Von Emaille bis Erotik

Chaos-Queen auf dem Flohmarkt

Sonntagmorgen.
Die Sonne schickt die ersten Strahlen durchs Schlafzimmer, Vögel zwitschern, die Welt erwacht. Nur ich nicht, weil ich noch nicht bereit dazu bin. Ich will ausschlafen. Einfach liegen bleiben, dösen, nichts tun. Neben mir regt sich Silke. Ich blinzle kurz, drehe mich auf die andere Seite und denke: Hoffentlich schläft sie wieder ein, und kommt mir jetzt nicht mit einer Idee, mit der sie mir den Sonntag ruiniert.
Aber falsch gedacht.

„Sag mal“, flüstert sie, „wollen wir heute auf den Flohmarkt?“
Ich reiße ein Auge auf. „Flohmarkt? Nein, wollen wir nicht!“
„Wie, nein? Komm Micha, da gibt‘s bestimmt tolle Sachen.“

Ich stöhne. „Trödelmarkt ist doch nicht die Kö. Trödelmarkt ist der Versuch von Menschen, ihren Keller auszumisten und ihren Schrott anderen anzudrehen.“
„Ach Quatsch“, sagt sie, „da gibt’s Schätze!“
„Schätze? Alte Tupperdosen? Schallplatten von Heino? Oder die Porzellanfiguren, die aussehen, als hätten sie eine schwere Kindheit gehabt?“

Sie schaut mich an. „Du musst nur die Augen richtig aufmachen.“
„Ich lasse meine Augen aber jetzt lieber zu“, murmele ich und ziehe mir das Kissen über den Kopf. Doch Silke kennt ihre Tricks.
„Da gibt’s Pommes mit Currywurst.“
Ich verharre. „Mit Mayo?“
„Natürlich.“

„Glaubst du ernsthaft, du könntest mich damit ködern?“, frage ich und ziehe das Kissen wieder ein Stück runter, damit sie mein zuckendes Augenlid sehen kann. Silke grinst. Dieses Grinsen, das schon ganze Diskussionen beendet hat, bevor sie überhaupt angefangen haben.
„Es funktioniert doch sonst auch.“
„Pommes mit Currywurst sind kein Argument.“
„Doch. Bei dir schon.“
Ich setze mich halb auf, schaue sie ernst an. „Silke, wir reden hier von einem Flohmarkt. Das ist nicht Pützchens Markt. Das ist kein Straßenfest. Das ist …“, ich suche nach dem passenden Wort. „… ein Abfallwirtschaftszentrum. Wir könnten genauso gut nach Strempt fahren und über die Müllhalde laufen.“
Sie legt den Kopf schief. „Und trotzdem rennen da jedes Wochenende hunderte Leute hin.“
„Ich bin aber nicht hunderte Leute.“

Ich sinke verzweifelt ins Kissen zurück, schüttele den Kopf und sage: „Das ist doch wieder so ein Alibi-Ausflug. Damit wir am Abend sagen können: ‚Wir haben was gemacht. Wir waren draußen. Wir waren aktiv.‘ Dabei hätten wir auch einfach auf der Couch bleiben können, mit Würde.“
Silke stupst mich mit dem Finger in die Seite. „Mit Würde? Du meinst im Jogginganzug, Krümel auf der Brust, Cola-Light in der Hand?“
„Das wäre wenigstens authentisch“, erwidere ich.

Silke verschränkt die Arme. „Weißt du, Micha, irgendwann bist du alt und gebrechlich und bereust all die Flohmärkte, auf denen du nicht warst.“
Ich ziehe die Decke noch höher. „Wenn das mein größtes Bedauern im Leben wird, dann habe ich alles richtig gemacht.“
Sie beugt sich näher heran. „Denk doch mal so: Stell dir vor, da liegt genau das eine Teil, das dich glücklich macht. Und du bist nicht da.“
„Welches Teil soll das bitte sein? Ein selbstkochender Nudeltopf?“
„Vielleicht“, sagt sie ernst. „Oder ein Bierkrug mit eingebautem Kompass.“
„Wann trinke ich denn mal Bier, und aus einem Krug sowieso nicht. Ich geh da nicht hin“, sage ich und ziehe die Decke bis unters Kinn.
Silke setzt sich auf, sieht mich streng an. „Doch. Weil du sonst den ganzen Sonntag wieder nur rumliegst und jammerst, dass du nichts gemacht hast.“
„Ich jammere nicht. Ich genieße.“
„Genießen? Du, im Jogginganzug, mit Essensresten auf dem T-Shirt, und den Blick starr auf den Fernseher? Das nennt man nicht genießen, das nennt man verrotten.“

Ich ziehe die Decke höher. „Dann verrotte ich eben. Außerdem übertreibst du wieder maßlos.“
Sie beugt sich runter, zieht mir die Decke weg. „Nein, du kommst mit. Sonst erzählt morgen wieder die halbe Nachbarschaft, dass wir nur auf der Couch gelegen haben.“
„Was interessiert mich denn die Nachbarschaft?“
Sie kneift die Augen zusammen. „Micha, jetzt hör auf zu diskutieren. Du weißt doch ganz genau, wie das hier wieder endet.“
„Wie denn?“
„Du fährst natürlich mit.“

Ich schlage die Hände vors Gesicht zusammen. „Du bringst mich noch zehn Jahre früher ins Grab. Wenn die Leute da draußen wüssten, was ich hier mitmache …“
Silke stemmt die Hände in die Hüften. „Ja, dann würden sie applaudieren. Standing Ovations! Die Frau, die ihren Mann vom Sofa runterkriegt.“
„Nein“, sage ich und blicke sie ernst an, „die würden denken: Da geht er wieder, der arme Mann, der von seiner Nicht-Ehefrau durch die Gegend gescheucht wird.“

Silke verengt die Augen, aber statt beleidigt zu reagieren, grinst sie nur. „Ach Schatz, deine Sprüche kenne ich. Und weißt du was? Die ziehen nicht mehr.“
Ich blinzle überrascht. „Was heißt hier, die ziehen nicht mehr?“
„Die sind einfach ausgelutscht. Immer die gleichen Ausreden, immer das gleiche Drama. Das ist wie die ständigen Wiederholungen im Fernsehen.“
„Aha. Und was heißt das jetzt für mich?“
„Ganz einfach“, sagt sie, „du kommst mit. Ohne Diskussion. Weil du keine neuen Argumente mehr hast.“
„Keine neuen Argumente?“ Ich richte mich auf. „Das hier ist eine Tradition! Ich kämpfe ums Liegenbleiben! Das ist mein Sonntag!“
„Und das ist langweilig geworden“, kontert sie trocken. „Du bist wie ein alter Tatort, man weiß genau, wie’s ausgeht. Am Ende fährst du eh mit. Und weißt du warum? Weil du mich über alles liebst.“
Ich falle zurück ins Kissen, starre an die Decke und stöhne: „Ich hasse es, wenn du recht hast.“
„Tja“, sagt sie, „deshalb bin ich mit dir zusammen.“

Und da wusste ich: Selbst meine besten Klassiker waren machtlos.

Ich setze mich laut stöhnend auf, als hätte ich gerade den besten Sex meines Lebens hinter mir. Die Decke rutscht zu Boden, ich reibe mir die Augen und fluche: „Das ist doch nicht normal. Andere Männer dürfen am Sonntag ausschlafen. Ich nicht. Ich bringe Opfer. Ständig. Aus Liebe. Ich bin praktisch der Jesus unter den Couchpotatoes.“

Silke lacht und verschwindet ins Bad. „Übertreib nicht so!“
„Übertreiben? Ich untertreibe! Das hier ist moderne Sklavenhaltung!“ Ich krame nach einer Socke, finde nur eine mit einem Loch. Ziehe sie trotzdem an. „Na klar. Passt ja. Sonntag, und ich stolpere los wie ein Landstreicher auf Zwangsexkursion.“ Beim T-Shirt das gleiche Drama. Erst falschrum, dann verdreht, dann halb im Halsausschnitt stecken geblieben. „Siehst du? Schon beim Anziehen bricht hier das Chaos aus. Das Universum will nicht, dass ich auf diesen Flohmarkt gehe.“

Aus dem Bad ruft Silke: „Du beweist mal wieder, dass ich dich nicht zu Unrecht Chaos-Queen nenne.“ Ich reiße mir das T-Shirt endlich über den Kopf, die Haare stehen in alle Richtungen. „Chaos-Queen? Ich bin nicht die Queen. Ich bin das ganze Königreich! Mit Aufstand, Revolution und Untergang inklusive.“ Silke steckt den Kopf aus der Badezimmertür, Zahnbürste im Mund. „Genau. Und heute regierst du über einen Flohmarkt.“
„Ha-ha“, knurre ich. „Wenn ich regieren dürfte, würde ich die Dinger verbieten. Ramsch ist kein Kulturgut, Ramsch gehört direkt auf den Sperrmüll.“ Sie verschwindet wieder ins Bad, ruft undeutlich: „Du wirst gleich der Erste sein, der alles anfassen und Preise verhandeln will!“
„Quatsch!“, rufe ich zurück, während ich meine zweite Socke suche. „Ich fasse höchstens Pommes an. Mit Mayo.“
„So, und jetzt hör mal auf hier rumzuheulen wie ein Kleinkind“, ruft Silke und spuckt ins Waschbecken. „Du fährst jetzt mit mir zum Flohmarkt. Königreich hin oder her.“

Ich seufze theatralisch, während ich versuche, die Socke endlich über die Ferse zu kriegen. „Toll. Erst entmündigt, jetzt auch noch gestürzt. Das Volk hat gesprochen, und der König muss abdanken.“ Ich lasse mich aufs Bett zurückfallen, starre an die Decke und denke: „So tief ist noch kein Monarch gefallen.“

Wir rollen los. Ich fluche innerlich über die frühe Uhrzeit, Silke kommentiert jede zweite Straßenecke. „Da! Guck mal, wie leer es ist. Alle sind schon in Kommern.“
„Ja. Und wir fahren mitten ins Epizentrum.“

Nach einer viertel Stunde kommen wir an. Schon von weitem sehe ich die Autoschlangen. Reihen von Menschen, die wie Ameisenströme über den Platz ziehen. Links ein SUV, rechts ein Kleinwagen. Jeder Zentimeter ein Kampf. Silke zeigt begeistert nach vorne. „Da vorne! Da ist noch was frei.“
Ich bremse ab, starre auf die Stelle und schüttele den Kopf. „Das ist kein Parkplatz, das ist eine Riesenpfütze. Wenn du da aussteigst, bist du verschwunden. Aber vielleicht sollte ich doch da parken …“

„Wieso?“
„Na ja, wenn du in der Pfütze versinkst, hab ich endlich meine Ruhe. Dann kann ich nach Hause fahren und mich wieder ins Bett legen.“ Silke verzieht das Gesicht, grinst dann aber breit. „Tja, Pech für dich. Ich hab Gummistiefel im Kofferraum.“

Ich schlage die Hände ans Lenkrad. „Natürlich hast du Gummistiefel im Kofferraum. Du bist die einzige Frau, die für einen Flohmarkt einen Notfallplan hat.“

Ein Ordner in Warnweste winkt uns heran, als wolle er eine Boeing einweisen. „Da rein, da rein!“
Ich rolle mit den Augen. „Ja klar, direkt ins Moorgebiet.“

Das Auto schaukelt, die Reifen sinken bedenklich ein. Ich fluche leise.
„Siehst du, perfekt!“, jubelt Silke. „Jetzt sind wir da.“
Ich schüttle den Kopf. „Perfekt nennt man das nicht. Perfekt ist ein Strand mit Liegestuhl. Das hier ist … unperfekt.“

Ich blicke zum Eingang, wo sich Menschenmassen zwischen Würstchenbuden, Kinderwagen und wackeligen Klapptischen hindurchschieben. Es riecht schon bis hierher nach Bratwurst, Waffeln und … na ja, einer Mischung aus Mottenkugeln und Keller.
„Willkommen im Paradies“, sagt Silke begeistert und zieht schon an meinem Arm.
„Paradies? Dein Ernst?“ Ich schnaube. „Guck dir das an: Da kämpft einer mit dem Kinderwagen, da hinten kippt gleich ein Tapeziertisch, und die Bratwurst sieht aus, als wäre sie gestern schon durch gewesen.“

Der erste Stand trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Auf einem viel zu kleinen Tisch türmt sich eine Sammlung von Dingen, die garantiert niemand freiwillig besitzt: Ein Schnellkochtopf, drei einsame Deckel ohne Topf, eine Barbie ohne Beine. Und mittendrin ein Glas voll alter Knöpfe.

Ich bleibe stehen, starre auf das Chaos und sage: „Silke, das ist kein Verkaufsstand. Das ist die Restekiste vom Sperrmüll, die jemand zu Geld machen will.“

Sie beugt sich interessiert über das Knopfglas. „Aber guck mal! So was findet man nicht mehr.“
„Ja, weil’s keiner mehr haben will.“

Die Verkäuferin, eine ältere Dame mit strengem Dutt, beugt sich vor. „Das sind echte Sammlerknöpfe.“ Ich hebe das Glas hoch, schüttele es. Es klackert wie eine alte Pillendose. „Sammlerknöpfe? Wer sammelt denn Knöpfe?“
„Mehr Leute, als Sie denken“, sagt sie mit fester Stimme.

Ich nicke langsam. „Das erklärt einiges über die Menschheit.“ Silke boxt mir in die Seite. „Micha!“
„Was denn? Wenn jemand ernsthaft Knöpfe hortet, dann muss doch irgendwo was schiefgelaufen sein.“
Die Dame kneift die Lippen zusammen. „Die Knöpfe haben Geschichte.“
Ich halte das Glas gegen das Licht. „Ja, die hier zum Beispiel: Hallo, ich war mal an Omas Schürze und wurde 1972 beim Fensterputzen abgerissen.“ Silke stößt mich heftig mit dem Ellbogen. „Jetzt ist Schluss! Sonst kaufe ich das Glas extra.“

Die Verkäuferin nickt streng, als hätte sie soeben Verstärkung bekommen. „Fünf Euro.“
Ich starre die beiden Frauen an, als wäre ich in eine Verschwörung geraten. „Na klar. Zwei gegen einen. Willkommen auf dem Trödelmarkt.“

Silke zieht mich am Arm weg, bevor ich noch mehr Unsinn rede. „Micha, echt jetzt. Am ersten Stand schon Streit anfangen? Wir sind noch nicht mal richtig drin!“ Sie zerrt mich endlich weg. „Du bist unmöglich.“
Ich richte mich empört auf. „Unmöglich? Ich habe nur die Stimme der Vernunft erhoben. Hier geht’s ums Prinzip!“
„Nein“, sagt sie trocken, „hier geht’s darum, dass du die Klappe hältst, bevor wir noch Polizeischutz brauchen.“

Wir sind kaum zehn Meter weiter, da quietscht Silke begeistert: „Ohhh, guck mal, Micha!“ Ich bleibe stehen und sehe auf den Tisch: Ein Bügeleisen ohne Kabel, eine Bratpfanne mit eingebrannten Resten, ein zerbeulter Toaster. Und alte Einmachgläser.

Ich hebe die Pfanne hoch. Verkrustete Essensreste glänzen wie eine Collage aus Albträumen. „Ist das ein Original Beuys? Aktionskunst?“

Der Verkäufer, ein Mann mit grauem Bart, sieht mich streng an. „Das ist eine gute Pfanne. Die kann man noch benutzen.“ Ich blinzle ihn an, halte die Pfanne hoch und sage feierlich: „Benutzen? Auf keinen Fall. Bloß nicht saubermachen. Das hier ist Kunst. Sehen Sie diese Kruste? Das ist nicht Dreck, das ist ein Zeitdokument. Beuys hat damals fünf Kilo Butter an die Wand geklatscht, und als der Hausmeister es weggemacht hat, musste er Schadensersatz zahlen. Ich sage Ihnen: Diese Pfanne gehört ins Schließfach, nicht in die Küche.“

Ein paar Passanten bleiben stehen, schauen interessiert. Ich drehe die Pfanne vorsichtig, als sei sie ein Heiligtum. „Man könnte Eintritt nehmen. Die Bratkartoffelkruste der Moderne. Fünf Euro pro Blick, und schon hat sich das Ding rentiert.“

Silke greift nach meinem Arm. „Micha, bitte hör auf den armen Mann zu verarschen.“
Ich ignoriere sie. „Haben Sie noch zwei weitere Pfannen? Dann könnten wir das hier als Installation verkaufen.“

Der Verkäufer will etwas sagen, doch ich halte die Hand hoch. „Nein, sagen Sie nichts. Wahre Kunst erklärt sich von selbst.“

Silke entreißt mir die Pfanne, stellt sie zurück und zischt: „Noch ein Wort, und du kriegst gleich eins mit der Pfanne drüber.“
Ich zucke mit den Schultern. „Dann wäre es Performancekunst und weniger wert.“
Ein paar Umstehende prusten los. Silke rollt die Augen, packt mich am Arm und zieht mich weiter. Und ich denke: Wenn Beuys das noch erleben könnte, er würde mich sofort adoptieren.

Fünf Stände weiter ist Silke ganz in ihrem Element. „Ohhh! Schau mal, Micha!“
Ich stöhne. „Nicht schon wieder.“ Auf dem Tisch liegen: drei vergilbte Kochbücher, ein Karton voller Tassen und ein alter, emaillierter Topf mit abgebrochenem Henkel.

Silke strahlt, als hätte sie gerade den Heiligen Gral entdeckt. „Ist der nicht wunderschön?“
Ich reiße die Augen auf. „Das Ding? Der sieht aus wie ein Pisspott aus den Fünfzigern.“
Die Verkäuferin lächelt freundlich. „Sehr stabil, noch original Emaille.“
Ich nicke sarkastisch. „Ja, das merkt man sofort. Wahrscheinlich haben schon drei Generationen da rein gepieselt.“

Silke guckt mich böse an. „Micha!“
„Was denn? Das Ding schreit doch förmlich nach Gesundheitsamt.“ Sie dreht den Topf in der Hand, völlig unbeeindruckt von meinem Kommentar. „Ich find ihn schön. Da könnte man Blumen reinstellen.“
Ich schnaube. „Ja. Und die Blumen lassen sofort die Köpfe hängen, weil sie sich weigern, in einem alten Urinal zu wohnen.“
Die Verkäuferin runzelt die Stirn, Silke schaut mich an. „Jetzt hör endlich auf! Du redest hier gerade über Kunsthandwerk.“
„Kunsthandwerk?“ Ich deute auf den Topf. „Das Ding ist maximal ein Kunstfehler, durchseucht mit Bakterien.“
„Das ist Vintage.“
„Vintage? Das ist Altlast.“

Silke hält den Topf fest im Arm, als wäre es ein neugeborenes Kind. „Ich nehme den.“ Ich reiße die Augen auf. „Moment mal! Du willst ernsthaft Geld für ein Miniklo aus alten Zeiten ausgeben?“

Die Verkäuferin lächelt breit. „Sieben Euro.“
„Sieben?!“, rufe ich. „Für sieben Euro krieg ich im Baumarkt einen Topf mit Deckel, ohne Keime, und ein Henkel ist auch dran!“
Silke fummelt schon in ihrer Handtasche rum. „Der ist perfekt. Genau sowas habe ich gesucht.“
„Fünf Euro!“, schmettere ich der Verkäuferin entgegen, bevor Silke den Geldbeutel aufklappen kann.
Die Verkäuferin blinzelt überrascht. „Sechs.“
Ich schüttle den Kopf. „Vier!“
„Sechs!“
„Drei, und ich entsorge das Ding für Sie!“

Silke starrt mich fassungslos an. „Micha! Du kannst doch hier nicht verhandeln wie auf einem Basar, das ist mein Topf!“
„Unser Topf!“, korrigiere ich. „Und wenn er bei uns einzieht, will ich wenigstens Schadensbegrenzung betreiben.“

Die Verkäuferin zuckt mit den Schultern. „Ok, fünf Euro.“
Silke nickt sofort. „Gekauft!“
Ich schlage mir die Hand vor die Stirn. „Toll. Jetzt haben wir für fünf Euro einen Seuchenherd zu Hause rumstehen. Gratulation zu dieser großartigen Errungenschaft.“ Silke drückt den Topf stolz an sich. Ich will gerade noch eine Predigt über Keime und Tetanus anfangen, da zieht ein Geruch von Bratwurst, Pommes und altem Frittierfett durch die Luft.

Mein Magen knurrt so laut, dass selbst Silke lacht.
„Na bitte“, sagt sie. „Wenigstens einer hier weiß, was wirklich wichtig ist.“ Und noch bevor ich protestieren kann, hat sie mich schon im Schlepptau. Direkt Richtung Fressbude. Der Duft wird immer intensiver, je näher wir kommen. Ich atme tief ein. „Okay, das hier ist tatsächlich der erste Moment heute, der Sinn ergibt.“
Silke lacht. „Wusste ich doch. Nichts kriegt dich so schnell rum wie Currywurst mit Pommes.“
„Das ist ja auch nicht einfach nur ein Essen, das ist Kultur“, erkläre ich ernst. „Manche gehen dafür ins Museum, ich geh an die Bude.“ Mein Magen knurrt wieder, diesmal zustimmend. „Mach zwei große Portionen klar“, sage ich. „Extra Mayo. Heute will ich wenigstens einmal gewinnen.“
Der Verkäufer hinter der Theke nickt nur knapp, während er zwei Würste mit einem Säbel kleinschneidet und sie in die rote Soße wirft. Das Zischen aus der Fritteuse klingt wie Musik, die Pommes tauchen goldgelb auf und werden in Windeseile auf die Pappteller geschaufelt.

Ich lehne mich zufrieden zurück. „Nur dafür hat sich der ganze Zirkus hier gelohnt.“
Der Mann reicht mir meinen Teller. Ich mustere die Portion andächtig. „Das ist nicht nur Currywurst mit Pommes. Das ist ein Denkmal. Ein Tempel. Eine Offenbarung in Papptellerform.“
Silke stellt sich neben mich, grinst und sagt: „Na siehst du. Flohmarkt kann eben doch was.“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, Silke. Flohmarkt kann gar nichts. Aber Currywurst mit Pommes kann alles.“ Mit der Currywurst noch halb in der Hand stolpere ich weiter, und bleibe wie angewurzelt stehen. Vor mir ein Tapeziertisch, darauf sauber gestapelt: alte Playboy-Hefte aus den Achtzigern. Bo Derek, Don Johnson, „Die schönsten Mädchen von Sarajevo“. Die Schlagzeilen springen mir entgegen wie alte Bekannte.

Ich wische mir schnell die Currysoße vom Mund, greife nach einem Heft und fange an vorzulesen: „‚Olympiade ’84 – die schönsten Mädchen von Sarajevo“. Silke, das war damals der Sportteil für uns Jugendliche.“
Silke stöhnt. „Micha … bitte nicht.“ Aber ich bin schon im Rausch, blättere weiter. „Hier! ‚Der Penis steht zur Diskussion!‘ das war Weltliteratur! In Frechen haben wir das auf dem Schulhof rumgereicht, wie andere die Bravo.“ Silke sieht sich um, ob jemand zuhört, und flüstert: „Kannst du mal leiser lesen? Das ist mir peinlich.“
Ich grinse breit. „Peinlich? Das hier ist meine Kulturgeschichte. Während andere Jungs Mathehefte gesammelt haben, hab ich den intellektuellen Unterbau studiert.“
„Intellektuell, soso…“, murmelt sie, während sie mit verschränkten Armen neben mir steht.

Ich halte ein anderes Heft hoch. „Guck mal, Don Johnson, Miami Vice! In Köln haben wir die Lederjacke vom C&A geholt, aber den Playboy mussten wir uns heimlich am Büdchen klauen.“
„Micha!“, flüstert Silke und tritt mir gegen das Schienbein.
„Was denn? Ist doch schon lange verjährt!“

Ein älterer Mann neben uns lacht in sich hinein. Ich blättere weiter, völlig vertieft, und sage feierlich: „Silke, ich glaube, ich habe meinen Stand gefunden. Du kannst noch mehr Töpfe kaufen, ich bleib hier.“ Ich wische mir noch mal über den Mund, greife zum nächsten Heft und lese laut vor: „‚Florence – der Superstar aus Frankreich.‘ Silke! Das war damals unser Eurovision Song Contest, nur ohne Ton. Wir haben das rumgereicht, als wäre es die Bibel.“
Silke verdreht die Augen. „Michael, bitte …“

Ich überhöre sie, blättere weiter: „‚Jubiläumsausgabe – die besten Mädchen aus 10 Jahren!‘ Das war für uns wie das Panini-Album. Nur ohne Klebebilder, dafür mit … na ja, mehr Fläche.“

Ein paar Leute am Stand lachen leise. Silke verschränkt die Arme, senkt den Kopf. „Ich kenn dich gar nicht. Ich gehöre nicht zu dir. Ich weiß nicht, wer du bist!“

Ich halte triumphierend ein anderes Cover hoch. „Hier! ‚Eine Frau sagt, was Männer im Bett falsch machen.‘ Das war Aufklärung pur. Während die anderen Jungs im Physikheft Kreise gekritzelt haben, hatte ich hier … Fachliteratur.“
„Fachliteratur?!“, sagt Silke, „du bist echt nicht mehr zu retten.“

Ich nicke begeistert, lege noch eins nach: „Und guck! ‚Boy George packt aus‘. Siehst du, da hattest du sogar Musikgeschichte zum Anfassen. Das war unser Musikfernsehen, bevor es überhaupt Musikfernsehen gab!“
Silke tritt mir wieder gegen das Schienbein. „Wenn du noch einen Titel laut vorliest, schwör ich dir, ich stopf dir das Heft in den Mund.“ Ich grinse breit, halte das nächste Cover hoch und verkünde feierlich: „Und wer mich aufklappt, sieht noch mehr!“

Die Leute um uns prusten, Silke glüht vor Scham. Ich klappe das Heft auf, halte es ihr direkt vor die Nase und sage mit theatralischer Geste: „Guck hier, Silke. Das waren noch Brüste! Natürlich! Handgemacht! Ohne diesen ganzen Silikon-Quatsch. Heute läuft jede dritte rum wie ein schlecht aufgeschäumter Cappuccino.“ Ein älterer Mann am Nachbarstand verschluckt sich fast am Kaffee, zwei Damen hinter uns lachen laut auf.

Silke wird knallrot. „Micha! Willst du mich komplett blamieren? Mach das Ding zu!“
Ich nicke ernst. „Nein. Das hier ist Kulturgeschichte in Doppel-D. Außerdem wolltest du unbedingt, dass ich mitkomme. Also beschwer dich jetzt nicht!“ Silke packt mich am Ärmel. „Micha, das ist peinlich! Kannst du bitte weitergehen, hier stehen mindestens 20 Leute um dich rum und hören dir zu!“
Ich blättere um, zeige ihr die nächste Seite. „Peinlich? Das hier ist ehrlich! Guckt Leute, das war noch Handarbeit. Kein Fake, keine Photoshop-Zauberei. Wenn die da ein Muttermal hatten, dann war das echt.“
Ein paar Kichern, einer klatscht sogar in die Hände. Silke ist außer sich: „Micha, halt den Mund!“
Ich breite die Arme aus, Heft noch offen in der Hand. „Das war unsere Realität! Wir hatten doch früher nichts. Keine Handys, keine Apps, kein Instagram, kein Facebook. Wir hatten das hier! Papier, Druckerschwärze und nackte Tatsachen.“

Die Menge lacht, ein älterer Mann nickt anerkennend. Ein paar Leute um uns klatschen sogar, einer ruft: „Ja genau, so war‘s!“
Silke verdreht die Augen, flüstert: „Ich fass es nicht. Du hältst hier eine Lesung.“
Ich grinse. Na und? Endlich hört mir mal jemand zu.“ Silke stöhnt, dreht sich halb weg und murmelt: „Bitte lass uns weitergehen.“

Ich drehe mich seelenruhig zum Verkäufer um, halte ein Heft hoch und frage: „Und was kosten die Dinger?“ Der Mann mit Schiebermütze mustert mich kurz, als wollte er einschätzen, ob ich ein echter Sammler bin oder nur ein nostalgischer Clown. Dann sagt er trocken: „Fünf Euro das Stück.“
Ich reiße die Augen auf. „Fünf?! Dafür habe ich früher das ganze Magazinregal im Kiosk blockiert, für den Preis von einer Cola.“
Silke boxt mir in die Seite. „Micha! Hör auf, jetzt über deine Jugendkriminalität zu reden!“
Ich ignoriere sie, halte das Heft hoch wie einen Schatz. „Fünf Euro für echte Zeitgeschichte? Das ist ein Schnapper!“ Dann blicke ich auf den ganzen Tisch, über 30 Hefte ordentlich gestapelt, und frage mit ernster Stimme: „Und was kosten alle zusammen?“

Die Umstehenden halten die Luft an, als hätte ich gerade bei Sotheby’s geboten. Der Verkäufer zieht die Augenbrauen hoch. „Alle? Das sind fast dreißig Stück.“ Ich nicke feierlich. „Genau. Komplettabnahme. Das ist schließlich ein Stück Jugend. Meine Pubertät, zusammengefasst auf einem Tapeziertisch.“

Silke japst. „Micha, spinnst du? Wir brauchen keine dreißig Playboys im Keller!“
Ich strahle. „Im Keller? Die kommen ins Regal! Neben Goethe, Schiller, Kramp und dem Duden.“

Der Verkäufer kratzt sich am Kinn, murmelt: „Ich würde sagen … 120 Euro, dann gehören sie alle Ihnen.“
Ich verschränke die Arme, schaue ihn ernst an. „Sagen wir 100, dann bist du sie los.“ Die Umstehenden horchen auf, als wäre das hier eine Fernsehauktion. Der Verkäufer kneift die Augen zusammen. „110.“
Ich hebe eine Augenbraue. „105. Und du packst sie mir noch in eine Tüte, die nicht beim ersten Windstoß reißt.“ Ein paar Leute lachen, Silke zieht sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. „Micha, ich schwöre, wenn du das wirklich machst, dann geh ich nach Hause, aber ohne dich!“
Natürlich mache ich es. Ich zähle die Scheine ab, der Verkäufer nickt und stapelt die Hefte in zwei Plastiktüten, die schon beim Anfassen nach Nostalgie quietschen. Ich packe zu, strahle wie ein Lottogewinner. „So. Endlich mal was Sinnvolles gekauft.“

Silke stöhnt, schüttelt den Kopf und schimpft: „Du bist echt nicht mehr zu retten. Komm jetzt, sofort. Ich will hier weg, bevor du noch anfängst Autogramme zu schreiben.“
Ich trotte hinterher, die Tüten schlenkern, die Leute grinsen. Silke geht mit schnellen Schritten voran, ohne sich umzudrehen. Aber ich weiß: Sie geht nicht ohne mich. Sie liebt mich. Auch mit dreißig Kilo Papierfrauen im Schlepptau.

Am Ausgang weht uns wieder der Geruch von Bratwurst und Frittierfett entgegen. Silke seufzt tief, ich dagegen summe fröhlich vor mich hin. „Na“, sage ich, „Trödelmarkt war doch gar nicht so schlimm. Du hast deinen Pisspott, ich habe meine Kulturgeschichte. Und alle sind glücklich.“
Silke verdreht die Augen, schiebt mich zum Auto und murmelt: „Boah, steig ein Chaos-Queen. Nie wieder Flohmarkt mit dir.“
Ich nicke zufrieden. „Abgemacht. Nächstes Mal fahre ich allein.“



Ein Flohmarkt führt uns vor Augen, dass nichts für immer ist. Nicht Dinge, nicht Menschen, nicht wir selbst.
Aber solange jemand innehält, hinsieht, und in den alten Dingen ein Stück Seele erkennt, ist es vielleicht doch mehr als nur Ramsch. Es ist Erinnerung. Und Erinnerung ist das Einzige, was uns überlebt.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar