Ganz unten fängt es an

Warum Weihnachten leiser begann, als wir es erzählen

Der Baum steht im Wohnzimmer. Seit gestern. Ungeschmückt. Er muss sich erst mal legen. Das hat Silke gesagt. Und wenn Silke sagt, ein Baum müsse sich legen, dann legt er sich. Ob er will oder nicht. Das ist so eine Art familiäres Naturgesetz.

Er steht da, groß, grün und erstaunlich gelassen, als hätte er gerade ein anstrengendes Jahr in der Baumschule hinter sich und bräuchte jetzt einfach mal einen Tag regenerative Pause. Keine Kugeln, keine Lichter, kein Lametta. Nur Baum. Rohfassung Weihnachten.

Ich sitze am Tisch, Silke mir gegenüber, zwei Tassen Kaffee zwischen uns. Meine ist kalt, denn das ist die Natur des Mannes, der zu viel nachdenkt.

„Ich habe über die Weihnachtsgeschichte nachgedacht“, sage ich.

Silke hebt langsam den Blick. Dieses Anheben kennt man. Das ist kein Erstaunen, das ist Vorbereitung. Wie ein Boxer, der weiß, dass jetzt eine unsinnige Rechte kommt. „Natürlich hast du das.“

„Nicht kritisch“, sage ich schnell. „Also schon. Aber freundlich kritisch.“

Sie schaut mich an. „Das beruhigt mich jetzt nur mittelmäßig.“

Ich deute mit dem Kopf Richtung Wohnzimmer. „Wir stellen hier jedes Jahr einen Baum auf, lassen ihn sich erst mal akklimatisieren, dekorieren ihn dann feierlich, und feiern etwas, das wir alle kennen, aber kaum jemand hinterfragt.“

„Weihnachten“, sagt Silke.

„Genau“, sage ich. „Diese eine große Geschichte. Mit Stall, Kind, Stern, Hirten, Weisen. Das ist kein besinnliches Fest. Das ist eine Netflix-Serie mit zu vielen Nebenplots.“

Silke grinst. „Staffel eins war wohl stark.“

„Sehr“, sage ich. „Aber irgendwann hat jemand beschlossen, wirklich alles reinzupacken, was man so an Wunderwerk finden konnte.“

Ich sehe sie an. „Ich glaube, die Weihnachtsgeschichte ist weniger ein Bericht und mehr eine sehr gut erzählte Idee.“

Der Baum steht da. Ungeschmückt. Unbeteiligt. Als hätte er beschlossen, sich aus allem rauszuhalten, bis er Lichter bekommt.

„Micha“, sagt Silke ruhig, „du weißt schon, dass Weihnachten kein Sachbuch ist.“

„Ja“, sage ich. „Und genau das macht es interessant.“

Ich lehne mich vor. „Ich frage mich einfach, was davon Geschichte ist und was später dazukam, damit die Geschichte besser funktioniert.“

Silke sagt ruhig: „Vielleicht ist das gar nicht so wichtig.“

Ich blinzle. „Wie meinst du das?“

„Na ja“, sagt sie, „ich schaue auf den Baum und frage mich, ob er wirklich geradesteht. Du schaust drauf und denkst: Hauptsache, er steht.“

„Das ist eindeutig zweideutig“, sage ich.

Silke schaut mich an. Kurz. Sehr ruhig. „Was genau?“

„Na das“, sage ich. „Du sagst: ob er geradesteht. Und ich: Hauptsache, er steht. Das ist gefährlich pikant formuliert. Man könnte da was Falsches reininterpretieren.“

Sie blinzelt. Einmal. „Micha.“

„Ich will nur, dass das klar ist“, sage ich hastig. „Für den Baum. Und für alle Beteiligten.“

„Wir reden über eine Tanne“, sagt sie.

„Ja“, sage ich. „Aber Sprache hat Macht. Gerade an Weihnachten.“

Silke lehnt sich zurück. „Du bist der einzige Mensch, der aus einer Nordmanntanne ein Kommunikationsproblem machen kann.“

„Ich sehe Risiken“, sage ich. „Ich denke voraus.“

„Du denkst zu viel“, sagt sie.

„Das ist mein Markenzeichen.“

Sie schüttelt den Kopf, ein kleines Grinsen im Gesicht. „Also nochmal ganz eindeutig, ohne schmutzige Hintergedanken: Ich achte darauf, wie der Baum steht. Du bist zufrieden, dass er steht.“

„Danke“, sage ich erleichtert. „Das wollte ich hören.“

„Weißt du“, sage ich, „wenn ich mir diese Weihnachtsgeschichte vornehme, dann fange ich bei Maria und Josef an. Nicht bei Engeln, nicht bei Sternen. Bei den beiden, bevor alles religiös wird.“

Ich lehne mich zurück. „Josef zum Beispiel. Der war Zimmermann. Also Handwerker. Kein Visionär, kein Prediger. Eher so ein Typ, der abends sagt: Das Dach hält. Reicht für heute. Und dann Maria. Jung. Sehr jung. Aus Nazareth. Ein kleiner Ort, vielleicht noch kleiner als Kall. Aber auch da, wenig Ablenkung, viel Meinung. Jeder kennt jeden, und wenn man was nicht weiß, wird’s sofort zum Dorfgespräch.“

Ich ziehe eine Grimasse. „Und genau in so einem Kaff wirst du schwanger. Ohne Erklärung, die sich gut erzählen lässt. Heute schon schwierig, aber damals lebensgefährlich.“

Ich atme aus. „Das wird immer so ruhig erzählt, so sanft. Aber realistisch betrachtet muss das Chaos gewesen sein. Gerede, Blicke, Fragen. Und mittendrin Josef, der sich überlegen musste: Gehe ich, oder bleibe ich? Und das ist für mich der erste Punkt, an dem die Geschichte eigentlich schon alles gesagt hat. Er hätte gehen können. Einfach so. Kein Gesetz, das ihn hält. Aber er bleibt.“

Ich lasse den Satz kurz stehen.

„Kein Wunder. Kein Effekt. Einfach bleiben, obwohl es kompliziert wird. Und dann nach Bethlehem. Alle tun immer so, als wäre das ein Ziel gewesen. War es aber nicht. Da war die Verwaltung. Volkszählung. Der Staat sagt: Alle müssen reisen. Also reisen alle. Auch die, für die das gerade die schlechteste Idee der Welt ist. Und so sind sie unterwegs. Müde. Wahrscheinlich völlig genervt. Nicht romantisch, nicht besinnlich. Einfach zwei Menschen, die irgendwo ankommen wollen.“

Ich hebe die Hände.

„Und dann kommen sie an, und es gibt keinen Platz. Kein Drama. Kein Skandal. Einfach nichts zum Pennen. Also nehmen sie, was da ist. Irgendeinen Raum. Später wurde daraus ein Stall, weil ein Stall mehr erzählt als ein Nebenraum. Ein Stall sagt sofort: Ganz unten. Und genau da wird das Kind geboren. Ohne Bühne. Ohne Ankündigung. Ohne Applaus. Wenn ich das so erzähle, denke ich: Das ist der ehrlichste Teil der Geschichte. Menschen sind unterwegs, nichts läuft glatt, alles ist improvisiert. Vielleicht war das zu normal. Zu nah. Zu sehr wie unser eigenes Leben. Vielleicht brauchte es deshalb später Engel, Sterne und Wunder. Nicht, weil sie passiert sind, sondern weil man sonst gar nicht gemerkt hätte, wie radikal dieser Anfang eigentlich ist. Der Anfang ohne Extras“, sage ich.

Silke schaut mich an. „Ohne Extras?“

„Ja“, sage ich. „Ohne dramaturgische Aufrüstung. Schau mal: Zwei Leute kommen an. Kein Platz. Sie improvisieren. Kind wird geboren. Ende. Das ist ehrlich. Aber erzählerisch? Schwierig.“

Silke blinzelt. „Zu wenig Drama?“

„Zu leise“, sage ich. „Das ist kein Knall. Das ist ein Schulterzucken. Und Schulterzucken hält niemanden bei der Stange. Wenn du willst, dass Menschen dranbleiben, brauchst du mehr. Spannung. Bilder. Figuren, die was auslösen. Also kommt irgendwann jemand und denkt: Ja gut, das ist nett, aber da fehlt noch was, das ist langweilig.

Silke nickt langsam. „Und dann?“

„Dann kommen die Engel“, sage ich. „Nicht, weil jemand Engel gesehen hat, sondern weil Engel sofort klar machen: Achtung, das hier ist wichtig. Dann kommt ein Stern. Weil ein Stern Richtung gibt. Und weil niemand einer Geschichte folgt, die keine Richtung hat. Dann kommen Hirten. Weil einfache Leute glaubwürdig sind. Dann die Weisen. Kluge Leute adeln die Geschichte. Das ist kein Zufall. Das ist Dramaturgie.“

Silke sagt: „Du meinst, wie bei einem Krimi.“

„Exakt“, sage ich. „Am Anfang liegt da eine Leiche. Aber dann brauchst du Verdächtige, falsche Spuren, Spannung. Sonst klappt jeder das Buch nach fünf Seiten zu. Ich glaube nicht, dass man gelogen hat. Ich glaube einfach, man hat die Geschichte aufgeputscht.“

Ich deute zum Baum. „Der steht auch erst mal einfach da. Aber irgendwann kommen Kugeln dran. Nicht, weil der Baum sonst falsch wäre, sondern weil man ihn sonst übersieht.“

Silke nickt. „Also war der Anfang …“

„… zu unspektakulär“, beende ich den Satz.

Ich lehne mich zurück und merke, wie ich innerlich schon weiterrede, noch bevor ich den Mund aufmache. „Und genau da“, sage ich, „fängt das Erzählen an. Eine Geburt allein trägt keine Geschichte. Das ist schön, das ist wichtig, aber das reicht nicht für etwas, das man über Jahrhunderte weitererzählen will. Jesus war danach erst mal ein Kind. Kein Wunderkind. Kein Baby mit Lebensauftrag. Einfach ein Kind. Der hat gekotzt, geschissen und genervt, so wie jedes andere Kind auch. Maria und Josef sind doch nicht durch die Gegend gezogen und haben gesagt: Achtung, hier wächst gerade der Erlöser auf. Die sind nach Hause gegangen. Nach Nazareth. Alltag. Arbeit. Essen musste auf den Tisch. Josef ist zurück an die Werkbank. Holz, Balken, Türen. Und Jesus? Der stand daneben.“

Silke runzelt die Stirn. „Du meinst …“

„Ja“, sage ich. „Sehr wahrscheinlich hat Jesus auch Zimmermann gelernt. Handwerker. Ein Beruf mit Zukunft. Kein Studium. Kein Tempelamt. Sondern Sägemehl, Schwielen, kaputte Fingernägel. Wochenlang unterwegs auf Montage. Der Mann hat höchstwahrscheinlich mehr Zeit mit Holz verbracht als mit Beten. Und genau das finde ich wichtig. Jesus wächst nicht im Elfenbeinturm auf. Der wächst mitten im Leben auf. Er weiß, wie schwer ein Balken ist. Wie müde man abends ist. Wie es sich anfühlt, wenn es trotz harter Arbeit nicht reicht. Der war nicht abgehoben. Der war bodenständig.“

„Und dann“, sage ich, „vergehen Jahre. Viele Jahre. Keine Geschichten. Keine Wunder. Kein Drama. Das ist übrigens auch spannend. Die Bibel schweigt dazu fast komplett.

Silke nickt langsam.

„Und irgendwann“, fahre ich fort, „ist er erwachsen. Und dann passiert was Entscheidendes: Er fängt an zu reden, sich Gedanken zu machen. Und was er sagt, ist eigentlich gar nicht neu. Liebe deinen Nächsten. Sei barmherzig. Urteile nicht so schnell. Kümmere dich um die, die keiner sieht.“

Ich zucke mit den Schultern. „Das hätte auch jeder andere sagen können. Aber offenbar hat er es so gesagt, dass die Leute zugehört haben. Vielleicht, weil er einer von ihnen war. Kein Funktionär. Sondern jemand, der wusste, wie sich das Leben anfühlt. Ein Arbeiter halt.“

Silke fragt leise: „Und deshalb sind ihm die Leute gefolgt?“

„Ja“, sage ich. „Nicht wegen Wundern. Sondern wegen seiner Haltung. Er hat sich getraut den Mund aufzumachen. Und erst viel später, als man gemerkt hat, dass diese Worte gefährlich sind, dass sie auch Macht infrage stellen, die Ordnung stören, da wurde es ernst. Für mich war Jesus damals kein Gottessohn mit Spezialeffekten. Sondern ein Handwerker, der angefangen hat, unbequeme Dinge laut zu sagen.“

„Und jetzt“, sage ich, „kommt der Teil, der in der Weihnachtsgeschichte natürlich nicht vorkommt, weil die Weihnachtsgeschichte ja nur das Intro ist. Das ist der Trailer. Niedlich, kurz, Stall, Ende. Aber danach läuft der Film.“

Ich lehne mich vor, die Hände auf den Tisch, als würde ich Silke jetzt ein bisschen mit reinziehen, ohne dass sie weglaufen kann.

„Wenn Jesus erst mal anfängt zu reden, passiert als erstes etwas total Unromantisches: Menschen bleiben stehen. Das klingt banal, ist aber der Anfang von allem. Sobald Leute stehen bleiben, hast du plötzlich Öffentlichkeit. Und sobald du Öffentlichkeit hast, hast du automatisch Ärger.“

Ich atme aus. „Er zieht also rum. Nicht wie damals die Kelly Family mit Tourbus. Eher wie jemand, der zu Fuß unterwegs ist, irgendwo schläft, sich durchfrisst und jeden Tag wieder reden muss, damit am nächsten Tag überhaupt noch jemand da ist.“

Silke schaut mich an.

„Und was er macht, ist eigentlich ziemlich simpel“, sage ich. „Er erzählt Geschichten. Gleichnisse. Bilder. Nicht dieses: ‚Hier ist die Wahrheit, schreibt mit.‘ Sondern: ‚Stell dir vor …‘“

Ich hebe den Finger. „Das ist schlau. Weil du Leuten nichts aufdrückst. Du gibst ihnen ein Bild, und die bauen sich die Bedeutung selbst zusammen. Menschen funktionieren so.“

Ich werde wieder ernst. „Und dann passiert das Nächste: Er geht dahin, wo man eigentlich nicht hingeht. Zu denen, die man meidet. Kranke, Ausgestoßene, Leute mit schlechtem Ruf, Leute, die offiziell nicht dazugehören. Und das ist der Moment, wo die, die Ordnung lieben, nervös werden. Weil Ordnung davon lebt, dass jeder weiß, wo sein Platz ist.“

Ich deute Richtung Baum. „So wie du mit deinen Weihnachtskugeln. Jede Kugel hat ihren Platz. Wenn Micha eine Kugel dahin hängt, wo sie nicht hingehört, gibt’s Stress.“

Ich sehe Silke an. „Das ist jetzt nicht zweideutig, das ist Weihnachtslogik.“

Silke schnaubt.

„Also“, sage ich, „die Leute folgen ihm nicht, weil er ihnen Zuckerwatte verspricht. Die folgen ihm, weil er ihnen Würde gibt. Weil er sie sieht. Und weil er Dinge sagt, die sie sich selbst nie trauen würden zu sagen. Und dann wird das beobachtet. Erst von Neugierigen. Dann von Skeptikern. Und irgendwann von denen, die entscheiden dürfen, was gesagt werden darf.“

Ich mache eine kurze Pause. „Das ist wie in jedem Dorf. Erst heißt es: ‚Hast du schon gehört?‘ Dann heißt es: ‚Der spinnt doch.‘ Und am Ende heißt es: ‚Der nervt total‘. Und spätestens da wird’s ernst. Nicht, weil Jesus plötzlich böse wird. Sondern weil er zu sichtbar wird. Weil ihm zu viele zustimmen und folgen.“

Silke fragt leise: „Und wann kommen die Wunder?“

Ich lächle. „Die kommen in den Erzählungen genau dann, wenn du merkst, dass Worte allein nicht reichen, um alle zu überzeugen. Für die einen reicht ein Satz. Für die anderen brauchst du ein Zeichen. Und Zeichen sind in Geschichten immer die Währung für: Das ist wirklich wichtig. Aber selbst wenn man die Wunder wegdenkt, bleibt der Kern gleich: Er sammelt Menschen um sich, er bringt Unruhe rein, er verschiebt Grenzen. Und das ist der Punkt, an dem die Weihnachtsgeschichte aufhört, gemütlich zu sein. Denn ein Kind im Stall ist rührend. Aber ein erwachsener Mann, dem Leute zuhören, ist für jede Machtstruktur das Gegenteil von rührend. Der ist unbequem. Und genau deshalb wurde er gekreuzigt.“

Silke schaut mich an. Kein Schock, eher dieses erklär mal sauber.

„Nicht wegen Blasphemie, nicht primär wegen Religion“, fahre ich fort. „Sondern weil er störte. Weil er öffentlich war. Weil er Menschen erreicht hat, die man eigentlich ruhig halten wollte.“

Ich zucke mit den Schultern. „Kreuzigung war kein theologisches Urteil. Das war die römische Ordnungspolitik. Abschreckung. Ein sehr klares: Lasst euch das eine Warnung sein. Wer zu viele Menschen um sich schart, ohne Genehmigung, ohne Amt, ohne Kontrolle, der wird irgendwann ein Risiko. Und Risiken werden beseitigt.“

Silke nickt.

„Und das Bittere ist“, sage ich, „er wurde nicht gekreuzigt, weil er Gewalt wollte. Sondern weil er keine gemacht hat. Weil er sich nicht einordnen ließ. Weil er nicht aufhörte zu reden. Das Kreuz ist kein tragisches Missverständnis. Das ist die logische Konsequenz von Sichtbarkeit.“

Kurze Pause.

„Und dann“, sage ich, „passiert etwas, das eigentlich gegen jede Dramaturgie spricht.“

Silke wartet.

„Er stirbt“, sage ich. „Ende. Keine Rettung in letzter Sekunde. Kein Twist, bei dem alle klatschen. Für alle, die ihm gefolgt sind, war das erst mal eine Niederlage.“

Ich lache leise, ohne Humor.
„Das ist der Moment, wo normalerweise jede Bewegung zerbricht. Anführer tot, Angst groß, alle gehen nach Hause. Aber sie sind nicht gegangen.“

Silke runzelt die Stirn. „Warum nicht?“

„Weil da schon etwas passiert war“, sage ich. „Nicht mit ihm. Mit ihnen. Die hatten erlebt, wie es ist, ernst genommen zu werden. Gesehen zu werden. Anders zu denken. Dinge zu hinterfragen. Und das kannst du nicht wieder ausknipsen. Ob man nun an Auferstehung glaubt oder nicht, faktisch ist eins passiert: Die Geschichte ging weiter. Trotz Kreuz. Oder vielleicht gerade deswegen.“

Ich halte kurz inne. „Das ist erzählerisch ziemlich mutig. Der Held stirbt, und trotzdem wird alles größer.“

Silke sagt leise: „Also war das Kreuz nicht das Ende.“

„Nein“, sage ich. „Das war der Punkt, an dem aus einem Menschen eine Bewegung wurde.“

Ich deute zum Baum. „Weihnachten ist der Anfang, den man aushält. Das Kreuz ist der Teil, den man eigentlich lieber überspringt. Und alles danach ist der Beweis, dass Ideen nicht sterben, nur weil man Menschen beseitigt.“

Der Baum steht da.
Still.
Und ich denke: Gemütlich war das alles eigentlich nie.

Ich merke, wie sich alles langsam sortiert. Nicht im Sinne von jetzt habe ich recht, sondern eher wie: Jetzt passt es für mich.

„Vielleicht“, sage ich, „muss die Geschichte gar nicht größer enden, als sie angefangen hat.“

Silke schaut mich an, sagt nichts. Also rede ich weiter.

„Vielleicht ist Weihnachten einfach nur der Anfang von etwas, das keiner geplant hat. Kein Masterplan, kein göttlicher Projektordner, kein: So, das ziehen wir jetzt bis Ostern durch. Sondern ein Moment, in dem etwas losgeht, das niemand überblickt.“

Ich deute auf den Baum. „Der steht da ja auch nicht, weil er fertig ist. Der steht da, weil er da ist. Und erst später hängen wir alles dran, was wir brauchen, damit es sich nach Weihnachten anfühlt.“

Ich schnaube leise. „Kugeln, Lichter, Engel. Alles okay. Alles schön. Aber ohne den Baum drunter wäre das nur Deko.“

Ich werde ruhiger. „Und vielleicht ist es mit der Weihnachtsgeschichte genauso. Ohne Stall, ohne Improvisation, ohne dieses kein Platz, also machen wir irgendwie weiter, als wäre alles andere nur Schmuck. Vielleicht feiern wir Weihnachten deshalb jedes Jahr so ausgiebig, weil es der Teil der Geschichte ist, den man aushält. Warm, leise, überschaubar.“

Ich schaue wieder zum Baum. Ungeschmückt. Geduldig.
„Der Anfang ohne Extras.“

Silke steht auf und betrachtet ihn einen Moment.
„Dann lassen wir ihn heute einfach so“, sagt sie.

Der Baum bleibt, wie er ist.

Vielleicht erzählen wir Geschichten über Jahrhunderte hinweg immer wieder neu, um uns selbst daran zu erinnern, dass aus etwas Unscheinbarem mehr werden kann, als man am Anfang ahnt.

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