Der letzte Code

Ein Abend voller Knoblauch, Rätsel, Angstschweiß – und Felix

Info: Um potenziellen Rätselfreunden nicht den Abend zu ruinieren, wurde die Handlung frei erfunden. Diese Geschichte enthält keine echten Hinweise aus dem Originalraum „Die Stunde des Grauens“ des Escape Room in Köln. Denn wer will schon Spaß an der Angst haben, wenn man das Ende schon kennt? Der Schweiß und die Dialoge sind allerdings echt. Vielleicht.

Ich habe zu Weihnachten einen Gutschein bekommen. Von meinen Kindern. Und – Überraschung – ich habe mich wirklich gefreut. Also nicht so ironisch-überrumpelt wie bei einem Kalender mit Katzensprüchen oder einem Schnupperkurs für die Herstellung von Ringelblumensalbe, sondern ehrlich. Von Herzen. Denn das hier ist kein x-beliebiger Gutschein.

Escape Room. In Köln. Ich darf mir das Thema selbst aussuchen. Online. Und das ist der Moment, in dem ich mich fühle wie ein kleiner Junge mit einem Laserpointer im Spielzeugladen.

Ich sitze da, klicke mich durch die Optionen – Labor, Schatzsuche, Mafia, irgendwas mit Kunstraub – und dann sehe ich ihn. „Die Stunde des Grauens“. Ich weiß sofort: Das ist es.
Ich will Spannung, Dunkelheit, flackerndes Licht, abgeschnittene Köpfe und Hände, Türen, die knarren. Eine düstere Stimme aus dem Off, die Dinge sagt wie „Ihr habt nur noch 30 Minuten …“ Vielleicht ein alter Schrank, der auf einmal aufgeht. Vielleicht eine Uhr, die rückwärts tickt. Vielleicht Lars, der sich versehentlich einschließt und das für einen Bug hält. Ich liebe sowas. Rätseln, kombinieren, Geheimtüren, versteckte Hinweise – das ist wie Sherlock Holmes spielen, nur ohne Hut und Drogenproblem.

„Gruselkram? Echt jetzt?“ fragt Silke. Ich nicke. „Ich wollte schon immer mal aus einem Raum entkommen, in dem ich freiwillig war.“ Sie verdreht die Augen.
„Wenn mich da drin jemand erschreckt, haue ich um mich.“
„Du haust doch sonst auch um dich.“
„Ja. Aber dann gezielter.“

Es ist Samstag. Es ist soweit. 20:30 Uhr Termin in Köln. Vorher – so der Plan – gemütliches Essen mit der ganzen Truppe in der Pizzeria in Kall.
18 Uhr, draußen. Es ist angenehm warm, vielleicht einen Tick zu windig für offene Servietten, aber wir haben gute Laune. Das Essen vor dem Grauen. Sozusagen unsere Henkersmahlzeit. Mit dabei: Silke, meine Tochter Maren mit ihrem Freund Julian, mein Sohn Lars mit seiner Freundin Vanessa – und ich, der Gutscheininhaber.

Die Getränke sind schnell bestellt: Cola Zero für Silke, Lars und mich. Fanta für Vanessa. Lillet Wild Berry für Maren. Und Julian, sympathisch geerdet, nimmt ein Pils.

Beim Essen waren wir überraschend einig. Silke, Lars und ich: Pizza Stefano: Gyros, Fritten, Sauce Hollandaise – Zwiebeln abbestellt. Lars zusätzlich mit extra Knoblauch, weil er später im Escape Room offenbar das Böse wegstinken will. Julian und Vanessa: Pita Club – Gyros: Hollandaise im Fladenbrot, mit Fritten. Maren, stilvoll wie immer: Zigeunerschnitzel mit Kroketten. Was in dieser Runde fast schon avantgardistisch wirkt. Ich nicke anerkennend. „Das ist Mut zur klassischen Panade.“

18:45 Uhr. Die Getränke stehen. Die Stimmung ist gut. Das Essen? Abwesend.
Wir gucken langsam etwas hungriger als es gesellschaftlich akzeptiert ist.

Dann kommt der Kellner. Jung. Nicht schüchtern. Er fragt, sympathisch lächelnd: „Darf’s noch was sein?“ Silke lehnt sich leicht nach vorne, schaut ihn an – freundlich, aber mit dieser unterschwelligen Energie, die Gläser zerspringen lässt. „Das Essen wäre schön.“
Sie sagt es nett. Aber in dem Ton, mit dem man auch sagen könnte: „Wenn dir dein Leben auch nur einen Pfifferling wert ist, dann sieh zu, dass du jetzt das Futter hier ranschaffst!“

Der Kellner errötet. „Tut mir leid. Drinnen ist halt viel los“, sagt er. Ich drehe mich um, schaue durchs Fenster. Zwei Tische. Zwei. Einer davon mit drei älteren Damen, die aussehen, als hätten sie ihre Fritten selbst mitgebracht. Der andere mit einem Einzelgast, der wahlweise auf seine Pizza oder aufs Ende der Menschheit wartet. Ich nicke langsam. „Wird eng“, sage ich. „Wir müssen um 20:30 Uhr in Köln sein. Termine.“ Er verspricht, in der Küche Bescheid zu sagen. Ich glaube, er geht kurz weinen.

Silke sieht mich an. „Wenn ich gleich in dem Raum verhungere, schreib ich dir mit letzter Kraft ‚Ich habe es dir gesagt‘ an die Wand.“ Ich grinse.

Lars hebt sein Glas. „Auf das Grauen.“
Julian prostet ihm zu. „Und auf das Essen, das wahrscheinlich nie kommt.“

Vanessa fragt, ob man beim Escape Room wirklich eingeschlossen wird.
„Klar“, sagt Maren. „Das ist doch der Witz.“
Lars prostet mir zu. „Aber wenn Papa furzt, gehen alle Türen sofort wieder auf.“
„Oder zu“, sage ich. „Für immer.“

Und dann sitzen wir da. Mit knurrenden Mägen, einem unausgesprochenen Gruppenschicksal vor uns und der realistischen Aussicht, dass wir vielleicht nie herausfinden werden, wie Pizza Stefano schmeckt – ohne Zwiebeln, aber mit der süßen Vorahnung, dass der Abend noch lang wird.

Kurz vor 19 Uhr kommt doch tatsächlich das Essen. Ein Wunder ist geschehen. Ich sehe den jungen Kellner mit zitternden Händen drei dampfende Pizzen balancieren, als würde er sie dem Jesuskind höchstpersönlich servieren. Hinter ihm: zwei Pita Clubs, ein Zigeunerschnitzel mit Kroketten. Alles da. Alles warm. Alles fettig. Halleluja.

„Okay“, sagt Lars, „wir haben exakt zwanzig Minuten.“ Alle nicken. Silke schaut auf ihre Uhr. „Sonst fällt das Grauen ins Wasser.“ Und sie meint damit nicht die Sauce Hollandaise, die bedrohlich über den Rand ihrer Pizza schwappt.

Julian beginnt sofort zu essen, als würde er pro verschwundener Gabel bezahlt werden. Maren schneidet ihr Schnitzel mit chirurgischer Präzision, hat aber gleichzeitig schon die erste Krokette halb im Mund. Ich selbst versuche, meine Pizza zu falten – was sie nicht mit sich machen lässt. Sie ist glitschig, widerspenstig, voll mit Sauce, Pommes und Gyros – ein kulinarischer Bausatz. Ich hasse es, schnell essen zu müssen. Wirklich. Es gibt wenige Dinge, die mich innerlich so aggressiv machen wie der Gedanke, mir unter Zeitdruck eine Pizza reinzustopfen. Essen ist für mich Genuss. Ruhe. Ein heiliger Moment zwischen Teig, Fett und Glück. Nicht: „Du hast noch 18 Minuten – LET’S GO!“

Aber ich weiß: Wenn ich nicht sofort loslege, dann war’s das mit der Stunde des Grauens. Dann wird’s eher die Stunde der Verdauung.

19:17 Uhr. Unmöglich zu schaffen. Selbst ohne Zeitdruck. Die Pizza liegt vor mir wie ein wohlschmeckender Endgegner. Gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000 Euro ein. Ich habe tapfer gekämpft. Ich habe mich durchgebissen. Aber jetzt – noch ein Stück – und ich erbreche mich quer über den Tisch. Ohne jede Vorwarnung. Silke würde mich beschimpfen, und Maren würde das filmen.

Lars lehnt sich zurück, atmet flach. „Ich kapituliere“, murmelt er. „Nichts geht mehr.“
Vanessa nickt stumm. „Bei mir auch nicht. Ich dachte, ich kann das. Ich war jung und hungrig.“

19:20 Uhr. Vollgestopft rollen wir Richtung Köln. Kein Wort mehr im Auto. Alle sind im Fresskoma. Ich spüre meine Pizza noch deutlich. Silke atmet flach. Lars sieht aus, als hätte er beim Essen versehentlich einen kleinen Medizinball verschluckt. Niemand redet. Alle kauen innerlich noch nach.

20:20 Uhr. Wir sind pünktlich. Tiefgarage im Zollhafen. Wir steigen aus. Langsam. Vorsichtig. So, wie Leute aussteigen, die nicht sicher sind, ob der Mageninhalt auch wirklich drinbleibt. Wir nehmen die Treppe. Oben angekommen – treten wir raus ins Freie – und stehen mitten in einem Streetfood-Festival. Kein Scherz. Bratfisch, Rauch, Süßkartoffel-Wedges, Bierstände, gebratene Nudeln, Musik, Lichter, Leute. Gerüche überall. Ich bleibe stehen, starre auf einen Stand mit Pulled-Pork-Burgern und sage trocken zu Lars: „Hätten wir das vorher gewusst …“ Lars lacht, hält sich aber dabei den Bauch. Maren fotografiert die Lampions und Julian murmelt: „Das ist eigentlich schön hier.“ Vanessa sagt gar nichts – sie ist damit beschäftigt, einen Crêpe-Stand zu ignorieren. Wir gehen weiter. Richtung Escape Room. Mit brennenden Mägen, leichtem Würgereiz – und der Gewissheit: Das echte Grauen kommt erst noch.

Am Eingang erwartet uns Felix. Er ist freundlich. Vielleicht ein bisschen zu freundlich. „Willkommen bei TeamEscape“, sagt er, als wären wir bei einer Spielshow gelandet, bei der es nichts zu gewinnen gibt, außer Herzrasen und Gruppendynamik. „Ihr habt euch für Die Stunde des Grauens entschieden – sehr gute Wahl.“ Er schaut uns nacheinander an. Silke wirkt, als würde sie innerlich schon Fluchtpläne schmieden. Maren und Julian lächeln höflich. Vanessa ist auffallend still. Lars steht da wie ein Wikinger auf Exkursion. Und ich …, ich muss aufs Klo.

Felix klappt sein kleines Klemmbrett auf. „Folgendes Szenario: Ihr seid in einem alten Kurhotel von 1912. Gäste sind damals einfach verschwunden. Merkwürdige Geräusche in der Nacht. Die Polizei hat das Gebäude versiegelt. Ihr … wart mal wieder zu neugierig. Und jetzt … seid ihr drin und kommt nicht mehr raus. Was ist damals passiert? Löst das Rätsel, und ihr bekommt den Code für den Ausgang. Ihr habt 60 Minuten. Ihr werdet beobachtet. Mikrofone und Kameras sind im Raum. Wenn ihr Hilfe braucht – einfach ‚Hinweis‘ sagen. Dann bekommt ihr … nun ja … vielleicht Hilfe.“ Er zwinkert. Ich hasse ihn jetzt schon ein bisschen. Dann dreht er sich zur Tür. „Ich wünsche euch viel Glück.“

Der Raum ist vollgestellt mit alten Möbeln und einer Atmosphäre, als hätte jemand „leicht verwahrlost“ mit „nostalgisch schaurig“ kombiniert. Dunkle Holzdielen, leicht muffiger Geruch, irgendwo tropft etwas – vielleicht Wasser, vielleicht die Vergangenheit, vielleicht Blut. Ich höre Silke hinter mir leise sagen: „Wenn mich gleich irgendwas anfasst, schlag ich alles kaputt.“ Ich fluche innerlich. Nicht wegen Silke. Sondern, weil ich jetzt wirklich kurz aufs Klo müsste.

Lars flüstert: „Papa. Ich glaube, ich rieche Hinweise.“
„Ich glaube, du vertreibst sie“, antworte ich. Seine Pizza – mit Extra-Knoblauch – ist wieder da. Nicht körperlich. Nur … atmosphärisch. Ich atme durch den Mund. „Jetzt bloß nicht pupsen, hier hat alles Ohren“, sage ich.

Und das Grauen? Das hat uns jetzt offiziell auf dem Schirm. Felix schaut wahrscheinlich gerade auf seinen Monitor und denkt: Ah, da ist er – der Typ mit dem Klo-Problem, der Sohn mit der Dunstglocke und die Frau mit der Schlagneigung. Viel Spaß, ihr kleinen Opfer.

Truhen. Türen. Kästen. Eine riesige Standuhr. Alles verschlossen. Alles mit Zahlenschlössern. Nicht ein einfaches Vorhängeschloss mit 1234, nein – hier haben wir es mit Kombinationen zu tun. Dreistellig. Vierstellig. Wir inspizieren erstmal alle den Raum. Langsam. Vorsichtig. Nicht nur, weil alles hier aussieht, als könnte es gleich auseinanderfallen – sondern weil wir einfach zu voll sind für hektische Bewegungen.

Maren steht vor einem kleinen Regal mit verstaubten Fläschchen und murmelt: „Das sind alte Medizinfläschchen … irgendwas mit Beruhigungstropfen 10ml und ein Etikett mit der Aufschrift ‚Nur mit Kontrolle verabreichen‘.“ Silke zieht eine Kommode auf – quietschend, widerwillig – und findet einen Stapel uralter Zeitungen. „Die hier ist von 1912. Titelseite: Kurhotel bleibt geschlossen – mysteriöse Vorfälle nicht aufgeklärt. Also, wenn DAS keine Einladung ist.“

Dann hebt sie den Kopf. „Probiert mal 1912. Jeder Code kann nur einmal verwendet werden.“
Sie schaut dabei in Richtung Kamera. Ich spüre, wie Felix draußen nickt. Julian geht zur alten Standuhr, die aussieht, als hätte sie zu viele Geistergeschichten gehört. Er dreht vorsichtig das Zahlenschloss im Sockel – vier Stellen. Er stellt 1912 ein. Klick. „Geht auf“, sagt er. Wir halten alle die Luft an. Er öffnet das kleine Türchen. Darin: ein Schlüssel. Messing, schwer, mit der Gravur Z7.

„Zimmer 7?“, fragt Vanessa. „Das Zimmer, das immer zu war“, sagt Maren. Ich stimme zu. „Das Zimmer, das in jedem Horrorfilm direkt mit einem Gewitter vorgestellt wird.“ Julian hebt den Schlüssel. „Okay, dann ist 1912 weg. Für alles andere brauchen wir neue Hinweise.“ Silke nickt. „Ein Code – ein Schloss. So ist das Spiel. Sie schaut Lars an. „Und auch keine Knoblauch-Duftmarken als Kommunikationsmittel.“ Lars hebt die Hände. „Ich atme schon gar nicht mehr.“
„Das stimmt“, sage ich. „Es ist auffällig ruhig um deinen Atemraum.“

Wir verteilen uns wieder. Jeder sucht. Maren geht zum Schreibtisch, öffnet eine der Schubladen und findet einen Brief. „Hier steht was von ‚Das Zimmer war nie leer. Es war nur … still.‘“ Vanessa entdeckt einen eingerahmten Hotelplan mit handschriftlichen Notizen – eine davon lautet: „Sie kamen nie aus dem Fahrstuhl. 10. Stock. 4 Gäste.“ Ich merke, wie mein Hirn wieder arbeiten muss. Rechnen. Kombinieren. Zehnter Stock. Vier Gäste. Zimmer 1004? Lars steht bei einer Puppe und sagt: „Ich glaub, die mag mich nicht.“
Ich: „Ich kann’s ihr nicht verübeln.“

Dann Vanessa: „Hier an der Truhe ist ein neues Schloss. Vier Stellen. Ich probiere mal 1004.“
Klick. Geht auf. Darin: Eine Notiz. Verfasst von einem Gast. „Zimmer 7. Geh nicht in Zimmer 7.“ Ich sehe zu Silke. Sie sagt nichts. Aber ich weiß genau, was sie denkt: Wenn dieser Raum ein Angebot auf Booking.com wäre, wir hätten längst eine sehr schlechte Bewertung hinterlassen.

Wir stehen um die geöffnete Truhe herum wie Detektive, die sich gerade gegenseitig bestätigen, dass sie keine Ahnung haben. Julian hält die Notiz in der Hand, als könnte sie gleich beißen. „Geh nicht in Zimmer 7“, liest er nochmal. Ich nicke langsam. „Klingt wie ein Warnhinweis. Oder wie der Anfang eines richtig schlechten Lebensratschlags.“

Es ist einen Moment lang still. Nicht gemütlich still – nicht so: „Ach, wie schön, der Wind rauscht durch die Bäume.“ Sondern diese dumpfe, schleichende Stille, die sich in die Ohren legt wie ein Geräusch aus dem Jenseits. Wie ein schlechtes Omen mit Geräuschdämmung.
So still, dass man das eigene Hirn denken hört – und das ist, ehrlich gesagt, nie ein gutes Zeichen. Dann, ohne ein Wort, bewegen wir uns wieder. Langsam. Jeder für sich. Wie in einem alten Edgar-Wallace-Film, nur ohne Musik – dafür mit mehr Verdauungsproblemen. Wahrscheinlich denken alle gerade das gleiche: Hier passiert jetzt was. Und das wird nicht lustig.

Wir folgen dem Plan an der Wand, drehen uns um – und entdecken: Das alte Sofa. Groß. Schwer. Verdächtig unpraktisch platziert. Julian und ich heben es an. Wir schieben. Es kratzt, jault, bewegt sich langsam, als wolle es uns noch umstimmen. Dahinter eine kleine Tür. Rechte Ecke. Halbe Höhe. Kindergröße. Oder Geistergröße. Oder beides. Auf der Messingplatte steht: Zimmer 7. Der Name ist halb abgeschabt, als hätte jemand versucht, ihn zu entfernen. Die Luft verändert sich sofort. Sie wird kälter. Dicker. Ein bisschen wie bei offenen Kühlschranktüren, aber ohne Licht und mit mehr Gänsehaut. Lars reibt sich die Arme. Und Lars ist sonst der Typ, der im T-Shirt selbst im Winter draußen grillt

Die Tür ist wirklich nur halb so hoch wie eine normale. Körperlich eine Zumutung, seelisch ein Schlag ins Gesicht. „Wir müssen uns hinknien“, sage ich. „Oder klein machen“, murmelt Vanessa. Ich blicke sie an. „Ich bin fast sechzig. Ich mach mich nicht mehr klein. Ich falle einfach um.“ Lars lacht leise. Der erste Laut seit Minuten.

Wir gehen runter. Einer nach dem anderen. Wie eine schlecht organisierte Wallfahrt ins Unbekannte. Ich zuerst. Weil ich der Papa bin. Und weil Silke hinter mir steht – was bedeutet, dass ich im Zweifel geschubst werde. Mein Knie knacken. Meine Würde auch. Dann: Schlüssel rein. Er passt. Natürlich passt er. In Horrorfilmen passt der Schlüssel immer.
Ich drehe ihn. Ein leiser Klick. Die Tür öffnet sich langsam. Von selbst. Weil sie will, dass wir reinkommen. Und das ist vielleicht das Unheimlichste an allem. Und in genau dem Moment ein gellender, splitternder Aufprall. Aus dem Hauptraum. Laut. Wuchtig. Als würde etwas Schweres von der Decke gestürzt sein. Wir zucken alle zusammen. Vanessa schreit. Julian reißt den Kopf herum. Ich drehe mich, als hätte mich jemand gestoßen. Nur Silke bleibt ruhig – aber sie ist plötzlich kreidebleich. Wir rennen zurück. Vorsichtig. Ein schwarzer Kronleuchter liegt zerschmettert auf dem Boden. Und genau darunter: Die Puppe.

Zerbrochen. Verdreht. Ihr Porzellangesicht halb zerschmettert. Die Augen – offen. Und leer.
Ich habe sie nie gemocht. Aber so … So sieht sie aus, als hätte sie etwas gesehen, das sie nicht hätte sehen dürfen. Lars flüstert: „Ich habe sie nicht bewegt. Ich schwöre.“ Niemand antwortet. Maren hebt vorsichtig den Kopf der Puppe auf. Darunter, auf dem Boden: Ein Zettel. Zusammengefaltet. Alt. Zittrige Handschrift. Ein Satz:

„Er ist noch hier.“

Einen Moment lang sagt niemand etwas. Nur das Klicken der Uhr über uns. Und dieses diffuse Gefühl im Nacken, das einem sagt: Du bist nicht allein – und du bist auch nicht willkommen. Julian hält den Zettel, als hätte er gerade einen Brief aus dem Jenseits bekommen. Silke tritt einen halben Schritt zurück. Vanessa flüstert: „Was … wer ist noch hier?“ Ich atme durch den Mund. Wieder. Lars’ Pizza-Geist ist zurück. „Vielleicht meint der Zettel den Hausmeister. Oder den Hotelbesitzer. Oder einen Mörder. Oder … meine Verdauung.“ Maren sagt leise: „Der Name auf dem Hotelplan … die Handschrift. Es war jemand, der hier gearbeitet hat.“ Sie zeigt auf die Karte mit dem markierten Zimmer 7. Daneben, winzig klein, steht ein Name: „Dr. S.“
„S wie … Schmidt?“, fragt Lars. „Oder S wie Spuk?“ murmele ich.

Ich schlucke. Nicht nur wegen der Pizza, die langsam den Rückweg antritt. Silke sieht mich an. Ohne Worte. Aber in ihrem Blick liegt genau das, was ich denke: Wir müssen da rein. In Zimmer 7. Obwohl wir es besser wissen. Obwohl jeder Horrorfilm der Welt in genau diesem Moment in die Werbung schalten würde. Ich gehe voran. Wieder zur kleinen Tür hinter dem Sofa. Sie steht offen. Als hätte sie auf uns gewartet. Wir betreten Zimmer 7.

Der Raum ist kleiner als gedacht. Vielleicht 6 Quadratmeter. Kaum Licht. Nur eine flackernde Lampe an der Decke. Ein altes Bett, schief, mit rostigem Rahmen. Eine Kommode. Ein Waschbecken. Und an der Wand: Ein zerbrochener Spiegel. Darunter: Ein Stuhl. Mit einem Abdruck im Staub. Als hätte dort bis eben noch jemand gesessen. Lars entdeckt ein weiteres Detail: Ein altes Foto. An die Wand gepinnt. Vergilbt. Fünf Personen. In alten Hoteluniformen. Kellner, Portier, Hausdame – und ein Mann in der Mitte. Weißer Kittel. Darunter mit Bleistift: „Personal – März 1919. Letzter Dienst.“

Julian flüstert: „Er ist noch hier … vielleicht meinen sie den da?“ Maren nickt. „Der Arzt. Oder was auch immer er war.“ Silke sagt nichts. Sie starrt auf den Stuhl. Dann zur Kommode. „Da ist was eingeritzt“, murmelt sie. Ich gehe näher ran. Es ist eine Zahl. Krumm, wacklig. Aber lesbar: 319. Ich sehe auf den Monitor an der Wand. Noch 3:42 Minuten.

Ich drehe mich zur Kommode. Ein Schloss. Zahlenfeld. Drei Stellen. Ich tippe ein: 3-1-9. Klick. Das Schloss geht auf. Und genau in dem Moment – geht das Licht aus. Für zwei Sekunden. Dann wieder an. Der Stuhl ist leer. Aber der Spiegel – ist jetzt ganz. Und darin sieht man: Sieben Personen. Wir sind sechs. Und die siebte steht direkt hinter mir. Julian geht zur Kommode zurück, zieht vorsichtig eine der unteren Schubladen auf. Darin: ein altes, vergilbtes Heft. Der Ledereinband bröckelt. „Das ist ein Tagebuch“, sagt er. „Von einem Angestellten. Vielleicht … einem Pfleger?“ Er schlägt eine Seite auf, liest: „Er redet mit niemandem. Beobachtet nur. Sitzt stundenlang auf dem Stuhl. Wenn ich frage, warum er nicht geht, sagt er: Ich bin schon längst hier.“

„Häähhh, was soll das heißen?“, fragt Vanessa. „Vielleicht war er selbst ein Patient“, sagt Maren. „Oder ein Geist mit schlechten sozialen Skills“, sagt Lars. Ich drehe mich zur Uhr. Noch 02:23 Minuten. Mein Hirn rödelt. Da war doch was.

– Medikamente.
– Zimmer 7.
– Nie leer. Nur … still.

Dann trifft es mich. „Wartet mal“, sage ich. „Was, wenn es nie um die Gäste ging?“ Alle sehen mich an. „Was, wenn er der einzige war, der nie ausgecheckt hat? Was, wenn Zimmer 7 gar kein Gästezimmer war? Sondern … eine Zelle?“ Silke flüstert: „Für einen Patienten?“ Ich nicke. „Er war nie weg. Weil er nie gehen sollte. Und jetzt … ist er wieder hier.“

Stille. Dann beginnt das Licht zu flackern. Dreimal. Dann aus. Wir schreien nicht. Aber wir frieren. Gleichzeitig. Ein Summen setzt ein. Von der Wand. Dort, wo der Spiegel hängt. Dann erscheint, wie aus dem Nichts:

„Zeit ist eine Illusion. Ich bin nicht gegangen. Ihr seid gekommen.“

Lars flüstert: „Das ist jetzt nicht mehr funny.“ Die Zeit läuft. 01:37. Und irgendwo in diesem Raum – ist er. Ich sage leise: „Okay. Der Patient. Die Zelle. Die Jahre. Wir haben alles, wir sehen es nur noch nicht.“ Die Uhr tickt erbarmungslos. Noch 01:02.

Julian steht wieder am Tagebuch. Blättert zurück. „Hier“ sagt er. „Da steht was: Er kam 1911. Wurde nie offiziell aufgenommen. Sie sagten, er war nur auf der Durchreise. Aber er blieb. Bis zum Ende. 1921.

„Das ist es“, murmele ich. „Zehn Jahre.“ Silke sagt leise: „Und dann? Dann kam der Bericht. 1931. Das Hotel wurde geschlossen.“ Sie schaut mich an. „Zehn Jahre Aufenthalt. Zehn Jahre Schweigen. Zehn Jahre Vertuschung.“ Ich trete an das kleine Nummernpad an der Wand. „Vier Stellen. Keine Geisterzahlen. Nur eine Wahrheit.“

Ich sage: „Wenn 1911 der Anfang war – und 1921 das Ende … dann war 1921 das entscheidende Jahr. Sein Tod. Das, was alles ausgelöst hat.“
„Aber wir hatten die 1921 doch schon“, wirft Maren ein. Ich schüttele den Kopf. „Wir hatten 1912. Für die Standuhr. Das war der Skandal. Aber sein Ende – war 1921.“ Ich sehe auf das Tagebuch. Am Rand, handschriftlich, in rot nachgetragen: 22. März – heute haben sie ihn abgeholt. Oder was von ihm übrig war. Ich drehe mich langsam zur Tür. „22.03. Das ist es.“ Vanessa nickt, zitternd. „Das Datum aus der Zeitung. Aber auch … das Ende. Der letzte Code.“
Ich tippe: 2 – 2 – 0 – 3

Alle halten den Atem an. Ein Moment der Stille. Dann: Piep. Klick. Die Tür springt auf.

Wir treten hinaus wie Teilnehmer einer Exorzismus-Tagung mit Magen-Darm-Nachspiel. Einer nach dem anderen. Licht. Luft. Leben. Alles wieder da. Also fast. Felix steht schon bereit. Strahlend. Mit diesem Gesichtsausdruck, den man nur hat, wenn man gerade sechs Leute erfolgreich durch einen Albtraum geschoben hat.

„Na?“ fragt er. Ich starre ihn an. Wortlos. Lars sagt trocken: „Ich sag’s dir, Felix – ich habe selten so entspannt Panik geschoben. Großes Kino. Ich schwitz noch nach.“ Felix lacht. Offenbar zum ersten Mal ehrlich. „Aber ihr habt’s geschafft. Ganz ohne Hinweis! Das passiert wirklich selten.“ Silke geht einfach an ihm vorbei, bleibt aber stehen – dreht sich langsam um, sieht ihn an und sagt: „Wenn mich nachts jemand anfasst, Felix – ich schwöre, ich finde dich.“ Julian sieht noch aus wie frisch aus der Geisterbahn. „War das … mit der Puppe … geplant?“ Felix zuckt mit den Schultern. „Sagen wir so: Sie bewegt sich nur, wenn sie’s will.“ Maren schüttelt sich. „Ich werde heute alle Spiegel zu Hause abhängen.“ Vanessa klammert sich noch an Lars, der sich mittlerweile sicher ist, dass seine Seele den Raum nicht ganz verlassen hat. „Ich will was mit Blumen machen“, flüstert sie.

Ich stehe noch immer da. „Felix. Ich sag, wie es ist – es war geil. Aber jetzt muss ich kacken.“
„Aber vorher noch schnell das Abschiedsfoto“, sagt er und führt uns vor eine Wand mit dem leuchtenden TeamEscape-Logo. Felix: „Bitte alle mal fröhlich lächeln. Oder … was davon übrig ist.“
Ich: „Ich habe nichts mehr übrig. Außer Stuhldrang.“


Vielleicht lösen wir im Leben gar nichts.
Vielleicht hinterlassen wir einfach nur geöffnete Türen –
für die, die nach uns kommen.

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