Gefangen zwischen Wischmopp und Wäschehaufen

Neulich im Büro.
Ich sitze da, Kaffee in der einen Hand, das Brot in der anderen.
Der Blick leer. Gesicht leer. Kopf leer. Alles leer.

Zwei Kolleginnen unterhalten sich. Ich höre nicht wirklich hin. Belangloses Geplauder, denke ich. Bis zu dem Moment, als Kollegin 1 diese Sätze sagt:

„Das Schlimmste ist, wenn ich mich beim Putzen einfach mal kurz auf die Couch lege. Dann ist es vorbei. Danach habe ich keine Lust mehr.“

Bämm.

Mein Gehirn macht eine Vollbremsung, versucht, das zu sortieren. Vielleicht habe ich mich verhört. Vielleicht ist das ein Fachbegriff. Eine Technik, von der ich nichts weiß. So wie „feucht durchwischen“ oder „gründlich putzen“. Begriffe, die in meinem Wortschatz eher theoretischer Natur sind. Wie „Quantenphysik“ oder „Selbstbeherrschung am Buffet“.

Aber nein. Sie meint das ernst. Ihr Blick ist ruhig. Zu ruhig. Als hätte sie Dinge gesehen, über die sie nicht sprechen kann. Ich schaue sie an, als hätte sie gerade das Universum entschlüsselt. Mit dem Swiffer in der Hand.

Ich habe sofort Bilder im Kopf. Wie ihr Körper mitten im Putzrausch plötzlich in sich zusammensackt. Die Schwerkraft verdoppelt sich, ihre Beine melden sich spontan krank.

Beim Putzen hinlegen?
Hinlegen?

Warum sollte man das tun? Ist das eine Taktik? Ein Ritual? Ein System? Ein geheimer Haushalts-Kodex der Illuminaten, von dem ich nichts weiß? Oder ist es eine Art Zwang? Ist das ein Ding, das Menschen tun? Beim Putzen legt man sich doch nicht hin.

Man putzt. Das ist der Deal mit dem Schicksal.
Man fängt an, zieht es durch, wird fertig. Niemand sagt: „Oh, ich wisch mal eben den Boden, aber vorher leg ich mich noch kurz mitten in der Siff-Zone zur Ruhe.“

Das ist absurd. Unlogisch. Gefährlich.

Aber vielleicht gibt es da draußen Millionen von Menschen, die genau das tun. Sie nehmen einen Wischmopp und haben die beste Absicht der Welt. Und dann, zwei Minuten später, liegen sie da.

Über der Couch zusammengebrochen. Bewusstlos. Handlungsunfähig. In der Sofaritze verschollen.

Mein Blick wandert langsam zwischen den beiden hin und her. Sie reden weiter. Sie vertiefen das Thema. Und ich frage mich, ob ich jemals wieder normal putzen kann, ohne an Opferzahlen zu denken.

Sie erzählt weiter.

„Du willst nur schnell Flur und Wohnzimmer machen. Vielleicht noch die Küche, wenn du mutig bist. Dein Rücken schreit, deine Knie geben auf. Und du denkst: Ich leg mich mal kurz.“

Pause.

„Und dann bekomme ich den Arsch nicht mehr hoch.“

Zack. Treffer, versenkt.

Ich lasse den Satz sacken. Versuche ihn zu analysieren. Vielleicht ist es eine Metapher. Eine Metapher für etwas Größeres. Oder einfach eine tief empfundene Wahrheit, die ich als Mann nie wirklich verstehen werde. Eine universelle Konstante, so wie die Tatsache, dass ein Bumerang, wenn er nicht zurückkommt, einfach nur ein verdammter Stock ist. Ich frage mich, ob das überall so ist. Gibt es Statistiken? Studien? Ich sehe eine wissenschaftliche Arbeit vor mir, Titel: „Das Putz-Paradoxon – Warum Menschen beim Putzen plötzlich auf dem Rücken liegen.“

Ich sitze da, während sich meine Seele langsam nach hinten aus dem Stuhl rollt.

Dann meldet sich Kollegin 2.
Die war bis eben noch still. Jetzt nicht mehr.

Jetzt spricht sie. Jetzt erzählt sie von ihrer Apokalypse in Textil.

„Das Problem habe ich eher nicht. Ich stehe immer vor dem Kleiderschrank und probiere tausend Sachen an. Dann gefällt mir wieder was nicht und ich nehme was anderes. Aber anstatt es wieder direkt in den Schrank zu räumen, liegt irgendwann alles auf einem Haufen.“

Wieder halte ich inne. Der nächste Treffer. Ungebremst. Ich habe noch nicht mal den ersten verarbeitet.

Ich sehe es vor mir. Berge von Stoff. Ein archäologisches Grabungsfeld aus Jeans, Pullovern und vergessenen Sommerkleidern. Ich sehe jemanden, der mitten im Chaos steht, den Kopf in den Händen, vor sich das unüberwindbare Gebirge aus Kleidung, das er selbst erschaffen hat. Eine Tragödie in Baumwolle.

Nicht ein Haufen.
Der Haufen.
Das textile Endstadium jeder guten Absicht.
Und ich merke: Das hier ist kein normales Gespräch. Das ist ein Bericht aus dem Auge des Orkans. Mein Kaffee ist kalt. Ich habe ihn nicht mal getrunken. Ich kann das Gespräch nicht mehr ausblenden.

„Und ich weiß, ich muss es jetzt wegräumen. Falten. Sortieren. Nach Farben. Nach Laune. Nach irgendwas. Aber ich kann nicht. Ich steh da. Ich starre. Der Haufen starrt zurück. Und ich weiß: Ich habe verloren.“

Kollegin 1 nickt langsam. Wie eine Philosophin mit Schrubber.

Die Betten der Welt verschwinden unter diesen Haufen. Menschen haben ihre Wohnungen verlassen, weil sie den Kampf gegen die Schwerkraft und die Falttechnik verloren haben. Ganze Stadtteile liegen wahrscheinlich brach, weil irgendjemand beschlossen hat, die eine Bluse doch nicht anzuziehen.

Ich wollte das alles nicht wissen.
Ich wollte einfach nur meinen Kaffee trinken und mein Brot essen.

Ich werde heute nichts mehr tun.
Ich werde nicht putzen.
Ich werde meinen Schrank nicht öffnen.
Ich werde keine Wäsche falten.

Vielleicht erledigt sich alles von selbst. Vielleicht auch nicht. Vielleicht kämpft meine Nicht-Ehefrau gerade mit einem Wäschehaufen. Ich sollte sie warnen. Aber was, wenn sie mich dann zwingt, mitzumachen?

Ich werde einfach nur hier sitzen. Und warten.
Warten auf das große Nichts.

Aber ich bin nicht allein.
Wir sind viele.
Gefangen zwischen Wischmopp und Wäschehaufen.



Der Mensch ist erstaunlich gut darin,
sich selbst im Weg zu stehen,
während er glaubt, alles im Griff zu haben.

Das macht ihn nicht ineffizient.
Das macht ihn menschlich.

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