Warum Liebe nicht perfekt sein muss

Samstagabend. Ich sitzliege gemütlich auf der Couch, Decke über die Beine. Katze Lola liegt auf meinem Schoß, wie ein flauschiger Wärmflaschen-Ersatz, und tut so, als hätte sie die Miete bezahlt. Im Hintergrund tickt die Wanduhr. Nicht laut, aber gerade so, dass sie mich daran erinnert, dass die Zeit vergeht, während ich offiziell nichts tue.
Es ist ruhig. Ich bin gechillt. Also … äußerlich.
Innerlich habe ich die Antennen ausgefahren, auf Habachtstellung. Man weiß ja nie, was passiert, wenn man sich mal kurz entspannt.
Silke liegt neben mir auf dem Sofa.
Ihre Füße berühren mich fast, und ich halte die Luft an, als könnte mich das retten. Ich hasse Füße. Nicht nur ihre. Ich hasse alle Füße. Das ist kein Vorurteil, das ist eine Haltung.
Ich finde, Füße sind das unsexieste Körperteil, das die Evolution je freigegeben hat. Ehrlich, wer auf Füße steht, ist im Leben irgendwo falsch abgebogen. Das ist eine psychologische Baustelle, die du da aufmachen musst. „Hallo, mein Name ist Herbert und ich finde Zehen erregend.“
Ich meine – Zehen! Kleine, krumme Würstchen mit Nägeln dran. Wie kann man das erotisch finden? Ich krieg schon Puls, wenn jemand barfuß durch den Flur läuft. Egal ob gepflegt, pedikürt oder mit goldenem Nagellack, am Ende bleibt’s ein Fuß. Ich verstehe nicht, wie Leute darauf stehen können. Da gibt’s wirklich Menschen, die singen: „Zeigt her eure Füße.“
Ich würde ja singen: „Zieht euch schnell was an.“
Silke liegt also neben mir, daddelt auf ihrem Handy, völlig vertieft in ihr digitales Paralleluniversum. Mit diesen kleinen Geräuschen, die klingen, als würde irgendwo ein Eichhörnchen Münzen zählen. Ich tue so, als höre ich das nicht. Sie tut so, als wüsste sie nicht, dass ich es höre. Ein subtiles Beziehungsgeflecht.
Neben mir steht mein kleines, sorgfältig ausgewähltes Schälchen mit gerösteten, gesalzenen Erdnüssen. Sie sind klein, handlich, und vor allem: leise. Leise ist wichtig. Denn wenn ich die Tüte direkt benutze, also richtig aufreiße, reingreife, bisschen raschle, dann habe ich ein Problem. Dann schaut Silke mich an. Mit diesem Blick, der sowas heißt wie: „Na Micha, willst du’s dir vielleicht nicht noch mal überlegen? Ist das jetzt wirklich die Entscheidung, mit der du in die Geschichtsbücher eingehen willst?“
Sie sagt dann: „Das Rascheln macht mich irre.“
Und was sie meint, ist: „Wenn du das noch einmal machst, dann war’s das mit deinen Nüssen. Und möglicherweise mit dem Leben, wie du es kennst.“
Ich esse immer zwei Nüsse auf einmal. Nie mehr, nie weniger. Das hat System. Gleichgewicht, Struktur, verleiht mir innere Ruhe. Zwischendurch lecke ich mir kurz die Finger ab. Dezent und kontrolliert, gesellschaftsfähig, wie ein Sommelier, der gerade auf Zunge und Daumen den perfekten Salzgehalt prüft, und seine Nüsse sehr ernst nimmt. Nicht sexy. Aber effizient.
Ich lehne mich zurück und tue so, als würde ich den Film schauen. Explosionen, Autoverfolgungen, Typen, die in brennenden Gebäuden lässig durch Rauch laufen, als wär’s der Weg zum Klo. Genau mein Ding. Keine Emotionen, nur Lärm mit Sinn.
Silke spielt weiter auf ihrem Handy. Diese Bling-Bling-Geräusche, wenn sie irgendwas gewinnt. Ich frage mich, was sie da eigentlich immer spielt. Vielleicht irgendwas mit Süßigkeiten. Oder mit Hühnern, die platzen. Ich hab’s nie genau verstanden. Ich weiß nur: Es macht sie glücklich. Und mich wahnsinnig.
Silke dreht sich zu mir. Ich merke, sie will reden. Über irgendwas. Ihre Kollegin. Oder die Nachbarin. Oder die Nachbarin der Kollegin, die zu laut telefoniert. Es geht um Vertrauen, um Emotionen. Um passive Aggressionen, die als WhatsApp-Sticker getarnt sind.
Ich nicke. Ich sage: „Mhm.“ Ich greife zwei Nüsschen. Ich konzentriere mich auf den Film. Ich mache, was Männer seit Jahrtausenden in solchen Momenten machen: Ich tue so, als würde ich zuhören. Das ist eine Überlebensstrategie, die in unseren Genen codiert ist.
Mein Blick ist geteilt. 50 % Bildschirm. 30 % Schälchen. 20 % reiner Überlebensinstinkt. Und dann der Super-GAU: Stille. Nicht Filmszene-Stille. Silke-Stille. Die Art von Stille, bei der selbst Bruce Willis im Fernseher leise macht. Ich spüre, dass sie mich anschaut. Ich sehe es nicht, ich fühle es. Mein Rücken schwitzt. Meine Nackenhaare diskutieren Fluchtpläne, mir bricht der Schweiß aus. Dann sagt sie: „Du hörst mir gar nicht zu, oder?“
Ich friere ein. Der Film läuft weiter. Menschen sterben, Autos explodieren. Ich starre auf Lola, als könnte sie mir den Weg freiräumen. Ich drehe mich langsam zu ihr. Sie sieht mich an. Mit einem Blick, als müsste sie mich kurz neu starten, weil ich wieder festhänge.
Ich sage: „Natürlich hör ich dir zu!“
Sie: „Okay. Und was habe ich gesagt?“
Ich setze an. Mein Gehirn rödelt wie ein alter Laptop. Ich murmele: „Es ging um … äh … Vertrauen … zwischen Leuten … in Gruppen …?“
Silke: „Ich habe gesagt, dass Anna heimlich mit meiner Bodylotion ihre Katze eingerieben hat.“
Ich: „Das … wollte ich grad sagen. Das ist ja furchtbar.“
Sie sagt nichts. Sie sieht mich noch einen Moment an, dann atmet sie hörbar aus. So ein Ausatmen, das mehr bedeutet als Worte. So ein Ausatmen, das ungefähr sagt: „Du bist keine Katastrophe, aber du bist nah dran.“
Ich greife nach zwei neuen Nüsschen, verhalte mich ruhig. Kein Fingerlecken jetzt, das wäre in dieser Situation viel zu gefährlich. Das wäre eine Provokation. Ein Affront. Lola springt von meinem Schoß, als würde sie sich in Sicherheit bringen. Diese Verräterin, sie rettet ihre eigene Haut.
Silke schweigt. Aber nicht, weil sie beeindruckt ist. Sondern weil sie weiß: Ich habe keine Ahnung. Und sie weiß, dass ich weiß, dass sie weiß, dass ich keine Ahnung habe. Ein Teufelskreis der Ahnungslosigkeit. Dann sagt sie, ohne mich anzusehen: „Natürlich ging es nicht um Bodylotion. Das war ein Test.“
Pause.
„Und du bist durchgefallen. Setzen, sechs.“
Ich starre auf den Fernseher. Der Abspann läuft, aber ich bekomme kein Wort davon mit. Ich sitze einfach nur da. Regungslos, wie ein Tier, das hofft, durch Nichtbewegung unsichtbar zu werden.
Silke steht auf, sammelt ihr Handy, ihr Glas, ihre Decke ein.
Ich weiß, sie will nichts sagen. Und das ist das Schlimmste. Wenn Silke still ist, bedeutet das nicht Frieden. Das bedeutet: Sie denkt. Und wenn sie denkt, bin ich meistens der Gedanke.
Sie geht in die Küche und ich höre, wie der Wasserhahn läuft. Dann der Kühlschrank. Tür auf. Tür zu. Kein Wort. Kein Kommentar. Kein Blick. Nur dieses stille, demonstrative Hausarbeitsgeräusch, das akustische Äquivalent zu „Ich bin nicht sauer, aber denk mal drüber nach.“
Ich lehne mich zurück, atme tief durch. Lola kommt zurück, setzt sich vor mich hin und schaut mich an. Mit diesem Blick, der sagt: „Selbst schuld, Menschenfreund.“
Ich greife nach dem Schälchen. Eine letzte Nuss ist noch drin.
Ich nehme sie langsam, fast feierlich, als wäre es ein Symbol für alles, was gerade schiefgelaufen ist.
Ich kaue leise. Sehr leise. Dann höre ich Silkes Stimme aus der Küche: „Und falls du glaubst, du kannst das mit deinen Nüssen wiedergutmachen …, dann täuschst du dich, das kannst du nicht!“
Ich sag nichts, sondern kaue weiter. Denn manchmal ist Schweigen einfach die letzte Form von Würde, die einem bleibt. Im Fernseher läuft mittlerweile irgendeine Naturdoku. Ein Faultier hängt kopfüber in Zeitlupe an einem Ast. Ich fühle mich verstanden. Das ist mein spirituelles Tier.
Silke kommt zurück aus der Küche, mit einem Glas Wasser in der Hand. Kein Wort. Kein Blick. Nur ein leises Klack, als sie es auf den Tisch stellt. Sie setzt sich wieder hin. Genau an denselben Platz. Der Abstand zwischen uns: unverändert. Emotional: ein ganzer Ozean.
Ich überlege, ob ich was sagen soll. Was Lustiges vielleicht. Oder was Schlaues. Aber ich denke mir: Lass es, beides wäre gerade lebensgefährlich.
Sie zieht die Decke höher, legt sich wieder hin und starrt Richtung Fernseher. Ich will irgendwas tun, um die Stimmung zu retten. Vielleicht meinen Koffer packen und verschwinden. Aber ich bleibe sitzen, weil Bewegung im Moment einfach zu laut wäre.
Lola liegt wieder auf meinem Schoß. Ich streichle sie, mehr aus Selbstschutz als aus Zuneigung.
Silke sagt: „Die guckt dich genauso an wie ich.“
Ich: „Verliebt?“
Sie: „Mit einer gesunden Portion Skepsis.“
Dann wieder Stille. Diese Art Stille, die nicht friedlich ist, sondern voller unausgesprochener Kommentare. Auf dem Bildschirm erklärt ein Sprecher gerade, wie Faultiere ihren Stoffwechsel verlangsamen, um Energie zu sparen. Ich lehne mich zurück, denke: Vielleicht ist das mein Weg. Einfach alles verlangsamen. Nicht reden, nicht rascheln, nicht existieren.
Dann sagt Silke plötzlich: „Du weißt schon, dass du mir manchmal richtig auf die Nerven gehst?“
Ich nicke. „Ja. Ich mir auch.“
Sie grinst. Ganz leicht. Dann rückt sie näher. Nur ein Stück. Und in diesem winzigen Moment hoffe ich: Vielleicht habe ich den Test doch irgendwie bestanden. Nur halt nicht in der Theorie.
Der Doku ist längst zu Ende, aber keiner macht den Fernseher aus. Die Werbung flimmert leise vor sich hin, so wie wir beide. Silke liegt halb an mich gelehnt, tut aber so, als wäre das Zufall. Ich tu so, als würde ich’s glauben.
Zwischen uns das leere Schälchen. Ein stilles Mahnmal gesalzener Lebensentscheidungen. Ich überlege kurz, ob ich noch Nachschub hole. Ich entscheide mich aber dagegen. Ich habe schon genug riskiert im Leben.
Silke schaut mich an. Kein Vorwurf, kein Drama, nur diese Augen, die sagen: „Du bist meiner.“
Dann sagt sie leise: „Du bist manchmal echt …“ Sie macht eine Pause. Ich warte auf anstrengend, verrückt, oder wenigstens unbelehrbar.
Aber sie sagt: „… unfassbar du.“
Ich grinse. „Ich kann halt nix anderes. Das ist meine Superkraft.“
Sie nickt, lächelt. „Musst du auch nicht.“
Dann legt sie ihren Kopf an meine Schulter. Und in dieser kleinen Bewegung steckt alles. Verzeihen, Gewohnheit, Liebe. Alles, was man nicht kaufen kann. Lola hebt den Kopf und schaut mich an. Ich schaue zurück, kraule ihr den Hals.
Silke lehnt sich mit einem kleinen Lächeln zurück.
„Sie mag dich“, sagt sie.
Ich: „Tja. Sie hat halt Geschmack.“
Silke grinst. „Den habe ich auch.“
Für einen Moment ist alles still. Nur Lolas gleichmäßiges Schnurren und Silkes Atem an meiner Schulter. Nichts Heldisches, kein großes Finale. Einfach dieses ruhige, ehrliche Jetzt.
Ich sehe zu ihr, sie schaut zurück.
In ihrem Blick liegt dieses leise, warme Etwas, das kein Wort wirklich trifft. Zuneigung. Vertrauen. Dieses Bleib, wie du bist, ich krieg das schon irgendwie hin.
Ich streiche über ihre Hand, sie lächelt müde. So, wie nur jemand lächelt, der dich kennt, mit all deinen Macken, deinem Chaos und deinem ganz eigenen Wahnsinn. Und dich trotzdem liebt.
Liebe heißt nicht, perfekt zu sein. Liebe heißt, jemanden zu finden, bei dem man es endlich nicht mehr muss. Und der dich trotzdem noch ein Stück näher an sich zieht, auch wenn du’s mal wieder ordentlich verkackt hast.
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