Unerwartete Verkleidungen – ein Abend, zwei Rollen, null Würde

Neulich Abend beschließen Silke und ich, die Rollen zu tauschen. Also nicht sowas wie „du kochst, ich esse“ – das machen wir eh schon, aber meistens gleichzeitig. Nein, wir wollten richtig tauschen. Komplett.
Sie wird ich, ich werde sie.
Und da wir Rollenspiele lieben, klang das erst mal wie eine super Idee. Erst mal.
Silke sagt oft, ich sei eine „Chaos-Queen“.
Ich halte das für sehr übertrieben.
Also klar, mein Handy fällt mindestens zweimal am Tag auf den Boden, ich suche ständig meine Schlüssel (Kolleginnen können ein Lied davon erzählen – oder singen). Beim Nüsschen essen fällt mir schon mal eins runter.
Passiert doch jedem mal.
Sagt man.
Wahrscheinlich.
Ich schlüpfe also in ihre Rolle.
Was bedeutet: Haltung, Stil, Überblick.
Ich trage ihren Bademantel, und fange an, ihre Sätze zu sagen. Zum Beispiel: „Du kannst nicht behaupten, du hast aufgeräumt, wenn du einfach nur die Tür vom Zimmer zugemacht hast!“ oder „Wieso liegen die Socken vor dem Sofa?“ oder auch „Boah Schneider, du treibst mich in den Wahnsinn.“
Silke hingegen zieht meine Jogginghose an, läuft mit einem leicht überforderten Blick durchs Haus und murmelt „Wo ist mein Gehirn?“ – was ich nie sage, aber offenbar ausstrahle.
Der Abend nimmt seinen Lauf.
Und ich sag mal so: Wir hätten es voraussehen können.
Ich weiß nicht, wann genau wir beschlossen haben, das Ganze ernst zu nehmen. Aber plötzlich stehe ich im Schlafzimmer – im Bademantel von Silke. Hell, weich, irgendwie nach Myrrhe duftend. Ich sehe aus wie ein Sauna-Gast, der eigentlich nur aufs Klo wollte und dann versehentlich in einer Klangschalen-Therapiegruppe eingeschlossen wurde.
Ich blicke in den Spiegel und versuche, Silkes typische Mimik nachzumachen. Ihr wisst schon – dieser Blick, bei dem man spontan aufrecht sitzt und sich fragt, ob man was falsch gemacht hat, obwohl sie nur atmet.
Silke – oder sagen wir: ich – kommt rein.
Jogginghose.
T-Shirt mit dem Logo meiner alten Lieblingsband (AC/DC Highway To Hell 1979), leicht zerzaustes Haar, und dieser leicht verplante Gesichtsausdruck, der normalerweise mein Markenzeichen ist. Sie spielt mich.
Und zwar ziemlich gut.
Wir stehen uns gegenüber wie zwei Schauspieler in einem Theaterstück, das nie geprobt wurde – und bei dem keiner das Drehbuch lesen wollte. Es ist ein bisschen wie bei einem Spiegel, der zurückblickt und sagt: „Ihr seid ja total Banane.“
Silke sagt – mit meiner Stimme, die klingt wie jemand, der gerade über seinen eigenen Fuß gestolpert ist: „Ich bin jetzt du. Ich fluche über den Kleiderschrank, weil da natürlich genau das fehlt, was ich suche, frage dich – also mich – ob du’s vielleicht eingeschweißt und eingefroren hast, finde den Schlüssel nicht, obwohl ich genau weiß, dass ich ihn neulich an einen Ort gelegt habe, den ich nie vergessen werde – was ich dann sofort getan habe.“
Ich antworte – in ihrer Stimme, die so klingt, als würde sie selbst beim Schweigen noch klare Anweisungen geben: „Ich bin jetzt du. Ich halte das Chaos in Schach, bevor es merkt, dass es existiert. Ich kann deinen Kalender auswendig, obwohl du keinen hast. Ich organisiere Dinge, die du nicht mal bemerkst. Ich habe Ordner für deine Ausreden. Farblich sortiert.“
Sie hebt eine Augenbraue. Was sie besser kann als ich. Ich habe das auch mal versucht – dabei ist mir die Brille von der Nase gerutscht und mein Kiefer hat geknackt.
Dann sagt sie trocken:
„Und jetzt?“
Tja. Jetzt beginnt das Experiment.
Ich räume die Spülmaschine um – nicht ein, nicht aus. Um.
Wie sie es macht.
Präzise.
Berechnend.
Ich räume in der Spülmaschine rum, als würde ich mir die Liebe von Silke verdienen müssen.
Sie platziert eine Tasse wie einen Störsender mitten auf der Anrichte. Nicht halbherzig. Nicht „ich stell die mal kurz ab“.
Nein – das ist eine bewusste Entscheidung. Fast ein Statement. Die Tasse steht da wie ein Mahnmal gegen Effizienz.
Ich – also eigentlich Silke – frage mit dieser Stimme, die sonst bei Personalgesprächen verwendet wird: „Warum räumst du die Tasse nicht direkt in die Spülmaschine?“
Sie – in der Rolle von mir – antwortet seelenruhig:
„Sie ist noch nicht soweit. Sie kann sich emotional noch nicht von mir trennen.“
Am Abend wird’s ruhig.
Silke – also ich – liegt da wie eine Mischung aus Sofa-Dekoration und passiv-aggressivem Ruhepol. Alles an ihr sagt: „Ich bin jetzt horizontal – klärt eure Probleme bitte selbst.“
Lola kommt hoch, dreht sich zweimal, legt sich hin – aber der Blick bleibt. Dieses ganz leichte Stirnrunzeln in Katzengestalt. „Du bist warm. Aber irgendwas an dir ist verdächtig anders.“
Ich – also eigentlich Silke – bleibe stehen, mit verschränkten Armen. Ich beobachte das Ganze wie ein Ermittler, der gleich sagen wird: „Was genau passiert hier?“
In Silkes Hand: Ein kleines Schüsselchen. Mit gerösteten und gesalzenen Erdnüssen.
Natürlich Schüsselchen.
Keine Tüte.
Ich weiß ja jetzt, warum. Weil ich sonst – also Silke – ausflippe.
Wegen dem Rascheln.
Wegen dieser Tüten-Geräusch-Katastrophe, die klingt, als würde jemand einen Regenwald zerknüllen.
Silke nimmt ein Nüsschen.
Nur eins.
Nie zwei auf einmal. Das wäre dekadent.
Langsam, mit einer Konzentration, die andere Leute für ein Kreuzworträtsel brauchen.
Ab in den Mund. Kurz schmatzen. Dann: Finger ablecken.
Mit Andacht.
Wie ein Gourmet.
Ein Genießer.
Mit Hingabe.
Oder jemand, der gerade in der Stille des Moments erkennt,
dass Erdnüsse eigentlich ein Lifestyle sind.
Dann fällt eins runter. Natürlich.
Ein einsames Nüsschen rollt majestätisch auf die Couch, prallt auf Lola, macht eine Pirouette – und landet auf dem Boden, rollt dann unter das Sofa.
Die Katze zuckt nicht mal. Die kennt das.
Ich – als Silke – hole Luft. Tief.
Sehr tief.
„Echt jetzt?“, frage ich.
„Du hattest noch genug Zeit es aufzuhalten.“
Silke – also ich – grinst.
„Es wollte frei sein. Ich hab’s losgelassen.“
Ich starre sie an.
Und in mir stirbt ganz kurz ein bisschen Hoffnung.
Dann sagt sie noch: „Ich liebe mein Leben. Und salzige Dinge.“
Dann steht sie auf. „Jetzt ziehst du dich auch mal ordentlich an“, sagt Silke – also ich – mit diesem Blick, der keine Widerrede duldet. Sie hält mir ein Jeanskleid hin.
Nicht irgendwas mit Gummizug oder Spaßfaktor – ein Jeanskleid.
Mit Knopfleiste, und klarer Ansage: „Ich schwöre, wenn du das anziehst, reden wir nie wieder über deine Socken.“
Ich will gerade einen Scherz machen. Irgendwas mit: „Haha, passt mir eh nicht.“
Aber dann zieh ich es an.
Und es passt.
Perfekt sogar.
Wie für mich gemacht.
Es trägt sich erstaunlich angenehm.
Was natürlich das Schlimmste daran ist.
Ich drehe mich vorsichtig vorm Spiegel.
Das Kleid zwickt nirgends.
Es umarmt mich. Und plötzlich wirkt der Begriff Identitätskrise nicht mehr so abstrakt.
Silke – also ich – schaut mich an und sagt:
„Ich hasse dich dafür, dass es dir so gut steht.“
Ich nicke.
„Ich mich auch.“
Dann kommt Lola rein. Ganz langsam.
Wie immer, wenn sie hofft, dass irgendwo was runterfällt, das essbar ist.
Sie bleibt im Türrahmen stehen, sieht mich – im Jeanskleid – und friert ein. Vollständig.
Nicht so „Ich mach kurz Pause“-katzenmäßig, sondern wie ein Tier, das kurz überlegt, ob es halluziniert.
Sie starrt.
Ich starre zurück.
Ihre Ohren zucken leicht.
Dann dreht sie sich auf der Stelle um, ganz langsam, ganz leise – wie jemand, der rückwärts aus einem Raum geht, in dem gerade etwas Unanständiges passiert ist. Und verschwindet wieder.
Ohne Miau.
Ohne Blick zurück.
Ohne Schwanzzucken.
Ohne Arschlecken.
Nur mit dieser eiskalten, wortlosen Absage an meine Existenz
Ich sehe ihr hinterher und murmele:
„Sie braucht jetzt sicher Zeit für sich. Und Thunfisch. Vielleicht auch Gespräche.“
Plötzlich klingelt es.
Ein harmloses Ding-Dong, das klingt wie immer – aber in diesem Moment wie das Trompetensignal zur vollständigen persönlichen Entgleisung. Ich – also im Kleid, also immer noch ich – öffne.
Ohne groß nachzudenken. Und da stehen sie.
Maren. 24. Klug, direkt, mit einem Gesichtsausdruck, der sagt:
„Ich kann viel verarbeiten – aber das hier wird eng.“
Lars. 21. Locker, groß, Kapuze auf – sieht aus wie jemand, der gerade auf ein Festival wollte und versehentlich in ein Trauma geraten ist.
Beide schauen mich an.
Von oben bis unten.
Langsam.
So, wie man morgens in den Spiegel schaut und denkt: Ich kenn dich … aber woher?
Lars sagt trocken: „Papa … was geht ab? Müssen wir was wissen?“
Maren ist da schon weiter. Sie starrt mich an und sagt:
„Oh mein Gott. Diese Bilder… die krieg ich nie wieder aus dem Kopf. Jetzt brauch ich einen Therapeuten. Oder Alkohol. Wahrscheinlich beides.“
Ich stehe da. Im Jeanskleid. Mit Nerven aus Gummi.
Die Brille rutscht mir leicht auf die Nasenspitze.
Ich setze zur Erklärung an.
Nutze den letzten Notruf, den Eltern absetzen, wenn alles verloren ist: „Es ist nicht das, wonach es aussieht.“
Stille.
Maren kneift die Augen zusammen. Lars schaut an mir runter, dann zu seiner Schwester, dann zurück zu mir.
„Doch, Papa. Genau das ist es. Genau das.“
Dann geht die Tür auf – Silke – also ich – kommt aus der Küche.
In Jogginghose, T-Shirt, zerzausten Haaren, mit einem halben Erdnüsschen an der Lippe. Maren murmelt: „Oh. Mein. Gott.
Ihr seid beide … komplett durch.“ Dann dreht sie sich zu Lars:
„Ich war nie hier, okay? Ich hatte Albträume, die waren weniger verstörend als das hier. “
Lars setzt sich.
Einfach so.
Auf den Boden.
Gesicht leicht grau.
Wie jemand, der gerade auf eine Bühne gestolpert ist, auf der seine Eltern nackt Theaterproben mit Publikum veranstalten.
Lars: „Ich sag’s, wie’s ist: Ich bin zu jung für sowas. Und zu alt, um’s zu vergessen.“
Maren steht da, verschränkt die Arme, ihr Blick sagt: „Ich habe Fragen. Aber keine Lust auf Antworten.“
„Also gut“, murmelt sie schließlich. „Einer von euch erklärt jetzt, was hier zur Hölle los ist. Ohne das Wort Ritual drin.“
„Es war ein … Rollentausch“, sage ich.
Silke nickt.
„Ein Experiment. Für mehr Verständnis. Also nicht medizinisch, sondern … menschlich.“
Maren blinzelt.
Lars sagt: „Ihr habt ernsthaft bewusst entschieden, die Rollen zu tauschen? Einfach so?“
Ich nicke.
„Jo.“
Silke ergänzt: „Mit Outfit. Mit allem. Komplett immersive Erfahrung.“
Ich: „Wie ein Tag im Körper des anderen – und der Körper sagt:
Gib mich zurück, ich will das nicht.“
Stille.
Maren sieht aus, als würde sie das geistig in kleine, harmlose Häppchen schneiden, um nicht zu ersticken.
Maren: „Und? Hat’s… funktioniert?“
„Ja. Ich hab gelernt, dass sie ein Konzept hat. Für alles. Sogar für mein Chaos. Es steht unter ‚wird beobachtet‘.“
Silke sagt: „Und ich hab gelernt, dass dein Vater scheinbar allergisch auf Struktur ist, aber sehr zärtlich zu Erdnüssen.“
Lars hebt die Braue. „Also nix mit Lebenskrise oder Tantrischer … irgendwas?“
„Nee“, sag ich. „Nur der übliche Wahnsinn. Chaos halt.“
Maren schüttelt langsam den Kopf, dann seufzt sie.
„Okay. Gut. Also… nicht gut, aber… nicht schlimmer als sonst.“
Lars lehnt sich an den Türrahmen.
„Fahrt ihr eigentlich mal wieder mit zum Chinesen?“
Ich grinse.
„Klar. Gern.“
Er zeigt auf mich. „Aber ohne Verkleidung, ohne Verwechslung und ohne psychologische Nebenwirkungen. Schafft ihr das?“
Ich nicke.
„Versprochen.“
Dann Maren: „Und piesel nicht schon vorher. Du gehst eh wieder, bevor das Buffet eröffnet ist.“
Silke sagt: „Das ist Tradition. Wie Tassen auf der Anrichte und Nüsse in der Sofaritze.“
Maren grinst.
„Na dann. Chaos-Queen, ready für Ente Süß-Sauer?“
Ich richte mich auf. „Klar. Wir ziehen uns nur kurz um. Muss ja nicht jeder sehen, wie tief wir schon gesunken sind.“
Lars fährt los.
Keine Musik.
Nur das Klacken vom Blinker und dieses leichte Grundrauschen, das entsteht, wenn vier Leute gleichzeitig versuchen, nicht mehr an das Kleid zu denken.
Maren scrollt auf ihrem Handy.
Vielleicht sucht sie nach Therapeuten.
Oder nach günstigen Flügen raus aus dieser Realität.
Silke neben mir, die Augen geschlossen. Ob sie schläft oder einfach nur kurz ihre Existenz pausiert, ist nicht ganz klar.
Ich schaue aus dem Fenster. Denke über Ente Süß-Sauer nach.
Und darüber, dass der Tag vielleicht seltsam war – aber wenigstens nicht langweilig.
Verstehen heißt nicht zustimmen.
Aber wenn man den anderen aushält, ist es vielleicht Liebe.
Oder masochistische Neugier.
Kann beides sein.
Wir haben die Rollen getauscht, die Würde verloren – und das Gefühl behalten, dass wir irgendwie zueinander passen.
Trotzdem.
Oder gerade deshalb.
Weil wir so sind, wie wir sind.
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