Streng geheim

Das goldene Ticket

Später Nachmittag, mein 57. Geburtstag. Ich sitze auf der Terrasse. Die Sonne im genau richtigen Winkel – also genau so, dass sie mir wahlweise schmeichelnd ins Gesicht scheint oder gnadenlos jeden Altersfleck beleuchtet. Silke sitzt neben mir, meine Kinder Lars und Maren sind da, zusammen mit Vanessa und Julian. Wir quatschen, trinken etwas, und ich genieße den Luxus, einfach mal nichts zu tun, außer älter zu werden.

Dann wird es plötzlich ernst. „So, Papa. Jetzt kommt dein Geschenk.“ Maren strahlt. Lars grinst. Vanessa und Julian sitzen da mit diesem Blick, der irgendwo zwischen „Wir haben was richtig Gutes“ und „Wir sind gespannt, ob er’s überhaupt überlebt“ liegt. So ein Blick, bei dem man kurz überlegt, ob man zum Auspacken lieber Handschuhe, eine Schutzbrille oder gleich einen Notarzt bereithält.
Maren drückt mir einen goldglänzenden Umschlag in die Hand. Ich öffne ihn und ziehe eine Karte heraus – „Das ist dein Goldenes Ticket“ steht drauf. In ihren Gesichtern steht Spannung, Vorfreude – und ein Hauch „Das hier ist der Teil, wo du gefälligst strahlen musst“. Ich rubbel das Feld frei – und da steht es: ‚Überraschung, halte dich am 08.08. ab 10 Uhr bereit‘.
Keine weiteren Infos. Nur dieser Termin. Ich schaue hoch.
„Und?“, frage ich.
„Wirst du sehen“, sagt Maren.
„Wirst du lieben“, sagt Vanessa.
„Wirst du hoffentlich überleben“, murmelt Lars.

Ich tue so, als wäre ich empört. „Aha. Geheimniskrämerei. Find ich ja nicht super.“ Innerlich bin ich wie ein kleiner Junge an Heiligabend – hibbelig, neugierig und kurz davor, jemanden zu schütteln, bis er’s verrät.

„In der Nähe von Düsseldorf“, sagt Lars beiläufig, während er einen Schluck nimmt.
„Escape Room? Da gibt’s doch den gruseligsten in ganz Deutschland!“, schieße ich zurück. Alle starren mich an. Kein Nicken. Kein Kopfschütteln. Nur dieses grenzdebile Pokerface, das schreit: Wir wissen alles – du weißt nichts, darum bist du hier der Depp.
„Na toll. Jetzt muss ich zwei Tage mit dieser Ungewissheit leben. Wisst ihr, was das mit einem Mann in meinem Alter macht?“
„Ja“, sagt Maren trocken. „Es hält ihn am Leben.“

„Ich bin euer Vater! Ich habe aus euch kleinen, quieckenden Quarktaschen halbwegs funktionierende Menschen gemacht“, sage ich zu meinen Kindern.
„Stimmt“, sagt Lars grinsend. „Wir sagen es dir aber trotzdem nicht.“
„Genau“, ergänzt Maren. „Das nennt sich Spannungskurve.“
„Das nennt sich Folter“, entgegne ich. Vanessa nippt an ihrem Glas und sagt seelenruhig: „Genau deshalb macht’s so viel Spaß.“

Also drehe ich mich zu Silke, meinem vermeintlich sicheren Hafen.
„Silke, meine liebe Silke, sag du’s mir. Du bist meine Verbündete.“
Sie lächelt sanft, legt ihre Hand auf meine und sagt mit dieser Engelsstimme: „Natürlich helfe ich dir.“ Ich atme erleichtert auf.
„ … indem ich dich in deinem Schmerz moralisch unterstütze.“
Gelächter am Tisch. Ich starre sie an wie einer, der mitten auf dem Ozean merkt, dass sein „Rettungsboot“ in Wahrheit eine aufblasbare Giraffe ist.

Ich verschränke die Arme, schüttle mit dem Kopf und schimpfe:
„Also wirklich – so habe ich euch nicht erzogen! Dieses ewige Herumgedruckse, mich zappeln lassen wie einen schlecht bezahlten Statisten in einer Samstagabendshow, während ihr euch ins Fäustchen lacht.“ In Wahrheit feiere ich jeden Moment. Aber das sag ich natürlich nicht – ich bin schließlich der Papa, und offiziell gehört sich hier Empörung.

„Es wird auf jeden Fall brutal“, sagt Lars.
Silke schaut mich an: „Und vergiss deine Schlappen nicht.“
Jetzt bin ich komplett verwirrt.
Da mischt sich Vanessa ein: „Vielleicht ja eine Ballonfahrt?“
Ich reiße die Augen auf. „Ballonfahrt?! Das würde ich für kein Geld der Welt machen. Da hängst du in so ’nem Weidenkorb, hundert Meter überm Boden, und hoffst, dass der Typ mit dem Gasbrenner keinen schlechten Tag hat. Never ever.“

Nach langen Diskussionen – in denen ich alles zwischen „Fallschirmsprung“ und „Zirkusausbildung“ in den Raum geworfen habe – verabschieden sich alle am Abend. Lars schnappt sich noch meinen mobilen Kühlschrank fürs Auto und eine Gasflasche.

„Wofür brauchst du die denn?“
„Für unseren Urlaub. In einer Woche geht’s mit Vanessa an den Comer See.“

Ich schaue ihn an wie ein Mann, der gerade live miterlebt, wie sein Sohn den Darwin-Award anvisiert. „Mit einer Gasflasche durch halb Europa? Super Idee“, sage ich. „Und wenn’s richtig knallt, können die Italiener euch schon von Genua aus sehen – wie so ’nen neuen Vulkan.“ Lars und Vanessa ziehen also mit Gasflasche und Kühlschrank von dannen, als wären sie auf dem Weg zu einem BBQ in Mordor. Ich bleibe zurück, schüttle den Kopf und denke: „Die Kinder sind erwachsen, ich habe nur noch beratende Funktion.“


Der 08.08.
Ich sitze am Schreibtisch, tippe noch meine Wander-Geschichte fertig und bin so vertieft, dass die Zeit einfach durchmarschiert. Blick auf die Uhr: 09:20 Uhr.

Scheiße. Um 10 Uhr soll ich fertig sein – und ich bin noch im gemütlichen Schreib- und-Kaffee-Modus. Ab da geht alles automatisch: Laptop zuklappen, hochspringen, unter die Dusche, in Rekordzeit wieder raus, Haare noch halb nass, während ich schon ins Schlafzimmer stürme, um mich anzuziehen. Alles in einem Tempo, das selbst einem Actionfilm-Regisseur zu hektisch wäre. Und das Beste: Ich habe keine Ahnung, wofür ich mich hier eigentlich so abhetze.

Ich stehe also da, halb angezogen, halbtrocken, komplett ahnungslos – und warte.
10:00 Uhr. Nichts.
10:05 Uhr. Immer noch nichts.
10:07 Uhr höre ich endlich ein Auto vorfahren. Motor aus. Türen auf. Stimmen. Und dann sehe ich sie – Lars, Maren, Vanessa, Julian … und meine Silke.
Silke, die mir gestern noch erzählt hat, sie müsse länger arbeiten und würde später nachkommen.

Es klingelt. Ich öffne die Tür. Silke steht vorne, mit diesem „Ich weiß was, was du nicht weißt“-Blick.
„So“, sagt sie, „du hast eine halbe Stunde Zeit, deinen kleinen Koffer zu packen. Gib Gas.“

Ich starre sie an, als wäre sie gerade von einem Ufo direkt vor unserer Haustür abgesetzt worden. Und während mein Gehirn noch versucht, die Worte „halbe Stunde“ und „kleiner Koffer“ in irgendeine logische Reihenfolge zu bringen, höre ich mich schon sagen: „Moment mal – wohin überhaupt? Und wieso klingt das wie der Anfang von ’nem schlechten Netflix-Thriller?“ Ich blicke nach hinten zu Lars. „Das ist eine beschissene Anweisung. Damit könnte ich für alles packen – vom Wellnesshotel bis zur ISS.“
Lars grinst nur: „Pack lieber so, dass du’s überlebst.“
„Super. Genau die beruhigenden Worte, die man braucht, wenn man keine Ahnung hat, ob man in einer Stunde in der Sauna sitzt oder vor einem Bären wegrennt.“
Silke klatscht in die Hände: „Los jetzt, Zeit läuft!“

Ich schieße los wie eine Flipperkugel. Erst ins Schlafzimmer: T-Shirts! Ich greife in den Stapel – der kippt natürlich um. Egal, ab unter den Arm. Hosen dazu. Welche? Egal. Kurze, lange, irgendwas dazwischen. Rüber zur Sockenschublade. Ich will die „guten“ – greife blind rein – ziehe einen einzelnen Tennissocken und drei völlig verschiedene raus. Egal, kommen mit. Notfalls mach ich einen Trend draus. Unterwäsche! Ich reiße die Schublade auf, drei Boxershorts fliegen direkt wieder raus – eine landet auf der Katze, die mich jetzt anguckt, als hätte ich ihr den Mietvertrag gekündigt. Ins Bad! Zahnbürste, Duschgel, Deo, fertig. Zurück ins Wohnzimmer – Ladekabel! Wieder ins Schlafzimmer, weil mir einfällt, dass ich den Gürtel vergessen hab. Ich stürze, stolpere über den umgekippten T-Shirt-Berg, fang mich mit einem Bein am Bettpfosten – fast hingelegt. Gürtel rein, Jacke rein, Handtuch obendrauf.

„Schneller, Papa!“, ruft Maren.
„Das sieht aus wie bei Shopping Queen“, wirft Vanessa hinterher.
Lars kommentiert fachlich: „Der Mann schwitzt gleich mehr als sein Koffer wiegt.“ Und Silke sitzt auf dem Sofa, grinst breit und ruft: „Los, Chaos-Queen, du hast nur noch fünf Minuten, bis wir dich aus dem Haus tragen müssen!“
Es macht ihnen sichtlich Spaß, mich so rennen zu sehen – in meinem Alter, mit diesem hochroten Kopf und der Körperspannung eines Mannes, der gerade versucht seinen Blutdruck unter Kontrolle zu halten. Alles in den Koffer – der natürlich zu klein ist. Ich drücke, ich presse, ich knie drauf wie ein Wrestling-Champion, bis der Reißverschluss schließt. Sieg auf ganzer Linie. Ich stehe da, schwitzend, aber zufrieden.

Ich schleppe meinen Koffer runter, rein in den Skoda. Bevor ich einsteige, gucke ich rüber zu Marens Audi – und da liegen sie: die Gasflasche und mein mobiler Kühlschrank.
„Ach, herrlich“, sage ich, „wenigstens muss ich nicht im italienischen Fernsehen die Schlagzeile lesen: Deutscher Urlauber fliegt mit seinem Auto bis nach Mailand – angetrieben von Propangas.“
Lars lacht: „Keine Sorge, die nehme ich nicht mit. Die sind nur für heute.“
„Gut“, sage ich, „sonst hättest du den Comer See wahrscheinlich aus Versehen flambiert.“

Maren, Julian, Vanessa und Lars fahren im Audi. Julian am Steuer, und ich gurke mit dem Skoda hinterher – Silke neben mir, grinst geheimnisvoll, als hätte sie den Masterplan in der Hand. Erst mal Richtung Düren. Ich blicke auf die Straße und folgere messerscharf: Wenn wir über Düren fahren, kann es nur Belgien oder Holland sein – oder jemand hat sich im Navi vertippt und wir landen in Bielefeld.

Ich drehe mich zu Silke: „Sag’s mir einfach. Links Pommes, rechts Käse – wohin?“ Sie schaut aus dem Fenster, so als würde sie überlegen, ob sie’s mir verrät oder mich noch eine Weile im Unklaren lässt.
„Weißt du was?“, sage ich, „ich hab’s eh schon raus. Du hast vorhin erzählt, dass du nicht einsiehst, acht Euro für ein Shampoo zu zahlen. Also kann es nur Holland sein.“
Silke lächelt. „Könnte sein. Könnte aber auch Belgien sein. Da gibt’s auch überteuertes Shampoo.“
„Na toll“, murmele ich. „Jetzt muss ich die nächsten 50 Kilometer mit Pommes UND Käse im Kopf fahren.“ Ich schaue sie böse an, und sage: „Ich hasse dich gerade ein bisschen.“ Silke grinst nur. Natürlich weiß sie, dass das nicht stimmt. Sie weiß genau, dass ich das eigentlich liebe – dieses ewige Hinhalten, dieses Spielchen, das mich in den Wahnsinn treibt und gleichzeitig genau das ist, worauf ich mich den ganzen Tag gefreut habe.

13:30 Uhr.
Wir machen Pause – ordentlicher Rastplatz, alles sauber, alles nett.
Bis ich vor dem Drehkreuz der Toilette stehe und sehe: 1 Euro Eintritt. Für ein Klo! Ich werfe die Münze rein, aber innerlich rechne ich schon durch, was ich für den Preis erwarte: beheizte Brille, sanfte Musik, vielleicht ein Handtuch-Service.

Ein paar Minuten später schlendere ich zurück zum Auto – frisch erleichtert, aber moralisch empört. Julian lehnt am Wagen und grinst: „Wir wollten schon einen Suchtrupp losschicken.“
Ich bleib stehen, guck ihn ernst an: „Suchtrupp? Für einen Euro Eintritt? Mein Freund, da gehst du nicht einfach rein, pinkelst und kommst wieder raus. Da musst du liefern. Da sitzt du, bis sich der Einsatz rechnet. Minimum einmal pinkeln, einmal kacken – und wenn’s gut läuft, noch ’ne Kurzmeditation.“ Silke verdreht die Augen, Maren prustet los – und ich denke: Für weniger als das Komplettpaket gebe ich hier keine Münze mehr her.

15:45 Uhr.
Wir fahren nach gefühlten 73 Kreisverkehren und 812 Wohnmobilen, die alle zwischen 38 und 42 km/h fahren, endlich in Breskens ein. Direkt am Hafen. Wir parken, ich steige aus – und starre hoch. Vor mir ragt diese Appartement-Villa in den Himmel wie das Luxus-Pendant zum Todesstern. Glasfronten, geschwungene Balkone, alles so modern, dass ich schon beim Hochgucken das Gefühl habe, dringend einen frisch gebügelten Hemdkragen zu brauchen. Wir rein in den Fahrstuhl, hoch in den vierten Stock – und dann geht die Tür auf.
Ich trete ein, bleibe stehen, sag erstmal gar nichts. Das ist nicht einfach eine Wohnung. Das ist Größenwahn mit Meerblick. So weitläufig, dass man überlegen könnte, einen Shuttle-Service zwischen Küche und Bad einzurichten. Raumhohe Fensterfronten, Blick aufs Wasser, als hätte jemand vergessen, die Postkarte wieder rauszunehmen.
Die Zimmer werden aufgeteilt. Die Kinder überlassen Silke und mir das En-Suite-Bad. Ich grinse zufrieden und denke: Perfekt.

Dann wuchten wir das Gepäck aus den Autos, jeder schleppt irgendwas – Taschen, Kisten, Kühltaschen, Grill, Gasflasche. Rein in die Wohnung, alles verstauen, Flasche Pfirsich-Maracuja-Likör auf, Gläser raus – und der erste Schluck sagt mir: Ja, das wird ein gutes Wochenende.

Danach auf zum Supermarkt. Mission: Nachschub. Knabberzeug, Chocomel, vierlagiges Klopapier – alles andere kratzt mehr, als es reinigt. Den Rest haben die Kids schon organisiert und mitgebracht.

Zurück in der Wohnung wird der Einkauf in gefühlt zehn Sekunden verteilt: Kühlschrank, Schrank, oder direkt in den Mund – und dann geht’s ab zum Strand.
Meer, Sonne, leichter Wind … So muss das sein. Julian natürlich barfuß – wie immer. Das ist bei ihm nicht mal eine Entscheidung, das ist eine Lebenseinstellung. Er ist einer von diesen Menschen, die vermutlich auch im Hochgebirge barfuß gehen würden – während alle anderen in Gore-Tex und Thermosocken rumstehen und ihre Zehen zählen.
Ich hingegen? Ich bin absolut Team Schuh. Nicht irgendein Schuh. Chucks. Meine treuen Begleiter. Die sitzen fest am Fuß, wiegen gefühlt nichts – und, das ist der entscheidende Punkt – sie verhindern, dass ich direkten Hautkontakt zu allem habe, was in freier Natur rumliegt, krabbelt oder aus dem Wasser gekrochen kommt.

Maren fängt nach hundert Metern an zu nölen: „Ich habe Sand im Schuh.“ Ja … willkommen am Strand. Das ist so, als würde man im Regen sagen: „Mist, ich werde nass.“ Keine zwei Minuten später legt sie nach: „Jetzt habe ich auch noch Sand in den Socken.“ Ich sage: „Das ist kein Sand, das ist ein kostenloses Fußpeeling.“

Silke und Vanessa ziehen sich auch noch die Treter aus. Einfach so, mitten im Gehen. Das heißt, ich habe jetzt drei Menschen um mich herum, deren Füße ungeschützt der Umwelt ausgesetzt sind. Ich blicke absichtlich weg, so wie andere Leute beim Zahnarzt den Bohrer nicht sehen wollen. Füße. Ich verstehe das einfach nicht. Ich meine, klar – praktisch, um von A nach B zu kommen. Aber sexy? Nee. Für mich sind Füße das Anti-Aphrodisiakum schlechthin. Wenn mir einer sagt „Ich steh auf Füße“, dann denk ich immer: Wie eklig ist das denn … ich stehe nicht mal auf meine eigenen. Aber so hat jeder seinen Fetisch. Meine Schuhe bleiben, wo sie hingehören. Ich mag dieses schlüpfrige Gefühl von nassem Sand zwischen den Zehen nicht – das hat was von kaltem Pudding.

Julian und Lars hocken sich irgendwann hin, um die kleinen Krebse zu beobachten, die zu Hunderten am Wasser entlang wuseln. Plötzlich reißt Julian seinen Fuß hoch und brüllt: „Verdammte Kacke!“ Ein Krebs hat ihn gezwickt. Selbst schuld, Mister Krebs steht halt auch nicht auf Füße. Und wer barfuß ins Meer geht, begibt sich in ein Vertragsverhältnis mit allem, was darin lebt. Da gibt’s keine Schadensersatzansprüche.

Und dann geht die Sonne langsam unter. Das Licht taucht den Strand in so ein kitschiges Orange, dass man fast vergisst, dass man gerade noch über Füße, Sand in den Socken und aggressive Krustentiere geredet hat. Einfach traumhaft.

Irgendwann sagt Lars das, was er immer sagt, wenn wir unterwegs sind – schon seit seiner Kindheit: „So langsam bekomme ich ein Hüngerchen.“

Dieser Satz fällt bei uns inzwischen so regelmäßig, dass man ihn eigentlich auf das Familienwappen gravieren könnte. Früher hieß das: Raststätte, Spätzle mit Bratensauce. Heute heißt das: Bitte jetzt sofort das Appartement ansteuern, sonst wird’s ungemütlich.

Zum Glück wartet da oben schon das Grillfleisch. Silke hat extra einen Gasgrill für den Balkon angeschafft – nicht, weil wir den unbedingt gebraucht hätten, sondern weil sie weiß: Gasgrill auf Balkon = Glücklicher Nicht-Ehemann + zufriedene Kinder.

Wir marschieren zurück. Ich, in meiner stillen Heldenrolle, vorneweg – ohne Sand an den Füßen. Meine Chucks so sauber, dass ich sie direkt ins Schaufenster von Deichmann stellen könnte. Der Rest schlappt hinterher, Sand zwischen den Zehen, glücklich wie Bolle.
Oben auf dem Balkon beginnt der Ernst des Lebens: Grillen.
Julian und Lars übernehmen. Silke hat ihre berühmte Bowle angesetzt, mit Pfirsichen drin. Ich weiß jetzt schon, dass ich morgen einen Kopf haben werde, der aussieht wie die Kugel vom Leuchtturm gegenüber. Aber ich liebe diese Früchte. Und zwischendurch ein Likörchen … was will man mehr?
Nebenbei tue ich das, was jeder seriöse Vater tun würde: Ich stehe immer mal auf, gehe zum Grill, verschränke die Arme und gucke streng. Das nennt sich „fachmännisch prüfen“, dauert exakt fünf Sekunden, und endet jedes Mal mit einem bedeutungsvollen Nicken.
Um die Ecke ist kaum Licht, also leuchtet Lars mit dem Handy aufs Grillgut. Nicht aus Romantik – einfach, damit er erkennt, ob das, was er da gleich serviert, noch muht oder wirklich schon tot ist. Julian steht daneben und wendet die Würstchen, als hätte er irgendwo einen geheimen Michelin-Stern zu verteidigen.

Wir ziehen vom Balkon rein, weil der Wind langsam anfängt, mit den Servietten Origami zu basteln. Drinnen ist es warm, der Tisch voll – frisches Baguette aus Deutschland (weil, mal ehrlich: Die Holländer können Käse, aber Brot … das ist eher so „architektonischer Rohbau“). Dazu Saucen, Dips, Kräuterbutter – alles perfekt angerichtet, als hätten wir für ein Food-Magazin gedeckt.

„Was machen wir morgen“, fragt Vanessa.
Ich lehne mich zurück und sage dann: „Gent. Belgien. Wunderschöne Altstadt, tolle Burg – will ich schon ewig sehen. Die Belgier können zwar auch kein Brot – aber Fritten. Dicke, goldene, knusprige Fritten.“ Das kommt so spontan raus, dass ich selbst überrascht bin. Normalerweise fallen mir Vorschläge erst ein, wenn wir schon wieder auf dem Heimweg sind.

„Klingt gut“, sagt Lars, dreht sich zu Vanessa: „Oder, Hase?“
„Klar, Hase“, kommt es zurück, begleitet von diesem zufriedenen Lächeln, das sich nur Leute schenken, die sich auch im Supermarkt noch gegenseitig die Lieblingschips in den Einkaufswagen legen.

Maren nickt: „Bin dabei.“ Dann zu Julian: „Hase, das wird schön.“
„Wird’s, Hase“, sagt er, und beide grinsen sich verliebt an.

Ich mag das ja. Diese Hase-Rufe fliegen hier ständig hin und her – und irgendwie ist das wie ein kleines akustisches Pflaster, das man sich gegenseitig über den Tag klebt. Nur Silke und ich spielen nicht mit. Wir haben unsere eigenen, diskret eingebauten Spitznamen.

„Gent also“, sage ich. „Eine Stadt voller Wasseradern, krummer Häuser und alter Mauern – und eine Burg, die so beeindruckend ist, dass man automatisch einen Schritt langsamer geht, nur um länger hingucken zu können.“
Silke lächelt: „Dann zieh bequeme Schuhe an.“ Ich nicke – und denke mir: Morgen wird’s gut. Mit Burg, mit Altstadt – und garantiert mit sehr viel Hase.

Am nächsten Morgen.
Kaffee, Chocomel, Brötchen, und dieser kurze Moment, in dem alle noch leicht verschlafen, aber schon in Aufbruchstimmung sind.
„Bereit, Hase?“, fragt Maren zu Julian rüber.
„Klar, Hase“, sagt er und stupst sie leicht mit der Schulter an.
Lars schnappt sich seine Jacke, dreht sich zu Vanessa: „Na los, Hase, Gent ruft.“
„Bin schon unterwegs, Hase“, sagt sie, dreht sich um und wartet nur darauf, dass er endlich in die Pötte kommt. Wir gehen runter zu den Autos.

Kaum aus Breskens raus, fällt mein Blick auf die Tankanzeige. Super wäre jetzt nicht schlecht – also Sprit. Wir rollen an einer Tankstelle ran. Ich steige aus, Zapfpistole in der Hand, Blick auf die Preistafel: 2,07 Euro für Super.
„Na herrlich“, murmele ich. „Da bekommt der Begriff Super gleich eine ganz neue Bedeutung.“
Silke schaut trocken aus dem Beifahrersitz: „Tja, das ist Urlaub.“
„Urlaub schön und gut“, sage ich, „aber für den Preis will ich eigentlich, dass der Tankwart mir noch die Schultern massiert und ein Glas Champagner reicht.“
Vollgetankt geht’s wieder auf die Straße. Vor uns der Audi und wahrscheinlich noch einige „Hase“-Rufe, bevor wir Gent überhaupt sehen.

Nach gut einer Stunde rollen wir in die Stadt ein. Kopfsteinpflaster, Glockentürme, der Fluss blinzelt zwischen den Gassen – Romantik in 3D. Parkhaus mitten in der Altstadt, Platz direkt am Eingang. Kein Suchen, kein Fluchen. Einfach rein, Motor aus, fertig. So verdächtig problemlos, dass ich schon fast damit rechne, gleich von einer Filmcrew angesprochen zu werden: „Können Sie das bitte noch mal drehen? Diesmal mit mehr Drama?“

Ich sage: „Zuerst zur Burg, bevor die ihre Tore schließt.“ Ich schmeiße Google Maps an – diese freundliche Stimme, die immer klingt, als würde sie einen persönlich mögen, obwohl sie genau weiß, dass man gleich links statt rechts abbiegt.

Wir schlängeln uns durch enge Straßen, vorbei an kleinen Cafés, Schaufenstern voller Pralinen und einem Gitarristen, der den Soundtrack zu unserem Spaziergang liefert.
Und dann steht sie plötzlich da: die Burg. Massive graue Mauern, Türme mit Zinnen, als würden gleich Bogenschützen auftauchen. Menschen schlendern über den Platz, eine Straßenbahn quietscht vorbei, irgendwo riecht es nach frischen Waffeln. Die Mischung aus Alltag und Ritterromantik ist so schräg, dass ich kurz überlege, ob ich mir eine Rüstung kaufen soll – nur für den Effekt.
Wir überqueren die Schienen, gehen durch das große Tor – und mit jedem Schritt wird klarer: Das wird heute nicht nur ein Spaziergang durch die Geschichte, das wird ein ganzer Film im Kopf. Wir gehen zum Kassenhäuschen. Ich sehe mich schon über Wehrgänge laufen, den Blick über die Stadt schweifen lassen, vielleicht ein bisschen bedeutungsschwer nicken – einfach so, weil man’s kann.

Dann der Satz, der alles zerstört: „Ausgebucht.“
Ich starre den Mann hinter der Scheibe an. „Wie … ausgebucht?“
„Heute keine Karten mehr. Auch online nicht.“ Es ist, als würde mir jemand im Kino nach dem Vorspann mitteilen, dass der Film nicht läuft. Ich drehe mich um. Nichts rührt sich. Um uns herum plätschert das Leben weiter – und ich stehe hier mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und dem dringenden Bedürfnis, einen kurzen, aber lauten Monolog zu halten.

Also gehen wir weiter. Burg gestrichen, Plan B. Wir laufen runter Richtung Fluss – Boote schaukeln am Kai, Touristen stehen in kleinen Grüppchen herum, und ich denke: Na gut, wenn schon nicht durch die Burg, dann wenigstens übers Wasser. Ich kaufe Tickets für die Bootstour – 16:15 Uhr, das nächste mit freien Plätzen. Knapp eine Stunde Luft. Also bummeln.

Gent ist schön. Alte Häuser, Kanäle, Cafés – und überall dieses Stimmengewirr, das klingt, als hätte jemand eine Stadt auf „lebendig“ gestellt. Wir schlendern durch die Gassen, lassen uns treiben.
„Schön hier, Hase“, sagt Maren. Julian nickt, und beide haben diesen Blick, der zeigt: Manchmal ist das Wo völlig egal – wenn das Wer stimmt.

Ich selbst bleibe an einer dieser aufklappbaren Reklametafeln hängen, die mitten im Weg stehen. Knie voraus. Autsch. Kein Drama, kein Blut – nur dieser Moment, in dem man spürt, wie die Umstehenden kurz überlegen, ob sie lachen dürfen. Silke schaut mich an, hebt eine Augenbraue, und das reicht mir schon.

Plötzlich bleibt Lars stehen. Eine Parfümerie. „Da muss ich rein“, sagt er mit diesem Blick, den andere Männer haben, wenn sie irgendwo ein Autohaus entdecken.
Drinnen legt er los. Ich schwöre: Der Mann erkennt jeden Duft. Jeder Flakon, den er in die Hand nimmt, wird nicht einfach nur beschnuppert – er zerlegt ihn in seine Einzelteile. „Holzige Basis, ein bisschen Moschus, Zitrus im Auftakt.“
Ich nicke ehrfürchtig – meine Nase sagt: ‚riecht gut‘, mein Hirn: ‚passt‘. Das ist jedes Mal dasselbe: Ich bin ehrlich begeistert. Und das meine ich jetzt – ganz selten für meine Verhältnisse – ohne jede Ironie.

Wäre Lars nicht E-Commerce-Manager, er könnte jeder Parfümerie Konkurrenz machen. Oder gleich ein eigenes Duft-Imperium eröffnen, mit Werbeslogan: „Lars – der Mann, der Düfte lesen kann.Es wird gesprüht, gerochen, erklärt – Lars ist in seinem Element. Silke hält ihm einen Flakon unter die Nase. Er schnuppert kurz, nickt: „Das ist Dior, Jasmin in der Herznote, Patchouli im Abgang.“ Die Verkäuferin hinterm Tresen guckt, als hätte Lars ihr gerade heimlich ins Skript geschaut. Und dann bin ich dran. Ich bin regelmäßig sein Duftopfer. Meine Nase muss immer herhalten. „Riech mal“, sagt er und hält mir ein Teststäbchen hin.
Ich ziehe vorsichtig die Luft ein. Für mich riecht’s nach … naja, Parfum eben.
„Und?“, fragt er.
„Ähm… frisch?“
„Frisch“, wiederholt er und sieht mich an, als hätte ich bei einer Mathearbeit auf die Frage 2+2 einfach „irgendwas mit Zahlen“ geschrieben.

Es ist wirklich der Hammer. Er erkennt Düfte, als wären sie Pop-Songs, und er wüsste sofort Interpret, Album und Erscheinungsjahr. Und ich stehe daneben, nicke ehrfürchtig – und schäme mich ein bisschen, weil meine Nase offenbar auf dem Entwicklungsstand einer alten Kellerassel hängen geblieben ist.

Wir mussten Lars irgendwann aus der Parfümerie zerren. Er steht da zwischen Flakons wie Mozart am Klavier. Einmal kurz geschnuppert, zack – Analyse. „Holzig, mit einer Spur Vanille. Basisnote Ambra.“ Beeindruckend, aber nach zwanzig Minuten roch für mich einfach alles wie „ein Festival der Düfte“.

Draußen dann das Übliche. Nicht nur Lars, sondern alle bekommen ein Hüngerchen. So ein kollektives Familienknurren, das klingt, als würde irgendwo ein Rudel Labradore langsam ungeduldig. Also Planänderung: schnelles Essen beim goldenen M. Hauptmahlzeit verschieben wir auf den Abend in Breskens. Weil – und da bin ich eigen – ich fahre ungern eine Stunde Auto, wenn ich vorher so voll bin, dass mir der Gurt nur noch als medizinische Kompression dient. Nach einem richtig großen Essen rolle ich mich nämlich am liebsten auf die Couch, und nicht auf die Autobahn.

Nach dem kleinen Snack bei Mäces – nichts Großes, nur so viel, dass der innere Schweinehund wieder im Zwinger sitzt – müssen wir direkt weiter. Richtung Bootstour.
Keine Zeit für Verdauung, kein Platz für Dramen. Man hat ja so ein Bild im Kopf: gemächlich über die Kanäle schippern, entspannt in die Sonne blinzeln, ein bisschen Geschichte aufs Ohr.

In Wahrheit rennen wir im leichten Laufschritt durch Gent, weil es schon 16:10 ist und das Boot um 16:15 ablegt. Ich vorneweg, Lars hinter mir, Maren und Julian im Pärchen-Schritttempo, Vanessa irgendwo dazwischen – und Silke, völlig unbeeindruckt, als wäre das hier ihr täglicher Weg zur Arbeit.

Am Kai stehen die Boote, Menschen drängeln sich, Schirme spenden Schatten. Die Kapitänin ruft schon nach den letzten Tickets. Wir hechten an Bord. Ich mit dem Blick eines Mannes, der denkt: Wenn ich jetzt stolpere, fliege ich mit dem Kopf voran in diesen belgischen Kanal und stehe morgen in der Zeitung.

Wir sitzen also im Boot. Ganz hinten. Nicht, weil wir strategisch besonders schlau wären oder die Aussicht dort besser ist. Nein – weil wir wieder mal zu spät waren. Vorne alles voll mit Frühaufstehern, die aussehen, als hätten sie die Plätze seit 6 Uhr morgens mit Campingstühlen blockiert.

Also hocken wir hier. Direkt vor so einem Kasten. Ich vermute: der Motor. Könnte aber auch ein Kühlschrank oder ein Sarkophag sein – man weiß es nicht genau. Fakt ist: Das Ding vibriert. Und zwar dauerhaft. Ein dumpfes „BRRRRRRRRRR“, das sich durch die Sitzbank frisst, mir die Wirbelsäule hochkriecht und dann irgendwo zwischen Schulterblättern und Hintern explodiert. Kostenlose Ganzkörpermassage. Allerdings nicht die entspannte „Wellness-Variante mit Klangschale“, sondern eher: „Rüttelplatte im Hardcore-Modus“. Trotzdem … sagen wir mal so: In einer anderen Szenerie, mit gedämpftem Licht und vielleicht ohne 40 Touristen im Boot – man könnte mit diesen Vibrationen durchaus kreativ arbeiten. Silke guckt mich kurz an, so ein Blick nach dem Motto: Ich weiß genau, was du gerade denkst, und sag jetzt bloß nichts. Und dann kommt noch der Duft. Ein subtiler Mix aus Diesel, altem Holz und der Erinnerung an Touristen, die schon vor uns hier saßen und geschwitzt haben. Romantik pur.
Hinten sitzen heißt eben: man bekommt nicht die beste Aussicht, sondern das volle Programm. Vibration, Motorgeruch und das beruhigende Gefühl, dass man im Notfall garantiert als Letzter gerettet wird.

Die Bootsführerin vorne gibt sich Mühe, spricht über die Geschichte der Stadt, die drei Türme, die Karl-V.-Geburtsstätte – und ich nicke höflich, obwohl ich eigentlich nur das Dröhnen höre. Für mich klingt alles wie: „Hier links… brrrrr… mittelalterlich… brrrrr… und dann Karl der… brrrrrr…“ – und ich, eh schon halbtaub, denke: Ja. Wird schon stimmen.

Der Mann vor mir – wir kennen uns nicht, wir werden uns auch nie kennenlernen – klappt beim Fotografieren seine Ellenbogen so weit aus, dass er kurz davor ist, mir die Brille in den Schädel zu rammen. Silke neben mir grinst, als sei das mein natürlicher Lebensraum: eingekeilt zwischen Motor, Ellenbogen und Stadtgeschichte.

Maren und Julian sitzen da, als würden sie einen Liebesfilm sehen. Händchenhaltend, verträumte Blicke. Das Boot könnte in Flammen aufgehen – sie würden’s nicht merken.
Und ich? Ich sitze auf dem Boot, schaue über das Wasser und denke: Verdammt, ist das schön hier.
Silke sitzt mir gegenüber, die Kinder verteilt über die Bankreihen – und alle wirken entspannt. Ich lasse die Sonne ins Gesicht scheinen und spüre, wie dieser Mix aus Wasserplätschern, Motorbrummen und Stadtgeräuschen so etwas wie Urlaubsgefühl produziert. Ein ganz leiser Gedanke schleicht sich ein: Wenn jetzt nichts mehr schiefgeht … dann wär’s fast zu perfekt.

Und genau in diesem Moment passiert es.

Die Möwe.
Sie kreist einmal über uns, setzt zum Sturzflug an – und zack! Volltreffer. Direkt auf Lars’ Kopf.

Stille.

Er fasst sich ungläubig aufs Haupthaar, betrachtet seine Hand. Und läuft rot an. Dann explodiert Lars. „Das glaube ich ja jetzt nicht. Dieses Ekelvieh hat mich angeschissen. Auf meine Haare!“ Er springt auf, das Boot wackelt gefährlich, zwei Rentner vorne kreischen. Vanessa zieht hektisch an seinem T-Shirt: „Hase, setz dich hin, du bringst uns noch alle ins Grab!“
Doch er sagt nur: „Fass mich nicht an, Hase. Ich bin kontaminiert.“ Er ist längst im Ausnahmezustand. „Die hat doch extra gezielt! Hat vorher nochmal runtergeglotzt und gedacht: Der da, der ist es, unser Opfer!“ Er rudert so wild im Haar herum, dass die halbe Sitzreihe in Deckung geht. Maren biegt sich vor Lachen, während ich einfach nur froh bin, dass ich nicht bekackt wurde.
„Ich habe Möwenschiss im Haar! Das ist nicht lustig, Maren“, brüllt Lars. Das Boot tobt, einige Leute lachen, andere schauen angewidert weg. Vanessa drückt ihm verzweifelt ein Taschentuch in die Hand, Julian kichert, Silke guckt nach vorn, als würde sie uns gar nicht kennen. Ich sage nur zu Lars: „Tja, mein Sohn – wer meine Gene hat, kriegt das Chaos gratis im Abo.“

Das Boot legt an, die Kapitänin verabschiedet uns freundlich, als wäre nichts passiert. Für sie war’s eine Tour wie jede andere – für uns eher ein Abenteuer im Bereich ornithologischer Nahkontakte. Lars stapft an Land, immer noch mit diesem Gesichtsausdruck zwischen Beleidigung und Tragödie. Dann zu Vanessa, dramatisch und laut genug, dass sich gleich drei Passanten umdrehen: „Hase, wir müssen was tun. So kann ich nicht rumlaufen.“

Vanessa nickt ernst, als ginge es um eine Operation am offenen Herzen. „Wir finden was. Shampoo, Mütze, irgendwas.“
„Oder eine Ganzkörper-Desinfektion!“, zischt Lars zurück. Maren lacht Tränen, Silke tut so, als würde sie im Geiste schon längst woanders Urlaub machen, und ich denke: Jetzt wird es richtig interessant.

Kaum hat er den Steg verlassen, stürmt Lars los, als wäre der Teufel hinter ihm her. Erste Drogerie, direkt rein da – Vanessa kommt kaum hinterher. Währenddessen verschwinden Maren und Julian in eine Boutique. Einfach so. Ohne Diskussion. Als hätten sie innerlich beschlossen, dass man so ein „Gent-Drama“ am besten in Baumwolle und Kaschmir verarbeitet. Silke und ich bleiben draußen, schauen uns an. „Und jetzt?“, frage ich.
„Jetzt warten wir“, sagt sie trocken.

Ich lehne mich an die nächste Hauswand, sehe durch die Schaufensterscheiben, wie Lars mit ernstem Gesicht verschiedene Shampoos inspiziert. Noch zwei Minuten länger und ich ernenne ihn zum ‚Minister für Haarangelegenheiten‘.“

Er kommt aus der Drogerie mit prall gefüllter Tüte. Shampoo, Haarspray, vermutlich noch ein Notfall-Kamm und eine Bürste. Ich guck ihn an, dann auf die Tüte, dann wieder ihn: „Und was hast du jetzt vor? Willst du dir beim Mäces die Haare auf dem Klo waschen?“
„Was ich vor hab?“ zischt er, während sein Blick schon fiebrig über die Straße huscht.
„Ich brauche Wasser, einen Spiegel und Ruhe. Er zeigt rüber zu einem noblen Hotel, „…ich buch einfach ein Zimmer. Nur für die Dusche!“ In seinem Kopf gibt’s nur eine Option: Jetzt sofort die Haare waschen.  Ich steh daneben, schau ihn an und denke: So eine Möwe kann dir ganz schnell das komplette Wochenende versauen.

Lars rennt los. Tüte unterm Arm, Blick nach vorn wie ein Mann auf Mission Impossible. Vanessa ruft noch hinterher: „Hase, bleib doch mal ruhig!“ – aber das hat ungefähr so viel Wirkung wie ein Stopp-Schild bei der Tour de France. Er erreicht die Lobby des Hotels. Ein ziemlich nobles Ding, viel Marmor, noch mehr Gold. Lars knallt seine Tüte auf den Tresen und schnauft: „Ich brauche sofort ein Zimmer. Mit Badewanne. Oder wenigstens ’ne Dusche. Am besten beides.“ Die Dame am Empfang lächelt professionell: „Natürlich. Darf ich fragen, für wie viele Nächte?“ Lars fuchtelt mit beiden Händen an seinem Kopf herum: „Nächte?! Ich habe belgische Möwenscheiße im Haar! Ich brauch keine Nacht, ich brauch Wasser! JETZT!“ Hinter ihm Vanessa, die versucht, ihn wieder auf Normalmaß runterzuholen. „Lars, bitte reiß dich zusammen, … die denken gleich, wir drehen hier Verstehen Sie Spaß …?
Die Dame hinterm Tresen guckt Lars an, dann seine Haare. Sie seufzt leise, als hätte sie gerade beschlossen, heute noch ein gutes Werk zu tun. „Kommen Sie mit, junger Mann. Da hinten ist ein Gästebad.“ Lars verschwindet mit seiner Drogerietüte, als hätte er die goldene Eintrittskarte in die Erlösung gezogen. Vanessa trottet hinterher, leicht beschämt, aber tapfer.

Silke und ich stehen draußen am Geländer und warten. Nach ein paar Minuten kommen Maren und Julian dazu. Julian präsentiert sein neues weißes T-Shirt, als wolle er gleich Werbung für Waschmittel drehen. Nur Lars fehlt noch – irgendwo im Hotelbad, vermutlich im Clinch mit Föhn, Spiegel und seiner eigenen Eitelkeit.
Vanessa kommt raus, halb lachend, halb verzweifelt. „Er ist noch nicht fertig. Er macht noch eine Haarkur.“
Ich starre sie an. „Bitte was?! Wir stehen hier wie Touristen auf Standby, und er macht Wellness?“  
Und dann – nach einer gefühlten Ewigkeit, geht die Hoteltür auf. Lars kommt raus, als hätte er gerade nicht nur seine Haare gewaschen, sondern einen kompletten Neuanfang im Leben hingelegt. Er strahlt, die Haare glänzen im Gegenlicht, jede Strähne sitzt wie aus dem Handbuch fürs Friseurexamen.

Er läuft auf uns zu, nicht einfach so – nein, mit diesem federnden Schritt, den sonst nur Leute draufhaben, die frisch verliebt sind oder im Lotto gewonnen haben.
„Leute!“, ruft er, „schaut euch DAS an!“ Und er schüttelt demonstrativ den Kopf, sodass die Haare in Zeitlupe wehen – zumindest in seiner Vorstellung. Vanessa quietscht: „Hase, du bist wunderschön!“
„Ich weiß!“, sagt er ohne den Hauch von Ironie, und sein Grinsen geht einmal quer durchs Gesicht. Ich seufze. „Junge, das ist ein Städtetrip, keine Drei Wetter Taft-Gala.“ Aber Lars hört mich schon nicht mehr. Er fährt sich nochmal über die Haare, als müsste er sicherstellen, dass sie auch wirklich alle noch da sind, und nickt zufrieden. Silke flüstert trocken: „Der Junge hat die gleiche Beziehung zu seinen Haaren wie andere zu ihrem Erstgeborenen.“

Und so marschieren wir weiter – Lars vorneweg, stolz wie ein Pfau, der gerade sein eigenes Spiegelbild entdeckt hat. Maren grinst über beide Ohren, weil sie ihren Bruder so herrlich albern findet, und Julian nimmt’s locker wie immer. Ich geh hinterher, schau mir das Ganze an und denke mir: Wenn meine Kinder glücklich sind, dann bin ich’s auch. Egal, ob das Glück gerade in einer frisch gewaschenen Frisur besteht oder in einer Tüte Pommes – Hauptsache, sie lachen.

Lars stürzt wieder in jede Parfümerie, die nicht bei drei die Türen verriegelt. Während er sich dort in Duftwolken einnebelt, entdeckt Maren ein Outfit, das so schick ist, dass man fast schon Eintritt verlangen müsste, nur um sie darin anzuschauen.

Wir schlendern zurück Richtung Autos. Lars, inzwischen ein wandelndes Duftlabor, hält mir immer wieder seinen Arm unter die Nase. „Hier, Papa. Riech mal. Das ist ‚Oud mit einer Note von Zitrus‘.“
Ich nicke, schnuppere. „Lecker.“ Fünf Schritte weiter kommt der nächste Arm. „Und hier – Moschus, Vanille, ein Hauch von Leder.“ Ich schnuppere wieder. Und so geht’s weiter, bis ich mich irgendwann frage, ob ich heute Abend überhaupt noch normal atmen kann oder ob ich dauerhaft nach Douglas riechen werde.

Wir kommen nach einer Stunde Fahrt endlich wieder in Breskens an. Die Autos voll, die Köpfe leicht benebelt – teils von Sonne, teils von Lars’ Parfüm-Offensive.

Oben in der Wohnung stapeln wir erst mal die Einkäufe. T-Shirts, Hosen, Marens Outfit, das wahrscheinlich einen eigenen Kleiderschrank verdient hätte. Dann genehmigen wir uns einen. Lars schnuppert an seinem Glas, als wolle er auch hier die Duftnoten auseinanderpflücken. „Leichte Fruchtigkeit, minimaler Säureton, ein Hauch von …“
„Alkohol“, sage ich. „Das reicht völlig.“

Und während die Sonne draußen langsam untergeht, sitzen wir da, lachen über den Tag, die Burg, die Möwe und die Parfümerie-Eskalationen – bis Lars es wieder sagt: „Jetzt habe ich ein Hüngerchen!“
Keiner widerspricht. Nicht, weil wir alle höflich wären – sondern weil wir wissen: Diskutieren bringt nix. Hunger ist bei Lars ungefähr so verhandelbar wie die Schwerkraft. Außerdem hängt auch mir der Magen auf dem Boden.

Also Aufbruchsstimmung. „Wir machen uns noch mal frisch“, heißt es. Im Klartext bedeutet das: Die Damen verschwinden ins Bad, als ginge es gleich auf den roten Teppich.
Julian zieht sein neues weißes T-Shirt an – und sieht dabei aus, als würde er die Wiedergeburt von „Ariel: Nicht nur rein, sondern weiß“ persönlich verkörpern. Lars verschwindet aufs Klo. Maren seufzt nur trocken: „Das kann dauern.“
Ich nicke wissend. In der Zeit könnte man ein Brot backen, das Boot in Gent noch mal fahren oder die Burg vielleicht sogar zwei Wochen im Voraus buchen.

Schon nach einer halben Stunde kommt Lars raus, sichtlich erleichtert, als hätte er gerade die Welt gerettet. „Boah ey, das war nötig“. Keine zehn Minuten später kommt Maren aus dem Bad zurück und bleibt sofort stehen. Sie verzieht das Gesicht, fächelt sich Luft zu und sagt: „Lars … das ist jetzt nicht dein Ernst. Hier drin hält’s ja keiner aus.“
Der Geruch zieht mittlerweile durchs ganze Luxus-Appartement. Keine Chance zu entkommen – egal, ob Wohnzimmer, Küche oder Balkon, überall hängt diese unsichtbare Wand. Ich sehe mich um und sage trocken: „Wenn wir abreisen, muss hier neu renoviert werden. Neuer Boden, neue Tapeten, am besten gleich ein kompletter Abriss.“

Vanessa hält sich die Nase zu, fängt an zu würgen und japst: „Hase, was hast du gemacht, das frisst sich ja durch die Tapete! Geh mal zum Arzt, du bist am Verwesen.“

Maren guckt Lars an, als hätte er gerade ein Meisterwerk vollbracht – und ich frage mich ernsthaft, wie Gent, Möwe und Parfümerie gegen das hier überhaupt Chancen hatten.

Silke hält sich den Bauch, verzieht das Gesicht und sagt nur: „Mir wird schlecht. Wir müssen hier raus.“
Ich stimme ihr zu: „Los Leute, beeilt euch, bevor der Putz von der Wand fällt.“

Kurz darauf sind wir alle schick, dezent parfümiert und erstaunlich synchron in der Meinung: ab nach draußen, frische Luft und Essen. Wir verlassen die Wohnung fluchtartig, taumeln benommen auf die Straße. Und dann, wie selbstverständlich: ab in Gino’s Grillhuis.

Der Kellner nimmt unsere Bestellung auf. Ich atme einmal tief durch und denke: Okay. Wir haben es geschafft. Von der Burg, über die Möwe, durch die Parfümerien und Hotels, und durch den Gestank aus Lars’ Sitzung, der vermutlich noch immer wie ein böser Geist durchs Appartement schwebt – bis hierher. Alles ruhig, alles entspannt. Kein Chaos. Also wie immer.

Und ehe ich überhaupt kapiere, wie schnell das ging, kommt der Kellner schon mit dem ersten Essen. Und da steht es plötzlich auf dem Tisch: Türkse Sote Pikant – für vier Personen, also für Maren, Silke, Vanessa und Julian. Ein halber Meter Metallwanne, bis obenhin gefüllt mit Fleischstücken, Zwiebeln, Paprika und einer Soße, die blubbert, als hätte sie eigene Pläne. Obendrauf: Tomaten in Handballgröße und Brotfladen, die aussehen, als würden sie das Ganze gerade noch so im Zaum halten. Die vier starren darauf, als hätte jemand versehentlich die Essenslieferung für einen halben Campingplatz bei ihnen abgeladen. Lars kommentiert trocken: „Boah, was ein Mopped.“

Dann kommen die Köstlichkeiten für Lars und mich: Iskender Kebab. Gehacktes Lamm, ordentlich gewürzt, drapiert auf knusprigen Brotstücken, ein roter See aus Tomatensauce, dazu Joghurt – den ich gnadenlos gegen Knoblauchsauce eintausche. Und Fritten.

Ich starre auf den Teller, Lars grinst breit. „Das“, sagt er und deutet mit der Gabel auf das Lamm, „ist Champions League. Fleisch auf Fleisch, und obendrauf noch Knoblauch. Das haut dir nicht nur den Hunger weg, das macht auch morgen noch Eindruck.“

Der Tisch sieht inzwischen aus wie ein türkisches All-you-can-eat-Endspiel. Links die Fleischwanne deluxedaneben unser zerstückeltes Lamm. Ich sehe auf die beiden Gerichte und sage: „Wenn wir das schaffen, brauchen wir nicht zurückfahren. Wir rollen einfach nach Deutschland.“

Alle probieren, und plötzlich ist es mucksmäuschenstill. Nur Schmatzen, Nicken, Gläserklirren. Jeder guckt jeden an – und es ist klar: das ist verdammt lecker. Maren strahlt: „Boah, das ist ja der Hammer!“ Julian kaut andächtig und hebt den Daumen.
Vanessa schiebt schon die zweite Gabel nach, als müsse sie den Vorsprung halten. Sogar Lars sagt nichts – und das will wirklich was heißen.

Keine Ahnung, wie es passiert ist – plötzlich schreit Julian auf. Er starrt entsetzt auf sein nagelneues, strahlend weißes T-Shirt. Jetzt ziert es ein knallroter Soßenfleck in der Größe eines Kontinents.„NEIN!“, japst er, „nicht mein Shirt!“ Und sofort beginnt er, mit einer Serviette darauf herumzurubbeln, als könne er den Fleck einfach wegradieren.

Silke hebt trocken die Hand: „Lass es. Sonst sieht’s gleich aus wie ein Schlachthof in Pastell. Damit machst du’s nur schlimmer!“ Julian friert ein. Blick zur Serviette. Blick zu Silke. Blick zum Fleck. Dann seufzt er tief, legt die Serviette weg – und murmelt: „Geil. Ich bin jetzt das offizielle Testgelände für Fleckenentferner.“ Ich betrachte das Drama – und denke: Van Gogh hätte dafür Applaus bekommen.

Julian hat immer noch diesen Gesichtsausdruck, als hätte er gerade ein Familienerbstück an die Soße verloren. Maren schiebt ihm wortlos sein Glas hin: „Trink mal was, Hase. Hilft bei allem.“
Er nimmt einen Schluck, und starrt ins Leere, als müsse er das Trauma erstmal innerlich einordnen. Lars hebt grinsend die Gabel: „Junge, jetzt bist du offiziell Teil unserer Chaos-DNA. Willkommen im Club.“ Julian schaut ihn nur an und nickt – widerwillig, aber irgendwie auch erleichtert.

Langsam wird es ruhiger am Tisch. Die Teller leeren sich, die Gespräche plätschern dahin, zwischendurch lacht jemand, und dann herrscht wieder diese zufriedene Stille, die nur nach einem langen, chaotischen, aber doch schönen Tag entstehen kann.

Draußen sind die Straßenlampen längst an, durch die Scheiben schimmert das Licht, und man hört gedämpft das Klirren aus der Küche. Alle sind satt, müde, ein bisschen benebelt vom Alkohol – und vom Lachen. Irgendwann sagt Silke: „So. Morgen kein Chaos mehr, ja?“ Und wir alle nicken – wissend, dass das eine der größten Lügen des Abends ist.

Am nächsten Morgen sitzen wir alle halbwach beim Frühstück. Keiner redet über Möwen, Parfümerien oder Flecken. Fast so, als wäre das alles nur ein böser Traum gewesen. Bis Silke nach dem zweiten Kaffee trocken meint: „So. Und jetzt wird gepackt.“
Stille.
Man spürt, wie die Laune in den Keller rauscht. Lars verzieht das Gesicht, als hätte sie „Heute nur Bodenturnen“ gesagt. Maren stöhnt: „Kann man das nicht outsourcen?“
Vanessa grinst: „Ja, an wen denn – an die Möwen?“
Und dann geht’s los. Koffer, Taschen, Tüten. Klamotten, die gestern noch „neu und schick“ waren, liegen plötzlich in Haufen auf dem Boden, als hätte jemand eine Boutique geplündert.
Lars stürmt ins Bad, kommt mit Haarspray, Shampoo und Spülung wieder. Julian hält sein mittlerweile rosa-kunstvolles T-Shirt hoch und fragt: „Pack ich das noch ein – oder gebe ich’s gleich ins Museum?“ Silke sortiert währenddessen mit eiserner Logik alles nach Farben, nach Größe, nach Gewicht. Ein System, das keiner außer ihr versteht – aber wehe, jemand legt ein fremdes T-Shirt obendrauf. Maren stapelt Outfits, als wolle sie die Pariser Fashion Week alleine bestreiten. Vanessa sitzt auf ihrem Koffer und versucht verzweifelt den Reißverschluss zu schließen.
Und ich?
Ich stehe mitten im Chaos, halte ein halbvolles Glas Cola light in der Hand und denke: Wochenende ist fast vorbei, aber das eigentliche Abenteuer beginnt jetzt – alles muss wieder in die Autos.

Silke, Vanessa und ich tragen schon mal den ersten Schwung zum Aufzug. Grill, Gasflasche, Koffer, Wäschekorb mit meiner Männerhandtasche – alles drin. Ich bleibe im Aufzug, damit nichts geklaut wird, die beiden holen noch mehr Kram.

Es dauert mir schließlich zu lange. „Komm, stellste halt einen Koffer in die Tür, die Lichtschranke macht schon ihren Job.“ Ja von wegen!
Plötzlich schließt sich die Tür. Ich denk noch: „Alles gut, die geht gleich wieder auf.“ Aber nix da – die Tür beißt sich richtig fest. Der Koffer quietscht, ich ziehe ihn mit aller Gewalt raus. Tür zu.
Und der Aufzug fährt los.

Mit Grill. Mit Koffern. Mit Wäschekorb. Mit Männerhandtasche. Mit all meiner Existenz. Aber ohne mich.

Panik.

Genau in dem Moment kommen Silke und Vanessa um die Ecke. Silke guckt mich an: „Was machst du da?“
Ich keuche: „Der Aufzug ist weg!“
Sie blinzelt. „Wie … weg?“
„Na, weg! Losgefahren! MIT ALLEM!“
„Du solltest doch aufpassen!“

Und dann setze ich zum Spurt an. Erst hoch: 5., 6., 7., 8. Stock – nix. Kein Aufzug. Ich hör ihn irgendwo rumpeln. Also wieder runter. Im 4. Stock bleib ich noch mal stehen, Silke und Vanessa schütteln nur mit dem Kopf. Ich nehme die Beine in die Hand: 3., 2., 1., EG, Keller – immer noch kein Aufzug. Puls auf 180, Schweiß in allen Ritzen. Ich laufe wieder hoch in den 4. Stock – und da sehe ich ihn: Der Aufzug. Offen. Alles noch drin. Meine Männerhandtasche grinst mich quasi an. Und Silke und Vanessa stehen daneben und lachen sich halb tot.
Ich? Fertig wie eine Schnitte Brot. Ich lehne mich an die Wand, ringe nach Luft und sage nur: „Wisst ihr was? Über alte Leute macht man sich nicht lustig, das ist schlechtes Benehmen. Schon gar nicht, wenn ich gerade einen Treppenhaus-Triathlon hinter mir habe.“
Silke und Vanessa kriegen sich gar nicht mehr ein, kichern wie zwei Teenager beim Schulfest. „Du bist kein Triathlet, du bist ein Drama-Athlet“, sagt Silke. Ich stapfe beleidigt in den Aufzug, schnappe mir meine Männerhandtasche und halte sie hoch wie einen Pokal.

Zwanzig Minuten später ist das Lachen verraucht, der Grill, die Gasflasche, Koffer, Taschen und das komplette Chaos in den Autos verstaut. Alles ist gepackt. Alle stehen leicht verschwitzt da, als hätten wir gerade ein erfolgreiches Umzugsunternehmen gegründet.

Auf geht’s – zurück nach Kall. Die Karawane setzt sich in Bewegung. Zwei Autos, voll bis unters Dach, jeder Zentimeter genutzt. Lars schnüffelt noch einmal an seinem Arm, Maren rollt die Augen, Vanessa checkt zum zehnten Mal, ob ihr Koffer wirklich drin ist.

Nach knapp vier Stunden ist es soweit: Heimat. Das Wochenende ist vorbei, das Chaos leider nicht – das wohnt bekanntlich bei uns. Wir laden unsere Sachen aus, die anderen kommen noch mit rein. Wir sitzen alle auf der Terrasse, leicht zerknittert, aber zufrieden. Die letzten Sonnenstrahlen, ein bisschen Wind, und wir lassen die Tage noch einmal Revue passieren.

Ich bedanke mich bei allen für das großartige Geschenk, sage, wie sehr ich mich gefreut habe – und füge mit ernster Miene an: „Und das Beste war: Alles so ruhig, so entspannt, völlig gechillt. Kein Chaos. Absolut harmonisch.“

In dem Moment grinst Lars, Maren rollt mit den Augen, Vanessa fängt an zu kichern und Julian denkt an sein rotes T-Shirt. Silke schüttelt den Kopf. Kurz: alle wissen, dass es die dreisteste Lüge seit der Erfindung des Märchens ist.

Aber egal – ich habe mich wirklich riesig gefreut. Und dann machen sich die Vier langsam auf den Weg nach Hause. Und ich sitze noch da, lange nach dem Winken – mit einem Herzen so voll, dass ich kaum weiß, wohin damit.

Und während die Stille zurückkehrte, spürte ich, wie tiefes Glück klingt:
Es hat die Stimmen meiner Kinder, und das Herz meiner Familie.
Mehr Reichtum braucht kein Mensch.

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