Eine Beziehungsgeschichte mit Senf, Stil und Sabber

Samstagmorgen, Parkplatz IKEA Köln-Godorf.
Der Wind pfeift uns um die Ohren, als wolle er sagen: „Geht nach Hause, ihr Trottel. Hier endet eure Beziehung.“
Ich stehe da, Jacke an, Blick leer, Puls bei Drei.
Meine Frau schaut mich an wie eine Regisseurin kurz vor der Generalprobe.
„Wir brauchen nur ein paar Kleinigkeiten.“
Ich nicke.
Einfach, weil man in einer Beziehung manchmal nickt, um später in Ruhe meckern zu dürfen.
In ihrer Hand: eine Einkaufsliste.
Zehn Positionen, fein säuberlich aufgeschrieben.
Was wahrscheinlich später im Auto liegen wird: Teelichter.
So viele, dass man damit eine halbe skandinavische Kleinstadt hell erleuchten könnte.
Ich frage: „Einkaufswagen?“
Sie: „Ach was, wir gucken ja nur mal.“
Und ich höre, wie irgendwo ein Verkaufspsychologe einen Prosecco aufmacht.
Die Türen gehen auf.
Wir betreten das Gebäude.
Und ich weiß: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Es riecht nach Zimtschnecken, Köttbullar – und gescheiterten Ehen.
Ich denke:
„Vielleicht schaffen wir’s ja. Vielleicht …“
Dann sehe ich die erste Raumausstellung.
Und ich weiß: Wir schaffen es nicht.
Der IKEA-Denkmalweg – zu Ehren all der Männer, die hier den Verstand verloren haben.
Das ist dieser Bereich, wo man sich nicht wie ein Kunde fühlt, sondern wie ein unerwünschter Mitbewohner. Plötzlich steht man im Wohnzimmer eines Lebens, das man nie führen wird.
Eins mit grauen Sofas, leisen Farben und Menschen, die am Wochenende Quinoa sagen, ohne zu lachen.
Silke bleibt vor einem Raumensemble stehen und seufzt tief.
So ein bedeutungsschweres Seufzen.
Das Seufzen einer Frau, die gerade beschlossen hat, ihr Leben zu ändern – mit Hilfe eines Beistelltisches namens „VIRSNÖRK“.
„Guck mal, wie schön das alles ist“, sagt sie.
Ich sage: „Sieht aus wie eine Zahnarztpraxis mit Kissen.“
Sie ignoriert mich.
Das kann sie gut.
Sie ignoriert mich regelmäßig mit so viel Eleganz, dass es fast bewundernswert ist.
Wir setzen uns auf ein Sofa.
Also sie setzt sich.
Ich versuche es auch – und das ist der Moment, an dem ich verstehe:
Dieses Sofa wurde nicht für Menschen gebaut.
Es wurde für Ideen gebaut. Für Konzepte. Für Wesen ohne Knie.
Ich lasse mich also fallen, in der Annahme, dass da gleich ein Sitzpolster kommt.
Kommt aber nicht.
Ich sacke durch.
Komplett.
Als hätte das Möbelstück im letzten Moment entschieden, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Ich falle rücklings in eine Kuhle, die aussieht, als wäre sie von einem überdimensionalen Riesenpopo vorgewärmt worden.
Ein Arm hängt runter, ein Bein steht hoch. Ich höre Geräusche in meinem Rücken, die sonst nur in Dokus über kontinentale Plattenverschiebungen vorkommen.
Silke dreht sich um, sieht mich – und statt Mitleid kommt dieser Satz, ganz trocken:
„Du musst dich einfach mal entspannen.“
Ich sag: „Ich bin schon fast unter der Erdoberfläche. Ich bin ein geologisches Ereignis. Wahrscheinlich komme ich hier nie wieder raus.“
Dann passiert’s.
Plötzlich vibriert es.
Kurz, schrill, elektrisch, rhythmisch.
Nicht irgendwo.
Nicht außen.
Unter mir.
Erst sanft.
Dann hart.
Dann rhythmisch, mit Überzeugung.
Ich friere ein.
Silke dreht sich um, sieht mich da liegen.
Und fragt trocken:
„Was machst du da?“
„Silke, da bewegt sich was! Unter mir!“
„Hast du dein Handy in der Tasche?“
„Nein! Ich habe GAR NICHTS in der Tasche!“
Ich bewege mich vorsichtig, als hätte ich versehentlich ein Hühnerei ausgebrütet.
Ich will aufspringen.
Ich kann nicht.
Ich bin Teil des Sofas geworden.
Ich befinde mich mitten in einer Vibrationszone.
Sie sieht es.
Sie sieht es als Erste.
Sie bricht zusammen.
Vor Lachen.
Ich versuche mich zu befreien.
Ich komme nicht hoch.
Mein rechter Arm steckt in einem Spalt, mein linkes Bein hängt in der Luft.
Ich sehe aus wie ein Mann, der versucht, sich selbst zu falten.
Wir erstarren beide.
Silke japst:
„Das ist … das ist … oh mein Gott … das ist eindeutig ein Vibrator, getarnt als Mini-Banane.“
Eine Frau nähert sich.
Zirka Mitte vierzig, lange Haare, rote Wangen vor Scham.
Sie bleibt stehen.
Sie sieht mich.
Sie sieht das vibrierende Ding unter mir.
Und sagt mit zittriger Stimme:
„Ähm … Entschuldigung, aber das, was Sie da benutzen … ich glaub, das gehört mir …“
Ich liege da.
Regungslos.
„Ich benutze es nicht, das war ein Unfall. Ich … ich sitze nicht absichtlich auf sowas im öffentlichen Raum. Es hat angefangen, bevor ich es konnte.“
„Ich … ich habe das hier vorhin verloren … es ist … äh … kabellos.“
Ich: „Ja. Und kontaktfreudig.“
Sie greift vorsichtig zu –
schnappt sich das vibrierende Bananenobjekt und will rückwärts verschwinden.
„Tut mir wirklich leid!“, flüstert sie, während sie sich entfernt.
Ich: „Mir auch. Vor allem innerlich.“
Silke liegt auf dem Sofa neben mir und lacht sich die Frisur schief.
Ich komme immer noch nicht hoch.
Mit einem lauten Plopp zieht Silke mich aus dem Sofa.
Dann sagt sie: „Wir brauchen noch ein bisschen was Kleines fürs Wohnzimmer. Nur so zum Hinstellen.“
Ich übersetze innerlich:
Wir werden 73 Gegenstände kaufen, von denen 72 entweder leuchten oder duften.
In weiser Voraussicht hole ich einen Einkaufswagen. Nicht, weil ich etwas transportieren muss – sondern damit ich etwas zum Festhalten habe, wenn der Wahnsinn beginnt.
Und er beginnt.
Wir betreten die Dekoabteilung.
Es ist der IKEA-Abschnitt, in dem Männer anfangen, Dinge anzufassen,
nur um irgendetwas zu tun.
Ich greife nach einer Kerze.
Sie ist in einem Glas.
Sie heißt „SINNLIG“.
„Riecht laut Aufdruck nach ‚Granatapfel & Sandelholz‘.
Ich ziehe den Deckel ab.
Fehler.
Ein Geruch schlägt mir ins Gesicht,
als hätte jemand einen Früchtetee
mit einem Harzer Käse gekreuzt.
Ich taumle einen Schritt zurück.
Ein Regal.
Ich stoße dagegen.
Es klirrt.
Silke ruft aus dem Nebengang:
„Chaos-Queen, ich höre dich. Was treibst du schon wieder?!“
Ich: „Ich habe versehentlich in was reingerochen, das nach Stinkefüße riecht.“
Stille.
Ein kurzes Räuspern.
Dann Silkes Stimme, diesmal näher,
mit diesem gefährlich amüsierten Unterton:
„Du meinst die mit ‚Granatapfel & Sandelholz‘? Die habe ich auch schon getestet. Die ist bitterböse.“
Ich nicke, obwohl sie es nicht sieht.
„Ich glaube, ich habe mir die Nasenhaare verklebt.“
„Okay“, sage ich, „ab jetzt nur noch Sachen, die nicht duften. Holzschneidebretter, Küchenhandtücher. Oder Vorhänge. Am besten welche, die mich umarmen und nie wieder loslassen.“
Silke streift weiter durch die Dekoabteilung, als würde sie nach etwas suchen, das sie gar nicht braucht – aber von dem sie ganz sicher weiß, dass es in Form von 180 kleinen weißen Kerzen enden wird.
Und genauso kommt’s.
Sie greift zu.
Einmal die Großpackung.
Dann die zweite – „falls Besuch kommt“.
Ich sage:
„Haben wir nicht schon einen ganzen Schrank voller Teelichter?“
Sie sagt:
„Ja, aber da sind welche drin, die ich nicht mehr mag.“
Ich nicke.
Nicht zustimmend.
Einfach nur, um nicht diskutieren zu müssen.
Sie legt noch eine dritte Packung in den Wagen.
„Duftneutral“, sagt sie, „für Gäste, die empfindlich sind.“
Ich: „Ich bin empfindlich. Seit drei Abteilungen.“
Wir sehen beide auf die Kerzen.
Sie flackern nicht.
Ich schon.
Dann sagt sie:
„Komm, wir sind fast durch. Nur noch kurz durch den Kleinkram – dann zur Kasse.“
Nur noch kurz durch den Kleinkram.
Das ist bei IKEA so, als würde ein Zahnarzt sagen:
„Wir sind fast fertig. Ich muss nur noch mal kurz bohren.“
Ich nicke.
Natürlich nicke ich.
Ich hab’s ja aufgegeben, zu denken.
Und da ist er:
Der schmale Gang.
Links Spülbürsten, rechts Servietten, in der Mitte der Tod in 99-Cent-Einheiten.
Hier stirbt der letzte Rest Selbstbeherrschung.
Silke greift zu.
Topflappen.
Holzlöffel.
Eine Miniaturpflanze.
Ich sage:
„Ist das nötig?“
Sie schaut mich an.
Ihr Blick sagt alles.
Vor allem: „Du bist süß. Aber irrelevant.“
Wir stehen an der Kasse.
Der Wagen ist voll.
Nicht mit Dingen, die wir brauchen –
sondern mit Dingen,
die jetzt einfach da sind.
Silke sortiert alles aufs Band.
Teelichter.
Noch mehr Teelichter.
Topflappen.
Pflanze.
Kerze.
Kerze.
Kerze.
Servietten.
Wieso auch nicht.
Ich schaue auf den Haufen
und überlege, ob man das einfach „Lebensstil“ nennen kann, oder schon „kleine Intervention“.
Der Scanner piept.
Silke sagt:
„Wir sind echt gut durchgekommen heute.“
Ich nicke mal wieder.
Nicht aus Überzeugung,
sondern weil mein Körper das Nicken automatisch aktiviert,
wenn ich im IKEA stehe, ohne meine Beziehung zu riskieren.
Wir rollen unseren Wagen zur Hotdog-Theke.
Es riecht nach Hoffnung.
Nach Wärme.
Nach künstlicher Geborgenheit.
Wir nehmen den Klassiker:
Brötchen, Wurst, Senf, Ketchup, aber ohne Zwiebeln.
Ich stehe da, das labbrige Brötchen in der Hand.
Ich beiße beherzt rein – und dann passiert es:
Das Würstchen – von einer Mischung aus Gravitationskräften und reiner Bosheit getrieben – schießt vorne aus dem Brötchen. Wie ein Torpedo, das nach einem Ziel sucht.
Ich sehe es noch.
In Zeitlupe.
Wie in einem Actionfilm.
Das Würstchen fliegt.
Majestätisch.
Entschlossen.
Es überquert die Hotdog-Theke, streift die Schulter eines Mannes, der einfach nur gehofft hatte, dass es heute bei IKEA nicht eskaliert.
Es zischt knapp an einer Rentnerin vorbei, die gerade versuchte, Senf in diese kleinen IKEA-Pappbecher zu schütten.
Und dann … dann landet es.
Mit einem satten, schmatzenden Geräusch
… in einem fremden Kinderwagen.
Das Baby schaut erst irritiert, dann begeistert, und packt sofort zu.
Die Mutter dreht sich um, sieht ihr Kind fröhlich ein fremdes Flugwürstchen lutschen – und schreit in einer Tonlage, die tote Blumen wieder zum Blühen bringen könnte.
Ich stehe da.
Halbes Brötchen in der Hand.
Senf am Kinn.
Ein Gesichtsausdruck zwischen „Gott steh mir bei“ und „vielleicht merkt es ja keiner“.
Silke steht neben mir,
tränenlachend,
die Schultern zucken,
sie sagt nur:
„Du bist so ein Chaot. Aber meiner.“
Ich überlege kurz, mich in der Kotbüllar-Ausgabe zu verstecken und unter falschem Namen neu anzufangen. Aber es ist zu spät.
Ein IKEA-Mitarbeiter wischt wortlos den Boden,
Ich kaue.
Silke lacht.
Das Kind zwinkert mir zu und sabbert auf mein Würstchen.
Und ich denke: Nächstes Mal nehme ich Extra scharf.
Sie hakt sich bei mir ein.
„War doch gar nicht so schlimm heute“, sagt sie.
Ich nicke. Nicht, weil’s angenehm war.
Sondern weil ich sie liebe.
Und weil echte Nähe bedeutet,
dass du auch dann bleibst,
wenn dein Würstchen auf Reisen geht.
Und sie hinter dir steht, anstatt zu gehen.
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