Im Herzschlag der ewigen Stadt


Es war der 4. August 2018.
Mein 50. Geburtstag stand vor der Tür, aber ich wusste nur eins: Wir mussten irgendwie von Zülpich zum Flughafen Köln/Bonn kommen. Silke wusste, wohin es ging. Ich nicht. Sie hatte eine tolle Idee gehabt. Eine Überraschungsreise.

Als die S-Bahn endlich am Flughafen hielt, sprang ich auf, wie von der Tarantel gestochen. Silke nahm sich in Ruhe ihren Koffer, während ich schon drei Schritte voraus war. Das große Geheimnis würde sich jetzt am Gate lüften.

Silke blieb absolut gechillt. Sie hatte dieses kleine Lächeln im Gesicht, das eindeutig bedeutete: Sie weiß was, was ich nicht weiß.

Dann kam der Moment. Sie reichte mir das Ticket. Einfach so, wortlos. Ich nahm es in die Hand, schaute drauf, und da stand es. ROM.

Ich starrte das Papier an, als hätte es gerade geleuchtet. „Rom? Ernsthaft? Rom?!“ Ich hörte mich selbst ein bisschen zu laut reden. Zwei Leute drehten sich um, aber das war mir egal. Ich grinste wie ein Lotto Gewinner, nur dass mein Gewinn in Espresso, Pasta und Pizza bestand.

„Rom!“, wiederholte ich, „Silke, ich wollte immer schon mal nach Rom!“
Sie nickte und meinte nur: „Ja, ich weiß.“

Und in dem Moment war ich einfach nur begeistert. Kolosseum, Vatikan, Trevi-Brunnen, Gelato, alles raste mir gleichzeitig durch den Kopf. Gleichzeitig auch: Hoffentlich verlaufen wir uns nicht. Hoffentlich brennt mir die Sonne nicht gleich die Resthaare vom Kopf. Hoffentlich esse ich nicht aus Versehen Innereien.

Aber egal. Es war Rom. Ich umarmte Silke, so fest, dass sie fast ihr Ticket verlor. „Bester Geburtstag aller Zeiten!“ rief ich.

Sie lächelte, und dieses Mal nicht müde oder genervt, sondern richtig zufrieden. Ihr Plan war aufgegangen. Und ich? Ich stand am Gate, völlig aufgedreht, und dachte: Rom, ich komme. Bereite dich vor. Ich bringe Chaos mit.

Fiumicino, Rom. Flug überstanden, Gepäck ist da, eigentlich lief alles erstaunlich glatt. Bis wir draußen standen. 38 Grad, Sonne wie ein Flammenwerfer, und irgendwo sollte es diesen Bus geben, der uns in die Stadt bringt.

„Da lang“, sagte ich und zeigte vage in eine Richtung.
„Nein, da“, meinte Silke.

Wir liefen los. Zwanzig Minuten später standen wir wieder an der gleichen Stelle. Links Taxis, rechts Shuttle-Services, geradeaus ein Schild, das vermutlich lateinisch war.

„Da muss der Bus sein!“ rief ich, rannte los und stand plötzlich vor einem Automaten, der SIM-Karten verkaufte.
„Sehr hilfreich“, murmelte Silke.

Wir irrten weiter, zwei Koffer hinter uns herziehend, als hätten wir kleine störrische Hunde an der Leine. Überall Menschen, die zielstrebig wirkten. Nur wir nicht. Wir sahen aus wie die typischen Touris: Sonnenbrand in spe, Tickets in der Hand, Orientierung im Minusbereich.

„Hier ist ein Schild!“ sagte ich begeistert. „Bus nach …“  ich starrte drauf „… irgendwas mit Siena.“
„Super“, sagte Silke trocken. „Dann sind wir pünktlich zum Abendessen in der Toskana.“

Wir drehten eine weitere Runde. Ich schwitzte inzwischen so sehr, dass ich überlegte, ob mein T-Shirt jemals wieder trocken wird. Silke hielt stoisch den Kurs, aber ich sah es an ihrem Blick: Auch sie hatte keine Ahnung.

„Da ist er!“, rief sie plötzlich triumphierend, als hätte sie gerade Amerika entdeckt. Ich nickte nur. Wir schleppten uns an Bord, fielen in die Sitze, und der Bus setzte sich in Bewegung, hinein in die heilige Stadt. Mein Magen knurrte, mein Kopf pochte, mein Herz raste.

An irgendeiner Haltestelle, irgendwo zwischen Flughafen und Innenstadt, standen wir plötzlich draußen. Der Beton so heiß, dass man Spiegeleier hätte darauf braten können. Und unser Hotel? Noch eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt.

„Tolle Show“, murmelte Silke.
„War doch logisch. Bei Lentzen-Schneider läuft selten etwas in geordneten Bahnen“, sagte ich, während mir der Schweiß in Strömen den Rücken runterlief. „Wenigstens kriegen wir schon mal einen ersten Eindruck von Rom.“

Also spazierten wir los. Koffer rumpelten über Gehwege, die aussahen, als hätte man sie seit Cäsars Zeiten nicht mehr repariert. Autos hupten, Vespas schossen vorbei, und wir schleppten uns wie zwei Schnecken mit Übergepäck durch die pralle Sonne.

Nach fünf Minuten war ich fix und fertig. Nach zehn Minuten roch ich wie eine italienische Käsetheke. Nach fünfzehn Minuten sagte ich, um die Stimmung zu retten: „Hübsche Frauen gibt’s hier auch.“ Silke drehte den Kopf zu mir. Kein Wort, kein Kommentar. Nur dieser Blick. Der, der alles sagt. Ich grinste verlegen und zog meinen Koffer ein bisschen schneller hinter mir her.

Nach einer halben Stunde erreichten wir endlich unser Hotel. Sonnengegrillt, verschwitzt, am Rande des Kollapses, aber immerhin mit dem ersten echten Eindruck von Rom: heiß, chaotisch, laut, und voller schöner Frauen, die man besser nicht laut erwähnt, wenn die eigene Nicht-Ehefrau nebenherläuft.

Dann unser Hotel. Oder besser gesagt: Palast.
Marmorsäulen, goldene Verzierungen, Eingangstüren so groß, dass man bequem mit einem Elefanten hätte durchreiten können. Ich starrte nach oben und sagte ehrfürchtig: „Silke, das ist doch kein Hotel. Das ist der Vatikan.“

Der Check-in lief erstaunlich problemlos. Keine verlorenen Reservierungen, keine Diskussionen, keine Warteschlange. Innerhalb von fünf Minuten hielten wir unsere Schlüsselkarte in der Hand. Ich fühlte mich wie ein VIP, auch wenn mein T-Shirt aussah, als hätte ich gerade einen Marathon überlebt.

Dann das Zimmer. Tür auf, und ich blieb stehen. Kronleuchter an der Decke, Bett wie ein Fußballfeld, Badezimmer komplett aus Marmor. Ich starrte nur.
„Na?“, fragte Silke.
„Ich sag mal so, wenn hier nachts plötzlich Papst Franziskus im Morgenmantel steht, würde mich das nicht wundern.“

Silke lachte, setzte sich aufs Bett und meinte trocken: „Hauptsache, es ist klimatisiert.“ Ich ließ mich fallen, die Matratze schluckte mich sofort halb auf. Nach der Sonne draußen fühlte sich das Zimmer an wie ein Stück Himmel. Nur ohne Engelschor, dafür mit Minibar.

Silke stellte ihren Koffer ab, sah sich um und nickte nur. Für sie: schön. Für mich: ein königliches Szenario. Ich sah mich schon mit Toga und Lorbeerkranz durch den Raum schreiten. „Ich nenne dich ab sofort Cleopatra“, sagte ich.
Sie grinste, setzte sich aufs Bett und meinte trocken: „Dann bist du aber Julius Cäsar. Und der wurde am Ende ermordet.“

Frisch geduscht und ordentlich aufgebrezelt, standen wir später an der Haltestelle. Laut Plan sollte unser Bus in fünf Minuten kommen. Laut Realität: fünf Minuten, zehn Minuten, zwanzig Minuten, und jedes Mal derselbe Ablauf. Ein Bus tauchte in der Ferne auf, mein Herz machte Freudensprünge. Endlich! Doch er bremste nicht. Er rauschte einfach durch. Wusch! Ich starrte ihm hinterher, als hätte er mir gerade eine Pizza aus der Hand geklaut.

Der nächste kam. Wieder Hoffnung. Wieder fährt er ans uns vorbei. Ich verstand langsam: Unser Bus existierte nur in unserem Handy. Mir lief die Brühe schon wieder literweise runter, während Silke erstaunlich gefasst blieb. Ich hingegen fühlte mich wie ein Döner am Spieß. Dreh dich, schwitz, dreh dich, schwitz.

Neben uns wartete eine ältere Dame mit Rollator. Ruhig und gelassen, so als wüsste sie ein Geheimnis. Und tatsächlich: plötzlich setzte sie sich in Bewegung. Mit ihrem Wagen direkt auf die Straße. „Oh Gott, Silke!“, rief ich und rannte los, bereit, sie zurückzuziehen. Silke ebenfalls, beide voll im Rettungsmodus. Doch der Bus, der für uns nie halten wollte, stoppte. Genau vor ihr. Tür auf. Die Dame schob seelenruhig ihren Rollator hinein, stieg ein, und begann sofort ein angeregtes Gespräch mit dem Fahrer, als wären sie alte Freunde.

Silke und ich blieben fassungslos stehen. Unsere Busse fahren immer vorbei, aber für sie hält er mitten auf der Straße. Wir stiegen wortlos hinterher. Ohne Heldenmoment, dafür um eine Erkenntnis reicher: In Rom wartet man nicht auf den Bus, in Rom stellt man sich ihm in den Weg.

Aber dann, Innenstadt. Endlich zu Fuß. Kopfsteinpflaster, kleine Läden, Stimmengewirr, Motorroller, die an uns vorbeischossen, als gäbe es keine Verkehrsregeln. Die Stadt fühlte sich sofort lebendig an, chaotisch, vollgestopft mit allem gleichzeitig.

Silke zeigte auf eine Fassade, an der der Putz in Brocken herunterhing.
„Siehst du? Alles halb kaputt, aber wunderschön.“ Ich nickte, wischte mir den Schweiß von der Stirn und keuchte: „Wenn das so weitergeht, bin ich auch bald halb kaputt. Wunderschön eher nicht.“

Sie lachte, hakte sich bei mir ein und sagte: „Stell dich nicht so an. Wir sind in Rom. Hier schwitzt man nicht, hier glänzt man.“

Wir suchten Schatten und fanden ein winziges Straßencafé. Zwei Tische draußen, ein Kellner, der aussah, als hätte er schon Cäsar bedient. „Due Espresso“, bestellte ich mit stolzgeschwellter Brust. Silke sah mich an, als wüsste sie längst, was gleich kommt.

Der Kellner brachte zwei Tassen. Winzig. Sie sahen aus wie Spielzeuggeschirr aus dem Puppenhaus. Ich nahm einen Schluck und spürte, wie mir augenblicklich die Gesichtszüge entgleisten. „Heilige Mutter Gottes!“ keuchte ich. „Das ist doch kein Kaffee, das ist ein flüssiger Defibrillator. Das Zeug kann Tote auferwecken!“
„Ist ein bisschen stark, oder?“ fragte sie unschuldig.
„Ein bisschen?“ japste ich. „Wenn ich davon noch einen trinke, bewerbe ich mich als Duracell-Hase.“

Wir gingen weiter. Und da stand es. Das Kolosseum. Es erhob sich vor uns wie ein Stein gewordenes Echo aus einer anderen Zeit. Mauern, die schon halb zerfallen waren, aber trotzdem noch so viel Stolz ausstrahlten.

Ich blieb stehen, starrte hoch und flüsterte: „Das Ding ist … überwältigend.“
Silke nickte. „Es sieht aus, als würde es gleich selbst eine Geschichte erzählen.“

Und genau das tat es. Jeder Stein wirkte, als hätte er etwas zu sagen. Man konnte fast die Schritte hören, das Rufen, das Leben, das hier einmal stattgefunden hatte.
Ich bekam Gänsehaut. „Weißt du, was das Verrückte ist?“, sagte ich leise. „Da drin haben Zehntausende gesessen, haben gejubelt, haben Blut gesehen, haben Geschichte erlebt. Und wir stehen hier, einfach so, mit unseren Chucks und Sonnenbrillen.“

Das Kolosseum war kein Touristending. Es war eine Erinnerung in Stein, ein Monument, das mich mitten ins Herz traf, und gleichzeitig dafür sorgte, dass ich fast über meine eigenen Füße stolperte. Silke legte mir die Hand auf den Arm. „Komm. Lass uns reingehen.“ Und so gingen wir weiter, in eine Welt, die längst vergangen war und trotzdem noch lebte.

Nach all den Eindrücken, der Hitze und dem Staunen war der Tag irgendwann einfach voll. Rom hatte geliefert und wir zogen uns zurück. Wenig später standen wir in unserem Zimmer. Frisch geduscht, die Klamotten irgendwo verstreut, die Klimaanlage surrte leise. Ich trat ans Fenster, nackt, die Haut noch warm vom Tag, und blickte hinaus in die Nacht.

„Silke“, sagte ich, „wenn der Papst jetzt im richtigen Winkel steht, kann er direkt in unser Schlafzimmer gucken.“
Ich griff nach dem schweren Stoff, zog ihn zu und murmelte: „So, Vorhänge zu. Bevor Franziskus gleich an die Türe klopft, schimpft und uns den Arsch haut.“

Am nächsten Mittag trieb uns die Hitze in die Innenstadt, und direkt in die Arme der Gelateria Giolitti. Schon der Eingang wirkte wie ein Magnet. Menschen standen dicht gedrängt, eine Schlange, die aussah wie ein Sicherheitscheck am Flughafen. Nur dass am Ende kein Gate wartete, sondern Eis.

Wir stellten uns an. Silke seufzte, ich schwitzte. „Wenn das Eis nicht gut ist,“ murmelte ich, „werde ich hier drin Amok laufen.“

Drinnen war es wie in einer Kathedrale des Zuckers. Keine Kugeln, kein „eine kleine oder eine große Waffel?“ Hier wurde das Eis mit der Spachtel regelrecht in die Waffel hineingeschichtet. Dick, cremig, so, dass man schon beim Zuschauen sabberte.

Ich stand vor der Vitrine, unfähig, mich zu entscheiden. Wassermelone, Schokolade, Erdbeere. Silke sah mich an, tippte auf drei Sorten, und zack, hatte sie ihr Eis. Ich hingegen blockierte den halben Laden, bis der Mann mit der Spachtel ungeduldig auf meine Waffel klopfte.

Dann endlich, draußen auf der Strasse: der erste Biss. Und die ganze Welt stand still. Nur wir und dieses Eis. Ich schloss die Augen. „Silke, das ist nicht nur Eis. Das ist der Beweis, dass es Götter wirklich gibt.“

Sie lachte, schleckte an ihrer Waffel und sagte: „Na siehst du. Und endlich bist du mal ruhig.“ Ich nickte, völlig überwältigt vom Eis. Noch während ich kaute, fühlte ich, wie meine Beine nachgaben. Ich knickte ein, landete wie in Zeitlupe auf den Knien, die Waffel noch immer fest in der Hand wie ein heiliges Relikt. Ich rappelte mich hoch, drehte mich um, und da stand es: ein Taxi. Rückwärts. Auf dem Gehweg. Ist mir direkt in meine Kniekehlen gefahren.

Der Fahrer kurbelte das Fenster runter, sah mich an und fragte auf Englisch: „Are you okay?“ Ich holte Luft, wollte gerade antworten, da legte er schon den Gang ein und rollte davon. Einfach so. Ich mutierte sofort zum Italiener. Ich fluchte, ich gestikulierte, ich warf Schimpfwörter in die Luft, die ich nicht mal auf Deutsch kannte. „Anfänger! Klappspaten! Fahr doch Fahrrad, du Vollpfosten!“ Die Passanten sahen mich an, als gehörte ich plötzlich zum Straßenprogramm. Silke stand daneben, schleckte seelenruhig ihr Eis und meinte trocken: „Na, das ging ja schnell. Ein Tag in Rom, und du fluchst schon wie ein Einheimischer.“ Ich war außer mir, immer noch wild gestikulierend, das Eis in der einen, die Faust in der anderen Hand. Und gleichzeitig dachte ich: Hauptsache, die Waffel ist heil geblieben.

Am Abend gönnten wir uns noch einen Aperol. Fünfzehn Euro das Glas.
Ich nannte es leise „Investition in den Sonnenuntergang“. Silke prostete mir zu.
Im Hotelzimmer machten wir uns nochmal frisch und zogen los. Richtung Trastevere.

Trastevere war kein Viertel, es war ein Gefühl. Die Gassen eng, die Fassaden alt, die Farben warm. Ocker, Rot, ein bisschen abblätternd, aber gerade deshalb schön. Über den Straßen flatterten Wäscheleinen, als hätten die Häuser sich verabredet, ihre Geheimnisse nicht in den Räumen, sondern in der Luft zu teilen.

Der Abend war erfüllt von Stimmen, Gelächter, Gitarrenklängen, dem Klirren von Gläsern. Wir liefen Hand in Hand, manchmal so nah an anderen Menschen vorbei, dass wir ihr Parfum, ihr Lachen, ihre Gespräche spürten. Überall Lichterketten, Kerzen, kleine Balkone mit Blumentöpfen. Trastevere roch nach Sommer, nach Liebe, nach einem Leben, das sich nicht beeilen wollte.

Silke blieb stehen, sah in eine enge Gasse, die nur vom Licht einer einzelnen Lampe beleuchtet war. „Rom bei Tag ist groß“, sagte sie leise „aber Rom bei Nacht ist verdammt sexy.“ Und genauso fühlte es sich an. Als wären wir nicht einfach in einer Stadt, sondern in einem Herzschlag.

Später gingen wir zurück ins Hotel, noch immer eingehüllt in diese Nacht. Was wir dort taten, bleibt zwischen uns und den Mauern des Zimmers. Aber die Vorhänge waren wieder zu.

Am nächsten Morgen waren wir früh dran. Der Papst wartet. Tickets hatte Silke schon in Deutschland gebucht, online, bequem, und vor allem: ohne dieses Schlangestehen, das sich sonst wie ein Pilgerweg um die Mauern windet. Drinnen dann der Hammer: die Vatikanischen Museen. Über 1.400 Räume, sagt man. Ich glaube, ich habe davon mindestens 1.390 gesehen. Jeder vollgestopft mit Kunst, Fresken, Statuen, Tapisserien. Ich weiß nicht, wie viele Jesusse, Engel, Heilige und nackte Jünglinge mir begegnet sind, aber es waren viele. Sehr viele.

Silke ging fasziniert von Bild zu Bild, ich stolperte hinterher. „Manchmal denke ich“, flüsterte ich, „die haben hier einfach alles gesammelt, was ihnen in die Finger kam. So wie wir aus jeder Stadt eine Tasse mitbringen.“

Dann die Sixtinische Kapelle. Menschenmassen, Stille, Köpfe im Nacken. Michelangelo hatte den Himmel an die Decke gemalt, und ich stand da, völlig geplättet.
„Unfassbar“, murmelte ich. „Da malt einer vier Jahre lang so ein Mopped, und ich krieg nicht mal ein Zimmer in drei Tagen gestrichen.“ Silke grinste, tippte mir auf die Schulter: „Jetzt halt den Mund. Sonst schmeißt dich der Papst noch raus.“

Und dann der Petersdom. Gigantisch, ehrfurchtgebietend, ein Stein gewordener Beweis, dass man mit unendlich viel Geld auch unendlich hoch bauen kann. Ich bin kein Freund von Kirchen, und auf das Gerede der Gottesvertreter gebe ich nichts. Über den Rest, Missbrauch, Macht, Doppelmoral, schweige ich lieber. Aber dieses Bauwerk ist der Wahnsinn.

Wir stiegen die Kuppel hinauf. Die Treppen waren eng, schmal, und gefühlt endlos. Die Wände neigten sich, der Schweiß lief, jeder Schritt nach oben war ein kleines Ringen. Aber irgendwann standen wir ganz oben.

Und dann – Rom.

Vor uns breitete sich die Stadt aus wie ein Meer aus Dächern, Plätzen und Geschichte. Kein Foto, kein Film, kein Reiseführer konnte das so zeigen. Es war, als würde sich die Stadt in diesem Moment nur für uns öffnen. Ich hielt mich am Geländer fest, atmete tief durch und sagte kein Wort. Ich stand einfach da, minutenlang, und sah über diese unendliche Fläche. Dächer in allen Farben, kleine Gassen, die man von hier oben nur ahnte, der Tiber wie ein stiller Streifen zwischen all dem Chaos.

Silke stellte sich neben mich. „Es ist, als würde man in eine andere Zeit schauen, oder?“ Ich nickte nur. In meinem Kopf lief tatsächlich ein Film. Szenen wechselten: Gladiatoren im Kolosseum, Päpste auf dem Balkon, Touristen mit Kameras. Alles auf einer Leinwand, die Rom selbst war.

Der Wind wehte kühl, ganz oben über der Stadt. Für einen Moment war die Hitze vergessen, das Gedränge, die Treppen. Es war stiller hier, fast intim, trotz der vielen Menschen.

Ich dachte: Wenn man Rom wirklich verstehen will, dann von hier oben. Die Größe, die Wucht, die Geschichte. Alles in einem Blick. Und genau in diesem Moment packte mich die Stadt endgültig.

Ich war gerade dabei, ehrfürchtig zu werden, da sah ich es: „Silke! Da ist ein Kiosk. Und ein Restaurant! Auf dem Vatikan! Mitten zwischen Kuppel und seiner Heiligkeit gibt’s Panini und Espresso.“ Sie lachte. „Tja, Micha. Ohne Koffein schafft es ja auch keiner wieder runter.“ Ich schüttelte den Kopf, immer noch fassungslos. „Unglaublich. Gott mag allmächtig sein, aber gegen italienische Gastronomie hat er offenbar auch nichts einzuwenden.“

 

An den letzten drei Tagen liefen wir alles ab, was man in Rom gesehen haben muss.

Der Trevi-Brunnen. Menschenmassen, Selfiesticks, Gedränge.
Ich kämpfte mich mit einer Münze bewaffnet bis vorne durch. Wollte den berühmten Wurf machen, elegant über die Schulter. Ergebnis: Treffer, aber nicht im Wasser, sondern im Plastikbecher eines überraschten Touristen. Silke stand am Rand, verschränkt die Arme, grinste nur. „Typisch Chaos-Queen. Du bist der Einzige, der aus einem einfachen Münzwurf eine Slapsticknummer macht.“ Ich versuchte es noch einmal. Diesmal klappte es, die Münze versank im Brunnen.
Ich drehte mich zu Silke und murmelte: „Ich habe mir was gewünscht, mal sehen, ob Rom sein Versprechen hält.“

Rom war ein einziger Rausch aus Bildern, Geräuschen und Momenten. Wer an der Spanischen Treppe sitzt, merkt schnell: Das ist kein Bauwerk, das ist ein Theater ohne Vorhang. Menschen kommen und gehen, setzen sich, stehen auf, lachen, schweigen, und man selbst ist mittendrin. Rom spielt seine Stücke einfach so, und man darf Komparse sein, ohne sich anstrengen zu müssen.

An meinem Geburtstag putzten wir uns heraus und gingen essen, so richtig schick, wie es sich in Rom gehört. Danach trieb es uns auf die Piazza Navona, die sich öffnet wie ein Festsaal unter freiem Himmel. Drei Brunnen erzählen Geschichten in Stein, Wasser rauscht, Künstler malen Porträts, und der Platz atmet mit jedem, der ihn betritt. Hier merkt man: Schönheit ist nicht immer still, sie kann auch laut sein, voller Leben und Energie. Man dreht sich einmal um die eigene Achse und hat das Gefühl, mitten in ein lebendiges Gemälde gefallen zu sein. Ein Bild, das nie fertig wird, weil jede Bewegung, jedes Lachen, jeder Ton es neu weitermalt.

Dann das Pantheon. Ein Schritt hinein, und die Zeit steht wieder mal still. Diese Kuppel, so groß wie der Himmel, trägt ein Loch in der Mitte, das Licht und Regen gleichermaßen einlässt. Man steht dort, schaut nach oben und spürt, wie klein man selbst ist, und wie groß die Idee, etwas zu bauen, das zwei Jahrtausende überdauert. Es ist nicht nur ein Raum, es ist Geschichte, die atmet.
 
Der Aufstieg auf den Gianicolo-Hügel brachte uns ins Schwitzen, aber später war das sofort vergessen. Von hier oben hatte die Stadt etwas erotisches. Als würde sie sich ein Stück entblößen und flüstern: Schaut her, so sehe ich aus, wenn ihr mir wirklich nah kommt. Rom lag nicht nur da wie ein Panorama, sondern wie eine Gestalt, die sich langsam zeigt. Selbstbewusst, sinnlich, ohne Eile.
Ich stand lange am Geländer, ließ meinen Blick über die Dächer und Kuppeln gleiten, so wie man mit der Hand eine Haut berührt, tastend, neugierig, fasziniert. Rom spielte nicht mit Effekten, es musste nichts beweisen. Es ließ dich einfach schauen, und genau darin lag die Verführung.

Die Engelsburg wirkte wie ein stiller Wächter am Tiber. Massiv, ernst, und gleichzeitig wunderschön. Wir überquerten die Brücke, flankiert von steinernen Engeln, die uns mit strengem Blick musterten. Oben angekommen, fiel der Blick zurück auf den Petersdom. Ein Anblick, der einen für Sekunden schweigen lässt, weil Worte dafür nicht ausreichend wären.

Und dann die Piazza del Popolo: ein Platz, so weit und klar, dass man unweigerlich langsamer geht. In der Mitte der Obelisk, drum herum Kirchen, Straßen, Symmetrie. Man fühlt sich, als stünde man im Zentrum einer gewaltigen Kompassrose, von der aus die ganze Stadt in alle Richtungen strahlt.


Rom hat uns nicht einfach gefallen. Rom hat uns umarmt. Jede Straße, jeder Platz, jede Stunde war ein Stück Geschichte, das man nicht nur sieht, sondern fühlt. Ich habe Städte besucht, die schön waren. Aber Rom war mehr. Rom war lebendig, nah, verführerisch, manchmal laut, manchmal leise und immer so, dass es dich packt und nicht mehr loslässt.

Zwei Jahre später waren wir wieder dort, und es fühlte sich an wie ein Wiedersehen mit einer alten Liebe: vertraut, aber immer noch aufregend. Und wir wissen beide, das war nicht das letzte Mal. Rom hat uns. Und wir kommen zurück.

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