Das grüne Restprogramm und der Kampf um die Geradlinigkeit

Es ist Wochenende, der zweite Advent ist schon Geschichte, und wisst ihr, was wir nicht haben? Einen Weihnachtsbaum. Das ist der Punkt im Jahr, an dem man sich ernsthaft fragt, ob Weihnachten diesmal einfach beschlossen hat: „Ach komm, ohne den Schneider und die Lentzen, das wird entspannter.“

Da sitzen wir also, mitten in der besinnlichen Zeit, nur eben ohne das Objekt der Besinnlichkeit. Ohne Baum. Ein Weihnachtsfest ohne Baum ist ja irgendwie wie ein Auto ohne Räder, ein Schnitzel ohne Panade oder ich ohne Chaos: theoretisch möglich, praktisch aber völliger Unfug.

Man guckt rüber zum Nachbarn. Der hat seinen Baum schon seit einer Woche da stehen, als hätte er ihn im September in irgendeiner geheimen Baum-Auktion ersteigert. Und man fragt sich: Haben die einfach diese natürliche Grundorganisation? Dieses Talent, das dem Rest der Menschheit – also uns – einfach nicht mitgegeben wurde? So eine Art Advents-Superpower?

Wir stehen also da, beide noch nicht richtig wach, und Silke, meine Nicht-Ehefrau, sagt mit dieser Mischung aus Dringlichkeit und der unterschwelligen Drohung, mich auf Lebenszeit aus der Abteilung „Entscheidungsfindung“ zu verbannen: „Wir müssen JETZT einen Baum holen, Micha. Wenn wir noch länger warten, kriegen wir nur noch das grüne Restprogramm. Die Bäume, die aussehen, als hätten sie im Leben einfach gegen eine Wand gelehnt und verloren.“

Und ich weiß genau, was sie meint. Diese traurigen, lichtscheuen Exemplare, bei denen der Verkäufer schon vorsorglich sagt: „Ja, gut. Der hat halt … Charakter.“ Was ja so viel heißt wie: „Der Baum ist eine Katastrophe, aber ich muss ihn loswerden.“

Silke will sofort los. Ich sage reflexartig wie immer: „Machen wir morgen.“
Und sie schaut mich an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, Weihnachten auf März zu verschieben. In diesem Blick liegt alles: Enttäuschung, Entsetzen und die leise Frage, ob sie bei der Partnerwahl vielleicht irgendwo falsch abgebogen ist.

Ich räuspere mich, mutig wie jemand, der noch nicht begriffen hat, dass sein Ende naht, wenn er so weitermacht, und setze noch einen drauf: „Also, ich sag’s ja nur. Ganz vorsichtig. Es gibt ja auch wirklich schöne künstliche Weihnachtsbäume.“

Silke dreht sich langsam zu mir, Zentimeter für Zentimeter, als würde sie prüfen, ob der Mann, der da spricht, noch ganz bei Trost ist. „Künstlich?“, fragt sie in diesem Tonfall, in dem andere Menschen „Rattenbefall“ oder „Die Katze hat auf den Teppich gekotzt“ sagen.

Ich nicke. „Ja! Die sehen heute so echt aus, da musst du zweimal hingucken!“

„Micha“, sagt sie, und die Ruhe in ihrer Stimme ist beängstigend. „Ein künstlicher Baum ist kein Weihnachtsbaum. Ein künstlicher Baum ist ein Notruf. Ein SOS-Signal deiner inneren Weihnachtsverzweiflung.“

Ich halte dagegen. Das ist mein Job. „Aber er nadelt nicht!“

Silke läuft rot an. „Und ich atme auch nicht Glitzer. Trotzdem mache ich Weihnachten mit!“

Ich erkenne Niederlagen recht zuverlässig. Meistens so nach dem dritten Schlag auf den Hinterkopf.

Silke schnipst mit den Fingern. „Schuhe an. Jacke an. Los. Bevor dir noch irgendein dummer Gedanke einfällt und du mich komplett in den Wahnsinn treibst.“

Ich ziehe mich an. Ergeben. Still. Wie ein Mann, der weiß, dass sein Vorschlag gerade offiziell in die Hall of Shame der Familienhistorie aufgenommen wurde.

„Auf geht‘s“, sagt sie. „Wir fahren.“

„Zum Baumverkauf?“, frage ich vorsichtig, falls es noch eine winzige Chance auf einen diplomatischen Rückzug gibt.

Sie dreht sich fragend zu mir. „Nein, Micha. Zum Angeln. Natürlich zum Baumverkauf.“
 
Ich nicke. Man sollte nicht versuchen, an einem Tag zwei Niederlagen einzusammeln, wenn die erste schon gereicht hat.

Silke marschiert zum Auto wie ein Mensch, der auf eine Mission geschickt wurde, die das Schicksal der kompletten Festtage entscheidet. Im Auto schnallt sie sich an, dreht sich zu mir und sagt: „Und nur damit das klar ist: Wir nehmen NICHT einfach das, was noch da ist.“

„Natürlich nicht.“

„Der Baum muss schön sein.“ Sie hebt den Finger. „Schön. Nicht: geht so. Nicht: hat Charakter. Nicht: sieht von weitem eigentlich okay aus. SCHÖN! Verstanden?“

„Schön“, wiederhole ich.

„Schön schön“, sagt sie. „Weihnachten ist schließlich kein Restposten-Experiment.“

An der ersten Ampel sagt sie plötzlich: „Und du sagst mir heute KEIN EINZIGES MAL, dass der Baum schief steht.“

Ich runzle die Stirn. „Aber … manchmal stehen die schief. Das ist die Natur.“

Silke dreht langsam den Kopf. „Alles steht schief, wenn man lange genug hinguckt. Oder ist das Sofa bei dir gerade?“

Ich beschließe, dass dieser Satz nicht nur der Beginn einer philosophischen Karriere sein könnte, sondern auch das Ende meiner Überlebenschancen, falls ich widerspreche.

„Alles klar“, sage ich. „Der Baum wird schön. Punkt.“

Silke grinst zufrieden. „Genau. Wir holen heute einen Baum, der aussieht wie Weihnachten. Nicht wie Verzweiflung.“

Ich schaue aus dem Fenster. Wir sind fast da. Das Schild des Baumverkaufs kommt in Sichtweite: „Nordmanntannen – große Auswahl – solange der Vorrat reicht!“

Und ich denke: Bitte lass den Vorrat reichen. Nicht für mich. Für Silke. Und für meinen inneren Frieden.

Kaum sind wir auf dem Parkplatz, sagt sie: „So. Nordmanntanne. Erste Wahl. Keine Diskussion.“

Ich nicke. Natürlich Nordmanntanne. Der Baum unter den Bäumen. Der Mercedes unter den Tannen. Der Beyoncé des Nadelwalds.

„Die ist weich, piekst nicht, sieht dunkelgrün aus wie frisch gelackt und nadelt erst, wenn Karneval längst vorbei ist“, erklärt Silke. Ich bin mir sicher, die hat ein Wikipedia-Nadelbaum-Spezial im Kopf gespeichert.

Ich steige aus und schaue mich um. Links stehen die Nordmanntannen in Reih und Glied: stattlich, symmetrisch, perfekt frisiert. Bäume, die aussehen, als würden sie sich abends heimlich selbst föhnen.

Rechts: die Douglasien. Etwas schlanker, eleganter, leicht duftend. Der Verkäufer streicht über eine und sagt: „Wenn Sie die in die Nähe einer Heizung stellen, riecht die leicht nach Orange.“

Ich schaue ihn an. „Was ist das? Ein Baum oder ein Wellnessprogramm für die Wohnung?“ Silke ignoriert mich. Natürlich ignoriert sie mich.

Sie steuert auf eine Nordmanntanne zu, die so perfekt gewachsen ist, dass ich das Gefühl habe, sie wurde vor dem Verpacken noch einmal mit der Wasserwaage eingesegnet.

„Die ist schön“, sagt Silke. Der Verkäufer nickt stolz. „Ja, das ist unsere Premiumlinie. Gleichmäßiger Wuchs, stabile Äste, nimmt auch schwereren Baumschmuck.“

Ich fasse mutig einen Ast an. Er ist weich. Nicht pieksig. Ich lächle.

Silke sieht mich direkt misstrauisch an. „Lass das. Nicht anfassen, das geht selten gut, wenn du etwas anfasst.“ Ich ziehe die Hand zurück wie ein Kind, das beim Bäcker in die Auslage gegriffen hat. Ich stehe also brav da, Hände hinter dem Rücken, als wäre der Baum eine millionenschwere Leihgabe aus dem Museum

Silke geht einmal um die Nordmanntanne herum, prüft jeden Winkel, jeden Ast, jede potenzielle zukünftige Lichterketten-Aufhängung. Sie hat diesen Blick, den andere Menschen haben, wenn sie beurteilen, ob ein Gebrauchtwagen gleich auseinanderfällt oder nicht.

„Der ist wirklich schön“, sagt sie noch einmal. Nicht als Feststellung, sondern als Urteil.

Der Verkäufer strahlt. Ich nicke fachmännisch, obwohl ich in der Kategorie „Nadelbaum-Expertise“ leider keinerlei Fach besitze.

„Sehr gute Wahl“, sagt er. „Die Nordmanntanne hält lange, nadelt kaum und riecht neutral.“

„Neutral?“, frage ich. „Heißt das: gar nicht?“

„Genau“, sagt er stolz, als wäre das ein Feature und kein Persönlichkeitstest für Bäume.

Ich blicke zu Silke. „Aber … riecht Weihnachten dann nicht … weniger weihnachtlich?“

„Wir kaufen keinen Baum wegen des Geruchs“, sagt sie. „Wir kaufen einen Baum wegen der Optik. Und dieser hier hat Optik.“

Ich verstehe. Wir kaufen also den Cover-Model-Baum. Den Instagram-Baum unter den Nadelgehölzen. Den Baum, der vermutlich nachts heimlich vor dem eigenen Spiegel posiert.

Silke geht einen Schritt zurück und betrachtet ihn jetzt mit verschränkten Armen. Der Verkäufer reibt sich die Hände.

„Der wird’s.“

Ich hole vorsichtig Luft. „Also … bevor wir uns final festlegen …“ Silke dreht sich sehr langsam zu mir. Ich sollte aufhören. Wirklich. Sofort. „… wollte ich nur sagen, dass die Douglasie …“

„Nein.“ Sie hebt die Hand. Nicht laut. Nicht wütend. Nur dieses klare, endgültige: Nein.

„Die Douglasie riecht zwar schön“, sagt sie, „aber die hat Lücken. Und wir brauchen keinen Baum mit Einblick. Wir brauchen einen vollflächigen.“

Der Verkäufer nickt zustimmend. „Die Nordmanntanne ist die Nummer 1. Gleichmäßig, stabil, langlebig.“

„Eben“, sagt Silke. „Wir nehmen Qualität.“

Ich nicke ergeben. Qualität. Natürlich.

Der Verkäufer greift nach dem Baum. „Ich netze ihn Ihnen eben ein.“ Und ich weiß nicht, warum, wirklich nicht, aber aus meinem Mund kommt ein Satz, der sich sofort in meine persönliche Peinlichkeitschronik einbrennt: „Kann man ihn vorher einmal drehen? Nur so zur Gesamtwirkung?“

Silke schließt kurz die Augen. Ganz kurz. Das berühmte Augen-Schließen der Hoffnungslosigkeit.

Der Verkäufer dreht den Baum tatsächlich. Die Krone schwingt. Der Baum sieht immer noch perfekt aus. Natürlich tut er das.

Silke wirft mir einen Blick zu und sagt: „Bist du jetzt zufrieden? Oder möchtest du ihm noch etwas Liebes sagen?“
Ich hebe die Hände. „Ich bin fertig. Der Baum hat bestanden.“

Der Verkäufer bringt den eingenetzten Baum zum Auto, trägt ihn locker auf der Schulter, als wäre das nichts anderes als ein leicht überdimensionierter Lauch. Ich gehe daneben her wie ein Mann, der grundsätzlich hofft, heute NICHT der Auslöser eines weihnachtlichen Desasters zu werden.

Silke öffnet den Kofferraum.

„Also“, sage ich vorsichtig, „vielleicht sollten wir …“
Silke hebt die Hand. Ein eindeutiges Stoppsignal. „Micha. Bitte. Kein Vorschlag. Kein Plan. Kein schlauer Kommentar. Wir kriegen das hin.“

Der Verkäufer schiebt die Tanne nach vorne. Der Baum bleibt hängen. Natürlich bleibt er hängen. Weil, der Baum ist 1,90 Meter und unser Kofferraum ist, nun ja, nicht 1,90 Meter.

„Moment“, sage ich, und versuche, nicht schlauer zu wirken als nötig. „Vielleicht diagonal? Oder schräg?“

„Herr Schneider“, sagt Silke, „hör einfach kurz auf zu existieren.“

Ich schweige.

Der Verkäufer setzt neu an. Schiebt den Baum rein. Diesmal etwas energischer. Der Baum schiebt zurück. Wie ein sehr höflicher, aber entschlossener Kampfsportler.

„Ah“, sagt der Verkäufer. „Der ist wehrhaft.“

Silke kneift die Lippen zusammen. „Das ist ein Premium-Baum. Der hat Haltung.“

Ich halte die Heckklappe fest. Irgendwo in mir lebt die Hoffnung, dass ich auf diese Weise irgendwie nützlich bin.

„Wir müssen den vorne etwas runterdrücken“, sagt der Verkäufer. Ich greife vorsichtig den Stamm. Drücke behutsam. Sehr behutsam. Und genau in dem Moment klappt mir eine Astspitze ins Gesicht.

„Aua!“, schreie ich.

Silke rollt die Augen. „Der ist im Netz. Wie schaffst du es, dich an einem verpackten Baum zu verletzen?“ Ich möchte was sagen. Tue es aber nicht. Selbsterhaltungstrieb und so.

Der Verkäufer macht einen finalen Schubser. Ein elegantes, professionelles Wumm. Und der Baum ist drin. Also zu ungefähr 83 Prozent. Die restlichen 17 Prozent stehen wie ein rebellischer Grenzposten hinten raus.

Silke beugt sich vor. Kritische Analyse. Kenne ich. Gefürchtet. Aber gerechtfertigt.

„Geht der Kofferraum zu?“, fragt sie. Ich drücke vorsichtig an der Klappe. Sie berührt den Baum. Der Baum drückt zurück. Es ist der diplomatische Konflikt zweier Parteien, die beide nicht klein beigeben wollen.

„Er geht nicht zu“, sage ich.

„Natürlich geht er zu“, sagt Silke und drückt mit einer Sicherheit, als hätte unser Auto hydraulische Superkräfte. Der Kofferraum bewegt sich zwei Zentimeter.

„Der geht nicht zu“, wiederhole ich. Silke sieht mich an, als hätte ich den Kofferraum persönlich sabotiert.

Der Verkäufer tippt sich ans Kinn. „Sie können ein Stück Schnur nehmen und die Klappe festbinden.“

Ich starre ihn an. Festbinden. Unser Premium-Baum, am Auto festgezurrt wie ein Fluchttier.

Silke nickt jedoch begeistert. „Perfekt! Machen wir so.“
 
Ich murmele: „Super Idee. Nichts schreit ‚Weihnachtsromantik‘ so sehr wie ein Baum, der hinten aus dem Auto hängt und droht, bei jeder Bodenwelle die Stadt zu verlassen.“

Silke hört mich nicht. Oder ignoriert mich. Beides möglich, beides plausibel. Der Verkäufer bindet die Klappe fest, der Baum schaut hinten raus wie ein neugieriger Passant, der wissen will, wohin wir fahren.

Silke stellt sich daneben, betrachtet alles und sagt zufrieden: „Siehst du? Geht doch.“

Natürlich geht es. Mit Schnur, Geduld und einem unterschwelligen Nervenzusammenbruch.

Wir steigen ein. Dann sagt Silke ernsthaft: „Aber vorsichtig fahren. Der ist Premium.“

„Premium, ja“, sage ich. „Das weiß jetzt auch die ganze Nordeifel.“

Ich starte den Wagen. Der Baum wippt leicht im Rückspiegel. Und ich denke: Wenn der mir auf der Heimfahrt die Heckscheibe zerlegt, schwöre ich, nächstes Jahr kaufen wir einen Bonsai.

Zu meiner eigenen Überraschung, zu Silkes noch größeren, und vermutlich auch zur Überraschung des Baums, gelingt die Heimfahrt. Kein Drama. Kein panisches „MICHA, DER BAUM!“. Ich fahre, und jetzt kommt’s, völlig normal. So normal, dass Silke mich irgendwann mustert, als würde sie überprüfen, ob ich gerade gegen einen Doppelgänger ausgetauscht wurde.

Dann sagt sie tatsächlich: „Das war gut.“ Ich bin so perplex, dass ich fast auf den Bordstein fahre. „Gut?“, frage ich.

„Ja“, sagt sie. „Du bist vorsichtig gefahren. Ruhig. Und du hast NICHT einmal panisch gebremst.“

Ich werde gelobt. Von Silke. Wegen Autofahren. Mit Baum. Ein historischer Moment. Man sollte ein Foto machen. Oder einen Orden stanzen.

Dann sagt sie den ikonischen Satz: „Das Ausladen kriegen wir jetzt auch noch hin.“ Und in diesem Moment weiß ich: Das war das letzte Kompliment für lange Zeit.

Wir steigen aus. Silke klappt den Kofferraum auf. Der Baum liegt da wie ein schlafender Riese im Netz.

„Okay“, sagt sie, „jetzt holen wir ihn raus. Bitte konzentriere dich.“

„Natürlich“, sage ich, und für einen Moment glaube ich das sogar selbst. Ich greife den Stamm, ziehe vorsichtig und der Baum gleitet wirklich sauber raus. Kein Klemmen. Keine Schramme. Keine Slapstick-Szene. Er liegt stabil in meinen Armen.

Silke starrt mich an, als hätte ich gerade ein seltenes Naturereignis ausgelöst. „Das ging ja erstaunlich gut, ich bin begeistert“, sagt sie.

„Ich habe alles im Griff“, murmle ich stolz.

„Nein“, sagt sie direkt hinterher, „DU hast selten was im Griff. Aber diesmal gab es kein Chaos. Das irritiert mich ein wenig.“

Ich ignoriere das. Man soll Erfolge nicht totreden.

Silke klatscht einmal entschlossen in die Hände. „Gut. Dann tragen wir ihn jetzt rein.“

„Zusammen?“, frage ich hoffnungsvoll.

„Nein“, sagt sie. „Du trägst. Ich kontrolliere.“

Natürlich.

Aber das Reintragen klappt wirklich erstaunlich professionell. Keine Kratzer an den Wänden. Kein Türrahmendrama und keine Nadeldusche. Ich habe kurz die Befürchtung, dass ich erwachsen geworden bin.

Ich lege den Baum ins Wohnzimmer.

Dann sagt Silke: „So. Und jetzt kommt der schwierige Teil.“

Ich schließe kurz die Augen. „Das Aufstellen?“

Silke seufzt. „Das Aufstellen.“

Sie sieht den Baum an. Dann mich. Dann wieder den Baum. Und dann sagt sie diesen einen Satz, der jedem Mann im ganzen Land das Fürchten lehrt: „Bitte verkack es jetzt nicht.“

Ich knie mich zum Ständer und versuche, ihn auszurichten. Der Ständer wirkt sofort beleidigt. Starr und unkooperativ. Ein Gerät aus massivem Trotz.

„Warum ist das Ding so schwer?“, murmele ich.

„Damit du ihn nicht kaputt bekommst“, sagt Silke. Eine plausible Erklärung.

Ich hebe den Baum an. Er ist schwerer als gedacht. Oder ich schwächer. Wahrscheinlich beides.

„Halt ihn gerade!“, ruft Silke.

„Ich HALTE ihn gerade!“ sage ich.  Silke läuft um mich herum wie ein General, der die Lage strategisch analysiert.

„Der Baum muss in die Öffnung“, sagt sie.

Ich starre sie an. „Gut, dass du mir das nochmal sagst, ich hätte ihn sonst glatt in den Boden gerammt.“

Ich ziele. Treffe natürlich nicht. Der Stamm schrammt unauffällig am Rand entlang.

„MICHA!“

„Reg dich ab, ich hab ihn doch!“

„Nein, du hast ihn daneben!“

„Silke, du gehst mir auf die Nerven“, fauche ich. Ein Satz, der traditionell das Risiko um das Dreifache erhöht, dass gleich etwas schiefgeht. Noch ein Versuch. Diesmal geht er rein.

„Gut“, sagt Silke. „Jetzt festhalten!“

„Was glaubst du denn, was ich hier mache? Flamenco tanzen?“

Ich halte den Baum fest. Mit vollem Körpereinsatz. Mit der Eleganz eines Mannes, der eigentlich lieber gerade auf dem Sofa liegen würde.

„Okay“, sagt Silke. „Ich dreh die Schrauben fest.“

Sie dreht. Die Spannung steigt.

„HALT IHN GERADE!“, schreit Silke.

„ICH HALTE IHN GERADE!“, schreie ich zurück.

„NEIN! LINKS!“, schreit Silke.

„Dein links oder mein links!?“

„Das universelle links!“

„Was soll das sein!?“

Der Baum macht eine minimale Neigung. Wirklich minimal. Silke schreit, als würde er gerade in die Umlaufbahn kippen.

„MICHAAAA!“

„SILKE! Er bewegt sich um NICHTS!“

„Er bewegt sich IMMER um etwas!“

Wir schaffen es irgendwie, die Schrauben festzubekommen. Ich bin beeindruckt. Silke ist misstrauisch.

Wir treten gleichzeitig einen Schritt zurück. Der Baum steht. Gerade. Stabil. Ein Wunder in Nadelgrün. Ich lächele. Ich bin stolz. Ich werde geradezu euphorisch. Silke jedoch neigt den Kopf. Ihre Augen verengen sich zu zwei hochpräzisen Laserwaffen der Baumkritik.

Sie sagt nichts. Und genau das macht mir Angst.

Nach zwei Sekunden Stille kommt der unvermeidliche Satz: „Der steht schief.“

Ich starre sie ungläubig an.

„Silke“, sage ich leise, „wenn der hier schief steht, steht die Erdachse auch schief.“ Sie deutet mit dem Finger an den Stamm. „Da. Nach links.“

Ich gucke. Der Baum steht so gerade, dass man ihn als Richtwerkzeug an eine Hauswand halten könnte.

„Silke“, sage ich, „das ist ein mathematisches Wunder an Geradlinigkeit.“

„Er zieht nach links. Die Tanne steht schief. Ich bin doch nicht blind“

Ich schließe die Augen und atme. Sehr langsam.

„Gut“, sage ich schließlich. „Dann dreh ich ihn.“

„Aber nur einen HAUCH!“, ruft sie.

Ich drehe ihn minimal. Es ist kaum sichtbar. Wahrscheinlich bewegt sich mehr Luft als Baum.

Silke schaut und neigt den Kopf erneut. Dann sagt sie zufrieden: „Jetzt steht er richtig.“

Der Baum steht exakt genauso wie vorher. Aber ich nicke. Manchmal entscheidet das Leben eben nicht, was gerade ist, sondern Silke.

Sie atmet einmal durch und sagt: „Gut. Dann machen wir das Netz ab.“

Ich ziehe am Netz, langsam, Stück für Stück. Die Tanne entfaltet sich ohne jede Gegenwehr, als hätte sie sich schon darauf gefreut, endlich wieder Luft zu bekommen. Die Äste springen sanft heraus, nicht wild, nicht bedrohlich, mehr so ein: „Danke, dass ich endlich aus dieser Strumpfhose raus bin.“

Silke tritt einen Schritt zurück, verschränkt die Arme und nickt.

„Der ist schön.“

Ich nicke auch. Weil sie recht hat, und weil ich endlich meine Ruhe haben will.

 „So. Und jetzt lass ihn erst mal einen Tag stehen.“

Ich blinzle. „Warum?“

„Damit er sich legen kann.“ Ich schaue den Baum an. Er steht da. Völlig normal. Völlig ruhig.

„Sich legen?“, frage ich.

„Ja“, sagt Silke. „Baumphysik. Der entspannt sich jetzt. Der atmet. Der braucht das.“

„Gut“, sage ich. „Dann … äh … lassen wir ihn sich ausruhen. Schlaf gut Baum.“



Das Leben ist oft wie ein Weihnachtsbaum:
Man präsentiert sich so gut es geht, schüttelt ein bisschen den Ast und hofft, dass niemand ruft: „Der steht schief!“

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