Der Samstag-Algorithmus

Heute hat der Samstag mal keinen Alarmton. Er wacht einfach auf. Wie jemand, der weiß, dass er heute nichts beweisen muss. Außer vielleicht, dass er in der Lage ist, unfallfrei eine Kaffeetasse zum Mund zu führen.
Mein Körper braucht ein paar Sekunden, um zu verstehen, wo er ist. Die Decke liegt schwer auf den Beinen, aber nicht unangenehm. Eher wie ein leiser Hinweis darauf, dass Bewegung heute freiwillig ist. Ich drehe mich auf den Rücken und höre in die Wohnung hinein. Keine Geräusche. Nur dieses weiche Grundrauschen von Stillstand. Man kennt das.
Ich schiebe mich aus dem Bett. Die Füße brauchen einen Moment, um sich auf die Realität einzustellen. Im Bad sehe ich mich im Spiegel. Ein Gesicht, das noch nicht ganz entschieden hat, welche Stimmung es heute tragen möchte. Augen ein bisschen schmaler als früher. Haut ein bisschen ehrlicher. Sagen wir: charakterstark. Ich nicke mir zu. Der Spiegel sagt nichts. Er verhält sich professionell zurückhaltend.
Aus dem Wohnzimmer kommt ein leises Schnaufen. Lola liegt auf der Couch, ausgestreckt, als hätte sie eine anstrengende Nacht hinter sich. Wahrscheinlich hat sie im Traum wieder die Weltherrschaft übernommen und musste zwischendurch kurz Pause machen. Ein Vorderbein hängt über der Kante. Kontrollverlust im Schlaf. Sie sieht aus, als wäre sie mit allem im Reinen. Ich beneide sie darum. Katze müsste man sein. Oder Sofa.
In der Küche klappert es. Nicht laut. Dieses vorsichtige Klappern von jemandem, der wach ist, aber den Tag noch nicht wecken will. Silke ist schon auf. Das überrascht mich nicht. Überraschend wäre es, wenn sie es nicht wäre. Als ich dazukomme setzt sie sich an den Esszimmertisch. Vor ihr liegt ein Zettel. Ein Stift. Eine Tasse Kaffee, aus der schon ein paar Schlucke fehlen. Sie schreibt langsam. Keine Hektik. Die Schrift hat auch ihren Samstag-Rhythmus.
„Morgen“, sage ich.
„Morgen“, sagt sie, ohne aufzusehen.
Das ist unsere Art der Kommunikation. Knapp. Effizient. Ohne Schnörkel.
Ich setze mich. Der Stuhl knarzt kurz. Auch er meldet sich. Naja, wir werden alle nicht jünger. Selbst die Möbel haben inzwischen Rücken. Silke liest den Zettel halblaut vor. Milch. Brot. Eier. Irgendwas mit Gemüse. Dinge, die man kauft, weil man sie braucht und nicht, weil man sie begehrt.
„Fehlt noch was?“, fragt sie und schaut mich an.
Ich denke kurz nach. Nicht über Produkte. Eher über das Gefühl, etwas zu vergessen. Dieses diffuse Wissen, dass immer irgendwas fehlt, auch wenn der Kühlschrank voll ist.
„Ich lass mich beim Einkaufen inspirieren“, sage ich. Das ist ein Satz, den ich öfter benutze. Er klingt souverän. Offen. Fast ein bisschen nach Lebenskunst. In Wahrheit bedeutet er: Ich habe keine Lust, jetzt strukturiert zu denken. Ich vertraue darauf, dass mir zwischen Tiefkühlpizza und Putzmitteln schon irgendwas begegnet, das so aussieht, als würde es in unser Leben passen.
„Dann schreib ich mal nix weiter auf“, sagt sie.
„Vertrau mir“, sage ich.
„Das tue ich“, sagt sie. Woran man sieht, dass sie ein grundgütiger Mensch ist.
Wir fahren los. Samstagverkehr hat etwas Zähes. Er bewegt sich, aber nur widerwillig. Als müsste jede Kreuzung erst überzeugt werden.
Der Parkplatz ist voll. Nicht komplett. Aber so, dass man merkt: Heute sind viele unterwegs, die nur kurz was brauchen. Vor dem Eingang steht eine Schlange. Keine Menschenschlange, sondern eine Autoschlange. Ohne klare Ordnung. Nur dieses langsame Vorrollen, Anhalten, Blinken. Alle wollen nach rechts. Direkt vor die Tür. Als gäbe es dort irgendetwas umsonst für Menschen, die nah genug geparkt haben.
Ich rolle mit und bleibe stehen. Wieder. Der Motor läuft.
„Das nervt mich ja jetzt schon“, sage ich. Silke sitzt neben mir. Sie sagt nichts. Sie schaut nach vorne. Sie kennt diesen Moment. Sie kennt mich.
„Guck dir das an“, sage ich und deute nach rechts. „Die wollen alle rechts auf den Parkplatz.“
Ich schaue nach links. Leer. Reihenweise frei. Platz ohne Ende.
„Links ist alles frei“, sage ich. „Komplett.“ Silke grinst. Nicht spöttisch. Eher wie jemand, der meine Gedanken kennt, bevor ich sie zu Ende gedacht habe.
„Aber nein“, sage ich. „Bloß nicht laufen, ihr faulen Säcke.“
Ich merke, wie ich innerlich Fahrt aufnehme, noch bevor das Auto es tut.
„Faulheit“, sage ich. „Reine Faulheit.“ Ich atme aus.
„Weißt du“, sage ich, „das ist doch absurd. Alle stehen hier und blockieren sich gegenseitig, nur um zwanzig Schritte zu sparen.“
„Vielleicht sparen sie sich was anderes“, sagt Silke.
Ich denke kurz nach. „Ach ja, was denn?“
„Gedanken.“ Sie schaut wieder nach vorne. Thema erledigt.
Ich sehe noch einmal nach links. Es ist immer noch alles frei. Ein Parkplatz, der nichts verspricht und deshalb ignoriert wird. Ich setze den Blinker. Nach links. Nicht trotzig. Eher entschlossen. Als würde ich eine kleine, völlig bedeutungslose Entscheidung treffen, die sich trotzdem richtig anfühlt. Wir fahren an der Schlange vorbei. Langsam. Unauffällig. Kein Triumph. Kein Blick zurück.
Ich parke. Weiter weg. Nicht weit. Aber weit genug, um kurz gehen zu müssen. Ein Kompromiss, den ich mir selbst als Prinzip verkaufe.
Motor aus. Stille.
„So“, sage ich.
Silke nickt.
„Passt“, sagt sie.
Beim Aussteigen müssen wir beide lachen. Es ist so etwas wie ein Running Gag. Kein offiziell benannter. Ich fluche während der Autofahrt. Über Verkehr. Über Menschen. Über Abläufe, die sich mir nicht erschließen. Und ich merke es meist erst, wenn es schon läuft.
„Heute hast du dich aber mal zurückgehalten“, sagt Silke und zieht die Jacke zurecht.
Womit?“, frage ich.
„Mit dem Fluchen.“
„Ich war doch noch freundlich“, sage ich.
„Stimmt“, sagt sie. „Du hast erst analysiert.“
Das bringt mich zum Lachen. Weil es stimmt. Ich fluche nicht sofort. Ich baue es auf. Erst die Beobachtung. Dann die Bewertung. Dann leichte Empörung. Ein absolut sauberer Prozess. Man will ja kein Hektiker sein.
„Außerdem würde ich das nicht fluchen nennen“, sage ich. „Das ist eine Zustandsbeschreibung.“
„Natürlich“, sagt sie. „Hätte ich auch selbst draufkommen können.“
Wir gehen los. Der Weg Richtung Eingang ist kurz, aber lang genug, um wieder ruhiger zu werden. Bewegung hilft. Mir jedenfalls. Der Körper kommt nach, der Kopf bleibt noch ein paar Schritte voraus.
„Du brauchst das“, sagt Silke. „Sonst fehlt dir was.“
„Was denn?“, frage ich.
Sie zuckt mit den Schultern. „Widerstand.“
Ich denke darüber nach, während wir gehen. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht brauche ich diese kleinen Reibungen, um mich zu verorten. Als Beweis, dass ich noch reagiere. Dass mir nicht alles egal ist.
Am Eingang gehen die Türen auf. Warme Luft. Geräusche. Einkaufswagen. Stimmen.
Ich schiebe den Wagen. Silke nimmt den Zettel. Ich bin wieder ruhig. Für den Moment. Der Parkplatz war erst der Anfang. Der eigentliche Test kommt drinnen
Zuerst gehen wir immer zum Obst und Gemüse. Das ist kein Vorsatz, das ist Gewohnheit. Als müsste man sich einmal durch Frische durcharbeiten, bevor man zu den verarbeiteten Dingen darf.
Die Pfirsiche liegen vorne. Schön ausgeleuchtet. Flauschig.
„Pfirsiche“, sage ich. Ich nehme den ersten Pfirsich in die Hand. Drücke vorsichtig. Er gibt sofort nach. Zu viel. Ich lege ihn zurück. Ich mag nur harte Pfirsiche.
„Zu weich“, sage ich.
Der zweite. Gleiches Ergebnis.
Der dritte auch.
Ich werde gründlicher. Einer nach dem anderen. Drücken. Loslassen. Zurücklegen. Es entwickelt sich eine gewisse Systematik. Silke lehnt sich leicht an den Wagen und beobachtet mich. „Du weißt schon, dass andere Leute das sehen“, sagt sie.
„Ja“, sage ich. „Ich arbeite transparent.“
Ich nehme den nächsten Pfirsich. Drücke.
„Nein“, sage ich. „Auch der nicht.“
„Was genau suchst du?“, fragt sie.
„Widerstand“, sage ich. „Charakter. Einen Pfirsich, der weiß, was er will.“
Silke lacht. Leise. „Du willst also einen Pfirsich mit Rückgrat.“
„Mindestens“, sage ich. „Alles andere ist Kompott mit Zukunft. Ich nehme keine Pfirsiche, die schon vor dem Kauf aufgegeben haben.“
Ich greife weiter in die Kiste. Mittlerweile habe ich wirklich alle in der Hand gehabt. Ich halte kurz inne, schaue auf meine Hände und dann auf die Kiste.
„Jetzt habe ich wenigstens alle angefasst“, grinse ich. „Das hatte auch was Meditatives.“
„Du hast sie durchgetestet“, sagt Silke.
„Ich habe sie ernst genommen“, sage ich. „Mehr kann man von mir nicht verlangen.“
Ich lege den letzten Pfirsich zurück.
„Aber sie sind mir alle zu weich.“
Silke schaut in die Kiste. Dann auf mich.
„Vielleicht sind sie einfach reif.“
„Du meinst so wie ich? Das ist doch kein Zustand. Das ist ein Risiko.“
Sie verdreht die Augen. „Dann halt keine Pfirsiche.“
Ich nicke. „Man muss auch loslassen können“, sage ich. „Selbst bei Steinobst.“
Ich merke, dass ich grinse. Über mich. Über diese Gründlichkeit, die ich selbst nicht immer ganz ernst nehmen kann. Ich will Dinge richtig machen, sogar beim Obst. Und bin dann enttäuscht, wenn sie sich nicht so verhalten, wie ich es mir vorstelle.
Silke greift nach Weintrauben. Ohne Druckprobe. Ohne Drama. Sie weiß, was sie will.
„Du bist da entspannter“, sage ich.
„Ich will nur Weintrauben“, sagt sie.
„Ja“, sage ich. „Das merkt man.“
Wir gehen weiter.
Dann stehen sie da. Zwei Frauen. Zwei Einkaufswagen. Quer im Gang. Das Phänomen ist älter als der Pfandautomat und stabiler als jede Sonderangebots-Palette: Die Bildung einer Wagen-Barrikade.
Für manche Menschen scheint der Supermarkt kein Ort des Einkaufens, sondern ein öffentlich zugängliches Wohnzimmer zu sein. Hier trifft man Bekannte. Hier ist es warm. Hier gibt es Gesprächsanlässe („Hast du gesehen, was die Butter jetzt kostet?“). Der Gang wird zur Couch, der Einkaufswagen zum Beistelltisch.
Im Supermarkt gelten andere physikalische Gesetze. Zeit verlangsamt sich. Dringlichkeit löst sich auf. Menschen haben plötzlich Muße für:
- Lebensrückblicke
- Smalltalk über das Jahr 1997
- Preisvergleiche, die niemanden weiterbringen
Man blockiert, aber fühlt sich moralisch entlastet, weil: Wenn es jemanden stört, wird er sich schon melden. Eine der stabilsten Ausreden der Menschheitsgeschichte.
Dass dieser Jemand innerlich bereits mehrere unfreundliche Versionen seiner selbst durchgespielt hat, wird ausgeblendet. Und dieser Jemand bin im Moment ICH.
Und ich merke sofort, wie in mir etwas anspringt.
„Da könnte ich ja regelmäßig die Pimpernellen kriegen“, sage ich leise. Silke schaut nach vorne, dann zu mir. „Regelmäßig?“, fragt sie ruhig. „Du hast gerade erst eingeparkt.“
„Ich bin da sehr zuverlässig“, sage ich. „Das kommt schnell zurück.“
Die beiden Frauen reden weiter. Eine lacht. Die andere nickt. Kein Zucken der Wagen. Keine Ahnung, dass hinter ihnen noch eine Welt existiert.
„Wie kann man so rücksichtslos sein?“, sage ich. „Mitten im Gang.“
Silke bleibt stehen. Wartet.
„Vielleicht merken sie es nicht“, sagt sie.
Ich schüttele den Kopf.
„Das merkt man doch“, sage ich. „Das ist kein Gefühl, das sich versteckt. Die blockieren hier alles. Warten kann man am Bahnhof. Oder an der Kasse. Aber doch nicht hier. Das hier ist ein Durchgang. Das steht quasi im Namen.“
Silke grinst. „Du klingst empört.“
„Ich bin innerlich schon weiter“, sage ich. „Sehr viel weiter.“
Ich merke, wie es in meinem Kopf arbeitet. Kommentare. Bewertungen. Kleine, unschöne Gedanken, die ich nie aussprechen würde.
„Wenn die meine Gedanken lesen könnten“, sage ich grinsend zu Silke, „hätte ich ein echtes Problem.“
„Das glaube ich sofort“, sagt sie.
„Ich fluche innerlich wie ein Rohrspatz“, sage ich. „Das ist wirklich nicht schön.“
Und äußerlich?“, fragt sie.
Ich schaue nach vorne. Atme einmal durch.
„Äußerlich bin ich ein Vorbild“, sage ich.
Silke nickt anerkennend. „Das muss man auch erst mal schaffen.“
Ich trete einen kleinen Schritt nach vorne. Nicht bedrohlich. Eher ankündigend. Dann sage ich freundlich, wirklich freundlich. Fast schon beängstigend freundlich: „Entschuldigung, könnten wir kurz vorbei?“
Die beiden Frauen drehen sich um. Ein kurzer Moment der Überraschung.
„Oh“, sagt die eine. „Ja, natürlich.“
Sie ziehen ihre Wagen zur Seite. Sofort. Ganz selbstverständlich. Der Gang wird frei, als wäre nie etwas gewesen.
„Danke“, sage ich.
„Gerne“, sagen sie.
Wir schieben weiter. Nach ein paar Metern sage ich: „Siehst du. So einfach ist das.“
„Ja“, sagt Silke. „Man muss nur was sagen.“
Ich nicke. „Das stimmt, aber innerlich war ich schon beim Grundsatzreferat über die Straßenverkehrsordnung in geschlossenen Räumen.“
Ich bin freundlich geblieben. Das ist mir wichtig, auch wenn man es mir nicht immer ansieht. Auch wenn es manchmal knapp ist.
Wir stehen vor der Wursttheke. Stillstand. Systemwechsel. Zivilisationsbruch.
Da hängt dieser Automat. Nummern ziehen.
Ich schaue ihn an, dann Silke. „Sag mal, seit wann ist das eigentlich so?“
Ich zeige auf den Automaten, als hätte er mich persönlich beleidigt.
„Wir sind doch hier nicht auf dem Arbeitsamt. Ich will Wurst. Keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.“
Silke zieht bereits eine Nummer. Ruhig. Routiniert. Als hätte sie diesen Kampf innerlich längst aufgegeben.
„Ganz ehrlich“, sage ich und halte den Zettel hoch, „irgendwann muss ich noch Termine online machen, nur um an der Wursttheke drei Scheiben Salami zu kaufen. Mit Bestätigungsmail. ‚Ihre Wurst liegt jetzt bereit. Bitte bringen Sie einen Lichtbildausweis und ein polizeiliches Führungszeugnis mit.‘“ Ich laufe mich warm.
„Früher“, sage ich, „da hat das ohne Nummern funktioniert. Da gab es Blickkontakt. Da gab es ein Nicken. Da wusste jeder: Der war vor mir dran. Das war kein Hexenwerk, das war eine funktionierende Gesellschaft.“ Ich deute auf die Leute vor der Theke. „Heute traut man uns das nicht mehr zu. Heute heißt es: Hier, nimm einen Zettel, halt die Klappe und warte gefälligst. Als wären wir alle kurz davor, uns wegen Lyoner an die Gurgel zu gehen.“
Silke grinst. Sie lässt mich laufen.
„Das ist doch keine Verbesserung“, sage ich. „Das ist eine Kapitulation. Man hat aufgegeben zu glauben, dass Menschen eine Reihenfolge einhalten können. Also macht man ein System daraus. Neutral. Emotionslos. Mit Piepton.“
Ich lehne mich näher zu ihr. „Und warte ab, das bleibt nicht dabei. Nächster Schritt: Eine App. CarneLib. Dann brauchst du einen Slot. Dienstag 11:20 bis 11:25. Du bist verspätet? Pech gehabt. Deine Salami wurde bereits an die Schweine verfüttert.“
Die Anzeige springt weiter. Unsere Nummer rückt näher.
„Früher“, sage ich leiser, fast wehmütig, „hat man einfach gesagt: Ich hätte gern noch zwei Scheiben mehr. Heute denkt man: Hoffentlich bin ich korrekt aufgerufen worden.“
Ich seufze. „Und das nur, weil wir verlernt haben, gemeinsam zu warten.“
Silke tippt mir gegen den Arm. „Du bist dran.“
Wir gehen weiter. Richtung Putzmittel.
Ich merke es sofort. Silke wird schneller.
„Nicht schon wieder“, sage ich.
„Was?“ fragt sie unschuldig und greift nach einer Flasche Waschmittel, als hätte sie das schon ihr ganzes Leben lang vorgehabt.
„Wir machen einmal die Woche Großeinkauf“, sage ich. „Und jedes einzelne Mal kaufst du Waschmittel. Ich meine das nicht vorwurfsvoll, ich meine das wissenschaftlich. Das ist doch statistisch auffällig.“
Silke schaut auf die Flasche. Dann auf mich.
„Unsere ist fast leer.“
„Fast leer ist kein Zustand. Fast leer ist eine Stimmung. Wir reden hier nicht von Notstand. Corona ist offiziell vorbei“
Sie stellt die Flasche in den Wagen. Ruhig. Zielstrebig.
„Sag mal ehrlich“, frage ich, „was machst du damit? Trinkst du das heimlich? Oder badest du darin? Ich schlafe nachts, ich weiß nicht, was da passiert.“
Silke lacht. „Du hast keine Ahnung, wie schnell Waschmittel weggeht.“
„Doch“, sage ich. „Wäsche ist endlich. Wir haben eine überschaubare Anzahl an Kleidungsstücken. Die vermehren sich ja nicht über Nacht.“
Sie greift nach einer zweiten Sorte. „Das ist für dunkle Wäsche.“
Ich starre sie an. „Unsere dunkle Wäsche hat doch kein Eigenleben. Die kann doch auch das normale nehmen.“
„Nein“, sagt sie ruhig. „Kann sie nicht.“
„Aha“, sage ich. „Das erklärt einiges. Wir haben also inzwischen Spezialnahrung für Textilien. Fehlt nur noch ein extra Mittel für Socken, die sich innerlich aufgegeben haben.“
Silke schiebt den Wagen weiter. Ich gehe nebenher.
„Weißt du“, sage ich, „für mich ist Waschmittel etwas, das man einmal kauft. So wie Salz. Oder Pfeffer. Und dann lebt man davon. Bis es leer ist.“
„Du hast auch kein Problem damit, das letzte saubere T-Shirt noch zweimal zu tragen“, sagt sie.
„Das ist nachhaltig“, sage ich. „Und mutig.“
Sie bleibt stehen, schaut mich an. „Ich kaufe Waschmittel, damit ich weiß, dass wir welches haben.“
Ich nicke langsam. „Aha. Also aus reiner Vorsorge.“
„Genau.“
„Du kaufst also nicht Waschmittel“, sage ich, „du kaufst dir deinen Seelenfrieden.“
Sie grinst. Ich seufze theatralisch.
„Na gut“, sage ich. „Aber wenn wir irgendwann mehr Waschmittel als Kleidung besitzen, dann möchte ich, dass wir darüber reden.“
Silke schiebt den Wagen weiter.
„Machen wir.“
Ich greife noch nach einer Tüte geröstete, gesalzene Nüsschen. So eine spontane Entscheidung, die in Wahrheit immer dieselbe ist. Ich nehme sie nicht, weil ich sie brauche. Ich nehme sie, weil sie sich bewährt haben. Kleine Verlässlichkeiten im Regal.
„Die auch noch“, sage ich.
„Wie immer“, sagt Silke.
Dann gehen wir zur Kasse.
Keine Überraschung. Keine Dramen. Menschen stehen an. Wagen hinter Wagen. Alle schauen nach vorne, als könnte der Blick etwas beschleunigen. Wir stellen uns an. Ordentlich. Nicht ganz mittig, aber so, dass niemand denken kann, wir würden tricksen.
Wir warten.
Ich merke, wie sich mein innerer Puls langsam wieder normalisiert. Der Supermarkt hat diese Wirkung. Erst regt er auf, dann stumpft er ab. Eine Art Alltagssedierung.
Die Kassiererin zieht die Waren über den Scanner. Ein Geräusch, das nichts bedeutet und trotzdem alles regelt. Obst. Wurst. Waschmittel. Nüsse. Die Pfirsiche fehlen. Ich denke kurz daran, dann ist es auch wieder gut.
Ich packe ein. Silke bezahlt. Eingespielte Handgriffe. Kein Wort nötig. Wir wissen, wer was macht. Wir sind ein eingespieltes Team.
„War okay heute“, sage ich.
„Wie immer“, sagt sie.
Ich nicke. Ein Einkauf wie immer. Nicht spektakulär. Nicht schlimm. Nicht besonders. Nur ein ganz normaler Samstag mit ein bisschen zu viel Analyse.
Man kann vieles hinnehmen.
Aber nicht alles ernst nehmen.
Der Unterschied entscheidet.
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