Mission Moseltal

Ein Mann, ein Ziel, aber kein stilles Örtchen

Silke steht da. In dieser schwarzen Sportleggings, die nichts verheimlicht – nicht ihre Entschlossenheit und auch nicht ihren Plan für meinen Samstag.
„Wir fahren wandern“, sagt sie, als wäre das ein Geschenk, auf das ich so lange gewartet habe. „Wer ist wir?“ frage ich, während ich das Croissant in meiner Hand so halte, als könnte es mir Hoffnung auf Rettung geben. „Du und deine Mädels? Oder willst du mir jetzt sagen, dass ich der Held dieses Abenteuers bin?“
„Nur du und ich“, sagt sie, als ob das das Beste ist, was mir genau in diesem Moment passieren könnte. „Ich will dir einfach mal zeigen, wie viel Spaß du außerhalb deiner vier Wände und mit ein bisschen Bewegung haben kannst.“

Alexa meldet sich: „Es ist perfektes Wanderwetter in der Eifel. Pack Sonnencreme ein, Micha.“

Ich schaue sie an. „Alexa, wieso mischst du dich ein? Ich hoffe, du rutschst digital auf einer nassen Baumwurzel aus. Und wieso meinen hier alle, sie könnten über mein Leben bestimmen, ich bin schon groß! Ich laufe jeden Tag elf Kilometer bis Gemünd und zurück“, sage ich. „Das ist kein Spaziergang. Das ist ein Vertrag mit meinem inneren Schweinehund. Warum jetzt noch wandern?“
„Du brauchst Abwechslung“, sagt sie. Abwechslung. Als ob mein Leben sonst eine Dauerschleife zwischen Netflix und gesalzenen Erdnüsschen wäre. „Ich brauch keine Abwechslung“, sage ich. „Ich habe eine Katze und dich. Das reicht.“

Silke ignoriert mein letztes Argument, wie man ein Klingeln an der Tür ignoriert, wenn man gerade pudelnudel durchs Haus flitzt. Stattdessen steht sie da – Arme in die Hüften gestemmt, die Augenbrauen auf Halbmast. „Du brauchst frische Luft“, sagt sie.
„Ich kann die Terassentür aufmachen“, sage ich. „Bett, Klo, Küche, Sofa. Reicht, ich hatte schon Bewegung.“
„Du musst mal raus.“
„Ich war gestern beim REWE. Mit dem E-Scooter.“

Sie setzt sich auf die Sofakante, so wie nur Leute sitzen, die gleich Dinge durchziehen wollen – Putzpläne zum Beispiel. Oder Wanderungen.

„Michael“, sagt sie in diesem Ton, bei dem ich weiß: Sie meint es gut. Was es aber meist noch schlimmer macht.

„Wieso sagst du Michael? So hat meine Mutter mich immer gerufen, wenn ich wieder mal Scheiße gebaut habe.“
„Weil du dich gerade benimmst wie ein bockiger Siebenjähriger mit Playstation-Verbot“, sagt sie. Ich blicke nach draußen und frage mich, wo eigentlich dieser Wettergott bleibt, wenn man ihn mal dringend braucht. Warum kann er nicht spontan mit riesigen Hagelkörnern um sich schmeißen?

Ich seufze. Tief. Dramatisch. „Weißt du, was Samstag für mich ist? Ein Sofa. Meine Kuscheldecke. Und niemand, der mir mit seiner blöden Komoot-App den Tag versaut.“ Dann lehne ich mich zurück, schließe die Augen – und tue so, als hätte ich mich gerade in Luft aufgelöst.

Natürlich klappt das nicht. Denn Silke steht da, in ihren schwarzen Leggings und tippt auf meine Wade. Das ist ihr Code für „Los jetzt, Chaos-Queen. Wir haben einen Berg zu erklimmen.“ Kein Mitleid. Kein Zögern. Ich japse leise, deute mit dem Finger auf mein Herz. „Siehst du das? Da ist Schmerz. Echter Schmerz. Ich hatte Pläne. Ich wollte nichts tun. Und dann noch weniger.“
„Ich weiß“, sagt sie. „Aber du siehst dabei so traurig aus, das muss man einfach unterbrechen.“
„Ich bin nicht traurig, ich bin friedlich! Das ist mein Ruhemodus! Den erreich ich nur zweimal im Monat – und nur mit viel Übung!“
„Ach komm jetzt. Du darfst auch unterwegs fluchen und rülpsen“, sagt sie.
„Mach ich doch eh.“
„Dieses Mal aber offiziell. Ohne Augenrollen und Beschimpfungen von mir. Du darfst sogar Menschen beleidigen, die uns überholen. Nur keine Grundschüler mehr Klappspaten nennen.“
Ich nicke langsam. Das ist neu.
„Und am Ende kriegst du Apfelkuchen.“
„Echt jetzt?“
„Mit viel Sahne. Und wenn du willst, darfst du auch kleckern.“
Ich hebe eine Augenbraue. „Ohne dass du ein Foto davon machst und auf Insta einstellst?“
„Versprochen.“

Ich atme tief durch. Schließe die Augen. Und sage: „Ich mach’s.“

Ich habe ja gesagt. Also: Ja gesagt. Also … so ein „Na gut“-Ja. Kein richtiges Ja. Kein überzeugtes Ja. Eher so ein innerlich weinendes Kopfnicken, das man macht, wenn man weiß: Das wird heute nix mit Sofa und selektiver Bewegungsvermeidung.

Ich trotte in Richtung Schlafzimmer. „Ich zieh mich dann mal um“, murmele ich. Und dann passiert das, was immer passiert, wenn ich etwas „mal eben“ machen will: ich stehe ratlos vorm Kleiderschrank. Wie ein Mann, der nicht nur seinen Glauben, sondern auch seine Funktionsunterwäsche verloren hat. „Wo ist denn … das … äh … mein Wanderzeug?“, rufe ich in den Flur, während ich in einem Berg aus Fleecejacken und alten Festival-T-Shirts wühle, die allesamt das Etikett ’nicht atmungsaktiv‘ in sich tragen.

Silke erscheint in der Tür. Bleibt stehen. Nimmt kurz Maß. Und schlägt sich dann mit einer Grazie die Hände vors Gesicht, wie andere Leute bei einem Autounfall. „Was machst du da schon wieder?“, fragt sie. Und ich spüre, wie meine Würde sich leise aus dem Fenster abseilt.

„Ich bügle doch nicht immer umsonst!“, ruft sie. „Warum liegt eigentlich alles, was ich sortiere, drei Tage später wieder unter dem verdammten Wanderrucksack?“

Ich antworte nicht. Nicht weil ich sprachlos bin – sondern weil ich gelernt habe: Mit Silke in diesem Moment zu diskutieren ist, als würde man einem Wasserfall sagen, er soll bitte leiser plätschern. Das endet nass und mit schlechter Laune – auf meiner Seite. Also schweige ich und ziehe mich um.

„So“ sage ich. „Ich bin fertig.“ Ich bin wirklich fertig. Fertig mit der Welt und fertig mit den Nerven. Silke checkt nochmal meine Ausrüstung. So wie Eltern das bei ihren Kindern tun, bevor sie in den Walddorfkindergarten geschickt werden. „Wasserflasche? Sonnencreme? Kappe? Taschentücher?“
Ich starre sie an. „Silke, wir wandern nicht aus, wir gehen spazieren.“
„Dann los jetzt“, sagt sie. Ich atme einmal tief durch und schnappe mir meinen Rucksack. Und sage den Satz, den man nur sagt, wenn man etwas widerwillig tut, aber hofft, dass es wenigstens etwas zu Futtern auf dem Weg gibt: „Na dann.“

Wir steigen ein. Ich fahre. Natürlich. Ich fahre immer. Nach zwei Minuten biegen wir noch schnell auf den Rewe-Parkplatz ab, Silke springt raus. Ich bleibe im Auto sitzen und lasse die Lüftung auf „Überlebensmodus“. Die Sonne knallt, meine Gehirnmasse blubbert.

Wenige Minuten später ist Silke zurück – mit einer Tüte voller Proviant. „Hier, für dich. Käsebrötchen und eins mit gekochtem Schinken. Ohne Remouladengedöns. Nur mit Salat.“
„Sehr aufmerksam“, sage ich dankbar. Sie kennt mich. Ich habe nichts gegen Remoulade – solange sie nicht in meinem Schritt landet. Jetzt will ich einfach in Ruhe an meinem Brötchen knabbern, während ich so langsam realisiere, dass mein entspannter Samstag sich ganz offiziell verabschiedet hat.

Die Fahrt verläuft … ruhig. Was daran liegt, dass ich versuche nicht laut zu weinen. Ich kaue traurig auf meinem Schinkenbrötchen rum. Silke sagt nichts. Muss sie auch nicht. Sie hat gewonnen.

Ich habe nicht mal mehr Kraft zum Fluchen – so leer bin ich. Mein einziger Trost: Das Brötchen war gut. Und trocken. So wie mein Humor. Und mein Widerstand.

Nach einer Stunde, in der ich versuche, mit den Augen einen Notausgang aus der Realität zu finden, rollen wir in Zell ein. Ein verschlafenes Örtchen mit hübschen Gassen und einem Parkplatz, der aussieht, als hätte jemand spontan beschlossen: „Hier ist jetzt dein Platz.“ Ich schalte den Motor aus und starre aus der Windschutzscheibe. Still. Hoffnungslos. So müssen sich Kühe fühlen, wenn der Viehtransporter anhält.

Silke steigt aus, streckt sich, atmet tief durch. „Mmmh, riechst du das? Frische Luft!“ Ich schnalle mich ab wie ein Mann, der hofft, dass sich beim Öffnen der Tür das Universum erbarmt und einfach den Tag absagt. „Willkommen auf dem Liebesschlucht-Rundwanderweg“, sagt Silke. Ich nicke langsam. „Liebesschlucht. Das klingt wie eine RTL2-Doku, bei der am Ende alle weinen. Oder heiraten. Oder wild in der Gegend rumvögeln.“
„Oder wandern“, sagt sie grinsend.

Ich steige aus. Mein linkes Bein zittert ein bisschen. Wahrscheinlich aus Protest. Und dann stehen wir da. Bereit. Also – sie. Ich stehe halt so rum. Mitten im Abenteuer. Mitten im Chaos. Mitten im Samstag, den ich so nie gewollt habe.

Wir marschieren los. Silke mit dieser federnden Entschlossenheit, als würde sie gleich den Jakobsweg rückwärts bezwingen. Ich trotte hinterher wie ein Mann, der aus Versehen in einer Gruppe über Selbstfindung gelandet ist, aber eigentlich nur nach Hause wollte. Der Weg schlängelt sich durch Weinberge. Schön, klar. Natur. Idylle. Aber auch: Steigung. Geröll. Und ein nervöses Knie.

Nach exakt vierhundertneununddreißig Metern – ich habe extra nachgeguckt – ziehe ich zum ersten Mal meine Wasserflasche raus. Silke dreht sich um. „Schon?“
„Ich dehydriere schnell, ich bin ein sehr empfindlicher Mensch“, sage ich.
„Du hast eben im Auto zwei Brötchen gegessen und dazu Cola Light getrunken.“
„Genau. Und jetzt ist der Körper geschockt. Das ist ein medizinisches Problem, das darf man nicht ignorieren.“

Wir gehen weiter. Und ich beginne zu ahnen, warum dieser Weg Liebesschlucht heißt. Nicht wegen romantischer Gefühle, sondern weil man hier irgendwann aus Liebe zur Beziehung aufhört zu meckern. Silke bleibt plötzlich stehen. „Guck mal, ein Schild!“
Ich lese: Panoramablick über das Moseltal – 300 m. Sie grinst nur. Und geht los. Ich blicke in den Himmel. Er ist blau. Verräterisch blau. Keine Gewitterwolke, kein Hagel in Sicht. Ich folge ihr. Mein Körper beginnt zu verhandeln. Mein Rücken sendet kleine Protestnoten ans Gehirn. Meine Füße schreiben bereits Kündigungen.

„Ist das nicht traumhaft?“, ruft Silke.
Ich antworte: „Wenn du das sagst. Ich höre momentan nur mein Zwerchfell schreien.“ Wir erreichen den Ausblick. Silke streckt die Arme aus, als wolle sie die ganze Mosel umarmen. Ich setze mich auf eine Bank. „Ich brauch ’ne Pause.“
„Du hast mehr Pausen gemacht als Schritte“, sagt sie.
„Ich arbeite zyklisch.“ Dann packt sie das Rosinenbrötchen aus. Ich schaue ihr zu. Und spüre: Ich liebe diese Frau. Aber sie ist irre.

Wir wandern weiter. Der Pfad wird so schmal, dass selbst eine Schnecke hier Überholverbot hätte. Rechts eine alte Steinmauer, links geht es gefühlt runter bis direkt nach Luxemburg. Ich setze einen Fuß vor den anderen, vorsichtig, konzentriert, innerlich auf das Schlimmste gefasst – aber nicht auf das, was jetzt kommt.

Etwas zuckt in meinem Augenwinkel. Ich bleibe stehen. Und dann sehe ich sie. In der Mauer, keine dreißig Zentimeter von meinem Gesicht entfernt: Eine Schlange. Kein Witz, kein Stock, keine Eidechse. Eine Schlange. Mit Augen, die sagen: Du bist hier nur Gast, mein Freund. Mein Herz macht einen Satz, mein Hirn brüllt Gefahr, und mein Körper reagiert, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann. Ich trete reflexartig zurück. Einen Schritt. Mehr nicht.

Aber der Schritt geht ins Leere.

Plötzlich kippt mein Gleichgewicht. Der Boden verschwindet unter mir, und ich rutsche – rückwärts, seitwärts, irgendwie abwärts – den Hang hinunter. Erde, Geröll, Steine poltern mit. Laub wirbelt um mich herum. In meinem Kopf nur noch ein Gedanke: So geht es also mit mir zu Ende. Wegen einer verfickten Schlange. Dann – Glück im Unglück – ein Ast. Dick genug, um Hoffnung zu geben, dünn genug, um realistisch zu bleiben. Ich schnappe zu. Die Hände krallen sich fest, ich halte die Luft an. Ich hänge quer im Hang. Schweiß auf der Stirn, Herz in der Hose. Unter mir geht es weiter runter, und zwar viel weiter, als mir lieb ist.

Silke ruft von oben herunter: „Chaos-Queen, was tust du da?“
„Ich … äh … teste nur kurz die Hangstabilität!“, keuche ich. 
Bleib einfach ruhig!“, schreit Silke von oben.
„Ich bin völlig ruhig!“, rufe ich zurück, während ich so schwitze, dass der Ast vermutlich gleich aus meinen Händen rutscht. Sie beugt sich nach vorne, schaut runter. „Kannst du nicht einfach wieder hochklettern?“
„Klar. Ich hänge ja nur aus Jux und Dollerei hier rum, vielleicht mach ich gleich noch ein Picknick.“ Silke verschwindet aus meinem Sichtfeld.
Ich höre Schritte. Dann steht sie wieder oben – mit einem Wanderstock in der Hand.
„Hier, greif!“ Ich sehe den Stock an, sehe die drei Meter zwischen uns und überlege kurz, ob sie wirklich glaubt, dass ich gerade übernatürliche Affenarme bekomme.
„Silke… meine Arme sind zu kurz.“
„Du musst nur wollen!“ Ich will. Aber mein „Wollen“ reicht nur für etwa 50 Zentimeter. Also sucht sie weiter – und kommt schließlich mit einem Ast zurück, der halbwegs etwas taugt. Sie streckt ihn mir hin, ich greife zu, und sie zieht. Das Problem ist: Silke ist leicht. Ich bin 5 Kilo schwerer. Also passiert genau das, was passieren muss: Ich bewege mich nicht einen Millimeter, aber Silke kommt zwei Millimeter näher an den Abgrund.
„Lass lieber!“, rufe ich. „Bevor wir hier beide hängen!“
„Quatsch, das geht schon!“
„Silke, du hast ein Rosinenbrötchen gegessen, keinen Spinat. Du bist nicht Popeye!“

Am Ende klettere ich irgendwie selbst hoch. Mehr kriechend als kletternd, mehr keuchend als würdevoll. Als ich wieder oben bin, klopft Silke mir den Dreck von den Klamotten.
„Na also. Geht doch.“
Ich starre sie an. „Ja. Nur ohne deine Hilfe.“
„Ich war moralische Unterstützung.“
„Dann erinnere mich bitte nächstes Mal daran, ohne Moral wandern zu gehen.“

Ich klopfe mir den letzten Dreck von der Hose, atme tief durch und sage: „So. Weiter jetzt. Je schneller wir gehen, desto schneller liegt mein sexy Body wieder daheim auf dem Sofa.“ Silke nickt. Und ich sehe in ihren Augen dieses Glitzern, das sagt: Er ist jetzt im Wanderflow.
Falsch. Ich bin im „Lass-es-endlich-vorbei-sein“-Flow.

Wir setzen uns in Bewegung. Der Pfad schlängelt sich weiter am Hang entlang, gespickt mit Steinen, Wurzeln und diesen perfekt platzierten Sonnenstrahlen, die wahrscheinlich nur da sind, um mich zu blenden.
Silke bleibt immer wieder stehen, um Fotos zu machen.
„Guck mal, wie schön das Licht durchs Laub fällt!“
„Ja. Herrlich. Ich freu mich schon, wenn es hinter uns fällt.“

Wir gehen weiter, und plötzlich meldet sich mein Körper. Nicht sanft, nicht vorsichtig – sondern mit diesem eindeutigen Jetzt-Signal. Ich bleibe stehen.
„Alles okay?“, fragt Silke.
„Ja. Also … nein. Ich müsste … äh … mal. Nicht klein, sondern ganz groß!“ Silke schaut sich um. Kein Klo. Keine Hütte. Keine rettende Raststation. Nur Wald. Viel Wald. „Da drüben ist ein Busch“, schlägt Silke vor.
„Das ist kein Busch. Das ist ein Zahnstocher mit Blättern.“
„Micha …“
„Silke …, wenn ich mich da hinhocke, sieht mich wahrscheinlich ganz Rheinland-Pfalz. Außerdem kann ich nicht in der Öffentlichkeit kacken, das geht gar nicht. Bei meinem Talent kippe ich nach hinten und sitze mit meinem nackten Hintern in meinen eigenen Verdauungsresten.“

Wir gehen also weiter – in meinem Tempo, das man am besten als eine Mischung aus vorsichtigem Schleichen und angespanntem Hüpfen beschreiben kann. Jeder Schritt ist ein diplomatisches Gespräch zwischen meinem Gehirn und meinem Darm: „Halt noch ein bisschen durch. Mach, dass wir ankommen, sonst gibt’s hier eine Überraschung, nach die keiner gefragt hat.“

Ich halte den Blick starr nach vorne. Kein Vogelgezwitscher, keine Aussicht kann mich jetzt ablenken. Das hier ist nicht mehr Wandern – das ist ein Wettlauf gegen meine eigene Verdauung.

„Geht’s?“, fragt Silke.
„Ja … also … nein. Wenn wir nicht bald im nächsten Ort sind, wird die Liebesschlucht heute ihrem Namen ganz neu gerecht.“

Nach gefühlten 200 Kilometern – in Wirklichkeit waren es vielleicht 2000 Meter – steht da eine Bank. Ohne Klo, versteht sich. Ich setze mich, atme kurz durch und versuche, nicht an Wasserfälle, Bäche oder tropfende Wasserhähne zu denken.
Silke lacht. „Das wird eine sehr lange letzte Etappe“, sagt sie.
Ich nicke. „Aber wenn ich hier platze, bin ich offiziell Teil eines Wanderwegs, von dem die Touristeninfo abrät.“

Wir gehen weiter – oder besser gesagt: Ich wanke. Jeder Schritt ist ein Countdown. Ich schwitze nicht mehr normal, ich schwitze in Morsezeichen: „SOS … bitte … Klo … jetzt …“ Mein Körper ist im Ausnahmezustand. Mein Rücken ist nass, meine Stirn auch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich inzwischen mehr Wasser und Blut schwitze, als ich überhaupt im Kreislauf habe. Und dann dieser eine Gedanke, der alles noch schlimmer macht: Was, wenn ich es nicht schaffe?

„Alles okay?“, fragt Silke.
„Nein. Wenn ich nicht bald Erlösung finde, tauft man den Weg hier um in Micha-Schneider-Verdauungsroute.“
Silke lacht so laut, dass zwei Radfahrer sich umdrehen. „Na dann beweg deinen Hintern!“
„Genau DAS versuche ich ja!“, knurre ich, während ich mit verkniffenem Gesicht weiterstapfe. Jeder Schritt ist ein Lotteriespiel, und der Hauptgewinn wäre heute einfach nur: sauber ankommen.
„Das wird später lustig, wenn du’s erzählst“, sagt sie.
„Falsch. Das wird NIE lustig. Das kommt nicht in mein Buch, nicht auf meinem Blog, in gar nichts!“ Und in dem Moment weiß ich: Natürlich wird es genau dort landen.

Ich versuche, meinen Gang so unauffällig wie möglich zu halten – was nur mäßig gelingt. Meine gesamte Restenergie fließt nur noch in die Mission „Schließmuskelverteidigung“. Ich laufe wie ein Mann, der glaubt, er könnte seinen Hintern mit purer Willenskraft vakuumversiegeln. Die Aussicht ist mir egal. Die Natur ist mir egal. Wenn jetzt die Mosel neben mir einen Rückwärtssalto machen würde – mir egal. Ich will nur noch eins: eine Tür mit dem rettenden Schild WC. Ich würde auch ein Plumpsklo nehmen.

Wir biegen endlich in den Ort ein. Ich sehe das rettende Schild ‚Gasthaus zur Post‘ – und darunter das heilige Piktogramm einer Toilette. Mein Körper schaltet sofort in den Notfallmodus: Adrenalin, Schweiß, pure Panik. Ich setze zum Endspurt an, stolpere über einen Bordstein und fange mich gerade noch so.

Drinnen begrüßt mich eine ältere Dame hinterm Tresen. „Guten Tag, kann ich ihnen helfen?“
Ich rufe: „Nein, bei dem, was jetzt kommt, wollen sie mir gar nicht helfen!“ Sie deutet wortlos auf eine Tür. Ich stürze los, reiße die Klinke runter – abgeschlossen. Von innen ruft jemand: „Bin gleich fertig!“
In meinem Kopf läuft ein Zeitraffer von allem, was in meinem Leben schiefgelaufen ist. Ich tanze vor der Tür herum, bete zu Gott, obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin, und höre endlich das erlösende Klicken. Die Tür geht auf – ein Rentner kommt raus, lächelt gemächlich, und will noch ein Schwätzchen anfangen. Ich remple ihn sanft, aber bestimmt beiseite, stoße die Tür zu und setze mich hin, in dem Wissen: Das war knapp. So knapp, dass mein Schutzengel gerade wahrscheinlich noch immer zittert.

Endlich. Der ganze Ballast fällt von mir ab – körperlich wie seelisch. Und dank der Akustik klingt es, als würde das Horn von Gondor durchs Tal donnern. So mächtig, dass irgendwo in der Eifel wahrscheinlich ein Förster innehält, den Kopf hebt und denkt: „Irgendwas ruft zur Schlacht – oder der komische Vogel vom Liebesschluchtweg hat’s endlich geschafft.“

Ich bleibe noch einen Moment sitzen, als hätte ich gerade den Weltrekord im Arschbacken-Zusammenkneifen aufgestellt. Dann richte ich mich auf, wasche mir die Hände und trete ins Freie – direkt in Silkes Blick, der irgendwo zwischen Mitleid und Belustigung pendelt.

„Na? Geht’s dir besser?“
„Besser? Ich bin jetzt mindestens anderthalb Kilo leichter – und das, ohne Sport.“

Wir laufen durchs Dorf, ich noch leicht wackelig auf den Beinen, wie ein Mann, der gerade einen Geburtsmarathon hinter sich hat – nur ohne Baby, dafür aber mit einem stolzen Lächeln.
Und dann sehe ich es. Dieses Café. Im Fenster ein Schild: „Gedeckter Apfelkuchen – hausgemacht“. Ich bleibe stehen wie ein Hund, der plötzlich die Böklunder Land-Bockwurst riecht. In meinem Kopf hat sofort ein Frauenchor Halleluja gesungen.

„Silke“, sage ich, „wir gehen da rein. Sofort. Keine Diskussion. Apfelkuchen. Gedeckt. Das ist kein Vorschlag, das ist eine göttliche Eingebung.“ Ich setze mich in Bewegung, so schnell, dass mein Kreislauf protestiert. Wäre auf dem Weg zum Café ein Staffellauf gewesen, ich hätte den Staffelstab fallen lassen, aber das Ziel trotzdem als Erster erreicht.

Und da sitze ich nun, zehn Minuten später, vor einem Stück Apfelkuchen, das so perfekt ist, dass man es im Louvre ausstellen müsste. Warm, zimtig, buttrig – und während ich den ersten Bissen nehme, denke ich: Bei jeder noch so bescheuerten Wanderung gibt es nur zwei Dinge, die alles retten – ein funktionierendes Klo und gedeckter Apfelkuchen. In dieser Reihenfolge.

Am Ende sind es nicht die Gipfel, die uns prägen – sondern die Täler, durch die wir uns mit zusammengebissenen Zähnen kämpfen und trotzdem immer weitergehen.

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