
Bonn, Samstagnachmittag.
Silke sitzt neben mir im Auto und liest Google Maps vor, als hätte sie gerade eine Nebenrolle als Navigationsfee bekommen. Nur dass diese Fee nicht zaubert, sondern schnauft: „In 300 Metern links. Nein, warte, das waren 30 Meter. Mist. Jetzt sind wir falsch.“
Ich biege also ab, irgendwo zwischen einer Hofeinfahrt und dem Niemandsland hinter Bonn-Beuel, während uns schon der erste hupende Fahrer den moralischen Mittelfinger aus dem Fenster reckt. „Bleib ruhig“, sagt Silke.
„Ich bin ruhig“, sage ich, während mein Puls irgendwo bei 180 liegt und mein rechter Fuß instinktiv die Bremse streichelt, als könnte er das Chaos besänftigen.
Nach zehn Minuten haben wir mehr Straßennamen gehört, als ich mir in meinem ganzen Leben merken kann. Das Navi plappert, Silke korrigiert, und am Ende fahre ich sowieso dahin, wo alle anderen auch hinfahren: in den Stau Richtung Pützchens Markt. Seit gefühlt einer halben Stunde fahren wir im Kreis. Silke kommentiert jede Parklücke, in die theoretisch ein Kleinwagen reinpassen würde, mit „Da passt du doch rein.“
„Silke. Wir fahren keinen Smart, wie soll das denn funktionieren?“
„Mit ein bisschen Mut.“
Ich erkläre ihr, dass Mut keine physikalischen Gesetze außer Kraft setzt, während der nächste hupende Autofahrer hinter uns klebt. Wahrscheinlich derselbe wie eben, er ist halt nur schneller. Am Ende biegen wir in einen matschigen Acker, der großzügig als „Parkplatz Pützchens Markt 10 €“ ausgeschildert ist. Ich rolle hinein, sehe die Schlaglöcher, und sage: „Das hier ist doch kein Parkplatz. Das ist ein verdammter Truppenübungsplatz für die Bundeswehr.“
Silke grinst: „Ist doch egal, Hauptsache wir sind da.“
Kaum steigen wir aus dem Auto, läuft uns schon die volle Breitseite Pützchens Markt entgegen: der Geruch. Eine Mischung aus gebrannten Mandeln, Bratwurst, Fritten und einem Hauch von Pferdeurin. Die perfekte Volksfest-Parfümlinie.
Silke atmet tief ein und sagt: „Mmmh, hier riecht es nach Kindheit.“
Ich atme tief ein und sage: „Hier riecht es eher nach Magen-Darm.“ Sie läuft vor mir her, als wäre sie auf einer Mission. Ich versuche mitzuhalten, stoße aber im Sekundentakt mit irgendwem zusammen. Einmal mit einem Typen im Muskelshirt, der mich so böse anguckt, als hätte ich ihn gerade als Spargeltarzan beleidigt. Dann mit einer Frau, die ihre Tüte Popcorn so beschützt, als wäre es ihr erstes Kind. Ich bin schon nach fünfzig Metern total genervt.
Überall blinkt und dudelt es. „Atemlos durch die Nacht“ röhrt aus einem Lautsprecher, der so verzerrt klingt, als würde Helene Fischer aus einer Blechdose trällern. Silke strahlt: „Ach, ist das schön!“
Ich denke: Schön ist relativ. Schön ist ein ruhiger Abend auf dem Sofa. Schön ist kein Ellbogen im Rücken. Schön ist definitiv kein 4-jähriges Kind, das mir gerade in die Kniekehlen rennt und mich fast zu Boden streckt.
Dann bleibt Silke stehen, zeigt nach vorne und sagt mit leuchtenden Augen: „Da! Der Mandelstand! Und Champignons gibt’s auch.“ Während ich noch überlege, wie viel Luft wir hier überhaupt atmen können, die nicht aus Bratfett besteht, rennt sie schon los. Mitten hinein ins Kirmes-Chaos. Ich spurte hinterher und fasse kurz zusammen „Pützchens Markt: ein Ort, an dem du in fünf Minuten mehr Körperkontakt mit Fremden hast als sonst in einem ganzen Jahr mit deiner eigenen Nicht-Ehefrau.“
Ich schüttele den Kopf. „Pilze? Nein danke. Seit Tschernobyl esse ich keine mehr. Da leuchten mir höchstens noch die Zähne im Dunkeln. Und Reibekuchen? Wenn ich die fettigen Dinger esse, kann ich fünf Minuten später aufs Klo rennen.“
Silke winkt ab. „Ach, ich probiere mal ein bisschen.“
„Ein bisschen“ heißt bei ihr: bestellen, kurz reinbeißen, und dann mit einem unschuldigen „Magst du?“ den ganzen Teller in meine Hände drücken. So stehe ich plötzlich da wie ein mobiler Buffetwagen: links Reibekuchen, rechts Pilze, obendrauf eine halbe Waffel. Zum Glück finde ich schnell eine Lösung: Ich stelle den Reibekuchen unauffällig auf eine leere Stehtischplatte, die Pilze verschwinden diskret in einem Kinderwagen. Das Kind darin strampelt freudig mit Armen und Beinen, als wäre ich sein neuer Lieblingsclown. Und ich denke mir: Seht her, auch ich kann mal Gutes tun.
Silke hat da schon längst den Crêpes-Stand im Visier.
„Nein“, sage ich.
„Doch!“, sagt sie.
„Nein.“
„Nur einen, mit Zimt und Zucker.“
Fünf Minuten später stehe ich mit Crêpes da. Natürlich voll Puderzucker, der sich großzügig auf meiner schwarzen Jacke verteilt. Silke lacht, zwei Rentner gucken zu und feiern sich, als wären sie gerade beim Kabarett. „Du bist so ein Schweinchen“, sagt sie und wischt mir den Mund ab. Ich seufze. „Also bitte. Schweinchen nennst du mich sonst nur zu Hause nach 22 Uhr. Aber nicht hier, zwischen Crêpes und Currywurst!“ Die Rentner prusten los, Silke gleich mit, und ich denke mir: nächstes Mal gibt’s für sie nur ein Milchbrötchen.
Dann bleibt sie wie vom Blitz getroffen stehen. Vor uns: die Raupe. Blinkend, röhrend, mit kreischenden Kindern drin. Für mich der blanke Horror.
„Komm, wir fahren Raupe!“, ruft Silke begeistert.
Ich schüttle sofort den Kopf. „Vergiss es. Wenn ich da reingehe, gibt’s gleich eine Crêpes-Fontäne.“
Silke dreht sich zu mir, verschränkt die Arme. „Echt jetzt? Du überlebst mich beim Autofahren, du überlebst Flohmärkte mit mir, das Riesenrad am Schokomuseum, aber beim Kinderkarussell kneifst du?“
Ich: „Nur zur Info: Den Trödelmarkt hast du mit mir überlebt. Das Ding fährt im Kreis, da wird mir kotzübel.“
Sie: „Ach komm, du übertreibst. Da hinten sitzt gerade ein Opa drin, der lacht und hat Spaß ohne Ende.“
Ich: „Vielleicht lacht er, weil er denkt, das sei die Himmelfahrt.“
Sie: „Oder weil er mehr Mut hat als du.“
Ich bleibe stur: „Ich stehe zu meinen Schwächen. Ich steig da nicht ein.“
Silke setzt ihren Jetzt-hast-du-verloren-Blick auf. „Doch, steigst du wohl.“
„Nein.“
„Doch!“
„Silke, wenn ich da rein gehe, reiher ich im hohen Bogen. Wahrscheinlich genau auf dich.“
Sie zuckt die Schultern. „Na und? Dann hab ich wenigstens was zum Erzählen und du zum Schreiben.“
Ich starre sie an. „Das ist Erpressung.“
„Nein“, sagt sie, „das ist Liebe.“
Ich stöhne, seufze, rolle die Augen und murmele: „Na gut. Aber nur, damit du endlich Ruhe gibst.“ Silke strahlt, packt mich am Arm und zieht mich zum Eingang. „Wusste ich’s doch. Du bist halt mein großer Held!“
Ich brumme: „Eher dein großes Opfer.“ Und so lasse ich mich widerwillig breitschlagen und sitze zwei Minuten später in einer bunten Raupe, mit dem festen Gefühl, dass mein Ende nah ist.
Der Bügel klappt runter. Ich schaue Silke an, als hätte sie mich gerade für einen Bungeesprung bei Jochen Schweizer angemeldet. Die Raupe setzt sich in Bewegung. Erst gemütlich, als wolle sie mir falsche Sicherheit vorgaukeln. Ich denke noch: Na gut, so schlimm wird’s vielleicht doch nicht.
Zehn Sekunden später drückt es mich in den Sitz, und das Ding sprintet los, als hätte es persönlich was gegen meinen Magen. Silke quietscht vor Freude, klatscht in die Hände. Ich dagegen klammere mich an den Bügel, als hinge mein Leben daran. Was es wahrscheinlich auch tut.
„Mir wird schlecht!“, brülle ich.
Silke lacht Tränen. „Das ist doch der Witz!“
„Witz?! Wenn irgendwas witzig ist, dann lache ich. Siehst du mich lachen?“
Sie kreischt noch lauter vor Vergnügen, während ich ausschaue, als würde ich gleich meinen letzten Willen diktieren. Die Raupe beschleunigt weiter, mein Magen wirbelt im Kreis, meine Augen tränen.
Dann klappt die Plane über uns runter. Stockdunkel. Alles schreit, ich klammere mich noch fester. „Jetzt wird’s romantisch!“ ruft Silke begeistert.
Ich presse hervor: „Komm bloß nicht auf die Idee, mich jetzt zu befummeln. Mir ist gerade nicht nach Romantik!“
Sie lacht und zischt mir ins Ohr: „Keine Sorge, ich fass dich nicht an. Es sei denn, ich will dich richtig zum Schreien bringen.“ Die Raupe rattert, mein Magen protestiert lautstark. Dann endlich bremst das Teil. Die Plane geht hoch, Licht fällt rein. Silke springt raus, und strahlt über beide Ohren.
„War das nicht geil?!“
Ich ächze hinterher, kreidebleich, und stöhne: „Ja. Ganz toll. Wie eine Wurzelbehandlung. Sowas braucht kein Mensch.“
Ich taumle weiter. Silke hat Spaß und ich sehe aus, als wäre ich gerade zu Fuß durch die Waschstraße gegangen. Also beschließe ich, mir meine Würde zurückzuholen und setze mein „Professorengesicht“ auf. „Weißt du eigentlich, woher Pützchens Markt kommt? Das war früher ’ne Wallfahrt. Irgendeine Äbtissin hat ihren Stock in die Erde gerammt, und zack, kam ’ne Quelle hoch. Seitdem heißt das hier Pütz.“ Silke bleibt stehen, sieht mich an und sagt trocken: „Ernsthaft? Du hättest fast im Kinderkarussell gereihert und referierst jetzt hier über Quellwasser?“
Sie hakt sich bei mir ein und meint: „Wenn du so weitermachst, kriegst du hier gleich ’nen eigenen Info-Stand.“
„Guck mal! Maximus the Ride!“, ruft sie begeistert und zeigt auf einen rotierenden Riesenteller, der sich 15 Meter hoch in die Luft schraubt. Ich bleibe stehen. „Das Ding sieht aus, als hätte jemand einen Pizzateller auf eine Baggerschaufel geschraubt. Und da würdest du rein?“
„Ja, warum denn nicht!“
„Silke, ich hab schon Probleme, wenn ich dem Drehteller unserer Mikrowelle zuschaue.“
Wir gehen weiter, und sie bleibt erneut stehen. „Oh mein Gott, Excalibur!“ Vor uns eine Riesenschaukel, die aussieht, als könnte sie problemlos auch einen Kleinwagen in die Stratosphäre schicken. Menschen hängen drin, werden erst langsam hochgezogen und dann mit Karacho wieder Richtung Erde geschleudert. Ich schüttle den Kopf. „Excalibur? Nennt sich das so, weil man danach sein Mittagessen aus dem Asphalt ziehen kann?“
Silke lacht, stupst mich an. „Du bist so ein Weichei. Das Ding ist doch der Wahnsinn!“
„Der Wahnsinn trifft’s“, sage ich. „Für mich allerdings wörtlich. Da steig ich ein, und beim nächsten Schwung lieg ich im Sani-Zelt.“
Sie kichert, verschränkt die Arme und sieht mich herausfordernd an. „Micha, das ist Nervenkitzel pur! Guck doch mal, wie die Leute lachen!“
„Lachen? Hör mal genau hin, das ist kein Lachen. Das sind die letzten Hilfeschreie.“
„Ach Micha, du bist echt unverbesserlich.“
Ich nicke. „Stimmt. Und genau deshalb bleib ich mit beiden Beinen hier unten auf dem Boden.“
Zwischen all den blinkenden Monstern entdecke ich sie: die gute alte Geisterbahn. Pappskelette am Eingang, Gummispinnen an Fäden, Nebelmaschine mit Asthma. Ich bleibe stehen wie ein Kind vorm Süßigkeitenregal. „Da! Eine Geisterbahn. Da will ich rein.“ Silke dreht sich zu mir „Geisterbahn? Das soll wohl ein Witz sein! Damit fahren nicht mal die Kinder aus der Raupe.“
„Na und? Genau das ist ja das Gute! Da passiert nix. Ein bisschen Rattern, zwei Skelette. Perfekt für mich.“ Sie schüttelt den Kopf. „Micha, das ist doch Rentner-Action. In der Zeit geh ich mir lieber ’ne Cola holen.“
Ich starre trotzig Richtung Eingang. „Ich will aber in die Geisterbahn.“ Silke sieht mich an, lächelt viel zu süß. Was immer ein schlechtes Zeichen ist. „Okay, ich geh mit dir. Aber nur, wenn du danach mit mir in eins von den richtig coolen Fahrgeschäften steigst.“
Ich blinzle. „Wie bitte?“
Sie zeigt auf den „Gladiator“, diesen 58-Meter-Propeller, der schon beim Zuschauen meinen Magen durchknetet. „Das da.“
Ich fange an zu zetern: „Silke! Das Ding ist lebensgefährlich! Da drehen die Leute Loopings, bis sie nicht mehr wissen, wie sie heißen! Ich will gemütlich durch ’nen Pappfriedhof gondeln!“
Sie zuckt mit den Schultern. „Deine Entscheidung. Geisterbahn mit mir aber nur, wenn du später Gladiator mit mir fährst. Oder du fährst alleine mit der Pappmumie.“
Ich knurre. „Das ist Erpressung.“
„Nein“, sagt sie breit grinsend, „auch das ist Liebe. Und in der Liebe muss man Kompromisse machen.“
Ich deute auf mich selbst: „Silke, bitte! Fortgeschrittenes Alter, fragwürdiger Gesundheitszustand, schwacher Kreislauf. Das spricht doch alles gegen diese Höllenmaschine.“
Silke grinst und kontert: „Ach komm, du latschst jeden Tag bis Gemünd und zurück, und jetzt memmst du hier rum, als ging’s um deine letzte Ölung.“
Ich reiße die Augen auf. „Gemünd ist geradeaus. Ohne Loopings. Ohne 58 Meter Propeller.“
„Genau. Und gerade deshalb wird’s mal Zeit, dass du die Premium-Version von Gemünd erlebst. Mit Drehung, Schussfahrt und Kreischgarantie.“
Ich schnaube. „Premium-Version? Das ist doch kein Upgrade. Das ist ein Anschlag.“
Sie tippt mir auf die Brust: „Micha, wenn du das überlebst, überlebst du alles. Danach wirkt sogar dein Weg nach Gemünd wie ein Wellness-Spaziergang.“
Ich knurre. „Du findest dich wohl unfassbar witzig, oder?“
Sie nickt begeistert. „Ja. Und das Beste ist: Ich krieg dich trotzdem in das Ding rein.“ Ich seufze, stampfe einmal trotzig mit dem Fuß auf wie ein beleidigtes Kind, und brumme: „Na gut. Aber wenn ich da nachher verrecke, ist das deine Schuld.“ Silke strahlt, hakt sich bei mir ein und sagt: „Perfekt. Erst Pappgeister, dann Nervenkitzel.“ Und so gehe ich maulend Richtung Geisterbahn, während Silke grinst wie Donald Trump, wenn er glaubt den cleversten Deal seines Lebens eingefädelt zu haben.
Wir steigen in den Wagen. Der Bügel fällt runter, das Ding ruckelt los mit einer Geschwindigkeit, die man sonst nur von Rollatoren kennt. Ich lehne mich entspannt zurück. „Endlich mal was für Erwachsene.“
Silke schaut über ihren Brillenrand. „Ja, für die ganz Alten.“
Es wird dunkel, die erste Ecke: ein Pappskelett fällt halb aus dem Rahmen. Ich deute drauf. „Da, der letzte Freiwillige aus dem Gladiator.“ Silke lacht noch, bis plötzlich eine Gummifledermaus von der Decke baumelt und ihr direkt vors Gesicht schwingt. Sie kreischt, zuckt zusammen und klammert sich reflexartig an meinen Arm. „Boah! Hast du das gesehen?!“
Ich grinse. „Ja. Eine Fledermaus. Aus Gummi. Gibt’s im Dreierpack bei Toys „R“ Us.“ Weiter geht’s. Ein Vampir mit Leuchtaugen springt auf uns zu. Silke zuckt wieder. „Alter! Der hat mich fast erwischt!“
„Wenn der dich erwischt hätte, würdest du jetzt nach Knoblauch riechen. Also keine Sorge.“
Im nächsten Gang zischt die Nebelmaschine, spuckt eine Wolke aus, die nach feuchtem Handtuch riecht. Silke klammert sich immer noch an meinen Arm. Ich lache: „Na? Wer hat jetzt Angst im Kinderkarussell?“
Sie: „Ich hab mich nicht erschreckt!“
Ich: „Nein, klar. Du hast nur getestet, ob mein Arm stabil ist.“
Dann ein dumpfer Knall, ein Zombie auf Schienen ruckelt nach vorne, direkt neben uns. Silke kreischt lauter als die Kinder im Wagen hinter uns. Ich halte mir demonstrativ die Ohren zu. „Silke, bitte! Es ist nur Karl-Heinz aus der Gummiabteilung.“
Als wir rausrollen ins Tageslicht, atmet sie tief durch und lacht verlegen. „Okay, ich hab mich vielleicht ein bisschen erschreckt.“
Ich nicke gönnerhaft. „Ja, das war echt peinlich.“
Sie haut mir auf den Hintern. „Warte ab. Nachher schreist du lauter als ich. Im Gladiator.“ Mir bleibt das Lachen im Halse stecken.
Wir stehen vor diesem Monster von Fahrgeschäft. Ein Propellerarm, so lang wie ein halber Fußballplatz, der sich dreht, als wolle er gleich Satelliten abschießen. An den Enden baumeln Gondeln mit Menschen drin. Kreischend, kopfüber, irgendwo zwischen Himmel und Erde.
Silke strahlt wie ein Kind vorm Weihnachtsbaum. „Damit fahren wir jetzt!“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen, will das Unheil noch abwenden. „Silke, das ist kein Fahrgeschäft. Das ist ein Bewerbungstest für Leute, die später Astronauten werden wollen.“
Sie lacht. „Ach Quatsch. Das ist harmlos.“
Ich deute auf die kreischenden Gestalten. „Harmlos?! Die drehen da oben Loopings, bis sie nicht mehr wissen, ob sie Männchen oder Weibchen sind! Ich will da nicht rein.“
Silke stemmt die Hände in die Hüften. „Micha, du hast mir die Geisterbahn eingebrockt. Jetzt mach hier nicht so einen Aufstand.“
„Geisterbahn war Kult!“, verteidige ich mich. „Das hier ist … keine Ahnung. Folter!“
Ich fange an, Ausreden zu erfinden: „Mein Magen ist noch nicht stabil. Meine Chucks sind nicht geeignet. Ich habe Nackenprobleme.“
Silke verdreht nur die Augen. „Micha, deine Ausreden sind so billig, dafür könntest du noch nicht mal Eintritt verlangen.“
Ich versuch’s mit Logik: „Wenn ich da jetzt einsteige und kotze, mitten im Überschlag, dann verteilt sich das wie Sprühregen über den ganzen Platz. Willst du das verantworten?“
Sie grinst. „Klar. Besser, sie reden über deine Sauerei, als dass du hier als Schisser in Erinnerung bleibst.“ Ich atme tief durch, schaue nochmal hoch zu den Gondeln, die sich inzwischen wie wild überschlagen. „Silke, ich flehe dich an. Wir könnten auch einfach gemütlich was trinken, Lose ziehen, oder Enten angeln.“
Sie legt mir die Hand auf die Schulter, sieht mir tief in die Augen und sagt: „Micha. Hör auf zu jammern. Du fährst Gladiator. Punkt.“
Mir rutscht das Herz in die Hose. Und ich weiß: das Unheil ist nicht mehr aufzuhalten.
Der Bügel rastet ein, und ich ahne: Das hier wird kein Spaß. Das wird die Hölle. Ich sehe Silke neben mir strahlen, während mir schon beim Anschnallen schwindelig wird.
„Bereit?“, fragt sie.
„Nein“, sage ich ehrlich. „Ich bin nicht bereit, ich will hier raus.“ Doch da hebt sich der Propellerarm schon. „Guck mal, wie schön die Aussicht ist!“, ruft Silke begeistert.
„Aussicht? Ich sehe mein Leben an mir vorbeiziehen!“
Dann kommt der erste Überschlag. Mein Magen schießt in die Höhe, meine Seele bleibt unten auf der Wiese sitzen und winkt mir traurig hinterher. Silke kreischt vor Freude, ich kreische vor purer Angst.
„Das ist ja der Hammer!“, ruft sie.
„Kannst du einfach mal die Klappe halten!“, brülle ich zurück. Wir wirbeln kopfüber, seitwärts, wieder hoch, wieder runter. Ich habe keine Ahnung mehr, wo oben und unten ist. Ich weiß nur: Meine Organe schieben gerade eine Polonaise, quer durch meinen Bauch. Neben mir lacht Silke Tränen. „Du musst dein Gesicht sehen!“
„Ich KANN mein Gesicht nicht sehen!“, presse ich hervor, während die nächste Drehung kommt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit bremst der Gladiator ab. Wir hängen noch kurz kopfüber, bevor die Gondel langsam zurückschwingt. Ich bin kreidebleich, verschwitzt, und mein Blick sagt alles. Silke steigt lachend aus, voller Energie. „Micha, das war doch der Burner!“ Ich wanke hinterher, so wackelig, dass mich zwei Kinder mitleidig ansehen. „Du bist ja total irre“, keuche ich. „Wie kannst du mir sowas antun?“
Und dann passiert es.
Erst dieses unheilvolle Gluckern, irgendwo tief in meinem Bauch, wie ein alter Heizkessel, kurz bevor er explodiert. Ich beuge mich leicht vor, versuche noch mich zusammenzureißen. Keine Chance. Mein Magen kündigt die große Finalshow an.
Ein erstes Röcheln. Dann ein ekliges Würgen. Silke reißt entsetzt die Augen auf, kramt panisch nach Taschentüchern. „Micha! Tu’s nicht! Nicht hier!“
Zu spät. Ich stütze mich auf die Absperrung, mein Körper beugt sich nach vorn, und plötzlich kommt’s. Ein Strahl, ein Schwall. Mein Mageninhalt wird komplett nach außen befördert.
Zwei Kinder rennen zur Seite: „Boaaah, wie eklig ist der denn?“
Ein Mann neben uns springt zurück, als hätte Katwarn eine Gefahr gemeldet. Ein Teenager glotzt entsetzt, verzieht das Gesicht, würgt selbst, hält sich die Hand vor den Mund und stolpert rückwärts. „Boah nee, ich kann da nicht hingucken“, und verschwindet im Zuschauerpulk.
Silke, knallrot im Gesicht, wedelt hilflos mit einem zerknitterten Taschentuch herum, als könnte sie damit die Welle aufhalten. „Micha! Hör auf! Alle gucken!“ Ich kann nur abwinken, während mein Körper klingt, als wäre er im Gärprozess. Ein zweiter Schwall sprüht aus meinem Mund, diesmal direkt auf den Kiesboden. Dramatisch, unaufhaltsam, mit einer Reichweite, die jedem Gartensprenger Konkurrenz macht.
Die Menge starrt. Einige haben längst ihre Handys gezückt, filmen gierig, als wäre ich der virale Hit des Abends. Ich richte mich auf, immer noch bleich wie Kreide, wanke einen Schritt nach vorn, reiße die Arme hoch und fauche: „Geht’s noch?! Hat hier irgendjemand schon mal was von Anstand gehört? Von Mitgefühl? Ein Mann ringt mit seinen inneren Dämonen, und ihr Klappspaten haltet das Handy drauf, als wäre ich ein verdammter Netflix-Trailer!“
Ich fuchtle mit den Armen, als würde ich die große Kanzelrede halten. Ein paar Teenager kichern nervös, eine Frau versucht, ihr Handy unauffällig sinken zu lassen.
„Ihr lacht! Ihr glotzt! Aber keiner bringt mal still und leise einen Eimer! Das wäre Menschlichkeit! Hier entscheidet sich, ob wir als Gesellschaft funktionieren, oder ob wir einfach alle herzlose Zombies sind!“
Ein älterer Mann im Publikum räuspert sich. Ich zeige auf ihn. „Sie da! Ja, Sie! Sie gucken, als hätten Sie noch nie einen Menschen kotzen sehen. Willkommen in der Realität! So sieht es aus, wenn man Gladiator fährt und überlebt!“
Silke zieht hektisch an meinem Ärmel. „Micha, hör auf! Das ist hier keine Wahlkampfveranstaltung!“ Aber ich bin immer noch in Rage. Ich reiße mich los, fuchtle weiter mit den Armen, als hielte ich gerade die „Rede zur Lage der Nation“ auf dem Kirmesplatz.
„Doch, genau das ist es! Hier geht’s um Werte! Wo sind wir gelandet, wenn ein Mann nicht mal mehr in Ruhe auf offener Straße kotzen darf, ohne dass sofort jeder sein Handy zückt? Wo ist die Solidarität? Schämt euch!“
Ein paar Leute lachen unsicher, eine Frau nickt sogar halbherzig. Ich lege nach: „Früher hätte man gesagt: ‚Jung, setz dich hin, ich hol dir’n Wasser.‘ Heute sagt man: Lächle mal, ich brauch noch Content für TikTok!“
Silke stöhnt, vergräbt das Gesicht in den Händen. „Ich fass es nicht. Der Mann kotzt den halben Platz voll, und hält dann noch eine Grundsatzrede über Moral.“
Ich deute auf mich selbst, stolz, mit zitternder Hand. „Genau! Das unterscheidet mich von den anderen: Ich mache hier vielleicht eine Sauerei, ich transportiere aber auch noch eine Botschaft!“
Das Publikum prustet los. Silke packt mich schließlich entschlossen am Arm, zischt: „Komm jetzt.“ Ich lasse mich widerwillig mitziehen, drehe mich aber noch einmal um, reiße die Arme hoch und rufe mit brüchiger Stimme: „Denkt dran: Heute bin ich es, morgen seid ihr es! Niemand ist sicher!“ Ein paar klatschen tatsächlich, andere schütteln lachend den Kopf. Der Betreiber winkt mir hinterher, als wolle er sagen: Komm bitte nie wieder.
Silke zieht mich im Eiltempo durch die Menge, immer noch knallrot im Gesicht. „Du bist unmöglich, Micha. Un-mög-lich.“ Ich grinse, wische mir mit dem zerknitterten Taschentuch den Mund und murmele: „Mag sein. Aber wenigstens habe ich Spuren hinterlassen.“
Silke verdreht die Augen. „Ja. Und zwar auf halb Pützchens Markt.“
Wir ziehen weiter. Silke marschiert entschlossen vorneweg, als wolle sie mich so schnell wie möglich vom „Tatort“ entfernen. Ich laufe hinterher, immer noch bleich, aber mit genug Energie für dumme Sprüche. „Du Silke, wenn ich irgendwann mal in Bronze gegossen werde, dann bitte mit Eimer daneben.“
Sie ist genervt. „Micha, halt einfach die Babbel und lauf.“
Dann bleibt sie abrupt stehen, zeigt nach rechts und sagt: „Guck mal. Eine Backfischbude.“
Meine Augen leuchten sofort. „Backfisch im Brötchen?“
„Ja“, seufzt sie, „aber nur, wenn du mir versprichst, ihn drin zu behalten.“ Ich nicke ernst, stelle mich an wie ein braver Schüler. Zwei Minuten später halte ich ihn in der Hand: warm, knusprig, fettig, ein dicker Klatscher Remoulade obendrauf. Ich beiße rein, und für einen Moment ist alles gut.
Bis die Remoulade sich verflüssigt. Erst tropft sie über meine Finger, dann läuft sie die Jacke runter, schließlich landet ein dicker Klecks mitten auf meiner Hose. Ich starre runter, als hätte mich gerade ein Vogel beschissen. Silke schlägt die Hände vors Gesicht. „Micha! Ernsthaft?!“ Sie reicht mir wortlos ein Taschentuch. „Du bist eine wandelnde Gourmetkatastrophe.“
Ich kaue zufrieden und nuschele: „Mag sein. Aber diesmal guckt wenigstens keiner.“
Wir stapfen über den Platz, zurück zum Auto. Silke vorneweg, mit einem Tempo, als würde sie hoffen, mich im Gedränge zu verlieren. Ich hinterher, stolpernd, fleckig, schwankend, eine Mischung aus Remouladen-Opfer und Fluchtwagenfahrer nach einem missglückten Banküberfall.
„Micha, ich sag’s dir: Ich hab die Schnauze voll. Überall wo ich mit dir auftauche, veranstaltest du Chaos.“
„Klar. Aber sieh’s mal so: Mit mir weißt du immer, wie der Abend endet.“
Silke knallt die Autotür zu. „Weißt du, was dein Problem ist? Du verwandelst jedes Volksfest in eine Doku-Soap.“ Ich setze mich auf den Beifahrersitz, schnalle mich an und grinse: „Ja. Aber mit Live-Action und sehr exklusiven Special Effects.“
Sie startet den Motor, starrt geradeaus. „Ich will einfach nur noch nach Hause.“
Ich nicke ernst, lehne den Kopf zurück und murmele: „Ja, ich auch. Ich muss aufs Klo, mein Magen grummelt.“
Sie seufzt, schüttelt den Kopf. „Typisch. Ein Backfisch, und du verwandelst dich in eine tickende Zeitbombe.“
Ich atme tief durch. „Ist doch Routine. Fettiges rein, fünfzehn Minuten später wieder raus.“ Silke verdreht die Augen, tritt aufs Gas und sagt trocken: „Dann halt dich fest. Wir fahren Bestzeit.“
Vielleicht geht es nicht darum, Fehler zu vermeiden, sondern darum, ihnen einen Platz zu geben. Denn oft sind es die Umwege und Brüche, die am Ende die Geschichten tragen, die wir weitererzählen
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