Warum Liebe keine Statistik braucht

Samstagmorgen in Kall.
Keine Hektik, kein Termindruck, kein einziger Grund aufzustehen, außer der Tatsache, dass der Kaffeeduft langsam durch den Flur kriecht und mir wie ein höflicher, aber bestimmter Hinweis zuflüstert: „Komm. Du brauchst mich. Hör auf so zu tun, als wäre Tee eine Option.“
Ich sitze mit Silke am Esstisch.
Sie mit perfekter Haltung, ich mit der Haltung einer Person, deren Wirbelsäule sich langsam in Richtung „Frühstücksbrettchen“ entwickelt. Das ist keine Übertreibung, das ist ein orthopädischer Skandal, wie ich dasitze.
Auf dem Tisch liegen Brötchen, Butter, Käse, Aufschnitt, Marmelade … und da ist Lola. Lola die Katze, liegt nicht auf dem Tisch, das muss man betonen, denn das wäre ja widerlich, obwohl ich ihr das zutrauen würde. Sie sitzt daneben und tut so, als hätte sie das ganze Buffet persönlich bezahlt. Diese Ruhe! Die rührt sich nicht, die bettelt nicht, das ist ihr zu profan. Die sitzt da wie ein pelziger Buddha, die Pfoten ordentlich nebeneinander. Das Gesicht ist neutral-passiv, aber du spürst diese innere Überzeugung: „Der Tag kann beginnen, mein Personal hat sich versammelt.“ Unfassbar.
Silke blickt von ihrem Brötchen auf und mustert mich.
„Waaas?“, frage ich. Mit diesem leichten Panikton, den Männer immer haben, wenn sie unerwartet gemustert werden. Weil irgendwas stimmt ja nie.
„Du siehst aus“, sagt sie, „als würdest du gleich irgendwas anstellen.“
„Ich mach doch gar nichts, ich sitze doch nur.“
„Eben.“
„Du tust ja gerade so, als wäre ich ein Hochsicherheitsrisiko. Dabei bin ich ganz harmlos“, sage ich.
Silke legt ihr Brötchen ab, lehnt sich leicht vor und zieht eine Augenbraue hoch. Diese eine Augenbraue ist ein rhetorisches Meisterwerk.
„Du bist nie harmlos“, sagt sie ruhig. „Du siehst nur so aus.“
„Wie bitte?“
„Du hast diesen Gesichtsausdruck, bei dem man nicht weiß, ob du gleich einen tiefgründigen Gedanken hast oder ob du versuchst herauszufinden, ob Menschen eigentlich rückwärts blinzeln können.“
„Menschen können was?“
„Genau das meine ich. Und da sind wir wieder beim Hochsicherheitsrisiko.“
Ich möchte empört sein, aber leider kenne ich mich gut genug, um zu wissen: Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Lola sitzt immer noch neben dem Tisch, hebt nur kurz den Kopf, als wolle sie sagen: Ich halte mich da raus. Menschenlogik ist völlig überbewertet.
Silke steht schließlich auf, nimmt ihre Tasse und sagt im Vorbeigehen: „Ich mache mir noch schnell einen Kaffee. Versuch bitte, in der Zwischenzeit nichts zu tun, was du später erklären musst.“
„Ich scrolle nur ein bisschen am Handy!“, rufe ich ihr nach.
„Das macht es auch nicht besser!“ Sie verschwindet in der Küche.
Ich seufze, lehne mich zurück und greife nach meinem Handy.
Eigentlich wollte ich nur kurz gucken. Wirklich nur kurz. Aber ihr wisst es ja selbst: „Nur kurz gucken“ sind die berühmten letzten Worte vor einem digital ausgelösten Nervenzusammenbruch.
Ich entsperre das Display.
Das Licht vom Bildschirm trifft mich wie ein Scheinwerfer, der fragt: „Bereit für emotionalen Schaden?“ Ich scrolle. Zwei Beiträge über Hunde. Ein Frühstücksfoto von irgendjemandem, der zu viel Avocado im Leben hat. Ein Motivationsspruch, der mich persönlich beleidigt.
Und dann. Dann kommt der Post. Ein großes Bild. Dicke Schrift. „Psychologie sagt:“
Ich stocke. Psychologie? Wirklich? Ich habe doch erst einen Kaffee drin. Psychologische Erkenntnisse sind vor dem zweiten Kaffee Mutproben. Aber ich klicke drauf.
Und da steht in seriös wirkender Typografie, wie immer bei Dingen, die Unsinn verbreiten wollen:
1. Frauen können riechen, ob ein Mann Single ist.
Ich blinzele. Mehrfach.
Vielleicht auch zu häufig. „Was …?“, flüstere ich.
Ich lese weiter.
2. Dein Gehirn speichert Beleidigungen für 20 Jahre, Komplimente aber nur 30 Tage.
„Ja … kenne ich“, murmele ich.
Ich erinnere mich heute noch an diesen dämlichen Spruch aus der achten Klasse. Dafür weiß ich nicht mal mehr, was Silke mir letzte Woche Nettes gesagt hat. Falls sie überhaupt etwas Nettes gesagt hat. Was statistisch möglich ist, aber nicht bewiesen. Ich bin da vorsichtig.
Ich scrolle weiter.
3. Zweitgeborene verursachen am meisten Chaos.
Ich halte inne. Langsam, sehr langsam, dämmert es mir.
„Aha.“ Es ist kein erstauntes „Aha“. Es ist ein „Jetzt ergibt plötzlich mein ganzes Leben Sinn“-Aha. Ich lehne mich zurück und nicke wie jemand, der gerade einen medizinischen Befund erhalten hat, der vieles erklärt, aber es trotzdem nicht besser macht.
Ich bin Zweitgeborener. Natürlich. Natürlich verursachen Zweitgeborene Chaos. Was denn sonst? Ich denke an meine Kindheit. An meine Geschwister. An sämtliche Familienfeiern, auf denen ich persönlich für mindestens eine spontane Programmänderung gesorgt habe. An die Sache mit dem Gartenschlauch. An die Sache mit der Schaukel. An die Sache, die wir offiziell nie erwähnt haben und nie erwähnen werden.
Und dann kommt Punkt vier.
4. Je intelligenter ein Mann ist, desto schwieriger ist es für ihn, eine Freundin zu finden.
Ich verziehe das Gesicht. Nicht wegen der Aussage. Sondern wegen der Gefahr, die in diesem Satz steckt. Der Gefahr, dass Silke diesen Satz sehen könnte … und Fragen stellt, für die ich emotional nicht bereit bin. Ich starre auf das Display. Ich starre noch länger.
Ich beginne, mich selbst zu hinterfragen. „Heißt das jetzt … ich … äh …?“
Ich starre immer noch auf den Satz, als würde er gleich selbst eine Erklärung mitliefern.
Tut er aber nicht. In diesem Moment höre ich Schritte aus der Küche. Silke kommt zurück, Tasse in der Hand, noch dampfend, noch ahnungslos.
„Was murmelst du dir da in den Bart?“, fragt sie und stellt ihre Tasse ab.
Ich hebe das Handy ein Stück hoch. „Ich … äh … lese gerade was. Psychologie. Also angebliche Psychologie, muss man dazu sagen.“
„Was denn jetzt wieder? Lass hören.“
Ich räuspere mich. Es fühlt sich an wie der Moment, kurz bevor der Lehrer sagt: „Micha, dann komm mal nach vorne und trag das mal bitte vor.“
„Hier steht …“ Ich drehe das Display zu ihr. „… je intelligenter ein Mann ist, desto schwieriger ist es für ihn, eine Freundin zu finden.“
Silke schaut mir direkt in die Augen. Ich sehe richtig, wie der Satz in ihrem Kopf ankommt, landet, sich hinsetzt und die Arme verschränkt.
„Aha.“
„Ja, nee, also ich habe das nicht geschrieben! Ich lese das nur! Ich weiß nicht mal, ob das stimmt!“ Ich halte das Handy etwas fester, als wäre es ein wissenschaftliches Gerät, das mir gleich eine neutrale, unemotionale Analyse liefern könnte.
„Ich muss das mal sortieren“, sage ich dann, fast zu mir selbst. „Was bedeutet das denn, wenn man diese angebliche Erkenntnis auf uns überträgt?“ Ich lehne mich und zurück, als würde ich jetzt eine mathematische Gleichung lösen, die die NASA beeindrucken könnte.
„Also, in den letzten vierzig Jahren“, beginne ich langsam, „gab es ja nur sehr kurze Episoden, in denen ich nicht verheiratet war oder keine Freundin hatte.“ Silke beobachtet mich ganz genau. Wie jemand, der sehen möchte, wohin der Zug fährt, bevor sie entscheidet, ob sie mit einsteigt oder abspringt.
„Wenn ich das jetzt auf diesen Psychokram hier beziehe …“ Ich tippe auf den Bildschirm, als würde ich Beweismaterial markieren. „… dann … ich muss das nochmal lesen. Je intelligenter ein Mann ist …“ Ich spreche die Worte, als wollte ich sie durch einen Lügendetektor schicken. „… und ich bin zweifelsfrei sehr intelligent …“ Ich ziehe die Augenbrauen demonstrativ hoch, um das zu unterstreichen. Es wirkt aber anscheinend nicht sehr überzeugend. „…desto schwieriger ist es für ihn, eine Freundin zu finden.“
Ich lasse die Worte kurz in der Luft hängen. Dann breiten sich zwei Möglichkeiten in meinem Kopf aus: „Das hieße ja im Umkehrschluss“, sage ich und mache eine bedeutungsschwere Handbewegung, „dass ich …“, ich deute auf mich „… ziemlich doof bin.“
Pause. Stille. Ich höre, wie Silke innerlich bis drei zählt.
„Oder“, sage ich langsam, „dass du einfach nur unfassbares Glück gehabt hast, mich gefunden zu haben.“
Silke sieht mich an. Nur an. Diese Art von Ansehen, bei der du nicht weißt, ob sie gleich lacht, dich korrigiert, dich lobt oder dir deine Realität in einer filigranen Geschenkverpackung kräftig um die Ohren haut.
Silkes Stirn legt sich in Falten. Nicht schnell, nicht überrascht, sondern eher so, als hätte ihre Gesichtsmuskulatur beschlossen, sich jetzt aktiv an meinem Untergang zu beteiligen.
„Unfassbares Glück also?“, fragt sie ruhig.
„Ja“, sage ich und nicke energisch. „Das ist die logischere Variante.“
„Logischer als ‚Ich bin vielleicht nicht die hellste Kerze auf der Torte‘?“
„Ich wollte höflich bleiben.“
Sie lehnt sich ein Stück vor, stützt die Ellbogen auf den Tisch und mustert mich mit dieser unheimlich ruhigen, sehr konzentrierten Art, bei der man sich wünscht, man hätte einfach nur den Mund gehalten.
„Sag mal, Micha …“, beginnt sie. Oh nein. Dieser Ton. Dieser Ton bedeutet: Sie hat eine Frage, und ich werde sie hassen.
„Wenn ein Mann laut dieser Liste schwer eine Freundin findet, weil er so wahnsinnig intelligent ist …“
„Mhm“, nicke ich vorsichtig.
„… und du hattest in deinem Leben nie größere Probleme, jemanden zu finden …“
Sie lässt den Satz bewusst offen. Ein rhetorischer Sprengsatz, perfekt platziert. Ich hebe die Hände, verteidigend, wie ein Mann, der merkt, dass der Graben, den er gerade gegraben hat, eigentlich sein eigenes Grab ist.
„Ich … äh … also … man könnte das auch anders interpretieren!“
„Ach ja?“ Silke lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und sieht mich an wie ein Kriminalbeamter, der darauf wartet, dass ich mich selbst verrate.
„Wie denn?“
„Na ja … vielleicht …“ Ich rudere innerlich. Ich rudere äußerlich. Ich rudere überall.
„… vielleicht hast du einfach einen sehr … guten … Geschmack?“
„Guten Geschmack.“
„Ja! Genau! Guter Geschmack! Und … starke Nerven! Und … attraktive Entscheidungen!“
Ich merke selbst, wie meine Wortwahl sich panisch anhört, als würde ich gerade versuchen, mich aus einem brennenden Heißluftballon freizulabern. Sie schweigt. Nur ihr Mundwinkel zucken minimal.
„Micha?“
„Ja?“
Silke neigt den Kopf zur Seite. Dieses winzige Geräusch, das sie beim Einatmen macht, kündigt an, dass jetzt etwas kommt, das mich geistig mindestens in den Keller schickt.
„Du weißt schon“, beginnt sie langsam, „dass du gerade versuchst, mit genau diesem Verhalten zu beweisen, wie intelligent du bist.“
„Das ist kein Versuch, das ist die einzig mögliche Erklärung“, sage ich, ohne jegliche innere Überzeugung.
„Nein“, sagt sie. „Das ist pure Comedy.“ Ich öffne den Mund, um zu protestieren, aber sie hebt eine Hand.
„Warte. Ich bin noch nicht fertig.“
Ich klappe den Mund wieder zu und hebe die Augenbrauen, so nach dem Motto: Bitte sei sanft. Ich bin sehr sensibel.
„Also“, sagt sie, während sie ihre Tasse dreht, „wenn du sagst, du bist zweifelsfrei sehr intelligent …“ Ich nicke sofort. Zu schnell. Zu enthusiastisch.
„… und dieser Satz behauptet, intelligente Männer hätten es schwer, eine Freundin zu finden… Sie schweigt einen Moment. Lässt es wirken. Genießt es ein bisschen zu sehr. „… dann willst du mir jetzt ernsthaft sagen, dass du eine statistische Extremform von Glücksfall bist?“
Ich überlege kurz. Nur kurz. „Ja“, sage ich.
„Natürlich sagst du das.“
„Das ist doch logisch!“, verteidige ich mich. „Wenn extrem intelligente Männer extrem schwer zu finden sind und ich aber trotzdem gefunden wurde …“
„… dann hältst du dich für ‚extrem intelligent‘“, beendet sie den Satz.
„Ich zitiere nur die Psychologie!“ sage ich.
„Die angebliche Psychologie“, korrigiert sie. Silke lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und sagt: „Gut. Und ich bin dann vermutlich die geniale Frau, die dieses seltene Exemplar Mann rein zufällig abgegriffen hat.“
Ich hebe einen Finger. „Endlich sagst du’s!“
„Micha, das war ironisch.“
„Ironie hat immer einen wahren Kern“, sage ich weise. „Das habe ich mal gelesen.“
„Wo?“
„Weiß ich nicht. Vielleicht auf einer Tasse.“
Sie starrt mich an. Ich starre zurück. Dann lacht sie leise, als würde sie sich kurz daran erinnern, warum wir funktionieren: Weil ich Chaos bin. Und sie Struktur. Und zusammen ergibt das irgendeine Art von balancierter Unlogik.
„Weißt du was?“, sagt sie, steht auf und geht in die Küche. „Lies weiter. Vielleicht klärt sich ja noch, wie viel weitere Hochbegabung in dir steckt.“
Ich scrolle weiter.
5. 82 % der Männer sagen, dass körperliche Zuneigung von ihrer Partnerin das Einzige ist, was ihnen hilft, Stress abzubauen und glücklich zu sein.
Ich starre auf den Satz.
„Ja gut“, murmele ich. „Das ist jetzt nicht falsch. Das ist einfach nur sehr wahr.“
Aus der Küche kommt Silkes Stimme: „Was redest du da?“
„Ich lese nur vor!“, rufe ich zurück. „Hier steht: Männer werden glücklich, wenn ihre Partnerin ihnen körperliche Zuneigung gibt.“
Kurze Pause.
Dann taucht Silke im Türrahmen auf. „Und das überrascht dich?“, fragt sie.
„Nein“, sage ich sofort. „Ich bestätige nur empirische Daten.“ „Empirische Daten?!“
„Ja. Ich fühle mich wissenschaftlich belegt. Endlich weiß ich, warum ich so oft auf der Couch sitze.“ Silke schnaubt leise. Sie kommt näher, beugt sich einfach runter und legt ihre Arme um mich. Nicht übertrieben, nicht dramatisch, einfach ein ehrliches, warmes „Komm her, du Schwätzer“.
Es dauert zwei Sekunden. Dann merke ich, wie mein Körper entspannt, als hätte jemand auf „Neustart“ gedrückt.
„Siehst du?“, sagt sie. „Das nennt man Menschenkenntnis.“
Ich lehne kurz den Kopf an ihre Schulter. „Das nennt man Therapie. Das ist wichtig.“ Sie klopft mir sanft auf den Rücken. „Und das nennt man, dass du mich nicht immer brauchst, um das Internet zu interpretieren.“
„Doch“, sage ich. „Genau dafür brauche ich dich. Du bist der Interpreter-Chip.“ Sie löst sich wieder, geht zwei Schritte zurück und sagt: „Gut. Dann lies weiter. Vielleicht lernen wir noch, dass intelligente Männer auch Kaffee brauchen, um klarzukommen.“
Ich hebe das Handy. Punkt 6 erscheint. „Äh … Silke?“, sage ich vorsichtig.
„Was ist denn?“
„Punkt sechs handelt von … äh … uns beiden.“ Silke dreht sich im Türrahmen um, diesmal schneller, die Augen schmal, die Körpersprache eindeutig: Ich bin bereit. Leg los. Versuch’s nur.
„Wie lautet der Satz?“, fragt sie mit dieser gefährlich ruhigen Stimme.
Ich schlucke. Kurz. Nicht dramatisch, aber hörbar genug, dass selbst Lola die Ohren spitzt.
„Also … hier steht …“ Ich halte das Handy hoch. „Jungen ohne Schulfreundinnen bekommen später oft eine sehr attraktive Frau.“
Silke sagt nichts. Überhaupt nichts. Sie sieht mich nur an, als hätte jemand gerade den Pausenknopf in ihrem Gehirn gedrückt.
„Aha“, sagt sie. Mehr nicht.
„Ja“, sage ich. „Und jetzt wird’s kompliziert.“
„Wieso?“, fragt sie langsam.
Ich räuspere mich. Diesmal sogar mit Absicht.
„Naja …“, beginne ich, „das trifft auf mich ja nun ÜBERHAUPT nicht zu. NULL.“
Sie hebt eine Augenbraue. Die rechte. Die gefährliche.
„Wie bitte?“
„Nun ja“, sage ich ehrlich, „ich hatte immer Schulfreundinnen. IMMER. Von der Grundschule bis zur Realschule durchgehend.“
Silke kneift die Augen zusammen. „Ach ja?“
„Ja!“ Ich nicke.
„Ich war quasi Dauermandat im Mädchenkreis. Ich habe mehr Pausen mit Freundinnen verbracht als mit Jungs. Ich war ständig irgendwo eingebunden. Entweder zum Zuhören, zum Trösten, zum Unsinn machen oder weil jemand fliegen lernen wollte und ich der Einzige war, der sagte: ‚Komm, wir testen das erstmal mit weniger Höhe.‘“
Silke starrt mich an. Lola starrt Silke an. Ich starre das Handy an.
„Also“, sage ich weiter und halte das Gerät hoch, „wenn diese angebliche Psychologie behauptet, dass Jungs ohne Schulfreundinnen später eine attraktive Frau bekommen …“
Ich deute auf mich. Dann auf sie. „… dann bin ich statistisch gesehen einfach komplett aus der Reihe gefallen. Mein Leben ist eine Anomalie.“
Silke schaut mich misstrauisch an. Und dann, endlich, zuckt ihr Mundwinkel.
„Oder“, sagt sie und tritt einen Schritt näher, „vielleicht hast du einfach … unabhängig von jeder Schulstatistik … einfach ganz viel Glück gehabt.“
Ich grinse. „Das wollte ich NICHT sagen. Aber du darfst das gerne so formulieren.“ Silke schnaubt. „Natürlich darf ich das.“
Sie kommt noch näher, tippt mit dem Finger gegen mein Handy und sagt: „Diese Liste ist kompletter Unsinn.“
„Ja. Aber lustig ist sie.“
„Aber bei DEM Punkt“, sie zeigt auf Punkt sechs, „muss ich zugeben: Der Teil mit ‚attraktive Frau‘ gefällt mir.“
„Das dachte ich mir“, sage ich.
„Aber vergiss nie“, sagt sie leise, „dass ich dich nicht bekommen habe, weil du keine Schulfreundinnen hattest.“
Ich runzle die Stirn. „Sondern?“ Silke lächelt, dieses kleine, absolut echte Lächeln, das sie nur zeigt, wenn niemand sonst da ist. „Weil du immer schon jemand warst, zu dem man hingehen konnte.“
Ich schlucke. Das kommt unerwartet warm daher.
„Das ist jetzt aber sehr …“ Ich suche nach einem Wort. Ich finde keins.
„… gefährlich emotional für vor dem zweiten Kaffee?“, fragt sie.
„So wollte ich es ausdrücken.“ Sie lacht, dreht sich um und geht zurück in die Küche.
„Und jetzt mach dein Handy aus“, ruft sie. „Das reicht an Psychologie für heute.“
Man verwechselt viel im Leben:
Zufall mit Schicksal, Statistik mit Wahrheit, und Unsinn mit Erkenntnis. Aber die wirklich wichtigen Dinge erkennt man nicht an Prozentzahlen, sondern daran, wer morgens mir dir am Tisch sitzt, mit dir lebt, mit dir fühlt und für dich da ist.
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