Sie wollte Ordnung im Schrank – und hat gleich mein ganzes Leben mitgefaltet

Es ist Sonntag.
Sonntag ist der Tag der Ruhe.
Für normale Menschen.
Für mich ist Sonntag der Tag, an dem meine Frau merkt, dass ich mich gerade entspanne – und eingreift, bevor es chronisch wird.

„Wir müssen mal aussortieren,
du hast zu viele Klamotten“, sagt sie.
Ich höre das, und mein Puls schaltet vom Ruhemodus direkt auf ’Stresstest für Fortgeschrittene’ – ohne mich zu fragen.

Ich hole tief Luft.
Setze zu meiner Verteidigungsrede an, episch und medizinisch untermauert. Ich beginne, auf Gesundheitsgründe zu verweisen
– dass mein Blutdruck, mein Kreislauf, meine fragile Psyche diese Art von Belastung nicht verkraftet.

„Schatz, du weißt, was der Arzt gesagt hat. Ich darf mich nicht aufregen.“

Sie schaut mich an.
Nicht böse. Nicht mitleidig.
Eher wie jemand, der sich fragt, ob er die Bratpfanne holen soll
– oder ob das auch mit Worten geht.

Dann sagt sie:
„Du hast abgenommen. Dein Blutdruck? Bilderbuch.“
Sie schaut kurz zum Schrank. „Aber dein Klamottenbestand?
Eine Mischung aus Nostalgie, Größenwahn und schlechtem Gewissen. Wir müssen da mal ran.“

Ich versuche, dezent das Thema zu wechseln.
„Wusstest du, dass Faultiere so langsam sind, dass Algen auf ihrem Fell wachsen?“
Sie ignoriert mich. Und ich weiß: Das ist kein Dialog mehr.
Das ist ein Urteilsspruch.

Aussortieren bedeutet:
Sie starrt auf meine Klamotten wie ein Metzger auf ein veganes Buffet: mit Skepsis, Desinteresse – und dem festen Willen, es verschwinden zu lassen.

Das Bett wird zur taktisch organisierten Textil-Ablagefläche, einem Schlachtfeld aus Erinnerungen, Polyester und falschen Entscheidungen.

Drei Haufen. Immer drei.
Sie liebt System.

Haufen 1: „Wird getragen.“
Also alles, was entweder noch passt, wieder passt oder so tut, als würde es passen.

Haufen 2: „Wird vakuumiert.“
Das ist kein Witz.
Winterklamotten werden bei uns nicht einfach weggehängt.
Nein. Die werden vakuumiert.
Eingeschweißt in durchsichtige Plastiksäcke, wie Spacebags für Leute, die ihre Kleidung nicht wegwerfen,
sondern stillschweigend einfrieren – wie Beweise.

Dann kommt der Staubsauger.
Ein normales Haushaltsgerät.
Aber in ihrer Hand wirkt er wie ein Gerät zur seelischen Ausdünstung.

Sie saugt die Luft raus, bis selbst die dicksten Pullover kapieren, dass sie erstmal nicht mehr gebraucht werden – und sich freiwillig flachlegen.

Eingepackt, plattgedrückt, versiegelt – wie ein Winter, in dem ich meine Ziele noch nicht vakuumverpackt hatte.

„Das spart Platz“, sagt sie.
Ich nicke.
Klar.
Platz. Wärme. Würde. Alles weg.

Haufen 3: „Kann weg.“
Da liegt alles, was durch ist: zu groß, zu traurig, oder zu 2003.
Manche Sachen erkenne ich erst nicht wieder, weil sie so klein gefaltet wurden, dass man sie auch als Brief an mein früheres Ich verschicken könnte.

Ich beuge mich vor und frage flüsternd: „Und wenn ich davon noch was tragen will?“
Sie sagt: „Dann hast du ein größeres Problem.“

Sie zieht ein T-Shirt hoch.
Mein T-Shirt. Schwarz. Verwaschen. Lieblingsstück.
„Das hier? Das ist durch.“
„Das ist Vintage!“, sage ich.
„Das ist durchsichtig“, sagt sie.

Ich versuche zu erklären, dass dieses Shirt mit mir durch Höhen und Tiefen gegangen ist.
Es kennt meine Träume.
Es hat mich in Nächten gehalten, in denen nur Erdnüsse, Cola und mein Amiga 500 wussten, wie es mir geht.

Sie schaut mich an wie ein Bio-Lehrer ein Kind, das glaubt,
der Regenwald wächst in der Eifel.
„Es riecht nach Keller.“
„Das ist Patina.“
„Da wohnt was drin, das zahlt keine Miete.“

Ich werde schwach.
Nicht aus Reue, sondern weil mein innerer Akku auf 3 % runter ist
und das Ladekabel irgendwo unter dem Altkleiderhaufen liegt.

Dann kommt die ultimative Demütigung:

Die Anprobe.

„Zieh das mal an. Ich will sehen, wie’s sitzt.“

Sie lacht nicht. Natürlich nicht.
Ich zieh’s an.
Das T-Shirt hängt an mir runter wie ein schlecht gelaunter Vorhang.

Es war mal figurbetont –
jetzt ist es eher flächenmäßig ambitioniert.

Ich sehe aus wie ein Mensch, der gerade realisiert hat,
dass Stil und Passform getrennte Wege gegangen sind.

„Es sitzt nicht. Es gibt mir Raum
– viel zu viel Raum. Verdächtig viel Raum“, beschwere ich mich.

„Dreh dich mal“, sagt sie.
Ich drehe mich.
Die Hose rutscht.
Das Shirt weht.
In meinem Kopf schaut Maybrit Illner direkt in die Kamera und sagt: „Dazu schalten wir jetzt in die Expertenrunde: Warum genau sieht er so aus?“

Silke macht ein Foto.
Ich frage: „Was soll das?“
Sie sagt: „Irgendwann wirst du drüber lachen.“
Ich nicke.
Aber nicht heute.

Ich stehe da.
In einer Hose, die mal gepasst hat.
Jetzt passt sie nicht mehr.

Sie schlabbert um mich herum,
wie jemand, der zu spät zum Abschied gekommen ist.

Das T-Shirt hat resigniert.
Es hängt da, wie ich.
Etwas zu lang. Etwas zu leer.

Silke sagt nichts.
Sie macht die Säcke zu, als würde sie nicht nur Kleidung entsorgen, sondern Versionen von mir, die sie höflich, aber bestimmt nicht mehr sehen will.

Ich sag leise:
„Ist das jetzt der Teil, wo wir lachen?“
Sie sagt:
„Nein. Der war schon vorher.“

Ich nicke wieder.
Nicht weil ich zustimme.
Sondern weil’s nichts mehr zu verhandeln gibt.

Am Ende bleiben zwei Säcke.

Und ich.
Etwas schmaler.
Etwas stiller.

Aber immerhin:
Ich durfte meine Dick & Doof-Boxershorts behalten.

Weil’s eben Dinge gibt, die einen durchs Leben begleiten –
ob man will oder nicht.
Zwei Männer auf meinem Hintern, die seit Jahrzehnten gemeinsam untergehen.
Genau mein Humor.

Ein bisschen Platz ist jetzt wieder im Schrank.
Zwei leere Bügel.
Ein Hauch von Hoffnung.

Ich atme durch.

„Dann kann ich ja jetzt wieder shoppen“, sage ich.
Silke dreht sich langsam zu mir.
„Das war erst der erste Teil.“

Ich starre sie an.
„Wie jetzt?“
Sie blickt nach links.
„Da steht noch ein Schrank.“

Ich sage nichts mehr.
Mein Kreislauf zuckt mit den Schultern.
Und irgendwo in mir sagt eine Stimme:
„War schön mit euch – aber ich geh dann mal leise weinen.“

Es war nur ein Sonntag.
Aber ich fühle mich, als hätte ich ein ganzes Jahrzehnt in Säcke gestopft.

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