Eine Erinnerung, die für immer bleibt

Rodeneck, 1983
Ich saß auf einer schiefen Bank am Hang. Nicht richtig gerade, nicht richtig bequem, aber mit einem atemberaubenden Blick auf die Dolomiten.
Unten auf der Wiese tobte der Punk. Jugendfreizeit. Zwei Wochen Gruppenspiele, Lagerfeuer und pädagogische Maßnahme Nummer 17: „Blindes Vertrauen“. Das hieß, man bekam eine Augenbinde und sollte sich von einem anderen in irgendwas reinführen lassen, ohne zu wissen, ob es ein verrotteter Schuppen war oder ein Brennnesselbusch.
Ich war raus. Offiziell hatte ich gesagt, ich müsse dringend auf die Toilette. Inoffiziell hatte ich einfach keine Lust mehr, mit geschlossenen Augen rumzulaufen, während alle so taten, als wäre das der Schlüssel zur Selbstfindung.
Also saß ich hier. Vierzehn, fast fünfzehn. Pickel auf der Stirn. ZZ Top Band-Shirt an. Und zum ersten Mal an diesem Tag war es still. Kein Gebrüll, kein „Los jetzt, alle in den Kreis!“, kein Animateur in Jesuslatschen, der „Spürt die Gemeinschaft!“ rief. Nur ich. Und die Berge. Und ein Hauch Selbstmitleid.
Ich dachte nach. Über das Leben. Über mein Leben, das bis hierhin nicht wirklich ein Festival der Liebe war. Schule war Mist, zu Hause war’s laut, und ich war in allem irgendwie zu ruhig, zu nachdenklich. Und trotzdem war ich hier. In den Bergen. Allein. Und das war mir lieber, als daheim zu sein. Was eigentlich schon alles sagt.
Ich dachte darüber nach, was wohl noch kommen mag. Ob das irgendwann besser wird. Ob man sich irgendwann mal sicher fühlt in dieser Haut, in der man jeden Morgen aufwacht. Und ja, natürlich dachte ich auch an Mädchen. Ich war vierzehn. An was hätte ich denn sonst noch denken sollen?
Vor meinem inneren Auge zogen Gesichter vorbei. Aus der Klasse, aus der Gruppe hier, aus irgendeinem Traum vielleicht. Aber keines blieb wirklich hängen. Vielleicht, weil ich noch gar nicht wusste, wen oder was ich eigentlich suchte. Nur dass mir etwas fehlte, das wusste ich sicher. Etwas, das mich gleichzeitig nervös machte und anzog.
Und dann fiel mir sie ein. Gestern hatte ich sie zum ersten Mal wahrgenommen. Nicht so im Vorbeigehen, nicht dieses beiläufige „Ach, die kenn ich doch irgendwoher“. Sondern so richtig. Sie stand unten am See, im Licht der Abendsonne. Und in diesem Moment war alles um mich herum irgendwie unwichtig. Und mir wurde warm ums Herz. Sie war ein Jahr älter, schätzte ich. Auf der Schule eine Klasse über mir. Ich wusste, dass sie Natalie heißt. Ihre Augen trafen mich so direkt, dass ich kurz wegsah, als hätte sie mich ertappt. Vielleicht hatte sie das sogar.
Jetzt, hier oben auf der Bank, sah ich wieder ihr Gesicht vor mir. Ich dachte: Wenn sie mich nochmal so ansieht, könnte das mein ganz persönlicher Untergang werden. Ich war einer von denen, die zu laut lachten, wenn sie nervös waren. Die nicht redeten, wenn sie nicht wussten, was sie sagen sollten. Die heimlich schauten, und dann schnell wegsahen, wenn sie bemerkten, dass sie vielleicht erwischt worden waren.
Gestern Nachmittag, beim Tischtennis, hatte ich das Gefühl, sie hätte mich angeschaut. Nur ganz kurz. Ein Wimpernschlag. Ein Moment zwischen zwei Ballwechseln beim Rundlauf. Vielleicht auch nur, weil sie sich umschaute. Vielleicht hatte sie gar nicht mich gemeint. Vielleicht war ich ihr genauso egal wie die anderen Jungs, die mit ihren Stirnbändern und ihren dummen Sprüchen versuchten, Eindruck zu schinden. Aber irgendwas in mir hatte vibriert. So ein kurzer Stromschlag, so ein inneres „Was, wenn doch?“
Und ich wusste, ich würde das nie wieder ganz loswerden. Diesen einen Blick, den sie vielleicht gar nicht gemacht hatte. Oder doch. Ich war mir nicht sicher. Aber es reichte, um mich völlig durcheinanderzubringen.
Und dann stand sie plötzlich vor mir.
„Ist hier noch frei?“, fragte sie, als würde sie nicht wissen, dass es frei war. Alles war frei. Die ganze Bank. Mein Herz. Mein Kopf. Mein verdammtes Leben.
Ich nickte. Irgendwas zwischen cool und komplett überfordert. „Ja, klar … also … bitte.“
Sie setzte sich neben mich, nicht direkt, sondern mit so viel Abstand, dass es gerade noch als Zufall durchging. Ich spürte sie trotzdem. Dieses Zittern in der Luft, das entsteht, wenn man plötzlich genau weiß, dass etwas wichtig ist und gleichzeitig hofft, dass man sich nicht völlig blamiert.
Sie schaute ins Tal, so ruhig, als säße sie schon ewig hier. „Schön, oder?“ sagte sie.
„Ja“, antwortete ich. Und meinte weder die Berge noch den Ausblick. Ich glaube, ich bin komplett rot angelaufen. Ich versuchte, ruhig zu atmen, als wäre das hier völlig normal. Ein Mädchen, das sich einfach so neben mich setzt.
Sie grinste, als hätte sie genau gemerkt, was da in mir los war. „Warst du schon mal hier oben?“, fragte sie.
„Äh … nein. Heute das erste Mal.“
„Beim ersten Mal ist es am schönsten.“
Ein harmloser Satz, eigentlich. Nur dass mein Kopf sofort anfing, eigene Wege zu gehen. Nicht freiwillig, das passierte einfach. Ich war vierzehn, mein Gehirn war ein chaotischer Haufen Kabelsalat.
Ich merkte, wie mir heiß wurde, aber nicht wegen der Sonne. Warum musste sie das genau so sagen? Beim ersten Mal ist es am schönsten. Und warum klang das plötzlich nach allem, was ich nicht denken sollte? Ich versuchte, mich auf die Berge zu konzentrieren. Dolomiten. Felsen. Natur. Ich dachte auch an trockenes Brot. Aber es half alles nichts. In meinem Kopf war längst kein Gebirge mehr, sondern ein Durcheinander aus Herzklopfen, Scham und Neugier.
Ich nickte. Mehr brachte ich nicht raus. Und während sie wieder in die Ferne sah, tat ich so, als würde ich auch die Berge anschauen, aber in Wahrheit sah ich nur sie. Und irgendwo zwischen meinem klopfenden Herzen und ihren Locken dachte ich: Wenn das Erwachsenwerden so anfängt, dann wird’s echt anstrengend.
Wir saßen da. Einfach so. Ich spürte meinen Puls bis in die Fingerspitzen. Mein Hirn war ein leergefegter Schulhof. Und trotzdem brachte ich es fertig, sie anzusehen. Kurz nur. Sie lächelte.
„Ich bin Micha“, sagte ich.
Sie drehte sich leicht zu mir. „Ich weiß.“
Ich wurde rot. Komplett. „Ich heiße Natalie.“ Ich sagte nichts. Nickte wieder nur.
„Aus welcher Gruppe bist du?“
„Team B“, sagte sie. „Die mit dem Betreuer, der immer ‚Das ist ein Prozess!‘ sagt, wenn was schiefläuft.“
Ich lachte. Zu laut. Sie grinste. „Du rauchst heimlich. Hinter dem Schuppen.“
Ich verdrehte die Augen. „Habe ich mir das eingebildet, dass mich keiner gesehen hat?“
„Ja, hast du.“
„Super. Und ich dachte, ich wäre voll unauffällig.“
„Warst du auch“, sagte sie. „Nur halt nicht für mich.“
Ich starrte auf meine Sneaker. „Ich dachte nicht, dass du mich überhaupt bemerkst.“
Sie zog die Beine an, legte das Kinn auf die Knie. „Habe ich aber. Schon öfter.“
Ich sah sie an. Sie schaute auf die Berge. Und alles an ihr war ruhig.
„Du bist nicht wie die anderen“, sagte sie plötzlich.
„Wie meinst du das?“
„Du bist kein Checker. Du denkst nach, bevor du redest. Und du redest nicht, nur um was zu sagen.“ Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Also sagte ich: „Ich rede auch mal Blödsinn.“
„Ich weiß“, sagte sie. „Aber dann lächelst du danach. Und das macht’s besser.“
Ich wusste nicht, ob mein Herz gerade stolperte oder einfach einen neuen Takt gelernt hatte. Und dann, ohne Ankündigung, nahm sie meine Hand. Nicht fest. Nicht dramatisch. Einfach so. Als wäre das die logischste Fortsetzung unseres Gesprächs.
Ich hielt still und alles in mir wurde leise. Ein neuer Friede. Mit mir. Mit ihr. Mit diesem Tag, der gerade zu etwas wurde, was ich nie mehr vergessen würde.
Wir redeten über alles. Und über nichts. Über Musik, sie mochte The Police. Ich sagte, ich auch, obwohl ich nur ein Lied kannte. Über die Schule, über den Gruppenleiter, der bei der „Abendandacht“ so tat, als würde er gleich die Bergpredigt halten, dabei konnte er nicht mal die Gitarre stimmen. Und je länger wir redeten, desto sicherer wurde ich. Ich war völlig verloren. Im besten Sinne.
Dann, ganz plötzlich, ohne ein Wort und ohne jedes Vorzeichen, zog sie mich einfach von der Bank hoch. Kein Zögern. Kein Drumherum. Ich konnte nicht mehr denken. Nicht mehr reden. Nicht mehr weggucken. Alles in mir vibrierte. Ich war schweißgebadet und hatte Angst sie würde es riechen. Sie sah mich direkt an. Und in ihrem Blick war nichts Spielerisches. Nichts Kokettes. Nur diese Frage, die eigentlich keine Worte brauchte: „Kommst du mit?“
Und ich nickte.
Wir gingen. Ohne Hast, ohne Ziel, aber irgendwie wusste ich, wohin es ging.
Sie spazierte vor mir. Sonnengebräunte Beine, Shorts, das T-Shirt leicht verrutscht auf der Schulter. Ich war ein Häufchen Unsicherheit, das hinter ihr her stolperte und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, gerade in einen anderen Film gewechselt zu sein. Nicht mehr der Statist. Ich hatte jetzt die Hauptrolle.
Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Vier Hochbetten. Acht Schlafplätze. Keine Menschenseele. Eine Mischung aus Sonnenmilch, Kaugummi und müffelnden Socken lag in der Luft. Trotzdem hatte der Raum plötzlich etwas Magisches. Vielleicht wegen ihr. Vielleicht wegen dem Moment. Oder vielleicht einfach, weil ich wusste, dass hier gleich etwas passiert, das sich für immer einbrennen würde.
Sie drehte sich zu mir um. „Die anderen sind beim Geländespiel. Kommen frühestens in einer Stunde zurück.“ Ich nickte. Als könnte ich irgendwas in diesem Moment ablehnen. „Setz dich“, sagte sie. Ich setzte mich auf das untere Bett links. Sie setzte sich neben mich. Ganz ruhig. Als würde sie gleich eine Mathearbeit schreiben und nicht den emotionalsten Ausnahmezustand meines Lebens auslösen. Ein Abgrund, gefüllt mit Angstschweiß und hormoneller Verwirrung.
„Bist du nervös?“, fragte sie.
Ich wollte lässig wirken. So à la: Nervös? Ich? Pfff, ich hab das schon hundertmal in der Theorie geübt.
Also sagte ich: „Ein bisschen.“ Was in Wirklichkeit bedeutete: Mir schlägt der Puls bis zum Hals und ich bin kurz davor, mir einen Fluchtplan auszuarbeiten.
Sie lächelte. Dieses ehrliche Lächeln, das gleichzeitig beruhigt und alles noch schlimmer macht, weil man denkt: Oh nein, sie ist auch noch nett.
Dann kam diese Stille. Diese unangenehme, klebrige, pubertäre Stille, die nach Deoroller und Verzweiflung riecht. Ich suchte fieberhaft nach etwas Romantischem, aber mein Gehirn hatte beschlossen, eine Pause einzulegen.
„Du riechst gut“, sagte ich schließlich.
Sie grinste. „Ist Shampoo.“
„Ach so. Cool.“
Cool. Ich hatte das Wort „cool“ mit einer Stimme gesagt, die klang, als würde ich gleich das Bewusstsein verlieren.
Und trotzdem blieb sie sitzen. Ganz nah.
Und irgendwie war das der bis dahin schönste, peinlichste Moment meines Lebens.
Sie sah mich an, als wäre ich ein Buch, das sie gleich aufschlagen wollte. „Du bist süß, weißt du das?“ Mir wurde heiß. Komplett. Innen und außen. Die Sekunden dehnten sich wie Kaugummi unter der Schuhsohle. Natalie war so nah, dass ich ihren Atem spürte. Ich konnte nicht sagen, ob mein Herz raste oder einfach aufgehört hatte zu schlagen. Vielleicht beides.
Sie stützte sich mit einer Hand auf der Matratze ab, die andere strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Ich hab dich schon oft beobachtet“, sagte sie leise.
„Du?“ Ich klang wahrscheinlich wie jemand, der gerade erfahren hat, dass das Orakel von Delphi ihn bei TikTok abonniert hat.
„Ja. Weil du anders bist.“ Ich schluckte.
„Anders?“, fragte ich.
„Nicht so wie die anderen. Nicht so aufgesetzt. Keine dummen Sprüche, um Eindruck zu machen.“ Sie schaute mich an. Und da war wieder dieser Blick.
„Ich dachte, du wärst unerreichbar“, sagte ich.
„Bin ich auch. Für Idioten.“
Ich grinste. „Und ich bin kein Idiot?“
„Nein, bist du nicht.“
Es war still. Im Flur irgendwo ein Lachen, das rasch wieder verklang. Dann wieder nur wir. Zwei Teenager. Ein Zimmer. Und der Moment dazwischen. Wir lagen nebeneinander auf der Matratze, noch angezogen. Und es war kein peinliches, drängendes Schweigen. Es war warm. Aufgeladen. Zärtlich.
Natalie stützte sich auf den Ellbogen, schaute mich von der Seite an.
„Ist das dein erstes Mal?“
Ich nickte, obwohl noch gar nichts passiert war.
Sie lächelte. „Meins auch.“
Und da war sie wieder, diese Art von Stille, die alles sagt, aber keiner traut sich, sie zu übersetzen. Ich spürte, wie mein Gehirn im Hintergrund hektisch Akten wälzte: Erstes Mal, erstes Mal … gibt’s da eine Anleitung? Vielleicht einen Hinweis im Bio-Buch?
Nichts. Leer. Komplettes Systemversagen.
„Also …“, sagte ich, und schon dieses eine Wort klang wie eine Fehlermeldung.
„Also?“, fragte sie, und grinste leicht.
Ich hatte das Gefühl, jetzt wäre der Moment gekommen, in dem ein erfahrener Typ irgendwas sinnvolles sagen muss. Sowas wie: Dann lass uns Geschichte schreiben.
Ich dagegen brachte nur ein heldenhaftes „Äh … ja“ zustande.
Sie lachte. Nicht fies, eher verständnisvoll. Wie jemand, der weiß, dass hier gerade zwei Menschen versuchen, eine Raumfähre mit Backpulver zu starten. Dann meinte sie ganz ruhig: „Ich glaub, das ist okay, wenn’s komisch ist.“ Und in dem Moment fiel so viel Druck von mir ab, dass ich fast laut stöhnte.
„Ja“, sagte ich. „Komisch kann ich gut.“ Und da grinste sie, beugte sich etwas näher, und plötzlich war das alles nicht mehr peinlich. Nur noch echt. Zwei Menschen, die so tun, als wüssten sie genau, was sie hier tun.
Ich hätte sie an dieser Stelle küssen können. Aber sie kam mir zuvor. Ganz ruhig, ganz selbstverständlich. Ein Kuss, der nicht fragte, nicht überlegte. Langsam. Warm. Tastend. Ich legte die Hand an ihre Wange, streichelte sie zaghaft. Sie schloss die Augen. Ich auch. Und dann, ganz behutsam, zog sie ihr Shirt aus. Kein Showeffekt. Keine Unsicherheit. Nur Vertrauen.
Ich sah sie an, traute mich kaum zu atmen. „Alles okay?“, flüsterte sie. Ich nickte. Mein Mund war zu trocken zum Reden. Also zog ich auch mein Shirt aus. Unsere nackten Oberkörper berührten sich. Es war elektrisierend. Ihre Haut war warm, und mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, man könnte es draußen hören. Wir küssten uns wieder. Ich streichelte sie. Erst zögerlich. Dann mutiger. Sie half mir, die Hose zu öffnen. Ich half ihr. Es war kein Film. Keine Pornovorlage. Es war vorsichtig und echt.
Sie führte mich. Beruhigte mich mit Blicken, mit einem sanften Lächeln, mit flüsternden Worten. Unsere Körper fanden sich. Keine Hast, kein Zwang, sondern ein gemeinsames Tasten. Ein Suchen, das sich wie Finden anfühlte. Bevor wir ganz ineinander versanken, hielt sie plötzlich inne. „Hast du was?“, flüsterte sie.
Ich verstand nicht sofort. „Was?“
„Verhütung“, sagte sie leise. Ich stockte. Dann fiel mir ein, was ich irgendwann, weil man ja nicht weiß, was alles auf so einer Jugendfreizeit passiert und weil es ja irgendwie cool ist, in meine Hosentasche gesteckt hatte. „Moment“, sagte ich, rutschte vom Bett runter und kramte hektisch.
Und ja, da war es. Ein zerdrücktes, aber noch originalverpacktes Kondom, das ich beim letzten Kioskbesuch mit rot werdenden Ohren gekauft hatte. Ich hielt es hoch. Sie grinste.
„Gut vorbereitet, Micha.“ Ich grinste zurück, war aber so nervös, dass ich fast die Verpackung mit den Zähnen aufgerissen hätte.
„Langsam“, sagte sie, legte ihre Hand auf meine. Und dann half sie mir. Ruhig. Sanft. Ganz selbstverständlich. Nichts daran wirkte peinlich.
Als wir uns bewegten, war es leise. Kein Keuchen, kein Stöhnen. Nur Atmen. Es war unbeholfen, aber schön. Kein Feuerwerk. Aber ein Moment, der sich für immer einprägen würde. Und das Geräusch von Matratzenfedern, die wahrscheinlich viel mehr gesehen hatten, als ihnen lieb war.
Und irgendwann waren wir eins.
Danach lagen wir nebeneinander. Halbnackt, zerzaust, leicht klebrig vor Aufregung. Die Decke halb über uns gezogen, unsere Finger ineinander verschränkt.
„Ich glaub, ich bin verliebt“, sagte ich.
Und sie, ohne zu zögern: „Ich weiß.“
Am nächsten Morgen war alles wie immer und gleichzeitig ganz anders. Es war der Tag der Abreise. Koffer wurden geschleppt, Schlafsäcke gequetscht, Trinkflaschen gesucht, Betreuer riefen Namen, die niemand hörte. Ich stand vor dem Bus, mit meinem Rucksack auf dem Rücken und zu wenig Schlaf in den Knochen. Sie kam erst im letzten Moment. Sonnenbrille, Haare offen, eine große Tasche über der Schulter. Sie sah mich und lächelte.
Wir saßen nebeneinander in der letzten Reihe. Fensterseite: sie. Gangseite: ich. Kein Gekuschel und kein Geheule. Wir hielten einfach nur Händchen. Stundenlang.
Zwischendurch dösten wir weg, sprachen über Musik, zeichneten kleine Muster aufeinander mit dem Finger. Sie auf meinem Arm. Ich auf ihrer Hand.
Als wir in Frechen ankamen, stand ihr Vater schon da. Anzug, Sonnenbrille, Arme verschränkt. Ein Auto mit italienischem Kennzeichen. Wir stiegen aus und sie nahm meine Hand noch ein letztes Mal.
„Ich melde mich, okay?“, sagte sie. Ich nickte. Vielleicht wusste ich da schon, dass sie es nicht tun würde. Aber ich wollte ihr trotzdem glauben.
Sie gab mir einen Kuss auf die Wange. Leicht. Fast wie ein Punkt am Ende eines Satzes. Dann stieg sie ein. Die Tür schlug zu, der Motor sprang an. Und das war’s.
Nach den Sommerferien saß ich wieder in meinem Klassenraum. Ich sah öfter aus dem Fenster, als ich eigentlich sollte. Aber sie kam nicht. Nicht in der ersten Woche. Auch nicht in der zweiten. Ich fragte ein paar Leute aus den anderen Klassen, aber keiner wusste was Genaues.
„Irgendwohin gezogen“, sagte jemand.
„Wegen dem Job vom Vater.“
Mehr nicht.
Kein Brief. Kein Anruf. Kein Wort.
Sie war einfach weg. So, wie sie gekommen war. Leise.
Ich habe sie nie wiedergesehen.
Manchmal habe ich mir vorgestellt, sie steht plötzlich vor mir. Oder läuft mir in der Teestube über den Weg. Aber es blieb bei den Gedanken. Denn das Leben geht weiter. Und nicht immer in dieselbe Richtung.
Was blieb, war nicht Natalie. Sondern das, was sie mir gezeigt hat. Dass es Nähe gibt, die nichts fordert. Dass man sich fallenlassen kann, ohne aufzufallen. Dass Liebe nicht laut beginnt, sondern manchmal ganz still, an einem Nachmittag, auf einem zerwühlten Bett, mit schwitzigen Händen und einem flüsternden „Ich weiß.“
Natalie war mein erstes Mal, aber nicht nur körperlich. Sie war die Erste, die mich gesehen hat. Die mir gezeigt hat, dass Nähe nicht laut sein muss, um tief zu gehen.
Sie war nicht Teil meines Lebens danach. Keine Briefe. Keine Wiedersehen. Kein Kontakt. Aber sie war da. In allem, was danach kam. Nicht als Figur. Sondern als Gefühl. Weil sie mich vorbereitet hat. Nicht auf sie. Sondern auf mich.
Sie hat mir gezeigt, dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist. Dass Zärtlichkeit nicht erzwungen werden muss. Dass ein einziger Moment reichen kann, um später zu wissen, was man wert ist. Und was man nicht mehr möchte.
Manche Menschen bleiben nicht, um dabei zu sein. Sie bleiben, um etwas in uns zu verändern. Natalie war der erste Mensch, der mich lieben ließ, ohne dass ich mich dafür verstellen musste. Und vielleicht war das der Anfang von allem.
Es hat mich nicht vor allem bewahrt, was danach kam. Es gab Trennungen. Fehlgriffe. Einsamkeit im falschen Bett. Ich habe geliebt, wo ich nicht hätte bleiben sollen. Und bin geblieben, wo nichts mehr zu lieben war. Ich habe verletzt. Und wurde verletzt. Wie jeder andere auch. Aber ich wusste, wie es sich anfühlen kann, wenn Nähe nicht fordert, sondern erlaubt. Wenn Berührung nicht fragt: „Bin ich gut genug?“, sondern sagt: „Du bist es längst.“
Natalie war nicht die große Liebe meines Lebens. Aber sie war die Erste, die mich daran erinnert hat, wie sich Echtheit anfühlt. Wie sich Sicherheit anfühlt, ohne Worte. Und wie Zärtlichkeit wirkt, wenn sie nichts will, außer da sein. Sie war nicht mein Schutz. Aber mein Ursprung.
Und wenn ich heute auf alles schaue, was war, auf die Umwege, die Kompromisse, die leisen Verluste, die niemand mitkriegt, dann weiß ich: Ich bin nicht bitter geworden. Weil ich einmal wusste, wie es geht. Und das reicht manchmal. Ein einziger Moment, ein einziger Mensch, eine einzige echte Nähe, um sich im Leben nicht ganz zu verlieren.
Und genau deshalb erkenne ich heute, was ich habe.
Silke.
Seit über zehn Jahren. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber echt. Und das, jeden Tag. Sie muss nicht fragen, was los ist. Sie sieht es. Auch wenn ich es selbst noch nicht weiß. Sie ist das Licht, das bleibt, wenn alles andere dunkel wird.
Sie weiß, wann es mir nicht gut geht, noch bevor ich es benennen kann. Und sie ist einfach da. Nicht mit Ratschlägen. Nicht mit Rezepten. Sondern mit dieser stillen Präsenz, die sagt: Ich halte dich, wenn du es gerade nicht kannst.
Sie weiß, wie ich ticke. Wie ich ausraste, wenn ich mich verrannt habe. Wie ich lache, wenn ich eigentlich Angst habe. Sie kennt meine Brüche. Meine Ecken, meinen Trotz, mein Schweigen. Sie weiß, wann ich innerlich wegrenne und wann ich stehenbleibe, obwohl es weh tut. Sie redet nicht darüber. Sie hält mich. Mit dieser stillen Art, die sagt: Ich bin hier. Und du darfst schwach sein. Sie nimmt meine Hand nicht, um mich zu führen, sondern damit ich nicht vergesse, dass ich angekommen bin.
Vielleicht war Rodeneck der Anfang. Da, wo ich zum ersten Mal gespürt habe, wie sich Nähe anfühlen kann, bevor das Leben kompliziert wurde.
Aber Silke ist das Zuhause. Und manchmal, wenn wir nebeneinander auf einer Bank sitzen, keine Worte, kein Ziel, nur die Stille genießen, dann weiß ich: Das ist Liebe. Wenn man nach über vierzig Jahren nicht mehr sucht, sondern einfach sagen kann:
Jetzt bin ich da. Und jetzt ist alles gut.
Es gibt Augenblicke, die uns verändern, ohne dass wir es merken. Erst Jahre später erkennt man, dass alles, was man geworden ist, irgendwo dort begann.
In einem Blick, in einem Lächeln, in einem Sommer, in dem man zum ersten Mal ganz bei sich war.
Hinterlasse einen Kommentar