nickt.
„Setz dich.“ Wie befohlen setze ich mich. Auf einen dieser Holzstühle, schlicht, rund, hart – ein Möbelstück, das wahrscheinlich schon in der Weimarer Republik unbequem war.
Ich rutsche mich zurecht, stelle die Füße fest auf den Boden, die Hände locker auf die Oberschenkel, Rücken gerade. Jule zupft noch einmal mein Hemd, schaut auf die Schultern, wischt mit der Hand ein kaum sichtbares Staubkorn weg – oder vielleicht auch nur meine Unsicherheit. Dann stellt sie das Licht neu ein. „Lass die Schultern so. Jetzt neig den Kopf minimal. Augen nicht ganz zu, aber auch nicht ganz auf. Denk einfach an … nix. Einfach nur sein.“
Ich versuche das. Nur sein.
Ich sitze da, in Schwarz vor Schwarz mit schwarzer Krawatte – wie jemand, der gleich das Wort zum Sonntag spricht und danach ins Bett geht. Mein Blick wandert leicht nach unten, dann wieder nach vorn. Nicht aggressiv. Nicht traurig. Nur: da. Still.
Jule schaut durch die Kamera. Konzentriert. Dann nickt sie. „Perfekt. Halten.“
Ich halte. So, wie man den Atem hält, wenn man nicht weiß, ob man gleich fotografiert oder verhaftet wird.
„Kinn minimal runter. Augen bleiben“, sagt sie leise, als würde sie mit einem wild gewordenen Schwan reden. Ich sage nichts. Nicht weil ich keine Worte hätte – sondern weil es gerade einfach passt, ruhig zu sein.
Die Kamera klickt. Und klickt nochmal. Und ich merke plötzlich, wie seltsam es ist, dass ich in diesem Moment wirklich das Gefühl habe, ich würde mich zeigen. Ohne Gag. Ohne Spruch. Ohne dummes Gelaber. Nur ich. Und es fühlt sich – okay an.
Silke steht leise in der Ecke. Ich spüre ihren Blick. Sie sagt nichts. Und gerade deswegen weiß ich, dass sie mich in diesem Moment sieht wie sonst kaum jemand. Und dass das Bild, das da gerade entsteht, wirklich etwas einfängt, was ich sonst gut verstecke. Nicht, weil ich es will. Sondern weil’s einfach zu mir gehört.
Dann klickt es nochmal. Und ich bleibe einfach sitzen. Nicht für die Kamera. Sondern weil ich zum ersten Mal an diesem Tag denke: Genau so. Jule schaut auf das Display. Dann auf mich. Dann wieder auf das Display. Als hätte sie gerade einen Schatz ausgegraben – mitten in Düsseldorf.
„Okay. Halt dich fest“, sagt sie. Und dreht mir die Kamera. Ich sehe das Bild. Schwarz auf Schwarz. Hemd. Krawatte. Der Blick gesenkt. Nicht gespielt. Kein Posing. Einfach ich – still, ruhig, ernst. Aber nicht müde. Mehr so: wach in sich drin.
Silke tritt näher. Guckt drauf. Sagt nichts. Ich kenne dieses Nichts. Es bedeutet: Respekt, leicht genervt, weil sie’s gut findet, aber mich nicht loben will, weil ich sonst abdrehe wie ein Gartenschlauch, der einem aus der Hand rutscht und dann wild in der Gegend rumeskaliert.
„Du siehst aus, als hättest du was zu sagen“, sagt Jule.
„Habe ich auch“, sage ich.
„Dann sag’s nicht. Lass es so.“
Ich will mich gerade dezent in Richtung Umkleide verdrücken, als Jule ruft: „Stopp! Wir sind noch nicht fertig. Ich habe noch was. Was mit Stuhl.“
Ich drehe mich um. „Was genau heißt das jetzt – was mit Stuhl? Soll ich vorher auf Toilette gehen?“ Silke prustet. Jule grinst.
„Nein. Sitzpose. Nur du, ein Stuhl, und etwas mehr Ruhe im Bild.“
Ich nicke langsam, als hätte ich das Konzept „Sitzen“ gerade neu entdeckt.
„Aber dafür bitte den weißen Pulli und das Sakko.“
„Weißen Pulli und Sakko. Alles klar. Soll ich dabei auch ein Gedicht aufsagen oder reicht intensives Schweigen?“
Silke grinst. „Mach’s einfach wie immer: Tu so, als wär’s Kunst.“
Ich gehe mich umziehen. Weißer Pulli, Sakko drüber, fertig.
Ich sitze. Der Anzug sitzt. Jule kommt nochmal näher, mustert mich kurz, greift dann in eine kleine Box auf der Fensterbank – und zieht ein Einstecktuch raus, als hätte sie gerade den letzten fehlenden Puzzlestein für mein Ego gefunden. „Warte“, sagt sie, faltet es lässig mit zwei geübten Handgriffen, steckt es mir in die Brusttasche und tritt einen halben Schritt zurück. „So“, meint sie. „Jetzt siehst du aus wie jemand, der weiß, wo’s langgeht – oder zumindest so tut, als hätte er einen Plan.“
Ich grinse. „Ich habe auch meistens einen. Nur selten für denselben Tag.“ Silke sagt gar nichts. Sie guckt nur. Und trinkt ihr Wasser.
Ich schaue geradeaus. Konzentration im Gesicht, Hände auf den Oberschenkeln, so als würde ich gleich ein Land regieren. Oder zumindest den Thermomix programmieren. Silke steht hinten, verschränkt die Arme und zieht eine Augenbraue hoch. Das ist wieder ihre Art zu sagen: Du siehst gut aus, aber wenn ich das jetzt laut ausspreche, drehst du durch. Ich nicke innerlich. Dann äußerlich.
Jule hebt die Kamera. „Halt den Blick. Genau so.“
Ich halte. Ich halte durch. Ich halte mich für die personifizierte Sinnkrise mit guter Frisur. Klick. Klick. Noch ein Klick.
Ich frage: „Soll ich nochmal gefährlich gucken?“
Silke antwortet: „Du guckst schon, wie jemand, der versucht, im Baumarkt einen Ideengeber zu finden.“ Ich sage nichts. Denn ich weiß: Das Bild wird gut.
Jule schaut aufs Display. Dann zu mir. Sie sagt nichts – und das ist das erste Mal heute, dass mich das nicht nervös macht. Silke tritt näher, bleibt hinter mir stehen, legt die Hand leicht auf meine Schulter. Ich spüre nichts Theatralisches, nur dieses stille „Ja. Genau so.“
Jule dreht die Kamera, zeigt mir das Bild. Ich sehe einen Typen in Schwarz, ruhig, wach, ohne Maske. Kein Blödelblick. Kein Fluchtwitz. Nur ich. Still, konzentriert. Fast gelassen.
Wie jemand, der gerade beschlossen hat, sich selbst nicht mehr ständig zu überholen.
Ich nicke.
„Letztes Bild für heute“, sagt Jule leise.
„Besser wird’s eh nicht“, sage ich.
„Wird’s wirklich nicht“, murmelt Silke – und nimmt einen Schluck Wasser, als müsste sie ihr eigenes Gefühl runterschlucken.
Jule klappt die Kamera zu, schaut mich an und sagt trocken: „Wir haben’s.“
Ich nicke, zeige Daumen hoch. „War klar. Irgendwann zwischen ‘Ich kann das’ und ‘Verdammt, wie geht das nochmal mit der Krawatte?’ war ich drin.“
Jule grinst. „Du warst großartig.“
„Also, wie läuft das jetzt – krieg ich die Bilder direkt aufs Handy, oder kommt erst ein USB-Stick mit Passwortschutz und persönlichem DHL-Boten?“
Jule lacht. „Du bekommst eine Auswahlgalerie. Ich sortier alles vor, bearbeite das Beste ein bisschen – aber keine Angst, du bleibst du. Also … fast.“
Ich nicke. „Perfekt. Solange ich auf keinem Bild aussehe, als würde ich am Infostand für Fensterversicherungen auf der Kaller Herbstschau arbeiten.“
Dann fragt Jule: „Rechnung per Mail?“
Ich: „Oder per Brieftaube. Hauptsache, sie flattert leise.“
Sie grinst. „Mail reicht.“
Ich nicke, greife zur Tasche.
„Und was kostet das Ganze mit Imagepflege, Geduldsbonus und seelischer Betreuung durch Silke?“
„Ich schick dir alles mit einem Link. Und das Einstecktuch darfst du behalten.“
Ich zieh es nochmal aus der Jackentasche, betrachte es kurz ehrfürchtig und sage: „Das wird eingerahmt.“
Silke schiebt mich zur Tür. „Komm. Bevor du dich noch mit ihr zum Abendessen verabredest.“
Ich drehe mich zu Silke. „Na hör mal – ich habe nicht mal die Telefonnummer von meiner eigenen Friseurin. Und du glaubst, ich date hier spontan die Fotografin?“ Sie hebt eine Augenbraue. „Außerdem … habe ich ja dich. Und du bist quasi meine Managerin mit Kuschelbeteiligung.“ Silke schnaubt, aber ich sehe das Lächeln.
Ich bleib stehen, drehe mich noch mal um. „Jule, ehrlich – danke. Du hast aus mir was rausgeholt, das nicht mal ich auf’m Schirm hatte.“
Sie grinst. „War alles schon da. Du hast nur kurz vergessen, den Tarnmodus auszuschalten.“
Irgendwann ist das Bild, das andere von dir haben,
nur noch ein Nebengeräusch.
Und du fängst an, dich zu zeigen, wie du wirklich bist.
Nicht um zu gefallen. Nicht um Eindruck zu machen.
Sondern weil du es satt hast, dich selbst dauernd zu verstecken.
Hinterlasse einen Kommentar