
Ich laufe.
Von Kall nach Gemünd. Zum Rewe. Warum zum Rewe? Weil da ein Kreisverkehr ist. Kreisverkehre sind schön. Man kommt nicht vorwärts, aber man ist beschäftigt. Ich laufe einmal herum, vielleicht zweimal. Der Kreisverkehr, das Hamsterrad der Eifel. Wenn mich morgen einer sucht, fahrt zum Kreisverkehr. Oder lauft.
Ich laufe.
Das klingt schön rund. Symmetrisch. Eigentlich mag ich keine Symmetrie. Aber Laufen schon.
Von vorn kommen mir Menschen entgegen. Entgegenkommen, herrliche Erfindung der Zivilisation. Läufer grüßen sich, genau wie Busfahrer, Motorradfahrer und Kleingärtner, die dieselben Pflänzchen im Beet haben. Alle tun so, als wäre man Teil von etwas ganz Großem. Gemeinschaft durch Leiden. Ich wollte nie Teil einer Bewegung sein, aber ich laufe eben.
Ich reiße mich zusammen.
Meine Lunge tanzt innen Salsa, Flamenco, irgendwas Lateinamerikanisches jedenfalls.
Es fühlt sich nach einem Tanzwettbewerb auf Weltklasse-Niveau an. Ich bin der Saal, in mir wird geschwitzt. Ich kann längst nicht mehr, aber das darf niemand merken. Freundlich lächle ich die Entgegenkommenden an, nicke höflich preußisch, grüße lässig, Puls bei 180. Haltung bewahren heißt das. Oder Lügen.
Die Natur steht daneben und schweigt höflich.
Ein Specht lacht leise im Baum. Ich schreie innerlich um Hilfe, äußerlich wahre ich mein Gesicht. Luft habe ich seit Kilometer sechs nicht mehr. Die habe ich damals im Wald abgegeben. Als Spende. Für die Bäume. Greta wäre stolz auf mich.
Noch ein Kilometer vielleicht. Ich weiß nicht genau, Distanz ist relativ, Einstein wusste das. Jedenfalls noch genug Zeit, um mein Testament gedanklich durchzugehen.
Ich verliere beim Laufen gerne Zehennägel.
Nicht alle auf einmal. Einer nach dem anderen verabschiedet sich. Würdevoll wie Gäste, die eine Party frühzeitig verlassen, weil sie merken, dass die Stimmung kippt. Jetzt gerade wackelt einer. Vielleicht der Große, vielleicht der Kleine, ich weiß nicht mehr genau, welcher noch übrig ist.
Wenn ich zu Hause ankomme, lege ich ihn zu den anderen. Ich hab schon fast eine ganze Sammlung. Irgendwann bastel ich mir daraus eine Kette, laufe dann stolz um den Block und grüße die anderen Läufer. Sie werden mich beneiden.
Der nächste Läufer nickt mir anerkennend zu,
oder mitleidig, ich erkenne den Unterschied nicht. Wenn ich umfalle, dann bitte mit Stil. Ich japse nicht, ich atme spirituell.
Hyperventilierend Richtung Erleuchtung.
Ich laufe.
Von Kall nach Gemünd. Und zurück.
11 Kilometer. Man muss sich Ziele setzen.
Mein Ziel heute: Nicht auffallen.
Hat fast geklappt.
Nur mein Schnaufen hört man noch in Belgien.
Aber irgendwas ist ja immer.
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