Von Cola-Kästen zu Liebe und Vertrauen

Es gibt Fragen, die man sich irgendwann stellt. Große Fragen. Zum Beispiel: „Was macht eine gute Beziehung aus?“
Im Vorratsraum stehen die Cola-Light-Kästen, leer. Vier Stück übereinandergestapelt, wie ein Mahnmal meiner Bequemlichkeit.
Jedes Mal, wenn ich reingehe, stöhne ich. Nicht so ein kleines Seufzen, sondern dieses tiefe Uuuuuhhhhfff, das irgendwo zwischen Bandscheibenvorfall und Endzeitdrama liegt. Silke behauptet, ich würde das absichtlich machen, um Mitleid zu bekommen. Ich selbst halte es für eine spontane, ehrliche Lebensäußerung.
Das Problem ist: Ich sehe die Kästen und die Kästen sehen mich. Sie wissen, dass ich sie demnächst hochheben, ins Auto wuchten und zum Getränkemarkt bringen müsste. Ich weiß das auch. Aber wir alle wissen, dass „demnächst“ ein sehr dehnbarer Begriff ist.
Manchmal gehe ich rein, stöhne, drehe mich um und komme mit einer Tüte Erdnüsse wieder raus. Einfach, um so zu tun, als wäre das der eigentliche Grund meines Besuchs gewesen.
Denn in einer guten Beziehung gibt es immer jemanden, der das Leergut wegbringt. Silke sagt, ich würde mich jedes Mal „unauffällig verdrücken“, wenn die Kisten schon fast von alleine Richtung Tür wandern. Natürlich übertreibt sie. Ich verpisse mich nicht unauffällig. Ich verschwinde offensiv. Mit Ansage. „Ich muss mal eben noch … äh … gucken, ob wir genug Nüsschen haben.“ Zack und weg.
„Sag mal“, ruft Silke aus dem Flur, „warum stöhnst du eigentlich jedes Mal, wenn du in den Vorratsraum gehst?“
Ich bleibe im Türrahmen stehen, in der Hand eine Tüte geröstete, gesalzene Erdnüsse. Mein Gesichtsausdruck liegt irgendwo zwischen ertappt und unschuldig.
„Das mit dem Stöhnen …“, beginne ich langsam, „hat nicht unbedingt was mit den Cola-Kästen zu tun.“
Silke verschränkt die Arme. „Ach nein? Mit was denn?“
Ich atme tief durch und halte die Erdnusstüte wie ein Mikrofon vor mich hin. „Mit dem, was eine gute Beziehung ausmacht“, sage ich.
Silke verdreht leicht die Augen. „Aha. Jetzt kommt wieder eine deiner Reden.“
„Nein“, entgegne ich, „jetzt kommt die Wahrheit. Pass auf: Eine gute Beziehung ist kein Vertrag und kein Projektplan. Es ist eher wie … diese Cola-Kästen. Mal sind sie voll, mal sind sie leer. Mal trägt man schwer, mal ist es leicht. Und wenn einer sagt: ‚Ich kann gerade nicht mehr‘, dann muss der andere halt zupacken. Nicht, weil’s Spaß macht, sondern weil’s dazugehört. Weil man in einer guten Beziehung die Last gemeinsam trägt.“
Silke guckt kurz zu den gestapelten Kästen und wieder zu mir. Ihr Blick sagt: Na los, rede dich noch tiefer rein.
„Das Stöhnen“, fahre ich unbeirrt fort, „ist in Wahrheit ein Liebesbeweis. Es bedeutet: Ich nehme die Last wahr. Ich erkenne, dass es Arbeit ist. Ich würdige die Schwere, auch wenn ich sie vielleicht nicht sofort trage.“
Silke schüttelt den Kopf, aber ich sehe, dass sie grinst.
„Schau“, sage ich, während ich die Erdnusstüte gegen die Cola-Kästen tippe, als wären sie Anschauungsmaterial. „Eine gute Beziehung ist wie dieser Stapel hier. Vier Kästen übereinander. Das hält nur, weil sie sich gegenseitig stützen. Zieh einen raus, und das ganze Gebilde droht zu kippen.“
Silke guckt ungläubig, wartet ab.
„Und genau das ist der Punkt“, fahre ich fort. „Es geht nicht darum, dass immer beide gleich viel tragen. Es geht darum, dass keiner umkippt. Mal stöhnt der eine, mal der andere. Mal habe ich keine Lust, mal du. Aber am Ende bleibt der Stapel stehen.“
Sie hebt eine Augenbraue. „Hörst du dir eigentlich selbst zu. Die Dinger stehen einfach nur im Weg rum.“
Ich nicke, lasse mich nicht beirren. „Natürlich. Aber sie erinnern uns auch daran, was zählt: dass wir uns gegenseitig aushalten. Mit Macken, mit Geräuschen, mit Ausreden. Beziehung ist kein Hochglanzprospekt. Beziehung ist Leergut. Man bringt’s hin, man holt’s wieder, man lebt damit. Und trotzdem ist man froh, dass man’s nicht allein schleppen muss.“
Für einen Moment ist es still. Ich weiß, sie überlegt gerade, ob das klug war oder nur wieder eine Ausrede.
„Und weißt du“, sage ich mit ernster Miene, „das ist ja auch der Kern einer guten Beziehung: Gleichgewicht. Nicht der eine alles, der andere nichts. Sondern beide zusammen. Gleichberechtigung nennt man das.“
Silke kneift die Augen leicht zusammen. „Aha.“
Ich nicke, ganz im Dozentenmodus. „Ihr Frauen habt doch Jahrzehnte dafür gekämpft. Wahlrecht, gleiche Chancen im Beruf, gleiche Bezahlung. Das war richtig und wichtig. Und es ist ja noch nicht das Ende, es muss stetig weitergehen, die nächsten Schritte müssen folgen. Aber das bedeutet eben auch: gleiche Lasten. Auch bei Cola-Kisten.“
Silke sagt nichts. Das ist gefährlich. Aber ich tue so, als sei das Schweigen Zustimmung.
„Und mal ehrlich“, fahre ich fort, „du bist zehn Jahre jünger als ich. Dein Rücken ist stärker, deine Muskeln frischer. Die Natur hat das so eingerichtet. Wäre doch gegen jedes Prinzip, wenn ich mich jetzt kaputtschleppe, während du neben mir stehst. Das wäre nicht Gleichberechtigung, das wäre Verschwendung von Ressourcen.“
Jetzt zieht sie nur ganz langsam eine Augenbraue hoch.
Ich lächle siegessicher. „Also: Wenn du die Kästen ins Auto stellst, dann ehren wir nicht nur unsere Beziehung, sondern auch die Geschichte der Frauenbewegung. Findest du nicht?“
Silke schaut mich lange an, legt den Kopf schief und sagt trocken:
„Also wenn ich das richtig verstehe: Du willst mir ernsthaft weismachen, dass ich die Kästen schleppen soll, als Anerkennung dafür, dass Frauen vor mir für Gleichberechtigung gekämpft haben? Und dann drückst du noch auf die Tränendrüse mit deinen Rückenschmerzen?“
Ich tue so, als sei ich zutiefst beleidigt. „Das klingt ja, als hätte ich keine moralische Tiefe.“
„Genau“, sagt sie knapp. „Es klingt wie die mieseste Ausrede, die je in einem Vorratsraum geboren wurde.“ Ich hebe einen Finger. „Jede Ausrede hat einen Geburtsort. Warum also nicht der Vorratsraum?“ Silke dreht sich einmal im Kreis.
„Aber wir sind vom Thema abgekommen“, sage ich schnell, ehe sie die nächste Spitze setzt. „Eigentlich waren wir bei: Was macht eine gute Beziehung aus.“
Silke legt die Arme vor der Brust zusammen, mustert mich und sagt: „Dann erleuchte mich.“
Ich atme tief durch, Erdnüsse in der Hand wie einen Taktstock. „Eine gute Beziehung“, beginne ich, „besteht darin, dass man über alles reden kann. Sogar über Cola-Leergut. Und zwar so lange, bis es fast schon egal ist, ob die Kästen überhaupt noch existieren.“
Silke verzieht den Mund. „Oder bis einer von uns sie wortlos ins Auto trägt, weil er das Gequatsche des andere nicht mehr erträgt.“
„Genau!“, rufe ich, als hätte sie meinen Punkt bestätigt. „Denn Beziehung ist eben nicht nur die Last zu teilen, sondern auch das Gerede drumherum, die Schwächen des anderen, oder auch die Stärken. Der eine philosophiert, der andere packt an. Und am Ende gleicht es sich aus.“
Sie schaut mich fragend an. „Was bitte schön, gleicht sich daran aus?“
Ich beiße eine Erdnuss durch, kaue langsam um nachzudenken, und sage: „Das ist genau die Art von Frage, die Beziehungen spannend hält.“
Silke verschränkt die Arme noch enger vor der Brust. „Spannend?“, fragt sie. „Du meinst also, unsere Beziehung lebt davon, dass ich die Kästen schleppe und du daneben stehst und snackst?“
Ich halte die Tüte hoch. „Nicht snacken, das klingt zu platt. Nenn es symbolisieren. Jede Erdnuss steht für eine Erkenntnis.“
Sie lacht trocken. „Dann hast du heute schon mindestens zwanzig Erkenntnisse in dich reingestopft.“
„Siehst du“, sage ich zufrieden, „damit sind wir beim nächsten Punkt: Humor. Ohne Humor würde das hier gar nicht funktionieren. Eine gute Beziehung ist ein Dialog. Ich rede, du konterst. Ich philosophiere, du packst an. Zusammen ergibt das Sinn.“
Silke schüttelt langsam den Kopf, lächelt aber unübersehbar. „Sinn? Das musst du mir erklären.“
Ich richte mich auf, als hätte Silke mir die perfekte Vorlage gegeben. „Na hör mal. Sinn entsteht doch nicht, weil alles reibungslos läuft. Sinn entsteht, weil wir uns ergänzen. Du bringst Realität rein, ich bringe die Gedanken. Du schleppst die Kästen, ich liefere die Metaphern. Zusammen sind wir praktisch und poetisch.“
Silke legt den Kopf schief. „Praktisch und poetisch … also ich schleppe, und du schwafelst?“
Ich nicke begeistert. „Richtig! Das ist die Arbeitsteilung der Moderne. Früher hätte man gesagt: Einer jagt, der andere sammelt. Heute heißt es: Einer trägt, einer denkt.“
Sie schnaubt, aber das Lächeln bleibt. „Und du glaubst ernsthaft, das gleicht sich aus?“
Ich halte ihr die fast leere Tüte hin. „Natürlich. Du hebst Gewicht, ich hebe die Stimmung. Beides ist wichtig, beides ist unverzichtbar für eine gut funktionierende Beziehung.“
Silke verschränkt die Arme, schaut erst auf die Cola-Kästen, dann auf die fast leere Tüte in meiner Hand. „Aha. Ich schleppe, du hebst die Stimmung. Klingt nach einer dieser Partnerschaften, die irgendwann in einer Fernsehdoku auf RTL2 landen.“
Ich zucke mit den Schultern. „Oder in einer Erfolgsgeschichte, so wie unsere. Man muss es nur aus der richtigen Perspektive sehen.“
Sie tritt einen Schritt näher, tippt mir mit dem Finger gegen die Brust. „Die richtige Perspektive ist: die Kästen wandern ins Auto, getragen von uns beiden, und wir fahren gleich zum Rewe.“
Ich setze mein unschuldigstes Grinsen auf. „Aber wenn wir beide tragen, wer hebt dann die Stimmung?“
Silke guckt genervt. „Ganz ehrlich? Die Stimmung hebt sich von allein, sobald die Kästen weg sind.“ Ich seufze, sehe die Tüte mit den letzten Erdnüssen an und murmele: „Das ist dann wohl der wahre Preis der Liebe. Aber weißt du, Silke, eine gute Beziehung besteht nicht nur aus Cola-Kästen und Vorratsraumphilosophie. Es sind noch mehr Dinge, die alles tragen: Zum Beispiel Humor, Zuhören und Kompromisse.“
Silke kratzt sich sm Ohr. „Aha. Dann erklär mal.“
„Mache ich“, antworte ich. „Humor ist das Öl im Getriebe. Stell dir mal vor, wir würden alles bierernst nehmen. Dann wären die Kästen nicht einfach nur Leergut, sondern ein Beziehungskiller. Stattdessen lachen wir drüber. Du trocken, ich schwafelnd. Und zack: Schon gleitet alles ein bisschen leichter.“
Silke schnaubt, aber kann ihr Lächeln nicht verbergen.
„Siehst du“, sage ich zufrieden, „da ist es schon wieder. Dein Lächeln. Das ist Beziehung. Nicht der perfekte Haushalt, nicht die makellose Vorratskammer, sondern dieses gemeinsame Grinsen über den Quatsch des anderen.“ Ich räuspere mich, als würde ich gleich eine Vorlesung halten. „Und das Zweite, was eine gute Beziehung ausmacht, ist Zuhören.“
Silke verschränkt die Arme fester. „Das wird ja spannend.“
„Nein, wirklich“, sage ich und halte eine Erdnuss hoch. „Zuhören ist mehr als Wörter hören. Es ist das Entschlüsseln der Untertitel. Wenn du sagst: ‚Wir müssen einkaufen gehen‘, dann heißt das nicht, irgendwann mal … nein. Es heißt: Jetzt. Sofort. Und wenn ich das verstehe, ohne dass du lauter wirst, dann ist das Beziehung auf höchstem Niveau.“
Silke zieht eine Augenbraue hoch. „Und wie oft verstehst du das wirklich?“
Ich überlege kurz, dann hebe ich die Schultern. „Na ja … sagen wir mal so: oft genug, dass wir seit über zehn Jahren zusammen sind.“
Sie lacht trocken. „Und selten genug, dass ich ab und zu im Vorratsraum stehe und denke, du bist taub.“
„Genau das meine ich!“ rufe ich. „Das ist Beziehung: Du redest, ich höre es, manchmal zu spät, aber immerhin. Und du bleibst trotzdem da. Das ist wahre Liebe. Außerdem höre ich ja wirklich nicht gut, das ist ärztlich bewiesen. Die Leute meinen immer, ich sei unhöflich, dabei verstehe ich sie manchmal einfach nicht.“
Silke neigt den Kopf, schaut mich prüfend an. „Und was heißt das jetzt für uns?“
Ich breite die Arme aus. „Dass du im Prinzip die Dolmetscherin meines Lebens bist. Du redest klar, ich höre alles nur in weiter Ferne, du wiederholst es und am Ende klappt’s trotzdem. Das ist für mich Beziehung: dass man den anderen nimmt, wie er ist. Mit all seinen Macken, sogar mit halben Ohren.“
Silke blinzelt skeptisch.
„Ja“, sage ich feierlich. „Andere Männer haben Waschbrettbäuche, ich habe Hörlücken. Jeder bringt sein Talent in die Beziehung ein. Meins ist halt … selektives Verstehen.“
„Selektives Verstehen“, wiederholt sie. „Das klingt nach einer Krankheit, die du dir selber ausgedacht hast.“
Ich nicke. „Vielleicht. Aber schau mal: Genau darin liegt doch die Kunst. Ich höre vielleicht nicht jedes Wort, aber ich höre das Wichtige. Wenn du sagst: ‚Wir müssen reden‘, dann höre ich das. Wenn du sagst: ‚Der Müll müsste mal wieder raus‘ … na ja, das ist halt ein Frequenzbereich, den meine Ohren gerne überspringen.“
Silke verschränkt die Arme und versucht ernst zu bleiben, doch ihre Mundwinkel verraten sie. „Du bist ein Schwätzer.“
„Nein“, sage ich schnell, „ich bin anpassungsfähig. Du sprichst, ich frage nach. Du erklärst, ich tue so, als hätte ich es gleich verstanden. Und am Ende haben wir beide das Gefühl, wir wären ein echtes Team.“
„Ein echtes Team“, murmelt sie trocken, „in dem einer ständig Untertitel braucht.“
Ich grinse. „Nur, wenn es nötig ist. Und das macht uns unschlagbar.“
„Weißt du, Silke“, sage ich, „eine Beziehung lebt nicht davon, dass beide immer dasselbe wollen. Sie lebt davon, dass wir Kompromisse finden. Keine heldenhaften Opfer, keine Dramen. Einfach das Einsehen, dass es nicht immer nur nach einem gehen kann. Manchmal gibt einer ein Stück nach, manchmal beide. Und am Ende fühlt es sich so an, als hätte keiner verloren.“
Ich sehe sie an und werde ein bisschen ernster. „Und eine Beziehung hält auch nicht, weil man sich in allem einig ist. Sie hält, weil man genug Gemeinsamkeiten hat, die einen tragen. Oft liegen die gar nicht offen auf der Hand, manchmal verstecken sie sich in unseren Unterschieden. Aber unterm Strich geht es darum, dass wir beide dieselbe Richtung wollen, auch wenn wir den Weg dahin unterschiedlich beschreiben.“
Silke legt den Kopf leicht schief, hört zu.
„Das Entscheidende ist“, fahre ich fort, „dass wir uns als Team sehen. Kein ständiges Gegeneinander, sondern ein Miteinander. Wir teilen Werte, wir teilen Vorstellungen, wir teilen das Gefühl: Hier gehöre ich hin. Und das reicht, um auch durch die Phasen zu kommen, wo man mal nicht glänzt.“
Sie lächelt leise. „Das klingt fast vernünftig.“
Ich grinse. „Mach dir keine Sorgen, das geht gleich wieder vorbei.“
„Und weißt du“, sage ich und verschränke die Arme hinterm Kopf, „eine gute Beziehung funktioniert auch deshalb, weil sie nicht nur auf Leidenschaft basiert. Leidenschaft ist großartig, keine Frage. Aber sie wäre nichts ohne das Fundament der Freundschaft.“
Sie schaut mich neugierig an. „Freundschaft?“
Ich nicke. „Ja. Wir sind nicht nur ein Liebespaar, wir sind beste Freunde. Das bedeutet: Wir gönnen einander Freiräume, wir halten einander den Rücken frei, wir lachen miteinander über die absurden Kleinigkeiten im Alltag. Und wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Egal, ob’s ein leichter Tag ist oder einer, an dem gar nichts klappt.“
Silke lächelt leicht, sagt aber nichts.
„Und daraus entsteht Nähe“, fahre ich fort. „Nicht die Nähe, die man auf Instagram zur Schau stellt, sondern die echte. Die, die leise ist. Dass man sich verletzlich zeigen darf, ohne Angst zu haben. Dass man auch mal scheitern, weinen oder schwach sein darf, und der andere trotzdem bleibt. Eine gute Beziehung ist nicht das ewige Funkeln, sondern das sichere Gefühl: Ich bin hier richtig. Ich darf hier einfach ich sein.“
Ich halte kurz inne und sehe sie an. „Und genau das macht es doch so stark: Wir teilen nicht nur Liebe, wir teilen Vertrauen. Und Vertrauen schafft eine Nähe, die nichts so leicht erschüttert.“
Silke murmelt leise: „Du wirst immer besser.“
Ich grinse. „Das sagst du nur, weil ich endlich mal ernst klinge. Ohne Vertrauen kannst du alles andere vergessen. Mit Vertrauen dagegen entsteht ein Kreislauf, der sich selbst trägt. Kein Teufelskreis, eher so etwas wie ein Engelskreis. Je mehr man sich aufeinander verlassen kann, desto mehr gibt man hinein. Und je mehr man hineingibt, desto stärker wird das Vertrauen. Das schaukelt sich hoch, und genau deshalb hält es so lange.“
Silkes Augen lächeln.
„Und weißt du, warum das funktioniert?“ Ich werde ein wenig leiser. „Weil du von Grund auf gut bist. Warmherzig, zuverlässig, fair. Weil du mir nie das Gefühl gibst, dass ich aufpassen müsste, was ich sage oder tue. Ich weiß einfach: Du meinst es gut mit mir. Immer. Und das ist das Wertvollste, was man haben kann.“
Ich halte kurz inne, atme tief durch. „Natürlich haben wir auch mal unterschiedliche Ansichten. Wer hat die nicht? Aber das sind kleine Dinge. Nichts, was uns je wirklich aus der Bahn geworfen hätte. Keine Respektlosigkeit, kein Misstrauen, kein Drama. Wir wissen: Egal, was kommt, wir können es klären. Und allein das macht uns stark.“
Einen Moment ist es still. Dann sagt Silke trocken: „Und das glaubst du jetzt wirklich?“
Ich nicke ernst. „Absolut. Ich glaube das mehr als alles andere. Ich weiß nur nicht immer, wie ich es sagen soll. Aber jetzt habe ich’s geschafft.“
Sie schüttelt den Kopf, ein leises Lächeln auf den Lippen. „Manchmal bist du gar nicht so ein Chaot, wie du tust.“
Ich grinse. „Bin ich noch nie gewesen, ich weiß gar nicht, wer überhaupt dieses Gerücht gestreut hat.“
Silke lacht leise und schüttelt den Kopf. „Dann bist du also nur ein verkannter Philosoph, der sich seit Jahren hinter dem Etikett ‚Chaos-Queen‘ versteckt?“
Ich nicke bedeutungsvoll. „Ganz genau. Ein falsch verstandenes Genie, das im Alltag brilliert und gleichzeitig unterschätzt wird.“
„Oder“, sagt sie trocken, „ein Mann, der gern große Reden schwingt, um sich vor kleinen Aufgaben zu drücken.“
Ich lege mir eine Hand aufs Herz. „Das eine schließt das andere ja nicht aus.“
Für einen Moment ist es still, wir sehen uns an. Dann müssen wir beide lachen. So ein ehrliches, warmes Lachen, das man nicht planen kann.
Und genau da denke ich: Vielleicht ist das die Antwort. Eine gute Beziehung lebt nicht von Perfektion, nicht von Regeln, nicht davon, dass immer alles glatt läuft. Sie lebt davon, dass man lachen kann. Dass man sich vertraut. Dass man Kompromisse findet, ohne sich selbst zu verlieren. Dass man sich zuhört, auch wenn’s manchmal länger dauert.
Ich sehe Silke an, immer noch lachend, und sage: „Wenn das Chaos ist, dann ist es das schönste, das mir je passiert ist.“
Sie schüttelt den Kopf, zieht mich an sich und murmelt: „Na gut, du Philosoph. Aber nur, solange du so bleibst, wie du bist.“
Ich will schon etwas Großes nachschieben. Ein Satz für die Ewigkeit, ein Zitat, das man später in Stein meißelt. Da legt sie mir die Hand auf die Brust, sieht mir tief in die Augen und sagt trocken: „Die Kästen müssen aber trotzdem zum Getränkemarkt.“
Stille.
Dann seufze ich tief, wie einer, der weiß, dass große Männer schon an kleineren Aufgaben gescheitert sind. „Na gut“, sage ich. „Aber ich stöhne dabei philosophisch.“
Am Ende ist eine gute Beziehung
keine Frage von Glück oder Zufall.
Sie entsteht, wenn zwei Menschen sich zuhören,
einander vertrauen und bereit sind, Kompromisse zu schließen.
Wenn Humor die Schwere leichter macht
und Nähe die Distanz überflüssig.
Wenn man nicht gegeneinander lebt,
sondern miteinander wächst.
Dann braucht es keine großen Beweise.
Dann genügt das Wissen:
Es ist richtig, so wie es ist.
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