lustig
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Eine Familiengeschichte zwischen Rhein und Eifel Als ich zum ersten Mal bewusst durch Speyer ging, war ich alt genug zu wissen, dass Städte älter sind als Menschen, aber noch jung genug, um nicht zu begreifen, was das bedeutet. Die Stadt lag am Rhein wie seit Jahrhunderten. Nicht malerisch, nicht stolz. Einfach da. Die Häuser standen…
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Ein Alltagsmoment mit Reichweite Ich sitze schon, bevor Silke überhaupt merkt, dass der Stuhl existiert. Nicht aus Unhöflichkeit. Kein Machtspiel. Ich bin einfach schneller gewesen. Außerdem habe ich früh gelernt: Wer zuerst sitzt, bekommt meistens den besseren Blick auf die Kuchentheke. Und in moralischen Grenzsituationen braucht man Übersicht. Der Tisch ist klein, rund und leicht…
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Über falsches Timing und freie Sicht Karnevalssonntag. Ich bleibe einen Moment liegen und starre an die Decke. Sie starrt zurück. Wir kennen uns. Wir haben schon andere Entscheidungen gemeinsam durchlitten. Neben mir bewegt sich Silke. Nicht hektisch. Eher organisiert. Sie gehört zu den Menschen, die auch im Halbschlaf wissen, wo links und rechts ist und…
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Im Radio spricht jemand über die Ukraine. Aber nicht über Menschen. Nicht über Schicksale oder darüber, ob da noch irgendwer Brötchen backt. Es geht um Linien. Um Reichweiten. Um Dinge, die geliefert werden. Ein Experte sagt das Wort „Eskalationsrisiko“. Er sagt das so ruhig und sachlich, als würde er erklären, warum es heute regnet oder…
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Der Samstag-Algorithmus Heute hat der Samstag mal keinen Alarmton. Er wacht einfach auf. Wie jemand, der weiß, dass er heute nichts beweisen muss. Außer vielleicht, dass er in der Lage ist, unfallfrei eine Kaffeetasse zum Mund zu führen. Mein Körper braucht ein paar Sekunden, um zu verstehen, wo er ist. Die Decke liegt schwer auf…
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Ein persönlicher Blick auf den 3. Oktober 3. Oktober. Feiertag. Ich kann ausschlafen. Neben mir bewegt sich Silke. Das Geräusch kenne ich. Gleich kommt etwas, was kein normaler Mensch vor acht Uhr macht. Sie fängt an zu quatschen.„Micha?“, flüstert sie.Ich tue so, als hätte ich es nicht gehört. Ein Klassiker. „MICHA?“Ich brumme nur: „Was willst…
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Bonn, Samstagnachmittag.Silke sitzt neben mir im Auto und liest Google Maps vor, als hätte sie gerade eine Nebenrolle als Navigationsfee bekommen. Nur dass diese Fee nicht zaubert, sondern schnauft: „In 300 Metern links. Nein, warte, das waren 30 Meter. Mist. Jetzt sind wir falsch.“ Ich biege also ab, irgendwo zwischen einer Hofeinfahrt und dem Niemandsland…
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Chaos-Queen auf dem Flohmarkt Sonntagmorgen.Die Sonne schickt die ersten Strahlen durchs Schlafzimmer, Vögel zwitschern, die Welt erwacht. Nur ich nicht, weil ich noch nicht bereit dazu bin. Ich will ausschlafen. Einfach liegen bleiben, dösen, nichts tun. Neben mir regt sich Silke. Ich blinzle kurz, drehe mich auf die andere Seite und denke: Hoffentlich schläft sie…
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Das goldene Ticket Später Nachmittag, mein 57. Geburtstag. Ich sitze auf der Terrasse. Die Sonne im genau richtigen Winkel – also genau so, dass sie mir wahlweise schmeichelnd ins Gesicht scheint oder gnadenlos jeden Altersfleck beleuchtet. Silke sitzt neben mir, meine Kinder Lars und Maren sind da, zusammen mit Vanessa und Julian. Wir quatschen, trinken…
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Manche Geschichten wollen nicht unterhalten – sie wollen etwas sagen. Dies ist so eine: über Beichtstühle, Schuldgefühle, die stumme Wut eines Kindes und die stille Überzeugung, dass Gott nichts mit dem zu tun hat, was seine Vertreter manchmal daraus machen. Ich habe lange gezögert, diesen Text zu schreiben. Weil es nicht leicht ist, über Dinge…