Mit 10 Paar Schuhen und einem Monokini aus der Hölle

„Wir müssen packen“, sagt Silke.
Nicht fragend. Nicht fordernd. Einfach so.
Wie ein Richter das Urteil verkündet.
Ich sage nichts. Ich weiß: Jetzt wird’s ernst.
Ich stehe vor dem Koffer, als hätte ich ihn gerade zufällig auf einer archäologischen Grabung entdeckt.
Ein schwarzes, halbglänzendes Rechteck, das mich anstarrt wie ein gähnender Mund, der sagt: „Na los, versuch’s doch. Ich warte.“
Der Koffer ist leer. Und zwar auf die aggressive Art. Als wolle er mir sagen: „Du fliegst nicht nach Mallorca. Du fliegst ins Verderben. Und zwar in Badelatschen und Scham.“
Ich bin bereit zu scheitern, bevor ich überhaupt angefangen habe.
Vor uns liegen acht Tage Mallorca. Sonne, Strand, nackte Tatsachen.
Dafür muss ich jetzt entscheiden, welche 10 von 47 T-Shirts ich mitnehme. Silke ruft aus dem Flur: „Denk an die Sachen für abends. Nicht nur T-Shirts! Du bist 56, und keine 20 mehr.“
Ich antworte nicht.
Nicht aus Trotz. Sondern weil mein Gehirn in dem Moment mit der komplexen Aufgabe beschäftigt ist, das Konzept „für abends“ zu dechiffrieren.
Heißt das: lange Hose?
Oder: Hemd mit Kragen?
Oder: Sachen, die aussehen wie gebügelte Kompromisse?
Ich sehe den Koffer an. Er schweigt. Wie alle in diesem Haushalt, wenn es um Verantwortung geht.
Dann kommt Silke rein wie jemand, der weiß, was er tut.
Sie sieht mich an, so wie ein Lehrer früher auf meine Aufsätze geschaut hat: mild enttäuscht, ohne Hoffnung.
Dann sagt sie den Satz: „Du brauchst Struktur.“
Ich starre sie an. Ich – Micha, 56, Chaos-Queen mit der Lizenz zum Verlegen – brauche Struktur. Das ist, als würde man einem Kugelfisch sagen, er soll bitte eckig werden.
Aber ich nicke. Weil ich sie liebe.
„Hier“, sagt sie. „Das ist deine Packliste.“
Ich nehme das Blatt, lese:
- 7 T-Shirts
- 2 Hemden (für abends!)
- 2 kurze Hosen
- 1 lange Hose (für den Rückflug oder falls du dich irgendwo benehmen musst)
- Unterwäsche (nicht schätzen – zählen!)
- Badehose (die neue, nicht die mit dem ausgeleierten Gummi!)
- Flipflops
- Turnschuhe
- Sonnenbrille
- Ladegerät
- Deo
- Zahnbürste
Ich sehe auf.
Sie sieht mich an wie eine Frau, die genau weiß, dass ich versagen werde, aber sich die Mühe macht, mir vorher die Illusion von Autonomie zu schenken.
„Fragen?“ fragt sie.
Ich verneine.
Sie hat recht.
Aber sie weiß nicht, was ich vorbereitet habe.
Etwas, das tief in dem Seitenfach meines Koffers ruht.
Ein neongrüner, hautenger Borat-Schwimmanzug.
Ein Monokini aus der Unterwelt.
Ein modisches Verbrechen mit Ansage.
Ein textiler Schandfleck.
Ich habe ihn online bestellt, nachts, mit dem Wissen: Dieser Urlaub braucht Eskalation.
Ich werde ihn tragen.
Am Pool.
Mit Selbstvertrauen, das keiner versteht.
Und einer Tüte Erdnüsse in der Hand.
Denn die habe ich eben eingepackt.
Salzig, geröstet, goldrichtig.
Ich halte die Tüte hoch.
„Wichtiger als Unterhosen“, sage ich.
Silke rollt die Augen.
„Du liebst die Dinger mehr als mich.“
„Ich liebe dich auch. Aber Erdnüsse enttäuschen nie. Und ich krieg keine Pickel davon.“
Sie geht.
Und sagt beim Rausgehen nur:
„Chaos-Queen.“
Ich bin nicht beleidigt.
Ich habe die Erdnüsse – und ein geheimer Badeanzug wartet auf seine große Stunde.
Eine Stunde später habe ich es bis zu den Schuhen geschafft.
Zwei Paar liegen vor dem Koffer wie Angeklagte im Prozess meines eigenen Scheiterns.
Ein Paar Turnschuhe, und ein Paar Sandalen, bei denen sogar der Spiegel im Flur die Augen zusammenkneift.
Silke kommt wieder rein. Sie ist nicht überrascht. Sie hat diesen Ausdruck im Gesicht, den Leute haben, wenn sie einem Kleinkind zusehen, das versucht, eine Banane mit einem Löffel zu essen.
Mildes Mitleid, gemischt mit der Hoffnung, dass wenigstens nichts brennt.
„Du brauchst Flipflops“, sagt sie.
Ich zeige auf die Sandalen.
„Das sind … Gladiatoren-Reste.“
„Die sind bequem.“
„Die sind ein modisches Verbrechen in drei Akten.“
Ich nicke.
„Also wie mein Leben.“
Sie flüstert: „Was, wenn du abends essen gehst und das Licht komisch ist?“
Also kommt noch ein Paar dazu.
Eins, das gut zu dunklen Hosen passt.
Und eins, das gut zu keiner Hose passt, aber halt geil aussieht.
Dann fällt mir ein: Ich brauch was für den Strand. Und was, falls wir wandern.
Als ich fertig bin, stehen zehn Paar Schuhe in Reih und Glied vor dem Koffer.
Lola, die Katze, sitzt mittendrin, als wäre sie das gallische Dorf und die Schuhe drumherum die Römer.
Silke kommt schon wieder rein, sieht das Szenario.
Sie bleibt stehen. Sie sagt nichts. Ihr linkes Augenlid zuckt leicht.
„Willst du einen eigenen Koffer nur für die Schuhe?“, fragt sie.
Ich sage: „Das wäre lösungsorientiert.“
Sie sagt: „Das ist pathologisch.“
Dann zählt sie laut mit: „Drei Paar Sneaker, zwei Sandalen, ein Paar Wanderschuhe, ein Paar Slipper, zwei Espadrilles, einmal irgendwas mit Seilsohle … Sag mal: Ziehst du auf der Insel einen Laufsteg durch?!“
Ich sage: „Ich habe mich entwickelt.“
Dann öffne ich heimlich den Reißverschluss vom Seitenfach.
Ich kontrolliere, ob der Borat-Anzug noch da ist.
Er ist da.
Unberührt.
Eine Zeitbombe aus Stoff.
Ich flüstere: „Bald.“
Silke sieht mich.
„Was hast du da gesagt?“
„Ich … äh … bald bin ich fertig. Mit Packen.“
Sie nickt.
Langsam. Misstrauisch. Und geht.
Lola gähnt.
Ich schiebe die Seilsohlenschuhe etwas näher an den Koffer.
Es wird eng.
Sehr eng.
Ich stehe vorm Badezimmerregal.
Ziel: der Kulturbeutel.
Silke sagt immer: „Du brauchst nicht viel. Zahnbürste, Deo, Rasierer, fertig.“
Ich sage: „Ich bin 56. Ich brauch mindestens 12 Dinge, damit ich nach Urlaub aussehe und nicht wie ein U-Boot-Offizier nach fünf Wochen im Maschinenraum.“
Also geht’s los:
Zahnbürste – elektrisch.
Netzteil – natürlich vergessen, nochmal zurück.
Deo-Spray, weil ich Angst vor Roll-ons habe (aber das ist eine andere Geschichte).
Rasierer, Ersatzklinge, das Gel, das die Haut beruhigt, das andere Gel, das angeblich jünger macht – seit 2019 kein sichtbarer Effekt, aber ich halte daran fest wie an einem kaputten Regenschirm: aus Prinzip.
Dazu: Sonnencreme. Lichtschutzfaktor 50.
Nicht, weil ich so empfindlich bin, sondern weil ich keine Lust habe, am dritten Tag auszusehen wie ein halbgarer Hummer mit Schuhfaible.
Dann kommen die Ladegeräte.
Eins fürs Handy, eins fürs Tablet, eins für den Kindle, eins… keiner weiß mehr, wofür das war, aber man trennt sich ja ungern.
Ich stopfe alles in den Kulturbeutel.
Der Reißverschluss spannt.
Ich drücke nach.
Es knackt leicht.
Ein Geräusch wie das letzte Aufbäumen eines Plastiksoldaten auf einem überfüllten Schlachtfeld.
Silke kommt rein, schaut auf den Beutel.
„Was hast du da drin? Die Minibar aus dem Hotel von letztem Jahr?“
Ich sage: „Notwendigkeiten.“
Sie sagt: „Mhm. Sag Bescheid, wenn du aus deinem 14-teiligen Männerpflegekonzept auch noch ein eigenes YouTube-Tutorial machst.“
Dann schiebe ich den Beutel mit Gewalt in den Koffer.
Er passt rein.
Weil ich mich draufsetze.
Es ist später Nachmittag.
Der Koffer ist fast voll.
Also … gefühlt voll.
Tatsächlich liegt alles irgendwie so drin, als hätte ich mit verbundenen Augen Tetris gespielt – auf einem Schiff, das gerade sinkt.
Silke schaut rein. Dann auf mich. Dann wieder in den Koffer.
„Dir ist schon klar, dass du noch keine Badehose eingepackt hast?“, fragt sie.
Ich friere kurz innerlich.
Die Badehose.
Die letzte Grenze zwischen Urlaub und Selbstachtung.
Ich habe zwei zur Auswahl:
Eine schwarze, unauffällige.
Und die andere.
Die andere ist … mutig.
Enge Passform.
Farbe: Türkis mit rosa Flamingos.
Ich nenne sie la flamboyante.
Silke nennt sie: „Der Grund, warum der Strand plötzlich leer war.“
Ich ziehe sie aus der Schublade, halte sie hoch wie ein heiliges Artefakt.
Silke hebt die Augenbraue.
„Wenn du die anziehst, Micha … dann krieg ich wieder diese Blicke.
Diese ‚Oh Gott, die ist mit dem zusammen‘-Blicke.“
Ich sage: „Aber sie macht einen geilen Hintern.“
Sie sagt: „Für wen? Für Menschen mit Trauma-Erfahrung?“
Ich zögere.
Die schwarze Hose wäre sicher.
Die Flamingos wären … Statement.
Lola springt aufs Bett.
Legt sich auf die Flamingohose.
Räkelt sich darauf, als hätte sie einen Vertrag mit Vogue Living.
Ich nehme das als Zeichen.
Ich packe beide ein.
Denn wer bin ich, zu entscheiden, in welcher Stimmung mein Arsch am Pool sein wird?
Silke seufzt.
Dann sagt sie leise:
„Du bist unmöglich.“
Ich sage: „Aber bunt.“
Sie sagt: „Chaos-Queen.“
Und ich nehme das wie einen Ritterschlag.
Dann ziehe ich den Koffer zu.
Er schließt.
Knapp.
Ich nicke zufrieden.
Silke sagt: „Wir fliegen übermorgen. Denk dran: Morgen packen wir meinen Koffer.“
Mir wird schlagartig schlecht.
Denn ich weiß:
Morgen ist ihr Koffer dran.
Und da geht’s nicht um Flamingos.
Da geht’s um Ordnung.
Und Farbe nach Tageszeit.
Vielleicht habe ich keinen Plan.
Aber ich habe Silke.
Und das reicht, um überall anzukommen.
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