Ein Erfahrungsbericht aus der Küche zwischen Wahnsinn und wachwerden

Ich habe eine Kaffeemaschine.
Also nicht irgendeine.
Nicht so ein Ding mit „Ein“- und „Aus“-Schalter.
Sondern ein 900-Euro-Gerät aus der Kategorie „Barista Deluxe 9000 IRON Edition.“
Was schon so klingt, als könnte es Kaffee machen und nebenbei Satelliten abschießen. Ein Vollautomat mit Touchscreen, Entkalkungskalender und der Persönlichkeit eines nörgeligen Verwaltungsbeamten.
Für viel Geld.
Freiwillig.
Mit dem naiven Gedanken:
Jetzt wird alles besser.
Wurde es nicht.
Ich habe mir ein Gerät ins Haus geholt,
das aussieht wie R2-D2 mit Espresso-Profilneurose
und morgens schlechte Laune hat.
Genau wie ich.
Denn, seitdem habe ich keinen Kaffee mehr getrunken.
Sondern nur Dialoge geführt.
Mit einem Gerät, das mehr Knöpfe hat als mein Laptop.
Und mir morgens um 5 Uhr auf dem Display Dinge sagt wie:
„Brühgruppe reinigen.“
Ich wusste bis dahin nicht mal, dass ich eine Brühgruppe habe.
Ich habe in der Schule nicht mal Gruppenarbeit gemocht.
Jetzt steh ich da – müde, zerknittert, leicht verwahrlost –
und versuche, irgendein kompliziertes Innenleben rauszuziehen, das aussieht wie ein Gerät, das nachts heimlich Kafka liest und morgens deinen Willen brechen will.
Dann fragt sie mich:
„Wasser nachfüllen?“
Ich denke: Klar.
Mache ich.
Fülle also nach.
Drücke auf „Start“.
Und die Maschine sagt:
„Bohnenbehälter leer.“
Na gut.
Ich fülle Bohnen nach.
Ich bin ja kein Unmensch.
Drücke nochmal „Start“.
Die Maschine:
„Tropfschale voll.“
Ich fange an zu schwitzen.
Und dann passiert’s.
Ich will die Tropfschale rausziehen.
Sanft.
Wie bei einem heiligen Ritual.
Aber sie klemmt.
Widerstand.
Ich ziehe etwas fester.
Mehr Widerstand.
Ich ziehe noch fester.
Sie gibt plötzlich nach –
und schwappt mir ihren kompletten, braunflüssigen Inhalt
zielgenau in meine Schluffen.
Nicht daneben.
Nicht ein bisschen.
Nicht auf die Fliesen.
In. Die. Hausschuhe.
Es ist warm.
Und falsch.
Und es läuft zwischen den Zehen runter wie ein sehr enttäuschter Cappuccino.
Ich stehe da wie ein Mann,
der gerade von seiner eigenen Kaffeemaschine zum Fußbad gezwungen wurde.
Für einen Moment überlege ich, ob ich zurückschlage.
Mit der Schale.
Oder mit einem Blick,
der in anderen Küchen schon Toaster verstummen ließ.
Aber ich atme nur.
Langsam.
Zehn Sekunden durch die Nase.
Dann wische ich wortlos auf,
so wie man halt wischt,
wenn man zwischen Bohnenresten und Milchschaum
die Kontrolle über den Morgen verloren hat.
Mittlerweile ist es halb sechs.
Ich wollte nur Kaffee.
Jetzt knie ich vor dem Gerät,
habe Bohnenstaub im Auge
und das Gefühl, dass mich ein Display passiv-aggressiv verachtet.
Ich denke kurz drüber nach,
ob ich sie nicht einfach loben soll.
„Du bist schön. Du bist wertvoll. Du bist eine Kaffeemaschine mit Perspektive.“
Vielleicht steigert meine emotionale Bestätigung ihr Interesse an meinem Bedürfnis nach Koffein.
Und dann,
nach weiteren 12 Minuten Reinigung, Füllung, Belobigung –
macht sie einen Ton.
So ein leises brummkrrrzzzzschhhh.
Ein Geräusch wie ein Roboter, der einen Keks kaut.
Und dann kommt er.
Der Kaffee.
Drei Zentimeter tief.
Lauwarm.
Mit Schaum.
Ein Millimeter dick.
Und bei der Maschine steht auf dem Display:
„Genießen Sie Ihren Kaffee.“
Und ich denke: Irgendwann wirst du im Wertstoffhof enden.
Und ich werde applaudieren.
Aber du warst da.
Jeden Morgen.
Und das ist mehr, als man von vielen behaupten kann.
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