30 Kilometer bis zum Höhepunkt

Ein Nachmittag der süßer wurde als geplant

Es war kein Notfall. Kein Defekt. Kein „Der Reifen ist geplatzt“ oder „Der Akku ist tot“.
Unsere alten E-Scooter – zwei solide Segway Max G2D – stehen einfach da. Startklar. Unauffällig. Die machen keine Zicken, die tun’s einfach. Jeden Tag. Ohne Drama.
Und trotzdem wollen wir zwei neue kaufen.

„Warum eigentlich?“, fragt Silke beim Frühstück. Ich streiche mir Butter auf mein Brötchen wie jemand, der innerlich schon beschlossen hat, das komplette Zubehör mitzukaufen.

„Weil ich will, dass hier mal jemand mehr kann als ich“, lautet meine Antwort. Sie nickt. Das ist in unserer Beziehung die Art von Satz, der nicht diskutiert wird.

Zwei Stunden später stehen wir beim Händler. Zwei G3D in Schwarz, die schon beim Einschalten wirken, als würden sie uns sagen: „Haltet euch fest, ihr Freizeit-Versager.“ Mit einem Display, das mir sagt, wann ich atmen soll. Mit einer Motorleistung, die nicht fragt: „Willst du da rauf?“, sondern sagt: „Halt dich fest.“

Ich kaufe einen. Silke auch. Weil es nie darum geht, ob man was braucht. Es geht darum, ob es geil ist.

Es ist später Abend. Wir haben den Spätdienst überlebt. Die Luft draußen: warm, aber nicht so, dass man direkt zerfließt. Also sagen wir – wie so oft – gleichzeitig denselben Satz: „Lass uns mal ´ne Runde drehen.“

Wir stehen vor der Haustür. Zwei neue Segway Max G3D glänzen vor uns wie frisch gewachste Kampfhunde. Kein Vergleich zu den G2D – die hatten was Gemütliches. Die G3D dagegen … die wirken, als würden sie einem voll auf die Glocke hauen, wenn man zu lange zögert.

Ich schalte meinen an. Er piept, das Display geht an, zeigt alles außer meinem Blutdruck. Silke steht daneben. Schaut kurz auf den Bildschirm, dann auf mich. „Boost-Modus?“
Ich nicke. „Natürlich Boost.“

Wir tippen gleichzeitig auf das Symbol. Kraftmodus aktiviert. Ein Hauch Testosteron liegt in der Luft, obwohl wir beide wissen: Die Dinger haben’s drauf – wir leider nicht.

Ich will gerade noch sowas sagen wie: „Warte mal kurz, das Ding zieht ordentlich an …“

Da sehe ich Silke schon – aus dem Augenwinkel. Wie sie an mir vorbeifliegt.

Also wirklich fliegt. Nicht auf dem Roller. Hinter dem Roller. Der Scooter hebt vorne krass ab – ich schwöre, das Ding war mindestens einen halben Meter in der Luft. Vorne frei, hinten Dampf, volle Pulle Richtung Freiheit. Und Silke? Hände am Lenker. Füße auf Wanderschaft. Sie läuft mit. Schnell. Dann schneller. Dann eher so hinterhergezogen.

Ich rufe noch völlig überfordert: „Was machst du da?!“ Aber dann liegt sie schon. Mitten auf dem Asphalt. Meine Silke, auf dem Roller.

Stille.

Vögel singen. Irgendwo mauzt eine Katze. Ich pinkel mir fast in die Hose vor lachen. Und Silke hebt triumphierend die Hand, als hätte sie gerade ein wildes Tier erlegt.

„Ich hab ihn!“, sagt sie. Staub im Haar, leicht zerzaust, aber stolz wie Oskar.

Ich gehe zu ihr, reiche ihr die Hand, hebe den Scooter hoch. „Du hast ihn besiegt.“
Sie: „Ich hab ihn gebändigt.“
Ich: „Respekt und Anerkennung. Ich bin stolz auf dich.“
Sie klopft sich die Knie ab, leckt sich den blutenden Finger.
Dann sage ich: „Wieso machst du hier einen auf Chaos-Queen? Das ist mein Job.“
Sie schaut mich an, ohne den Hauch eines Lächelns. Dann sagt sie: „Du bist vielleicht das Chaos. Aber ich bin die Show.“ Und zieht sich ein Steinchen aus dem Knie, als wär’s das Finale einer Zirkusnummer.

Wir steigen wieder auf. Diesmal ohne Boost. Wir haben daraus gelernt – oder sagen wir: Silke hat’s für uns beide ausgetestet.

Die Straße liegt ruhig vor uns, das Licht der G3D brennt so hell, dass wahrscheinlich irgendwo ein Fluglotse denkt, wir begehen eine Luftraumverletzung. Dreimal heller als bei den alten Rollern – die waren eher so Glühwürmchen im Landeanflug. Jetzt leuchten wir wie Flutlichtanlagen auf Rädern.

Wir biegen ab in die nächste Seitenstraße, dann links, dann … ja, keine Ahnung. Wir fahren einfach. Planlos. Tempo: „So schnell wie nötig, so würdevoll wie möglich.“

„Wo sind wir hier?“, fragt Silke irgendwann. Ich blinzele in die Dunkelheit, schaue mich um, als könnte ich aus der Position der parkenden Autos irgendwas ableiten. Dann sage ich: „Keine Ahnung. Du bist doch hier die Eingeborene, ich bin nur zugezogen.“
„Ich bin aber nicht der verdammte Navi-Gott“, schmettert sie mir entgegen.

Wir fahren weiter. Der Asphalt endet. Der Schotter beginnt. Die G3D nicken nur kurz – als wollten sie sagen: „Na und?“ Die Dinger ziehen einfach durch. Kein Ruckeln, kein Meckern, kein „Ich kann nicht mehr“ – also genau das Gegenteil von mir.

Silke fährt vor, ich hinterher. Der Weg windet sich durch die Dunkelheit. Ein bisschen wie unsere Beziehung an Tagen bei IKEA. Dann – plötzlich – Licht. Nicht von uns. Sondern von Straßenlaternen. Ein Ortsschild. Eine Tankstelle. Zivilisation.

Und Silke sagt irgendwann leise – fast ehrfürchtig: „Ich glaub, wir haben’s wirklich geschafft.“ Ich nicke. Nicht weil ich’s auch glaube, sondern weil ich instinktiv spüre: Jetzt bloß keine hektische Bewegung machen, die das Schicksal provoziert.
Dann, kurz bevor wir um die letzte Ecke biegen, sag ich: „Silke?“
Sie dreht sich um. „Was?“
Ich zeige nach vorn. „Da ist unser Zuhause. Wir leben noch. Und die Scooter auch.“
Sie schaut auf ihren Roller, dann auf mich. „Tja“, sagt sie. „Zwei Menschen, vier Reifen, keinen Plan – aber angekommen sind wir.“

Am nächsten Morgen. Frische Luft, freie Bahn, Restmüdigkeit in den Knochen – aber ich bin entschlossen. Heute wird getestet. Ich will wissen, was das Ding wirklich kann. Also füttere ich die CyclersApp mit allem, was sie wissen muss: Rundfahrt, mindestens 67 Kilometer, Drive-Modus, keine Autopilot-Ausreden.

„Laut Beschreibung schafft der Akku 75 Kilometer“, murmele ich. „Aber ein bisschen Schwund ist ja immer. Wie bei meinen gerösteten, gesalzenen Erdnüsschen – ich weiß nie, wer nachts heimlich genascht hat.“

Die App rechnet. Und rechnet. Und rechnet. Dann spuckt sie eine Route aus. Ich bin bereit.

Ich gucke zu Silke und sage: „Los geht’s. Einfach hinter mir bleiben.“

Der Weg schlängelt sich, mal hoch, mal runter, aber der G3D zieht souverän durch – als hätte er morgens einen Espresso und zwei Proteinriegel gefrühstückt. Keine Schwäche, kein Murren, einfach Leistung. Ich werfe regelmäßig einen Blick aufs Display. Noch 88% Akku.
„Passt“, sage ich.
Silke: „Mit oder ohne Rückweg?“
Ich tue so, als hätte ich’s nicht gehört.

Hinter uns schnauft ein Radfahrer vorbei – Oberkörper frei, knappes Höschen, Sonnenbrille auf, der Inbegriff männlicher Selbstüberschätzung auf zwei schmalen Reifen.
Silke guckt ihm hinterher und sagt trocken: „Wärst du so gefahren, hätte ich dich nicht geheiratet.“ Ich sage nichts. Weil ich weiß: Wir sind nicht verheiratet. Und weil ich weiß: Wenn ich jetzt was Kluges sage, habe ich garantiert den Rest der Strecke Gegenwind.

Nach einer Stunde machen wir eine kurze Rast in einem kleinen Ort bei Zülpich. Wir setzen uns auf eine Bank, die aussieht, als hätte sie schon bessere Zeiten erlebt – modrig, schief, leicht beleidigt vom Leben.

Ein kleiner Junge kommt mit seiner Mutter vorbei, bleibt stehen, zeigt auf uns und sagt laut genug, dass es auch der Bäcker zwei Straßen weiter hören kann: „Guck mal, Mama! Die sind voll alt, aber die fahren trotzdem noch Roller!“

Ich schaue Silke an. Silke schaut mich an.
Dann sage ich mit ruhiger Stimme, aber in der Tonlage eines drohenden Gewitters: „Und wenn ich aufstehe, fahre ich auch noch Skateboard, du verzogener Klappspaten.“

Der Junge geht weiter. Die Mutter flüstert leise „Entschuldigung“.

„Micha, musst du immer gleich so reagieren?“ Ich lehne mich zurück, die Arme hinterm Kopf verschränkt.
„Ich habe doch gar nichts gemacht. Ich habe ihn nur … pädagogisch begleitet.“

Sie schüttelt den Kopf. „Es ist dir klar, dass du gerade ein Kind als Klappspaten bezeichnet hast, oder?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe ‚verzogen‘ gesagt. Das mildert die Strafe etwas.“

Wir rappeln uns auf. Silke murmelt noch irgendwas von „So benimmt sich doch kein Erwachsener“.
„Wenn ich erwachsen wäre, würde ich jetzt bei Obi rumlungern und über Rasenmäher philosophieren. Willste das?“, frage ich.

Ich klopf mir das Moos vom Hintern, Silke seufzt leise, als würde sie kurz überlegen, ob sie mich einfach hierlässt.
„Weiter?“, frage ich, als ob es eine echte Option wäre, hier Wurzeln zu schlagen.

Sie nickt, mit einem Blick, der sagt: „Ich bin dabei. Aber wehe, du blamierst mich nochmal vor einem Grundschüler.“

Ich fahre vorneweg, Silke hinter mir – als hätten wir was vor, obwohl wir genau wissen: Wir lassen es einfach passieren. Der Weg führt raus aus dem Ort, vorbei an Feldern, die so langweilig sind, dass selbst die Kühe sich gegenseitig angähnen.

Dann passiert es.

Hinter mir ein Schrei. Kein langer, kein dramatischer. Nur so ein plötzlicher, scharfer Laut, der alles in mir sofort auf Alarm schaltet. Ich bremse. Drehe mich um.

Und sehe Silke. Mitten im Abgang.

Also, das ist kein klassischer Sturz. Es ist mehr so ein kontrolliertes, aber sinnloses Manöver zwischen Roller, Straßengraben und Bordstein, das am Ende dazu führt, dass Silke mit dem halben Roller auf der Straße steht, und mit dem anderen halben Willen versucht, nicht nach hinten umzukippen.

Ich brülle: „Was machst du da?! Sag mal, hör auf mit dem Quatsch, das ist gefährlich!“ Sie schaut mich an, als wäre ich das Problem. Dann sagt sie – völlig trocken, völlig ernst: „Ich musste niesen.“

Pause.

„Und zack – die Eule – war ich weg.“

Mehr sagt sie nicht. Kein weiteres Wort. Sie hält die Balance, richtet den Lenker und schüttelt den Kopf wie jemand, der sich selbst nicht ganz versteht, aber trotzdem weitermacht.

„Kannst du nicht mal auf gerader Strecke einfach nur geradeaus fahren?“, frage ich.
„Doch, kann ich. Aber wo bleibt denn da der Nervenkitzel?“, antwortet Silke.

Wir fahren wieder los. Langsam. Weil ich ja nicht weiß, was als Nächstes kommt. Ein Husten mit Abflug? Ein Jucken am Arsch und sie reißt den Lenker rum?

Aber Silke fährt hinter mir. Souverän. Als wäre nichts gewesen. Und ich liebe sie dafür.

Dann erreichen wir Zülpich. Vorbei am Edeka, vorbei an parkenden Autos, vorbei an einem Rentner mit Rollator – als plötzlich von hinten ein Urschrei kommt:

„STOOOOP!“

Ich reiße den Lenker rum, denke kurz, ein Kind sei unter ihr Vorderrad geraten, aber nein: Silke hat die Eisdiele entdeckt. Mit dem Blick eines ausgehungerten Berglöwen steuert sie zielsicher auf das Ziel aller ihrer Träume zu: Solo Qui– mit einer Eiskarte, die länger ist als die Bibel.

Wir stellen die Roller ab. Natürlich nicht einfach irgendwo.
„Nicht in der prallen Sonne, du willst doch den Akku nicht grillen“, sagt Silke, während sie ihrem Scooter liebevoll einen Schattenplatz zuweist, als wär’s ein Kleinkind im Hochsommer. Ich folge ihrem Beispiel.
Zwei Minuten später sitzen wir – wie durch ein göttliches Wunder – an einem der letzten freien Tische unter einem dieser windschiefen Sonnenschirme, die nur dann Schatten spenden, wenn man sich nicht bewegt. Ich bleibe also stocksteif sitzen.

Um uns herum: das Who-is-Who von Zülpich. Silke blättert durch die Karte, als müsste sie ein Kreuzworträtsel lösen. „Ich nehm … hmm … Schoko, Nutella und Malaga, ohne Sahne aber mit extra Schokosoße.“ Ich bestelle Schoko, Stracciatella und auch Malaga, aber mit Sahne und eine Cola-light.

Dann kommt das Eis. In diesen dickwandigen Glasschalen, wie sie schon in den 80ern in jeder guten Eisdiele standen. Schwer genug, um damit im Notfall eine Fensterscheibe einzuschlagen.

Meins: drei Kugeln, dekoriert wie ein Architekturmodell aus Kalorien, mit einem Sahnehäubchen, das sich so stolz türmt, als würde es sich jeden Moment selber bejubeln.

Silkes Bestellung dagegen ist einfach nur pornös. Drei Kugeln, dazu ein Schwall heißer Schokosauce, der sich wie Lava über alles ergießt. Keine Sahne – „weil das den reinen Geschmack verfälscht“, sagt sie, mit dieser Stimme, die nach Genuss klingt und nach Dingen, die man nicht auf einer Speisekarte findet.

Dann nimmt sie den ersten Löffel. Schließt die Augen. Und zieht ihn langsam über die Lippen, als würde sie prüfen, wie Sünde eigentlich schmeckt. Ich sehe zu. Und ich weiß ganz genau: Wenn ich jetzt auch nur einen Satz sage, rutscht mir was raus, das man zwischen Kindern nicht sagen sollte. Also bleib ich still. Aber in meinem Kopf schreit alles: So isst kein Mensch Eis. So verführt man. Mit Eis. Mit Schokolade.

Und während sie dasitzt, leicht zurückgelehnt, mit glänzenden Lippen und diesem „ich will gar nicht wissen, woran du gerade denkst“-Blick, stocher ich lustlos in meinem Eisbecher. Denn das hier ist kein Nachtisch. Das ist ein Vorspiel.

Plötzlich, ein unachtsamer Moment. Vielleicht war’s ein nervöser Reflex. Vielleicht war’s Silkes Blick, der mich für einen Sekundenbruchteil aus der Umlaufbahn geschossen hat. Auf jeden Fall stoße ich mit meiner Hand an meinen Eisbecher – und zwar so präzise, wie es kein Architekt mit Zirkel und Laser hinbekommen hätte.

Die Schüssel kippt. Und landet dort, wo sie auf gar keinen Fall landen sollte.

Direkt in meinem Schoß!

Ich ziehe reflexartig die Beine zusammen, als würde ich versuchen, das Schicksal zwischen meinen Oberschenkeln einzuklemmen.

Doch es ist zu spät.

Ein kühler, feuchter Gruß trifft meine empfindlichste Region, gefolgt von einem halben Schwall flüssigem Stracciatella-Eis mit Sahne.

Ich reiße die Augen auf. Zische ein „Scheiße, das kann ja wohl nicht wahr sein!“ Dann fluche ich los – wie ein Rohrspatz:
„Verdammter Sahneberg, warum ausgerechnet da?!“ Ich schaue hektisch um mich, hoffe, dass niemand was gesehen hat. Natürlich haben alle was gesehen. Selbst der Hund unter’m Nebentisch guckt beschämt weg.

Silke sitzt gegenüber. Und lacht sich schlapp. Also nicht dieses Lächeln-mit-dem-Mund-und-mit-Anstand-lachen. Nein. Sie biegt sich. Hat Tränen in den Augen.
Und keucht nur: „Du … hast … dir … dein Ei … versüßt!“

Ich greife panisch nach den Servietten, als könnte ich damit das Ausmaß dieser Eis-Sahne-Apokalypse irgendwie in den Griff kriegen. Ich brauche Verstärkung.

„Silke … gib mir … Taschentücher. Schnell!“ Sie reicht sie mir. Mit zitternden Fingern – weil sie immer noch lacht.

Die Sahne zieht Fäden, und dieses verdammte Stracciatella-Eis hat längst begonnen, sich seinen Weg in Regionen zu bahnen, über die ich sonst nur beim Urologen spreche. Ich wische. Tupfe. Reibe. Ich fluche.
Und dann bricht Silke wieder in schallendes Gelächter aus. Sie beugt sich vor und sagt: „Na los, wisch ruhig weiter. Vielleicht wächst dir untenrum ja noch ein Dessertlöffel.“

Ich schaue sie an. Sie glüht vor Schadenfreude. Ich glühe vor klebriger Wut. Sie lehnt sich zurück, schaut auf den Sahnefleck, dann zu mir.
„Du weißt schon, dass die Leute jetzt denken, ich hab dich unter’m Tisch vernascht?“

Ich blicke an mir runter.
Es sieht wirklich … unglücklich aus. Ein Fleck, der Fragen aufwirft. Und keine davon möchte ich öffentlich beantworten.

Silke zieht genüsslich ihre Schokosauce durch die Eisschale, leckt den Löffel ab wie eine Frau, die genau weiß, dass ich gerade alles an Selbstachtung verloren habe.
„Weißt du, was du jetzt brauchst?“, fragt sie.
„’Ne neue Hose?“
„Nein. Einen Applaus. Für deinen feuchten Auftritt.“

Ich schaue böse. Und merke, wie mein Hintern am Stuhl festklebt. Die Sahne hat sich offenbar entschieden, sesshaft zu werden.

Ich will nur noch eins: hier weg. Am besten ungesehen. Ohne dass jemand ruft: „Oh, da ist der Typ mit dem fragwürdigen Fleck im Schritt.“ Silke versteht das. Sie wirft noch einen letzten Blick auf ihre Schokoschüssel – mehr liebevoll als nötig – und bezahlt, als hätte sie’s nicht eilig. Ich stehe inzwischen leicht gebeugt, mit einem Hüftschwung, der weniger sexy als notwendig ist, aber die schlimmsten Stellen kaschiert.

Wir steigen auf unsere Roller und gleiten los. Fluchtartig. Ohne Pause. Kein Smalltalk. Kein Nachdenken. Nur noch weg. Raus aus Zülpich. Zurück nach Kall. Heim. Dusche. Neue Hose. Neue Würde.

Ich habe den Akkustand fest im Blick. Mein Daumen schwebt über dem Display, als könne ich das Ding durch pure Konzentration verlängern. Silke fährt vor mir her, ohne ein Wort. Vielleicht aus Rücksicht. Vielleicht, weil sie weiß: Ich bin kurz davor, mit einem Sahnehintern in der Sonne zu schmelzen.

Irgendwo in den Feldern bei Mechernich – kein Ort, den man mit Hoffnung verbindet – piept mein Roller plötzlich. Akku bei 10 %. Ich blicke auf die Anzeige. Dann auf die nächsten Kilometer. Dann wieder auf den Akku. Das Display sagt faktisch: „Du kommst nicht an, Freundchen. Du hast es total verkackt.“

Der Weg steigt an. Natürlich. Mechernich liegt wie ein Arsch auf der Landkarte – immer dann im Weg, wenn’s anstrengend wird.

Ich bremse, steige ab. „Zu steil. Der frisst sich berghoch leer wie du durchs Schokoregal. Bergauf müssen wir schieben, sonst packen wir’s nicht.“
„Du bist gemein“, sagt sie. Und schiebt grinsend ihren Roller neben meinem her.

Wir schieben. Meter für Meter. Hoch. Langsam. Ich keuche. Silke schwitzt. Die Roller rollen hinter uns her wie zwei störrische Esel.
Ich stöhne: „Das ist nicht Fahren. Das ist eine Fitness-Challenge.“
Silke: „Immerhin wird dein Sahne-Fleck durch die Bewegung gleichmäßig verteilt.“

Ich sage nichts. Ich schiebe weiter. Wir sind ein Team. Zwei Menschen. Zwei Scooter. Und ein Restakku, der langsam ausläuft wie mein letzter Nerv.

Und dann — irgendwann zwischen einem letzten, kläglichen Hügel und der finalen Bergab-Gnade — erscheint es am Horizont: das goldene M.
Wie eine fettige Fata Morgana. Wie der Olymp der Couchkartoffeln.
Und ich weiß: Das ist Kall. Das ist Heimat. Wenn jetzt noch jemand Applaus klatscht, heul ich. Weil ich’s verdient hab, nach allem, was ich heute durchmachen musste.

Ich checke das Display. 6 Kilometer Restreichweite. Der Roller sagt: „Mach dir keine Sorgen, Bro, ich bring dich heim.“
Ich schaue nochmal an mir runter. Zwischen meinen Beinen sieht’s aus wie nach einem feuchten Traum.
Silke schaut mich an, grinst und sagt: „Na komm, Sahneschnittchen. Endspurt.“

Wir fahren ein wie Lokalmatadore, die keiner kennt, aber jeder bewundern würde – wenn er wüsste, was wir hinter uns haben. Kein Empfang, kein Tusch.
Nur wir zwei, leicht zerzaust und voll mit Geschichten, die keiner glauben würde.
Und trotzdem wahr sind.
Vorbei an der Eisdiele – diesem fröhlich-bunten Ort der Zuckerdämonen, diesem Symbol für Geschmack, Genuss … und für alles, was sich heute auf meine Hose ergossen hat.

Ich balle die Faust. Nicht vor Wut, sondern vor Stolz. Der Akku sagt: Noch 4 Kilometer. Er hat durchgehalten. Trotz aller Höhenmeter, trotz meiner Beschimpfungen eines sechsjährigen, trotz Silkes Grabenflug.

Wir fahren weiter, bis zur Haustür. Also wirklich bis direkt davor. Als würde der Scooter sagen: „Mach dir keine Sorgen. Ich lass dich nicht allein. Nicht auf den letzten Metern.“

Ich steige ab. Und ja — ich möchte diesen Moment einrahmen, unterschreiben und als Warnhinweis an alle Akku-Zweifler schicken.

Silke lehnt sich an die Hauswand und sagt: „Wenn du mich morgen nochmal fragst, ob ich mit dir 70 Kilometer durch die Eifel fahre, dann sprüh ich dir die Sahne direkt in die Unterhose.“

Und wir lachen. Laut. Erschöpft. Verliebt.
Wie zwei Menschen, die wissen: Wir haben vielleicht nichts Großes erlebt. Aber wir haben uns – so wie wir sind. Und das reicht für ein ganzes Leben.

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