Über falsches Timing und freie Sicht

Karnevalssonntag.
Ich bleibe einen Moment liegen und starre an die Decke. Sie starrt zurück. Wir kennen uns. Wir haben schon andere Entscheidungen gemeinsam durchlitten.
Neben mir bewegt sich Silke. Nicht hektisch. Eher organisiert. Sie gehört zu den Menschen, die auch im Halbschlaf wissen, wo links und rechts ist und warum. Ich dagegen prüfe morgens erst mal, ob ich noch ein zusammenhängendes Wesen bin oder nur eine lose Ansammlung aus Knochen, Müdigkeit und leiser Abwehr.
„Wir müssen gleich aufstehen“, sagt sie.
Sie sagt das nicht motivierend. Sie sagt es sachlich. Wie eine Durchsage am Kaller Bahnsteig kurz vor dem Schienenersatzverkehr.
„Wer ist wir?“, frage ich.
„Du und dein innerer Schweinehund“, sagt sie. „Ich bin schon wach.“
Ich drehe mich auf den Rücken. Das Bett ist warm. Loyal. Es würde mich nicht verraten. Draußen hingegen wartet ein Sonntag, der sich verkleidet hat und laut werden will.
Ich setze mich langsam auf. Nicht aus Überzeugung. Aus Einsicht. Sonntage verlieren, wenn man zu lange liegen bleibt, irgendwann ihre Glaubwürdigkeit.
Ich stehe da, barfuß, noch leicht benommen, und versuche mich zu erinnern, warum Menschen sich freiwillig verkleiden und lustig sein wollen, um sich dann kollektiv danebenzubenehmen. Irgendwo muss da ein Reiz liegen. Ich sehe ihn nur noch nicht.
In der Küche ist es still. Ich schmeiße den Kaffeeautomaten an, als hätte ich das schon tausendmal gemacht. Was stimmt. Trotzdem fühlt es sich jedes Mal neu an. Wie ein kleines Versprechen.
Silke kommt dazu, schon angezogen. Nicht verkleidet. Noch nicht. Sie sieht aus wie jemand, der vor dem Karnevalszug noch klare Entscheidungen treffen will.
„Was ziehst du an?“, fragt sie.
„Das ist eine sehr gute Frage“, sage ich. Ich sage sie langsam, damit sie Gewicht bekommt. Fragen, die mit Karneval zu tun haben, brauchen das. Sonst eskalieren sie.
Ich gehe ins Schlafzimmer zurück und bleibe vor dem Stuhl stehen. Auf dem Stuhl liegt das Kleid.
Blau-weiß. Muster, die nichts erklären, aber Aufmerksamkeit verlangen. Ein Kleid, das offenbar davon ausgeht, dass Scham ein Gerücht ist und Temperaturen unter zwölf Grad reine Theorie.
Ich starre es an und versuche, mich an den Moment zu erinnern, in dem mir das wie eine gute Idee erschien. Aber ich erinnere mich nicht mehr an Details.
Silke kommt näher, schaut auf den Stuhl, dann auf mich.
„Ein Kleid“, sagt sie.
„Ja“, sage ich. „Nicht im übertragenen Sinne. Ein richtiges.“
„Du weißt, dass es kalt wird.“
„Ich weiß“, sage ich. „Das Kleid weiß das nicht.“
Ich ziehe es an. Nicht mit Schwung. Eher vorsichtig, wie man etwas anzieht, das später Gesprächsthema wird. Der Stoff fällt über mich, bleibt hängen, sitzt. Zu gut. Es endet deutlich oberhalb dessen, was ich normalerweise als öffentlich bezeichne, und vermittelt mir sofort das Gefühl, heute häufiger beobachtet zu werden als geplant.
Ich gehe zum Spiegel. Der Spiegel ist ehrlich, aber nicht grausam. Er zeigt mir einen Mann in einem Kleid, der sehr genau weiß, dass das kein Kostüm ist, hinter dem man sich verstecken kann.
Silke steht jetzt im Türrahmen. In der Hand ihr Kostüm. Eine Hummel. Gelb-schwarz. Flauschig. Warm. Sie zieht es an. Schicht für Schicht. Reißverschluss. Fell. Sicherheit. Sie sieht aus wie jemand, der den Winter ernst nimmt.
Wir setzen uns an den Küchentisch. Noch ist es ruhig draußen. Vereinzelte Stimmen, irgendwo ein zu früher Lacher. Karneval sammelt sich. Er hat Zeit.
„Der Zug ist erst um eins“, sage ich.
„Ich weiß“, sagt Silke. „Aber du bist jetzt schon im Kleid.“
Das ist das Gemeine an Karneval: Man ist viel zu früh jemand anderes, ohne dass es dafür schon einen Anlass gibt.
Ich trinke meinen Kaffee langsam. Sehr langsam. Der Vormittag dehnt sich. Und ich ahne, dass dieses Kleid heute nicht warm wird, aber konsequent.
Ich gehe zum Kühlschrank und greife hinein, nach oben. Da, wo Dinge stehen, die helfen, ohne Fragen zu stellen. Eierlikör. Alt, dickflüssig, solidarisch.
„Das ist medizinisch“, sage ich.
„Natürlich“, sagt Silke.
Ich schenke ein. Kleines Glas. Kein Schnapsglas. Kein Aktionismus. Ich bin ja nicht leichtsinnig. Der Eierlikör ist sonnengelb. Ich trinke ihn langsam. Nicht genießend. Zielgerichtet. Man muss dem Körper vorher sagen, was er später aushalten soll.
„Das ist gegen die Kälte“, sage ich.
„Es ist zehn Uhr morgens“, sagt Silke.
Ich schenke nach. Ein paar Eierlikörchen. Nicht viele. Genug, um meinem Körper zu signalisieren, dass er heute nicht frieren wird. Der zweite rutscht leichter. Der dritte fühlt sich bereits solidarisch an. Eierlikör ist kein Alkohol, Eierlikör ist eine Haltung. Er legt sich von innen an, wie eine flüssige Decke mit Vanillenote.
„Jetzt frierst du weniger“, sagt Silke.
„Jetzt friere ich bewusster“, sage ich.
Dann ist es soweit. Ich greife zur Jacke, ziehe sie an. Ich drehe mich noch einmal zu Silke.
„Ich muss wirklich daran denken, mich heute nicht zu bücken.“
Sie seufzt nicht.
Sie lacht nicht.
Sie akzeptiert es.
„Sonst“, sage ich, „hat halb Kall heute meinen Knackarsch auf Augenhöhe.“
Silke nickt. „Dann hebe ich ein paar Bonbons für dich auf.“
„Danke“, sage ich. „Das ist sehr aufmerksam. Ich möchte nicht, dass mein Hintern heute Teil der Infrastruktur wird.“
An der Tür bleibe ich kurz stehen, atme tief ein. Eierlikör und Kaffee bilden eine Mischung, die man nicht googeln sollte.
„Wenn ich heute falle“, sage ich, „dann bitte nur nach hinten.“
Silke zieht die Hummelkapuze zurecht. Fell. Schutz. Mehr Kompetenz geht nicht.
„Ich passe auf dich auf“, sagt sie.
Wir treten hinaus. Der Karneval wartet. Und ich bin zumindest innerlich schon leicht angesäuselt.
Wir gehen los. Hand in Hand. Nicht, weil wir romantisch sind, sondern weil es praktisch ist. Karneval ist eine Veranstaltung, bei der man Menschen sonst schneller verliert als Handschuhe.
Die Straße ist noch nicht voll, aber sie übt schon. Grüppchen stehen herum, sortieren Becher, Stimmen, Kostüme. Niemand hat es eilig. Karneval ist kein Sprint. Karneval ist ein langsames Sich-sammeln, bis es irgendwann zu spät ist, um umzukehren.
Ich gehe vorsichtig. Nicht wegen der Kälte. Wegen des Kleids. Man entwickelt sehr schnell ein neues Körperbewusstsein, wenn man ein Kleid trägt, das keinerlei Ambitionen hat, diskret zu sein. Schritte werden kürzer. Bewegungen überlegter. Ich habe plötzlich Respekt vor Bordsteinkanten.
Silke merkt das. Natürlich merkt sie das.
„Du gehst komisch“, sagt sie.
„Ich gehe vorausschauend“, sage ich.
Wir kommen näher an die Zugstrecke. Die Geräuschkulisse wird dichter. Musikfetzen. Stimmen, die schon jetzt zu laut sind für den Tageszeitpunkt. Mehr Mut bei Leuten, die sonst leiser sind. Irgendwo wird eine Flasche geöffnet. Es klingt nach Vorfreude und schlechter Planung.
Wir bleiben stehen. Schauen. Bewerten.
„Hier“, sagt Silke und deutet auf einen Platz, leicht erhöht, gute Sichtlinie, genug Abstand zur Bordsteinkante. Strategisch klug. Sie denkt in Zügen, ich denke in Konsequenzen.
Wir stellen uns hin. Ich öffne die Jacke, mir ist warm.
Ich merke das erste Tuscheln, noch bevor ich es höre. Dieses minimale Verzögern von Blicken. Das kurze Nachsehen. Karneval ist der einzige Tag im Jahr, an dem Leute glauben, alles sagen zu dürfen, was ihnen einfällt.
„Sexy“, ruft jemand.
Ich drehe mich um. „Danke“, sage ich. „Ich hab mich auch angestrengt.“
„Hättest dich ja mal rasieren können“, ruft ein anderer. Breit grinsend. Mutig aus der Gruppe heraus.
Ich schaue an mir herunter. Dann wieder hoch.
„Du siehst doch gar nicht“, sage ich, „ob ich rasiert bin.“
Ein kurzer Moment Stille. Dann Gelächter.
„Stimmt auch wieder“, sagt jemand.
Ich nicke. Fakten helfen.
Die Musik wird lauter. Ein dumpfes Wummern kommt näher. Trommeln. Trillerpfeifen. Dieses spezielle Geräusch, das sagt: Jetzt ist es soweit.
Silke lehnt sich leicht an mich. Warm. Der Hummelvorteil.
„Da kommt er“, sagt sie.
Und tatsächlich: Der erste Wagen biegt um die Ecke. Farben. Menschen, die winken, als hätten sie heute frei von sich selbst. Konfetti liegt schon in der Luft, bevor überhaupt etwas geworfen wurde. Vorsorglich.
Ich stehe da, im Kleid, mit offener Jacke, Eierlikör im Blut und dem festen Vorsatz, mich heute nicht zu bücken.
Der Zug kommt.
Und ich bin genau richtig platziert.
Die ersten Kamelle fliegen. Unkoordiniert. Großzügig. Mit dieser leicht verzweifelten Wurfbewegung, die sagt: Nimm es, bevor ich es selbst essen muss.
Ich hebe automatisch die Hände. Reflex. Sozialisation. Und merke sofort, dass Springen im kurzen Kleid eine Entscheidung mit Nebenwirkungen ist. Ich spüre sie. Diese kurze, präzise Kältephase, genau dort, wo normalerweise Stoff ist. Nicht dramatisch. Aber eindeutig.
Ich bleibe abrupt stehen. „Okay“, sage ich, mehr zu mir selbst als zu irgendwem, „springen ist heute raus.“
Silke sieht mich mit ihren Hummelaugen an. Alarmiert.
„Was?“, fragt sie.
„Mein Hintern hat kurz Frischluftkontakt gehabt“, sage ich. „Das war so nicht abgesprochen.“
Silke lacht. Mitgefühl und Schadenfreude in perfektem Verhältnis.
Ich bekomme ein Strüßje in die Hand gedrückt. Keine Ahnung, wo es herkommt. Plötzlich ist es einfach da. Rosen, Nelken, irgendwas mit grünem Zeug. Ich halte es fest, als wäre es Teil meiner Tarnung.
„Das steht dir“, sagt eine Frau neben uns.
„Danke“, sage ich. „Das ist jetzt mein Schutzschild.“
Ein Wagen kommt näher. Menschen werfen gezielt. Ich bekomme eine Pralinenschachtel gegen die Brust. Treffer. Aber ich fange sie, das ist doch schonmal ein Erfolg.
In nächsten Moment springe ich wieder. Instinktiv. Aber falsch.
Noch eine Kältephase. Kürzer diesmal, aber deutlicher. Ich friere nicht insgesamt. Nur sehr gezielt. Ich presse die Knie zusammen, als hätte mir jemand eine wichtige Information gegeben.
„Ich muss meine Technik ändern“, sage ich.
Silke legt mir eine Hand auf den Rücken.
„Bleib einfach stehen“, sagt sie. „Ich sammle.“
Sie macht das gut. Sie bückt sich. Routiniert und Souverän. Ich stehe regungslos daneben. Mit Blumen, Pralinen und der Haltung eines Mannes, der gelernt hat, dass Bewegung heute optional ist.
Genau in diesem Moment ruft jemand vom Wagen: „Na, Süße, kannste auch tanzen?“
Ich hebe den Strauß leicht an.
„Im Sitzen ja“, sage ich. „ich habe ein Holzbein.“
Gelächter. Ich bin noch im Flow.
Dann passiert es. Ein besonders motivierter Jeck auf dem Wagen entdeckt mich. Man sieht es ihm an. Dieser Blick, der sagt: Dich krieg ich.
Er holt aus und wirft.
Keine Kamelle.
Kein Strüßje.
Kein Plüsch.
Eine große Tafel Schokolade. Die Gute. Die Familienpackung.
Ich sehe sie in Zeitlupe kommen.
Mein Körper weiß: Nicht springen.
Mein Gehirn schreit: FANG SIE!
Ich entscheide mich für beides gleichzeitig. Ich springe. Technisch sauberer Fang mit beiden Händen.
Im gleichen Moment … vollständiger Luftaustausch am unteren Ende des Kleides. Nicht nur eine Kältephase. Das war ein Lüftungskonzept.
Ein kollektives Einatmen um mich herum. Dieses „Uhh“, das nicht bewertet, sondern dokumentiert.
Ich lande. Stehe. Starre nach vorne.
Niemand sagt etwas.
Dann ruft ein älterer Mann hinter mir: „Dat nennt man freie Sicht!“
Gelächter von allen Seiten.
Unkontrolliert.
Ehrlich.
Ein Kind lacht.
Eine Frau klatscht.
Jemand pfeift anerkennend.
Ich drehe mich langsam um.
Sehr langsam.
Bewegungen sind jetzt diplomatisch.
„So“, sage ich ruhig, „damit wären wir beim Erwachsenenkarneval angekommen.“
Silke richtet sich auf.
Sie weint vor Lachen.
„Ich hab’s gesehen“, sagt sie.
„Alle“, sage ich. „Alle haben’s gesehen.“
Ein Mann ruft: „Respekt! Dat is Mut!“
„Nee“, sage ich. „Dat is Physik.“
„Also hör mal“, sagt jemand von hinten, „dat war ja wohl ’ne Nummer.“
Ich drehe mich langsam um. Ich habe heute gelernt, dass schnelle Drehungen im Kleid keine guten Ideen sind. Vier Frauen. Alle gut gelaunt, und alle offensichtlich sehr zufrieden mit dem, was sie gerade gesehen haben.
„Der sitzt aber mal richtig“, sagt eine und deutet mit dem Kinn auf meinen Hintern.
„Danke“, sage ich. „Der tut auch, was er kann.“
Gelächter.
„Dürfen wir mal anfassen?“, fragt eine andere. Ganz offen. Ganz Karneval. Mit dieser Selbstverständlichkeit, mit der sonst nur nach Feuerzeug oder Klopapier gefragt wird.
Ein kurzer Moment Stille. Alle schauen mich an. Erwartungsvoll. Wie Kinder in einem Streichelzoo. Ich lächle. Freundlich, aber bestimmt.
„Nein.“
Das Wort steht kurz allein im Raum. Unverkleidet. Nüchtern.
„Och komm“, sagt eine. „Is doch Karneval.“
Ich nicke. „Genau deshalb.“
Verwirrung.
Dann Lachen.
„Is ja nicht böse gemeint“, sagt eine.
„Glaub ich sofort“, sage ich. „Aber mein Hintern ist heute rein informativ unterwegs. Keine Führungen.“
Silke lacht hinter mir.
„Schade eigentlich“, sagt eine der Frauen und zuckt mit den Schultern.
„Aber Respekt.“
„Danke“, sage ich. „Der Respekt wär mir jetzt auch lieber als weitere Durchlüftung.“
Noch mehr Gelächter.
Eine hebt ihr Bier.
„Auf deinen Hintern!“
„Auf Abstand“, sage ich.
Sie drehen sich wieder zum Zug. Thema erledigt.
Ich atme kurz durch. Ziehe das Kleid minimal nach unten. Reine Kosmetik. Das Kleid lacht innerlich.
Silke tritt näher. „Gut reagiert“, sagt sie.
„Ich weiß“, sage ich. „Man muss Grenzen setzen. Vor allem, wenn sie gerade sichtbar geworden sind.“
„Jetzt weißt du“, sagt sie, „warum Hummeln Fell haben.“
Ich nicke. „Und warum ich ab jetzt wirklich nichts mehr fange.“
Ich halte die Schokolade hoch. „Aber die hier war’s wert.“
Der Zug zieht weiter. Ich stehe da, im Kleid, mit Blumen, Pralinen, Schokolade und dem sicheren Wissen:
Der Arsch hatte heute seinen großen Auftritt.
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