Das leise Verschwinden der Zeit

Meistens schreibe ich Geschichten, bei denen man eher schmunzelt als nachdenkt. Aber neulich habe ich mich im Spiegel betrachtet, meine grauen Haare gezählt, und plötzlich war er da: dieser Gedanke, dass die Zeit leise verschwindet, während man selbst noch überlegt, ob man sie überhaupt bemerkt hat. Daraus wurde dieser Text.



Zeit verschwindet nicht laut. Sie kracht nicht die Treppe runter, sie macht auch keine dramatische Ansage. Zeit verschwindet leise. Sie zieht sich zurück wie ein Kellner, der schon den Tisch abräumt, während man überlegt, ob man das restliche Brot noch essen soll.

Es gibt Tage, die schleppen sich wie ein Montagmorgen. Und doch, kaum dreht man sich um, sind sie weg, als hätten sie nie existiert. Wochen verschwinden in einer Art stillem Film, in dem Szenen fehlen. Wir glauben, wir hätten alles bewusst miterlebt, und merken irgendwann: hmmm … irgendwas dazwischen ist uns entwischt.

Manchmal ist das Leben wie eine Autofahrt, die an einem vorbeizieht. Du steigst ein, fährst los, denkst an alles Mögliche. Und als du ankommst, fragst du dich, wie du überhaupt dorthin gekommen bist. Du warst körperlich da, aber mit den Gedanken ganz woanders.

Vielleicht ist das das Gemeinste an der Zeit. Sie ist immer anwesend, und doch trägt sie uns fort. Wie ein Blatt, das im Wind schwebt, ohne dass wir wissen, wohin. Eben noch hast du deinen Schulranzen in die Ecke gestellt. Du schwörst, die Brotdose riecht noch nach Salami. Und im nächsten Moment schaust du in den Spiegel: graue Haare, Falten und ein Rücken, der dir beim Bücken schon sagt, dass er das nicht mehr lange mitmacht.

Die Zeit hat keine Pausetaste. Sie läuft einfach weiter, und wir merken erst später, dass ein ganzes Kapitel schon durch ist.

Ich ertappe mich oft bei einem seltsamen Gefühl: Wenn ich nach Hause komme, sehe ich die Kinder noch immer in den Flur stürmen. Lachend laufen sie mir in die Arme, Stimmen voller Freude, so echt, dass ich mich kurz frage, ob ich es nur träume. In Wirklichkeit sind sie längst erwachsen, und leben ihr eigenes Leben. Aber im Kopf ist dieser Moment eingefroren, wie ein Foto, das sich weigert zu verblassen. Vielleicht ist dies das Schönste am leisen Verschwinden der Zeit. Sie nimmt viel mit, ja. Aber sie lässt uns diese inneren Szenen, die immer wieder auftauchen, wenn wir sie am dringendsten brauchen.

Man kann die Uhr nicht anhalten. Aber man kann Momente festhalten. Nicht im Fotoalbum, sondern in diesem seltsamen Speicher im Kopf, der sich weigert, linear zu funktionieren. Dort liegen Glück und Schmerz nebeneinander, manchmal sogar durcheinander, wie alte Briefe in einer Schublade. Und vielleicht ist das der Trost. Dass die Zeit zwar vergeht, aber nicht alles verschwindet. Ein Teil verwandelt sich in Erinnerung, und die taucht immer dann auf, wenn wir gerade durchatmen müssen. Wir hören ein Lied, das wir seit Jahren nicht mehr gehört haben, und plötzlich sitzen wir wieder in unserem alten Auto, riechen Kaugummi, Leckmuscheln und müffelnde Socken.

Die Zeit ist also kein Dieb, sondern eher ein stiller Archivar. Sie packt Dinge weg, manchmal zu früh, manchmal gegen unseren Willen, aber sie schmeißt sie nicht fort. Sie legt sie ab, so dass wir sie wiederfinden können, meistens dann, wenn wir sie nicht suchen. Und in diesen Momenten wird klar: Das leise Verschwinden ist kein Verlust, sondern eine Verwandlung.

Natürlich hat das leise Verschwinden der Zeit auch Nebenwirkungen, die weniger poetisch sind. Zum Beispiel die Sache mit dem Aufstehen. Früher sprang man aus dem Bett wie ein junger Gott. Heute klingt es eher wie das Öffnen einer alten Scheunentür. Jeder Knochen meldet sich ungefragt. Und trotzdem liegt genau da auch wieder Glück. Weil man irgendwann anfängt, über sich selbst zu lachen. Über die Brille, die man sucht und auf der Stirn findet. Über das Knie, das beim Treppensteigen schon kleine Trommelkonzerte gibt. Die Zeit verschwindet leise, ja. Aber sie hinterlässt überall kleine Pointen, wenn man bereit ist, sie zu hören.

Es gibt eine Vorstellung, die macht mir mehr Angst als graue Haare oder ein knarzendes Knie. Was, wenn irgendwann auch das Gedächtnis verschwindet? Nicht leise wie die Zeit, sondern still und gnadenlos, so wie bei einer Demenz. Dann sind die inneren Bilder nicht mehr da, die Kinder rennen nicht mehr durch den Flur, der Schulranzen steht nicht mehr in der Ecke. Es bleibt nur eine große Leere, in der die Uhr zwar weiter tickt, aber niemand mehr mitzählt. Und doch, vielleicht, und das ist nur ein zarter Gedanke, verschwindet auch dann nicht alles. Vielleicht bleibt etwas Tieferes übrig. Vielleicht ein Gefühl, eine Wärme, ein vertrauter Klang. Ein Lachen, das man erkennt, auch wenn man sich an den Namen nicht mehr erinnert. Eine Hand, die man spürt, auch wenn man nicht mehr weiß, wem sie gehört.

Vielleicht ist Glück am Ende genau das: nicht die Erinnerung an den perfekten Moment, sondern das Echo, das bleibt, wenn alles andere sich auflöst.

Wir können nicht alles festhalten, aber das, was wir haben, sollten wir wirklich sehen. Nicht später, nicht irgendwann, sondern jetzt. Wir vergessen das oft im Alltag. Hetzen zur Arbeit, jagen zu Terminen, scrollen uns durch Nachrichten, machen Pläne für ein Morgen, das genauso schnell verschwindet wie das Heute. Dabei versteckt sich das Glück fast immer im Ungeplanten. In den kleinen Schräglagen, die wir erst später als wertvoll begreifen. Darum lohnt es sich, Momente auszukosten. Den Kaffee wirklich zu schmecken, den Spaziergang nicht nur abzulaufen, sondern auch zu hören, wie der Kies unter den Schuhen knirscht. Jemanden anzusehen, ohne gleich wieder aufs Handy zu schauen.

Die Zeit verschwindet leise. Aber wenn wir aufmerksam sind, hören wir ihr noch zu, bevor sie geht. Und vielleicht schenkt sie uns im Gehen ein letztes Licht, ein Leuchten, das so kurz ist wie ein Wimpernschlag, und doch stark genug, um uns den Weg zu weisen.

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