
Im Radio spricht jemand über die Ukraine. Aber nicht über Menschen. Nicht über Schicksale oder darüber, ob da noch irgendwer Brötchen backt. Es geht um Linien. Um Reichweiten. Um Dinge, die geliefert werden. Ein Experte sagt das Wort „Eskalationsrisiko“. Er sagt das so ruhig und sachlich, als würde er erklären, warum es heute regnet oder warum man Socken nicht bei 90 Grad waschen sollte, wenn man danach nicht vorhat, sie als Eierwärmer zu benutzen.
Ich stehe in der Küche. Schmeiße den Kaffeeautomaten an. Das ist eine der letzten Konstanten in meinem Leben. Er ist zuverlässig, im Gegensatz zu allem, was da gerade aus dem Lautsprecher quillt.
Der Moderator wechselt die Stimme, kündigt die nächste Meldung an. USA. Trump. Ein Satz, der wieder überall zitiert wird. Ich höre ihn nicht im Original. Ich höre nur die Einordnung. Dass es gefährlich sei. Kalkuliert. Dass man das ernst nehmen müsse.
Ich merke, wie mein Rücken sich anspannt. Einfach so. Mein Körper reagiert schneller als mein Kopf. Der Kaffee ist fertig, ich nehme die Tasse vom Gerät, stelle sie wieder ab. Zu früh. Ich warte einen Moment, obwohl nichts mehr kommt. Ein kurzes Vakuum der Ratlosigkeit.
Im Radio geht es weiter. Nahost. Neue Zahlen. Ein Sprecher sagt „dramatisch verschärft“. Er sagt das so routiniert, als wäre das eine Kategorie, die man einfach kurz abhakt, bevor man zum Wetterbericht für die Nordeifel kommt. Dramatisch verschärft. Ich wiederhole das nicht. Ich lasse es einfach durchlaufen, wie Wasser in einer kaputten Dachrinne.
Ich könnte jetzt erklären, worum es geht. Ich weiß das ja alles. Wer gegen wen, warum, und welche Begriffe man heute benutzen muss, um nicht sofort aus sämtlichen WhatsApp-Gruppen exkommuniziert zu werden. Mein Kopf ist vorbereitet. Mein Körper hingegen denkt sich: „Micha, lass mal. Ich hab Rücken, und die Weltlage macht es nicht besser.“
Mir wird warm. Nicht die gute Wärme, wie nach einer ordentlichen Portion Erbseneintopf. Eher so ein unentschiedenes Gefühl, als hätte im Keller jemand die Heizung auf „Existenzielle Panik“ gestellt. Ich lehne mich kurz an die Arbeitsplatte. Das Radio redet weiter. Dann Wirtschaft. Inflation. Energiepreise. Ein Satz über Entlastungspakete. Ich warte einen Moment auf etwas Konkretes, merke aber schnell, dass das nicht vorgesehen ist. Entlastung bleibt ein Wort.
Ich trinke einen Schluck Kaffee. Meine Hand zittert minimal. Nicht sichtbar. Aber ich merke es. Ich halte die Tasse mit beiden Händen fest, als wäre sie das Letzte, was mich noch auf diesem Planeten verankert.
Dann ein Kommentar. Der Sprecher sagt, die Lage sei „komplex“. Zweimal sogar. „Komplex“ ist ein fantastisches Wort. Wenn etwas komplex ist, muss man nichts mehr tun. Da kann man sich zurücklehnen und sagen: „Tja, komplex? Kann man nichts machen. Ich geh mal die Terrasse fegen.“
Ich schalte das Radio aus. Die Küche wird still. Aber diese Stille ist nicht erholsam. Sie ist nur leiser. Mein Körper bleibt angespannt. Als hätte er noch nicht begriffen, dass die Apokalypse im Radio gerade Sendepause hat.
Ich trinke noch einen Schluck Kaffee. Er schmeckt wie immer. Das ist kurz beruhigend. Nicht tröstlich. Aber beruhigend. Die Welt dreht sich weiter. Auch ohne Nachrichten.
Silke steht in der Küchentür und blinzelt, als hätte der Morgen sie persönlich überrascht.
„Du bist ja schon auf?“, sagt sie. Kein Vorwurf. Eher eine milde Verwunderung darüber, dass ich mich in vertikaler Position befinde.
„Mein Rücken“, sage ich. „Der war früher wach als ich. Mein Rücken ist ein Frühaufsteher, der Arsch.“
Sie nickt. Das Thema ist damit durch. Rücken gelten in meinem Alter als glaubwürdige Zeugen, dagegen kommst du vor keinem Familiengericht an.
Sie geht zum Schrank, holt ihre Tasse. Ich sehe ihr dabei zu und merke, dass mein Körper immer noch angespannt ist, als hätte ich vergessen, ihm Bescheid zu sagen. Silke stellt die Tasse ab, schaut auf das ausgeschaltete Radio.
„Hast du Nachrichten gehört?“, fragt sie.
Ich sage: „Ja.“ Dann sage ich nichts mehr. Das hält ungefähr zwei Sekunden. Länger schaffe ich das nicht.
„Also“, fange ich an, und ich höre mich selbst dabei, wie ich in diesen Erklärbär-Modus schalte, als müsste ich jetzt hier ein Grundsatzreferat halten. „Ukraine. Wieder Diskussion über Reichweiten. Man darf liefern, aber nicht benutzen, jedenfalls nicht so, dass es jemand merkt. So eine Art Eskalation light. Wie Cola Zero, nur mit Panzern.“
Silke gießt sich Kaffee ein. „Aha.“
„In den USA“, mache ich weiter, ohne dass sie gefragt hätte, „Trump. Wieder irgendwas mit Grönland. Irgendwas im Zusammenhang mit der Historie. Die Vereinigten Staaten boten Dänemark 1946 100 Millionen US-Dollar zum Kauf Grönlands an. Dänemark lehnte das Angebot damals ab.“
Sie setzt sich. „Mhm.“
Ich merke, wie ich Fahrt aufnehme. Mein Rücken gibt mir einen kurzen Stich, so nach dem Motto: „Halt die Fresse, Micha, ich hab dir doch gesagt, es reicht“, aber da ist es schon zu spät. Der Zug ist abgefahren.
„Nahost“, sage ich, „neue Zahlen. Dramatisch verschärft. Was genau verschärft ist, bleibt unklar. Aber es ist dramatisch. Dramatisch ist ja mittlerweile unser aller Grundzustand. Wenn ich morgens meine Unterhosen nicht finde, ist das auch schon dramatisch verschärft.“
Silke nimmt einen Schluck Kaffee. „Du hörst dich an wie das Radio.“
„Ja“, sage ich, „das ist ja das Problem.“
Sie schaut mich an. Nicht kritisch. Eher prüfend. „Warum hörst du dir das alles an, wenn es dir nicht guttut?“
Ich überlege. Mein Körper hätte die Antwort sofort parat, aber mein Kopf will es korrekt machen.
„Weil man informiert sein muss, zumindest bin ich der Meinung, dass man das muss“, sage ich. „Sonst ist man gleich … na ja, uninformiert. Und wer will das schon? Dann sitzt man beim Abendessen und weiß nicht mal, warum die Welt gerade untergeht. Das wäre ja peinlich.“
„Und?“, sagt Silke.
Ich zucke mit den Schultern. „Man weiß dann zwar alles, aber man kann nichts davon benutzen. Das ist wie eine Gebrauchsanweisung für ein Gerät, das man nicht besitzt. Ich habe jetzt das komplette Handbuch für eine Nuklearkatastrophe im Kopf, besitze aber nicht mal einen funktionierenden Eierkocher.“
Sie lächelt kurz. Aus Gewohnheit. Wahrscheinlich auch aus Mitleid.
„Und die Wirtschaft“, schiebe ich noch hinterher, die Liste muss ja voll werden. „Inflation, Energie, Entlastungspaket. Entlastung klingt immer so, als würde gleich einer an der Tür klingeln und mir einen Sack voll Geld und eine warme Decke überreichen. Macht er aber nicht. Er will meistens nur wissen, ob ich ein Paket für den Nachbarn annehme.“
Silke lehnt sich zurück. „Und hat das Radio dir geholfen?“
Ich schaue auf meine Tasse. Meine Hände liegen darum wie um etwas Zerbrechliches. Eine Ming-Vase oder mein letztes bisschen Verstand. „Nein“, sage ich. „Aber ich weiß jetzt sehr genau, warum ich müde bin. Ich bin weltpolitisch erschöpft.“
Sie nickt. „Das ist doch auch was.“
Silke steht auf, geht Richtung Bad. „Weck mich nächstes Mal nicht mit Weltpolitik“, sagt sie.
„Ich habe dich gar nicht geweckt“, rufe ich hinterher. Aber sie ist schon weg.
Ich sitze im Esszimmer und denke darüber nach, dass ich das gerade alles sehr ordentlich erklärt habe. Mein Rücken meldet sich wieder. Leise, aber bestimmt. Er sagt: „Referat vorbei. Setzen. Sechs.“ Ich trinke meinen Kaffee. Er ist mittlerweile kalt. Das passt. Kalter Kaffee ist mein natürliches Habitat. Das ist der Zustand, in dem ich mich auskenne. Ich trinke ihn trotzdem. Wegkippen ist keine Lösung, und kalter Kaffee macht ja angeblich schön. Wenn das stimmt, müsste ich morgen aussehen wie George Clooney.
Ich denke noch mal über dieses Wort nach: „Eskalationsrisiko“. Das klingt so, als hätte jemand versucht, ein nacktes Gefühl in eine Excel-Tabelle zu quetschen. Risiko. Prozentual. Mit Fußnote. Ich stelle mir vor, wie ich das im Alltag benutze: „Silke, ich räume die Spülmaschine später aus. Aktuell herrscht ein massives Eskalationsrisiko zwischen mir und dem Besteckkorb.“ Oder: „Ich gehe jetzt nicht einkaufen. Eskalationsrisiko auf dem Parkplatz beim REWE. Die Lage ist komplex.“
Ich merke, dass ich mich selbst amüsiere. Nicht laut. Innerlich. So wie man lacht, wenn man merkt, dass man schon wieder viel zu viel denkt. Das ist mein Humor. Unfreiwillig. Ich erkläre Dinge, um sie auszuhalten.
Mein Rücken schickt mir eine Pushmeldung: „Zu viel Input. System wird heruntergefahren. Versuchen Sie es morgen erneut.“ Ich nicke. Als könnte mein Lendenwirbel mich sehen.
Aus dem Bad ruft Silke irgendwas. Ich antworte automatisch: „Ja.“ Ich habe keine Ahnung, worum es ging. Aber bei uns funktioniert das erstaunlich gut. „Ja“ ist das Schweizer Taschenmesser der Kommunikation.
Ich denke daran, dass ich früher dachte, informiert sein würde mir Sicherheit geben. Heute gibt es mir hauptsächlich Stoff für Grundsatzreferate, die keiner hören will. Ich halte sie trotzdem. Für mich. Manchmal auch für Silke. Meistens aber für Lola.
Die Dusche geht aus. Ich setze mich gerader hin. Mein Rücken quittiert das sofort mit einem Schmerzimpuls. Haltung ist ohnehin überschätzt. Ich schaue auf das Radio. Es steht da wie ein bösartiger kleiner Kasten, der nichts dafür kann. Ich nehme mir vor, es später wieder anzumachen. Also vermutlich nie. Zumindest nicht heute.
Silke kommt gleich wieder. Ich werde dann wahrscheinlich noch irgendwas erklären.
Manchmal frage ich mich, ob Menschen, die nicht so viel nachdenken, es einfacher haben im Leben. Nicht besser. Aber einfacher. Ich meine damit nicht dumme Menschen. Ich meine dieses spezielle Talent, bei dem ein Gedanke kommt und dann auch wieder geht. Ohne Gepäck. Ohne Anschlussfragen. Ohne dass er sich direkt die Schuhe auszieht und fragt, ob er im Gästezimmer übernachten kann. Bei mir ist das anders. Gedanken kommen nicht allein. Die bringen immer noch ihre bucklige Verwandtschaft mit. Und die bleibt dann.
Ich denke ja nicht über alles nach, weil ich das will. Das wird mir manchmal unterstellt, auch von mir selbst. Aber das stimmt nicht. Es passiert einfach. Ein Gedanke ist da, und bevor ich entscheiden kann, ob ich ihn behalten möchte, hat er schon angefangen, sich einzurichten. Schuhe ausgezogen. Jacke aufgehängt. Sitzt am Küchentisch und hat entschieden länger zu bleiben.
Ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn man Nachrichten hören könnte wie den Wetterbericht. „Heute wechselhaft.“ Aha. Jacke an. Fertig. Stattdessen höre ich Sätze, nach denen ich mich fühle, als müsste ich morgen eine mündliche Prüfung in „Zukunft der Menschheit“ ablegen. Mein Körper meldet: „Kapazität erschöpft. Rücken unkooperativ. Bitte werfen Sie eine Münze ein.“
Silke kommt aus dem Bad und sieht mich an. „Was ist los?“, fragt sie.
„Ich überlege“, sage ich.
„Das überrascht mich jetzt aber“, sagt sie ironisch. „Mitten am Tag. Einfach so.“
„Ich frage mich, ob Leute, die weniger nachdenken, es leichter haben.“
Sie zuckt mit den Schultern. „Vielleicht denken die ja auch. Nur nicht so laut. Die haben vielleicht eine bessere Schalldämmung im Kopf.“
Ich denke darüber nach. Natürlich tue ich das.
„Bei mir ist das so“, sage ich, „dass die Gedanken nicht anklopfen. Die treten einfach die Tür ein. Wie das Sondereinsatzkommando, nur ohne die coolen Helme. Ich kann sie nicht löschen, nur leiser drehen.“
Silke setzt sich. „Und bringt dir das was?“
Ich überlege kurz. „Nein“, sage ich. „Aber es passiert trotzdem.“
Sie nickt. Das ist ihre Spezialität. Nicken ohne Lösungsvorschlag. Das ist so beruhigend wie eine sauberes Katzenklo.
Lola kommt nicht leise. Sie kommt zielgerichtet. Ein kurzer Sprung, dann sitzt sie auf meinem Schoß. Kein Zögern. Die weiß genau, wo sie hinwill. Sie richtet sich ein, dreht sich zweimal, findet die Stelle, die für sie bequem ist, und mein Rücken protestiert kurz, aber Lola ignoriert das. Die hat ihre eigenen Gesetze. Ich fange an, sie zu streicheln. Mein Körper kann das ohne Handbuch. Lola schnurrt sofort. Kein Übergang. Von Null auf Hundert in einer Sekunde.
Silke beobachtet uns. „Du wirst benutzt“, sagt sie.
„Ja“, sage ich. „Aber Lola ist wenigstens ehrlich dabei. Die will keine Haltung zur Weltlage, die will nur, dass ich den Daumen bewege.“ Lola schiebt ihren Kopf gegen meine Hand. Fester. Sie justiert nach. Es ist erstaunlich, wie wenig Widerstand man leistet, wenn jemand so genau weiß, was er will.
Lola denkt nicht darüber nach, ob Streicheln jetzt gerade politisch korrekt ist oder ob man das fühlen darf. Sie macht es einfach.
„Sie denkt nicht“, sage ich.
Silke schaut auf. „Doch“, sagt sie. „Aber nicht über Sachen, die sie nichts angehen. Lola hat einen exzellenten Filter.“ Das klingt klüger, als es wahrscheinlich gemeint war.
Lola schnurrt weiter. Mein Atem wird ruhiger. Meine Gedanken werden langsamer. Sie sind nicht weg, aber sie haben jetzt mehr Sicherheitsabstand. Als hätte Lola eine Pufferzone um mich herum errichtet. Ich sitze da, mit einer Katze auf dem Schoß, und merke, dass mein Körper gerade etwas bekommt, wofür mein Kopf keine Excel-Tabelle hat. Wärme. Gewicht. Die totale Abwesenheit von Eskalationsrisiken.
Irgendwann steht Silke auf und geht ins Schlafzimmer. Lola bleibt noch einen Moment liegen, prüft die Lage, springt dann runter und verschwindet ohne Abschied. Katzen sind da schmerzfrei.
Ich sitze allein im Esszimmer. Der Stuhl ist derselbe. Der Raum auch.
Ich denke nichts Bestimmtes. Das fällt mir erst auf, als ich merke, dass ich es bemerke. Dann stehe ich auch auf. Nicht wegen eines Gedankens. Nicht wegen der Weltlage.
Einfach, weil der Moment vorbei ist.
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