Eine moderne Weihnachtsgeschichte

Diese Geschichte ist anders als das, was ihr sonst hier von mir kennt.
Normalerweise schreibe ich über Dinge, die mir selbst passieren. Kleine Beobachtungen, Begegnungen und Momente, die das Leben mir vor die Füße wirft. Diesmal ist es anders: Diese Geschichte handelt nicht von mir.
Diese Tage im Dezember haben ihre ganz eigene Atmosphäre. Sie schieben manchmal Türen auf für Geschichten, die sonst das ganze Jahr über zu leise wären. Geschichten, die nicht in meinem Alltag spielen. Warm, humorvoll, ein bisschen verrückt und irgendwie genau richtig für diese Zeit.
Und genau so eine Geschichte möchte ich euch heute erzählen.
Ich sag’s ganz ehrlich: Dieser Dienstagmorgen hatte einen völlig anderen Plan mit mir als ich mit ihm. Ich wollte bloß endlich das Regal im Wohnzimmer festschrauben, bevor es uns zum dritten Mal in zwei Wochen entgegenfällt und ich wieder so tun muss, als hätte ich Ahnung von Statik. Ein kleiner Traum für jemanden wie mich, der in einer Zwei-Zimmer-Wohnung am Rand von Konstanz lebt und grundsätzlich erst dann handwerklich aktiv wird, wenn irgendein Möbelstück drohend quietscht.
Aber bevor ich überhaupt den Schraubenzieher suchen konnte, und der ist bei uns ein Wanderpokal, lag schon der berühmte beige Umschlag im Briefkasten. Dick. Amtlich. Mit diesem besonderen Aroma von: „Das hier lässt dich schwitzen, Freundchen“, das deutsche Behörden so gut beherrschen.
Oben links: Landratsamt Sigmaringen. Ein Name, bei dem man automatisch aufrecht sitzt, obwohl man gar nichts getan hat. Da wusste ich schon, das wird nichts Gutes. Ich riss das Ding auf, und da stand tatsächlich:
„Bundesweite Erfassung. Alle Bürger müssen sich an ihrem Geburtsort registrieren.“
Ich las es zweimal. Dann noch einmal. Dann hielt ich das Blatt gegen das Licht, um sicherzugehen, dass ich nicht Opfer eines schlecht gemachten Werbeflyer einer politischen Kleinstbewegung geworden war. Aber nein. Der Brief ist offiziell. Mit Stempel. Ich musste mich hinsetzen.
Ich, Josef, Möbelmontage-Vermeider, Mann von Maria, demnächst Vater, sollte zurück nach Bethlehem. Unser Bethlehem. Der Weiler bei Pfullendorf. Gaisweiler-Gemarkung. Zwei Häuser. Eine Scheune. Neun Einwohner. Ein Ortsschild, das mehr fotografiert wird als der Ort selbst. Ein Fleck auf der Landkarte, von dem man nicht sicher ist, ob er existiert. So wie Bielefeld.
Und wir, Maria und ich, wir sind dort geboren. Dort aufgewachsen und dann weggegangen. Weggezogen, wie man halt wegzieht, wenn man jung ist und denkt, die Welt sei groß und glänzend und voller Möglichkeiten. Die Welt hat sich dann als mittelgroß herausgestellt, aber trotzdem.
Maria kam dazu. Sie hielt sich den Rücken, bewegte sich vorsichtig. So vorsichtig, wie man sich eben bewegt, wenn man im neunten Monat schwanger ist. Bauch voran wie ein majestätisches Schiff. Man bewegt sich da nicht mehr. Man navigiert.
„Josef? Was ist los? Du schaust, als hättest du eine Nachricht vom Papst bekommen.“ Ich reichte ihr das Schreiben. Sie las.
„Bitte was? Wir müssen wohin?“
Ihre Stimme schwankte zwischen Unglauben und „Wer immer das verbrochen hat, ich will einen Namen.“
Ich seufzte. „Nach Bethlehem.“
„NACH Bethlehem?“
„Nach Bethlehem“, wiederholte ich leiser, als wäre das Wort hochexplosiv und ich müsste es vorsichtig ablegen. Maria starrte auf das Schreiben, als würde gleich ein zweiter Absatz auftauchen, in dem stünde: „PS: Wir machen nur Spaß, bleibt einfach daheim.“ Aber nein. Alles war echt.
Sie ließ sich schwer auf unseren Küchenstuhl sinken, dieser wacklige Stuhl, den ich seit Wochen reparieren will und jedes Mal vergesse, weil irgendein anderes Drama vorher reinspringt. Der Stuhl knarzte. Maria auch ein bisschen.
„Josef, wir waren zwölf Jahre nicht mehr dort. Zwölf. Jahre. Du weißt, wie das wird. Dort kennt jeder jeden. Und jeden zweiten über drei Umwege.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Aber es ist nur ein Pflichttermin. Ein Formular. Ein Stempel. Ein ‚Guten Tag, wir leben noch.‘ Dann fahren wir direkt wieder.“
Sie legte die Hände auf ihren Bauch. „Und was, wenn es auf dem Weg losgeht?“
Ich holte tief Luft, so wie in diesen YouTube-Geburtsvorbereitungs-Videos, die ich gucke, bis ich nervös werde und auf die Surströmming Stinkefisch Challenge umschalte.
„Dann“, sagte ich, „halten wir an. Und ich rufe Hilfe. Und ich mache das, was man halt macht, wenn Babys entschieden haben, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist.“
Maria schaute mich ungläubig an. „Josef, du wirst schon ohnmächtig, wenn du dich nur an einer Papierkante schneidest.“
„Maria“, sagte ich. „Wir schaffen das. Es ist nicht Palästina. Es sind nur knapp hundert Kilometer. Es ist unser Bethlehem.“
Sie musste lachen. Ganz kurz. Aber ein Lachen war ein Anfang. „Ich packe heute alles“, sagte ich. „Du ruhst dich aus. Morgen früh fahren wir los. Früh genug, dass wir vor Mittag da sind. Und wenn irgendwas ist, drehen wir sofort um.“
„Gut“, sagte sie. „Dann fahren wir morgen. Aber Josef …“
„Ja?“
„Du packst diesmal nicht nur Snacks. Sondern auch die wichtigen Sachen.“ Ich tat so, als hätte ich den Unterton nicht gehört.
„Natürlich“, sagte ich absolut glaubhaft. In Wirklichkeit hatte ich keine Ahnung, was die „wichtigen Sachen“ genau waren. Aber das kläre ich später. Ich würde es googeln, oder YouTube-Videos schauen.
Maria stand langsam auf, hielt sich am Tisch fest und lächelte schwach.
„Bethlehem“, sagte sie leise. „Wer hätte gedacht, dass wir da noch mal hinmüssen?“ Ich lächelte zurück, als wäre das alles eine romantische Winterkomödie und nicht Verwaltungsrealität im Landkreis Sigmaringen. Wir schauten beide auf den Brief, als könnte er uns verraten, was noch kommt. Aber er schwieg. Wie Behördenbriefe das nun mal machen.
Morgen würden wir losfahren. In das kleine, vergessene Bethlehem in Baden-Württemberg, das schon immer so getan hat, als wäre es geheim und müsse nicht auffallen. Und doch war da etwas in der Luft, schwer zu greifen, aber irgendwie vertraut. Als würde das Leben uns sagen: „Ihr müsst da hin. Nicht nur wegen dem Stempel.“
Der Morgen des 23.12. begann still. Ich stand am Fenster und sah auf die Straße, die nach Süden führt. Grau. Kalt. Leicht verschneit. So ein richtig deutscher Dezember. Maria kam langsam in die Küche. Sehr langsam. Ihr Bauch hatte inzwischen die Größe eines kleinen eigenen Planeten erreicht und verhielt sich auch so: Alles drehte sich um ihn.
Sie setzte sich, atmete schwer und sagte leise: „Josef, wir müssen uns wirklich auf den Weg machen.“ Ich nickte. Nicht, weil ich bereit war, sondern weil man manchmal einfach nickt, damit das Universum denkt, man wäre erwachsen. Maria sah müde aus. Sie hatte schlecht geschlafen, jede Bewegung tat ihr weh. Und es war klar, dass diese Fahrt kein Spaziergang wird.
„Halte durch“, sagte ich, und es klang viel mutiger, als ich mich fühlte. „Es dauert nicht mehr lange.“
Sie schloss kurz die Augen. „Ich weiß. Ich spüre, dass es bald soweit ist.“ Ich schluckte. Natürlich spürte sie das. Und natürlich dachte ich sofort an alle schlechten Szenarien, die ein Mann so denken kann, wenn er eigentlich stark wirken müsste und innerlich eher der Typ ist, der beim Anblick eines Erste-Hilfe-Kastens weiche Knie bekommt. Aber ich lächelte, setzte mich neben sie und nahm ihre Hand. „Wir schaffen das“, sagte ich.
„Wir fahren langsam. Machen Pausen. Und wenn du irgendwas brauchst, sagst du es sofort.“
Ich holte die Tasche. Maria zog sich langsam die Jacke über, so vorsichtig, als würde sie ein rohes Ei warmhalten. Draußen wehte ein kalter Wind. Er schnitt uns ins Gesicht, als wir zur Haustür hinausgingen.
„Der Weg wird weit“, sagte Maria leise.
„Nicht so weit wie früher“, sagte ich.
„Aber weit genug.“ Sie stieg vorsichtig ins Auto. Ich startete den Motor und sah noch einmal zurück zur Wohnung. Und dann nach vorn. Auf die Straße, die uns zurückführen würde. Nach Bethlehem. Mit einer Vergangenheit im Gepäck, die wir lange ignoriert hatten. Und mit einem Kind, das beschloss, mitten im Winter zur Welt zu kommen, egal, was das Bürgerbüro Pfullendorf davon hält.
Die ersten Minuten der Fahrt waren still. Nicht unangenehm still, eher diese Art Stille, die entsteht, wenn beide wissen: Das hier ist wichtig, wenn wir uns den Stempel nicht holen, haben wir Stress bis Ostern. Und es wird anstrengend. Maria saß angeschnallt im Beifahrersitz, die Hände schützend auf ihrem Bauch, der keine Diskussionen mehr zuließ und bei jeder Bodenwelle protestierte. Ich fuhr so langsam, dass mich ein Rentner auf einem E-Bike überholte und ich das Gefühl hatte, er wollte mir damit eine pädagogische Botschaft übermitteln. Wir fuhren durch die graue Winterlandschaft. Nackte Bäume, nasser Asphalt, das übliche Dezembergrau. Nach einer Weile sagte sie leise: „Ich spüre jeden Kilometer.“ Ich sah kurz zu ihr rüber. Sie presste die Lippen zusammen. Sie wollte stark sein. Für sich. Für unser Kind. Für uns beide.
„Wenn es zu viel wird, halten wir sofort an“, sagte ich.
Kilometer um Kilometer krochen wir durchs Land. Und obwohl es nur gut eine Stunde bis Pfullendorf ist, fühlte es sich länger an. Wir passierten Ortschaften, deren Namen klangen wie vergessene Nebenfiguren in einem Donna-Leon-Roman. Überall Weihnachtsdeko: Lichterketten, Tannenzweige, Leuchtsterne. Und dennoch war da eine merkwürdige Ruhe. Eine Stille, die sich über die Landschaft legte, als würde etwas Erwartungsvolles in der Luft liegen. Nach ein paar Kilometern schloss Maria die Augen. Nicht um zu schlafen, dafür war sie zu angespannt. Eher, um bei sich zu bleiben.
„Tut es sehr weh?“, fragte ich, leise. Sie schüttelte den Kopf.
„Noch nicht. Ich merke nur, dass es nicht mehr lange dauern wird.“ Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. So ein Gefühl, bei dem der Körper sagt: „Flucht? Kampf? Oder warten, bis ein Erwachsener kommt?“ Leider war ich der Erwachsene.
Ich räusperte mich männlich-selbstbehauptend und sagte: „Halte durch, Maria. Es dauert nicht mehr lange.“
„Das sagst du immer, Josef“, murmelte sie, „aber du weißt genauso gut wie ich: Es dauert genau so lange, wie es dauert.“ Ich konnte nicht anders, ich musste lachen. Sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Maria hat immer recht, besonders dann, wenn es kompliziert wird. Wir fuhren weiter. Der Weg war noch lang. Auch wenn es auf der Karte nur ein paar Zentimeter sind.
Und irgendwann, nach einer stillen, langen Kurve über einen leicht vereisten Hügel, sah ich das Schild: „Gaisweiler – Stadt Pfullendorf.“
„Wir sind gleich da“, sagte ich. Maria öffnete die Augen. Und irgendwas darin sagte mir: Das wird ein Tag, an den wir uns erinnern werden.
Das Bürgerbüro Pfullendorf sah von außen schon so aus, als hätte es innerlich längst Feierabend. Ein bisschen müde, ein bisschen dekoriert, ein bisschen „Warum sind Sie eigentlich noch nicht daheim?“.
Ich half Maria aus dem Auto. Sie machte einen Schritt, hielt inne, atmete schwer und sagte: „Josef … ich laufe wie ein Elefant mit einem Gehfehler.“
„Ich bin bei dir“, sagte ich. Der klassische Satz aus dem Repertoire ratloser Männer. Im Foyer roch es nach Heizung, Akten und dem Kaffee, den niemand freiwillig trinkt, aber alle brauchen.
Ich zog eine Nummer: 82.
Auf dem Display blinkte: 80.
„Wir sind fast dran“, sagte ich mit dem Optimismus eines Mannes, der noch nie im Bürgerbüro Pfullendorf war. Maria sah die Zahl an, als hätte ich gerade gesagt: „Wir müssen nur einen Berg hoch, ist nicht so schlimm.“
81 blinkte auf. Ein älterer Mann stand auf, ging gemächlich zum Schalter und begann ein Ritual der Langsamkeit: Jacke ausziehen: vier Minuten. Unterlagen sortieren: zwei weitere. Und dann ein Satz, der jedem Mitarbeiter den Nacken versteifen lässt: „Ich hätte da mal eine Frage …“ Maria seufzte. Dieser Seufzer war so lang, dass er wahrscheinlich im Treppenhaus nachhallte.
„Willst du dich setzen?“, fragte ich.
„Wenn ich mich jetzt setze, komme ich nie mehr hoch“, sagte sie. Ich wusste nicht, ob das eine Übertreibung war.
Endlich: 82.
Wir gingen zum Schalter. Dort saß eine Frau, die aussah, als könne sie jeden Menschen mit einem Blick kategorisieren: Akte A, Akte B, hoffnungslos, Kaffee nötig. „Guten Morgen“, sagte sie mit dieser freundlichen Genervtheit, die Menschen haben, die ein Amt kurz vor den Feiertagen repräsentieren müssen. Ich reichte ihr das Schreiben. Sie setzte die Brille auf und las. Und dann sah sie uns an. Erst mich, dann Maria, dann den Bauch, dann wieder mich.
„Aha“, sagte sie. „Geburtsort Bethlehem.“
Ich nickte. „Das kleine Bethlehem. Gaisweiler.“
Sie schaute auf den Bildschirm. „Das mit den zwei Gehöften?“
Maria: „Ja, genau das.“
„Sie wollen sich beide registrieren lassen.“
„Müssen“, korrigierte Maria trocken.
„Verstehe“, sagte die Frau mit dem Tonfall einer Ärztin, die eine unnötige Untersuchung ankündigt. Sie tippte. Und tippte. Und tippte. Ich glaube, sie hat uns nebenbei noch in zwei andere Register eingetragen, nur damit alles seine Ordnung hat.
Zwischendurch sah sie Maria an.
„Wie weit sind Sie?“
„Neunter Monat“, sagte Maria.
„Kurz vor knapp“, sagte die Frau so sachlich, als würde sie die Wetterlage kommentieren.
„Sehr kurz“, sagte Maria. Die Frau tippte weiter.
„Dann beeilen wir uns mal. Nicht, dass ich am 23. Dezember noch eine Dienstgeburt im Bürgerbüro betreuen muss.“ Ich lachte nervös. Maria nicht.
Sie druckte Formulare aus, die anfingen zu dampfen, weil der Drucker offenbar auch schon in Weihnachtsstimmung war. Dann stemmte die Frau die Papiere zusammen, setzte einen Stempel drauf, mit der Kraft von zehn Generationen Amtserfahrung, und reichte uns alles rüber.
„Fertig“ sagte sie. Maria und ich schauten uns an. Ich weiß nicht warum, aber in mir machte plötzlich etwas klack. Ein leiser Moment. Ein Erinnerungsmoment. Etwas von früher. Die Frau musterte uns. Dann beugte sie sich leicht vor.
„Und hören Sie“, sagte sie zu Maria, „wenn es heute ernst werden sollte, fahren Sie nicht zurück. Bleiben Sie dort, wo Sie herkommen. Das tut Menschen manchmal gut.“
Maria schluckte. „Danke.“
Als wir hinausgingen, war der Himmel bereits dunkelgrau geworden. Maria blieb stehen. Hielt sich den Bauch. Atmete ein. Und sagte dann: „Josef, wir fahren heute nicht nach Hause.“ Ich war nicht überrascht. Das Amt war der Pflichtteil. Aber der Weg, der Weg hatte gerade erst begonnen.
Die Zimmer-Suche lief ungefähr so gut wie der Versuch, am 23. Dezember spontan noch einen schönen Weihnachtsbaum zu kaufen.
Wir klopften bei einer Unterkunft an: „VOLL!“
Bei der nächsten: „Voller!“
Bei der dritten: „Wenn ich noch jemanden reinlasse, muss ich die Gäste stapeln!“
Maria sah mich irgendwann an, als prüfe sie innerlich, ob meine Strangulierbarkeit realistisch einzuschätzen sei. Der Wind pfiff, mein Optimismus starb einen leisen Tod, und ich hatte kurz die romantische Idee, Heiligabend in einer überdachten Bushaltestelle zu verbringen, mit einer Straßenlaterne als Stern von Bethlehem.
Dann trafen wir die letzte Wirtin. Freundlich, warm, eindeutig vom Leben geprügelt.
Auch sie: „Voll.“ Aber dann sah sie Marias Bauch und sagte den logischsten Satz des Tages: „Ich kenne jemanden. In Bethlehem.“
Ich lachte hysterisch, Maria fragte nur: „Ist es dort warm?“, und die Wirtin nickte wie eine Frau, die schon ganz andere Dinge geregelt hat. Und so standen wir da, frierend, erschöpft, und mir wurde klar: Natürlich geht es nach Bethlehem. Wohin auch sonst? Wir haben eine Kleinigkeit gegessen, dann fuhren wir los.
Es war schon kurz vor Mitternacht. Der Weg war überraschend ruhig. Vielleicht lag’s daran, dass Maria kaum noch sprach. Oder daran, dass ich Angst hatte, einen Hubbel zu erwischen, der sie endgültig aus dem Konzept bringt. Als wir den letzten Feldweg entlangfuhren, hing ein einzelnes Ortsschild schief im Wind: „Bethlehem“.
Ich hielt an und wir stiegen aus. Also: Ich stieg aus. Maria rollte sich eher langsam aus dem Auto, so wie man eine riesige Kugel aus einem engen Regal herausmanövriert, ohne etwas umzuschmeißen.
„Da wären wir“, sagte ich, als hätte ich ein Fünf-Sterne-Hotel gebucht. Maria sah sich um. Dunkle Felder, eine Scheune, ein alter Holzschuppen. Ein paar Lichter hinter kleinen Fenstern. Eine Stille, die so dicht war, dass man sie hätte schneiden können.
Maria hob eine Augenbraue. Sehr hoch. Ich beschloss, das Reden einzustellen, bevor ich Schaden erleide. Gerade als ich überlegte, ob wir nicht vielleicht doch in der Bushaltestelle feiern sollten, ging eine Tür auf. Ein älterer Mann kam heraus. Warmer Schal, dicke Jacke, freundliches Gesicht. Der Typ Mensch, den man für jede Weihnachtsgeschichte casten würde.
„Ihr seid die Zwei, die die Erika geschickt hat, oder?“, rief er.
„Ja“, sagte ich.
Er winkte uns heran. „Kommt rein. Ich friere ja schon vom Angucken.“ Wir folgten ihm über den Hof. Maria hielt sich an meinem Arm fest. Jeder Schritt war eine Qual. Jeder Atemzug sagte: Es wird ernst. Der Mann öffnete eine Seitentür der Scheune. Innen war es besser als erwartet. Ein kleiner Raum mit Strohballen, alten Werkzeugen und einem Heizlüfter, der brummte wie ein sehr fleißiger Hamster. Es roch nach Holz, Stroh und diesem speziellen Gemisch, das man „ländliche Realität“ nennt.
„Josef?“, flüsterte sie.
„Ja?“
„Ich glaube, es dauert nicht mehr lange.“ Ich schluckte.
„Wie … wie wenig lange?“
„Sehr wenig.“
Der ältere Mann sah uns an, nickte ernst und sagte: „Dann bleibt ihr hier. Ihr seid sicher. Und wenn ihr was braucht, ich bin gleich nebenan.“ Er ging und schloss die Tür hinter sich. Maria setzte sich behutsam auf einen Strohballen. Ich setzte mich neben sie. Es war, als hätte die Welt kurz die Luft angehalten.
„Josef?“, sagte sie leise.
„Hm?“
„Wir sind genau da, wo wir sein sollen.“ Ich sah sie an. Und zum ersten Mal war da kein Zweifel. Keine Angst. Nur Gewissheit. Es war der Abend vor Weihnachten. Und unser Kind klopfte schon an.
Die Scheune war warm genug, um zu überleben, aber nicht warm genug, um sich einzubilden, man sei im Wellnesshotel. Maria saß da mit beiden Händen auf dem Bauch. Sie atmete gleichmäßig, aber ihr Gesicht verriet alles.
„Josef … es geht los“, sagte sie ruhig. Mein Herz rutschte schlagartig dorthin, wo normalerweise meine Knie sind. Ich versuchte, souverän zu wirken, und sagte: „Okay. Gut. Kein Problem, ich habe alles im Griff.“
Innerlich: komplettes Systemversagen, Notfallmodus aktiviert. Maria sah mich an, lächelte schwach und sagte: „Bleib einfach hier. Mehr musst du gar nicht.“ Das war gut. Hierbleiben konnte ich. Hierbleiben war mein Spezialgebiet. Ich nahm ihre Hand. Der Wind heulte draußen. Und für einen Moment wurde es still. So eine Stille, die Orte manchmal bekommen, kurz bevor etwas Großes beginnt.
Es begann harmlos: Maria atmete tief ein, tief aus und plötzlich mit diesem Ton, der sagt: „Jupp. Et kütt.“
Ich bekam Schweißausbrüche an Körperstellen, die ich medizinisch nicht kannte.
„Okay“, sagte ich, „ruhig bleiben.“ Was witzig war, weil ich der Einzige im Raum war, der NICHT ruhig blieb. Maria hielt meine Hand. Also sie nahm meine Hand, dann zerquetschte sie sie, und irgendwo in meinem Kopf schrie ein kleiner Josef: Fuck, das tut weh!
Maria veratmete eine Wehe. Ich veratmete meine Lebenserwartung. Dann noch eine. Und noch eine. Maria presste, ich hielt die Luft an (warum auch immer), die Scheune hielt die Luft an, der Heizlüfter brummte weiter, weil er keinen Sinn für Dramatik hatte.
Und dann hörte ich ein Geräusch. Ein „Hallo, hier bin ich“-Geräusch.
Ich sah unser Kind. Rot im Gesicht, lautstark unzufrieden mit allem, was Wärme verloren hatte, und gleichzeitig das schönste Wesen, das ich je gesehen habe, und ich habe schon Babyfotos von Verwandten gesehen.
„Josef …“, flüsterte Maria, erschöpft, strahlend, stolz, „er ist da.“ Ich wollte etwas sagen. Etwas Großes. Etwas Bedeutungsvolles. Etwas Tiefes. Und sagte stattdessen das einzig Sinnvolle: „Heiliger Bimbam, er hat meine Nase. Oh Gott, der Arme.“
Maria lachte, trotz Schmerzen. Trotz Müdigkeit. Trotz allem. Ich wickelte unseren Sohn in ihren Schal, und er sah mich an, als wollte er sagen: Mach’s nicht schlimmer als es ist, Papa.
Ich setzte mich neben Maria. Sie lehnte sich an mich, nahm unser Kind in den Arm. Wir waren allein, nur wir drei.
Ich war gerade dabei, mich zum ersten Mal seit Stunden nicht komplett zu verlaufen in meinen eigenen Gefühlen, da hörte ich plötzlich Schritte. Ich öffnete die Scheunentür einen Spalt. Draußen standen drei Männer in Arbeitskleidung, dicken Stiefeln und diesen Mützen, die jeder Mann ab 40 trägt, wenn er glaubt, dass Ohren etwas Privateres sind als der Rest des Körpers. Ich erkannte sie. Natürlich. Die Bethlehem-Nachtstreife. Jeder in der Gegend wusste, wenn nachts irgendwo ein Tier verwirrt rumstand oder ein Zaun umfiel, dann tauchten genau diese drei auf, ohne dass jemand sie gerufen hatte.
Einer von ihnen sagte: „Wir bringen Kaffee. Oder Tee. Wir haben diskutiert, aber dann beides mitgenommen.“ Der nächste sah an mir vorbei, entdeckte Maria und das Baby, und blieb abrupt stehen, als hätte jemand sein Hirn kurz auf „Demut“ geschaltet.
„Ist es …?“ Er zeigte unbeholfen auf das kleine Bündel.
Ich nickte. „Ja. Er ist da.“
Die drei Männer wurden leise. Still auf diese ehrliche, rohe Art, die echte Menschen haben, wenn etwas Wichtiges passiert. Sie traten näher, vorsichtig und fast schüchtern, standen sie einfach da. Drei gestandene Kerle, mit roten Nasen, kalten Händen, und Blicken, die plötzlich weich wurden.
Einer murmelte: „Des isch richtig schön.“
Der mit der Thermoskanne fügte hinzu: „Mir fällt nix Gscheits ei, aber des isch guat. So richtig guat.“
Und dann passierte etwas, was ich nie vergessen werde: Der Älteste nahm die Mütze ab, kratzte sich verlegen am Kopf und sagte mit brüchiger Stimme: „Weißt du, Josef, so a Moment, des isch des, wofür mer eigentlich lebt, gell? Ned für den Stress. Ned fürs Rennen. Für des hier.“
Ich konnte nicht reden. Maria auch nicht. Keiner sollte in so einer Nacht viele Worte machen. Die drei blieben noch einen Moment, nickten uns zu, so wie Männer nicken, wenn sie sagen wollen: „Passt gut aufeinander auf, okay?“ ohne es auszusprechen.
Dann gingen sie wieder hinaus, zurück in ihr kleines nächtliches Felduniversum, zwei Taschenlampen, eine Thermoskanne, und ein Stück Stille im Gepäck, das ihnen niemand mehr nehmen konnte.
Die Tür schloss sich. Die Scheune wurde wieder warm und weich. Maria zog mich an ihrer Seite herunter, ich setzte mich neben sie, wir hielten unser Kind. Und ich dachte: Wenn drei Männer in Arbeitsstiefeln in einer Scheune stehen und plötzlich ehrfürchtig werden, dann ist etwas Großes passiert. Ganz ohne Trompeten. Ganz ohne Stern. Einfach so.
Maria legte ihren Kopf an meine Schulter. Unser Sohn schlief. Und ich wusste: Das war die schönste Heilige Nacht, die ich mir nie hätte ausdenken können.
In jener Nacht, in der der Winter den Atem anhielt, und die Felder schwarz unter dem Himmel lagen, wuchs etwas Leises in die Welt. Kein Licht brach auf, kein Chor hob an, nur das sanfte Rascheln von Stroh und das ruhige Pochen von drei Herzen, die zum ersten Mal im selben Takt schlugen.
Die Scheune. Ein Ort für Arbeit, für Tiere, für Alltag, wurde für ein paar Atemzüge zu etwas, das größer war als sein Holz und seine Wände. Ein Raum, der nichts verlangte. Und alles hielt.
Und als der Wind draußen weiterzog, die Männer mit ihren Lampen heimwärts gingen und das Dorf wieder in sein nächtliches Brummen sank, blieb ein Funke zurück: ein neuer Anfang, eingewickelt in einen Schal, getragen von zwei müden Armen, bewacht von einer Stille, die nur kommt, wenn etwas Heiliges geschieht und keiner es laut ausspricht.
Später, wenn die Stunden längst vergangen, die Wege wieder trocken sind und der Tag sein gewöhnliches Gesicht zurückhat, wird nur ein Gedanke bleiben:
Dass irgendwo, in einer kleinen Scheune am Rand eines unscheinbaren Weilers, ein Moment geboren wurde, so zart, so unspektakulär, dass nur drei Menschen ihn hörten, und doch weit genug, um ein ganzes Leben zu tragen.
Und vielleicht, ganz vielleicht, wird man eines Tages wieder dort vorbeigehen und nicht mehr wissen, was genau damals geschah. Nur dieses Gefühl bleibt:
Hier. Genau hier hat das Licht leise angefangen.
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