Männerwellness: Sitzend zum Seelenfrieden – oder: Der heilige Tempel der Darmentleerung

Samstag. Familienbesuch.
Wir sitzen am Tisch.
Meine Frau, mein Sohn,
seine Freundin und ich.
Wir sprechen.
Wir trinken.
Alles läuft nach Protokoll.

Dann erhebt sich mein Sohn.
Langsam.
Feierlich.
Würdevoll.
Wie ein König, der seine Untertanen verlässt.
Mit der Gelassenheit eines Mannes,
der genau weiß, was er tut.
Ein Mönch, der sich in den Tempel der Einkehr begibt.

„Ich geh mal kurz kacken.“

Ein Satz so beiläufig, dass niemand darauf achtet.

Und dann geht er.

Zehn Minuten.
Zwanzig Minuten.
Vierzig Minuten.
Eine Stunde.

Mein Sohn bleibt verschwunden.
Wir trinken. Wir reden.
Die Freundin schaut zur Badezimmertür, als überlege sie, ob man nach einer halben Stunde Toilettenzeit noch von gesunder Verdauung sprechen kann.
Und die Welt dreht sich weiter.

Dann ein Geräusch.
Eine Türe öffnet sich.

Mein Sohn kehrt zurück.

Nicht als derselbe Mann, der er vorher war.
Ruhig. Gelassen.
Als ein Mann, der in die Tiefen seiner Seele geblickt hat.
Der in seinem eigenen Universum verweilte und dort Erkenntnisse fand, die andere niemals erlangen werden.
Als jemand, der etwas erlebt hat. Eine Reise in das Innerste seines Verdauungssystems.
Ein Mann der losgelassen hat. Körperlich, geistig, existentiell.

Meine Frau fragt: „Was hast du so lange gemacht?“
Mein Sohn antwortet: „Geschissen.“

Ein Wort. Schlicht. Nüchtern.

Stille.

Mein Sohn, mein Fleisch und Blut. Ich bin stolz auf ihn.

Seine Freundin verschluckt sich an ihrem Kaffee.
Meine Frau atmet langsam aus.
Dann dreht sie sich langsam zu mir:

„Der ist wie du. Du kannst das auch.“

Ein Moment der Ehrfurcht.
Ich lehne mich zurück.
Ich blicke meinen Sohn an.
Mein Sohn blickt mich an.
Es ist einer dieser Momente, in denen Väter und Söhne keine Worte brauchen. Das hier ist größer als wir.
Dann sage ich mit fester Stimme:

„Das Klo ist die Wellness-Oase echter Männer.“

Mein Sohn schaut mich an:

„Das begreifen Außenstehende nicht.“

Spannung liegt in der Luft.
Die Freundin erhebt sich von ihrem Stuhl, empört, verwirrt, eine Fremde in einem Land, das sie nicht versteht:

„Wie, sind wir jetzt die Nichtnormalen?“

Diskussion.

Meine Frau wirft die Hände in die Luft:

„Ich verstehe es nicht! Ich gehe aufs Klo, Seile ab, bin fertig, gehe wieder. Ich will doch nicht in meinem eigenen Mief sitzen!“

Ich atme tief ein. Ich weiß, das ist der Moment, in dem ich die Wahrheit offenbaren muss:

„Liebelein, du siehst das Klo funktional. Wir sehen es spirituell.“

Das Klo ist das letzte Bollwerk der Männlichkeit.
Ein Tempel der Stille. Ein Ort, an dem man existentielle Fragen stellt, an dem Geschichte geschrieben wird. Die letzte Instanz der Wahrheit. Ein Ort, an dem Männer über das Universum nachdenken. Hier entstehen Geschäftsideen. Keine Erwartungen. Kein Smalltalk. Keine Meetings. Nur Stille.

Eine Stunde aufm Klo.
Es ist Rebellion. Ein leiser, würdevoller Protest gegen den Stress des Alltags. Wo sonst darf ein Mann eine Stunde lang unbehelligt am Handy daddeln und in seinen Gedanken verweilen? Die besten Ideen der Welt sind hier entstanden. Die Dampfmaschine, die Relativitätstheorie, wahrscheinlich auch der Döner. Ein moderner Entdecker, unterwegs in den Welten des eigenen Gestanks.

Das Klo.
Eine uneinnehmbare Festung. Der König sitzt auf seinem Keramikthron, das Klorollenzepter in der Hand. Ein Ort der Besinnung. Mann kann allen Ballast fallen lassen. Hier lösen sich nicht nur Verdauungsreste, hier lösen sich auch Sorgen, Anspannung und die Unruhe des modernen Mannes. Nur das sanfte Plätschern der Spülung und der Wohlklang einer erfolgreichen Darmentleerung.

Meine Frau schüttelt den Kopf:

„Du bist bekloppt.“

Ohne ein weiteres Wort stehe ich auf.
Ich gehe. Ich muss nachdenken. Auf meinem Klo.

Denn manche Dinge muss ein Mann alleine tun.

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