Der Schokoschock von Köln

Ein Beziehungstag zwischen Genuss und Nervenzusammenbruch

Es fängt alles damit an, dass Silke morgens ihre „Ich-hab-eine-Idee“-Stimme benutzt. Diese Stimme, die mir durch die Blume sagt, dass ich später wieder irgendwo bin, wo ich überhaupt nicht sein will. Letztes Mal war’s ein Streetfood-Festival mit Verdauungsresten am Schuh.

Ich dachte, sie meint einen Film gucken. Oder nebeneinander auf dem Sofa einschlafen wie zwei müde Faultiere. Aber nein, meine Silke hat Ideen. Und Ideen bei Silke sind wie Überraschungseier: Drei Dinge auf einmal, und zwei davon machen Bauchweh.

„Wir fahren nach Köln! Ins Schokoladenmuseum!“
Sie sagt das, als wäre das eine ganz normale Freizeitaktivität. Wie Bowling oder Beerdigungen.

Ich versuche, irgendwas Schlaues zu sagen. „Köln? Das ist doch … weit.“
„Du wohnst 40 Minuten entfernt, Micha. Das ist kein Roadtrip. Tu nicht so, als bräuchten wir eine Reiserücktrittsversicherung.“

Ich frage: „Wieso Schokoladenmuseum?“
Sie antwortet: „Weil ich was für uns tun will.“
Ich sage: „Ich wäre schon glücklich, wenn du mich einfach mal in Ruhe altern lässt.“

Silke hat bereits ihren typischen Ausflugsmodus aktiviert. Rucksack, Wasserflasche, Notfallnüsse. Ich frage, ob wir einen Himalaya-Aufstieg planen, aber sie ignoriert mich mit der Eleganz einer Frau, die das schon seit 10 Jahren trainiert.

Dann fahren wir los. Silke, und ihre Chaos-Queen – dieser wandelnde Fehlschluss von einem Nicht-Ehemann. Richtung Köln. Richtung Schokoladenmuseum. Richtung – na ja, nennen wir’s freundlich: Eskalationspotenzial.

Und jetzt stehe ich hier, mit meiner Männerhandtasche – direkt vorm Eingang – und schaue auf ein Gebäude, das aussieht wie ein tropisches Gewächshaus mit Zuckerschock und Edelstahlgeländer.

Silke sagt: „Guck mal, wie schön das ist!“
Ich entgegne: „Ganz toll. Das hier ist wie IKEA. Nur ohne Hotdog und mit mehr Kalorien.“

Sie grinst.
Ich verliere langsam das Gefühl in meinem Lebenswillen. Denn ich weiß: Wenn Silke was für „uns“ tun will, endet das selten in Glück. Meistens endet es unerwartet, mit ein bisschen Chaos. Also eigentlich wie immer.

Ich mag keine flüssige Schokolade. Das sage ich gleich, bevor hier irgendwas romantisiert wird. Fest? Gerne. Riegel, Tafel, Stückchen – ja. Aber sobald’s tropft, fließt oder aus einem Brunnen kommt, bin ich raus. Silke weiß das. Und trotzdem stehen wir jetzt hier.
Sie meint: „Das wird süß.“
Ich sage: „Ich bin süß. Aber das hier ist ein Feuchtbiotop mit Kakao.“

Glas, Dampf, Palmen, Edelstahl – alles glänzt, nichts stimmt.
Drinnen: Menschen.
Draußen: Ich.
Dazwischen eine innere Stimme, die ruft: Geh nach Hause. Hol das Eiskonfekt aus der Truhe und leg dich auf die Couch.

Aber Silke ist schon auf dem Weg zum Eingang.
Sie sagt: „Ich habe online gelesen, dass man da auch eigene Pralinen machen kann!“

Ich sage: „Ich habe mal Konditor gelernt.“
„Eben drum“, sagt sie.
„Eben drum will ich das nicht“, sage ich.

Doch es ist zu spät. Ich folge ihr. Mit einem leisen Knirschen in der Seele und einer leisen Vorahnung: Das hier wird klebrig. Und schlimm. Und am Ende lacht wieder nur einer – und das bin ganz sicher nicht ich.

Silke sagt: „Das riecht schon so lecker.“
Ich sage: „Das ist Köln, das kann auch von der Pommesbude nebenan kommen.“

Die Dame am Einlass fragt freundlich: „Schon mal hier gewesen?“
Ich antworte: „Nein. Aber ich hatte mal eine Tafel Vollmilch mit ganzen Nüssen, das kommt bestimmt nah dran.“ Die Dame lacht nicht, dafür lächelt Silke entschuldigend.
Wir bekommen unsere Tickets. Ich frage: „Kann man die auch essen?“
Wieder kein Lachen. Ich notiere: Köln ist heute kein Ort für Humor.


Wir stehen vorm Schokobrunnen.
Ein überdimensionales Fontänenmonster aus Milchschokolade, ein Whirlpool für Diätversager, das Fegefeuer für Diabetiker. Ein goldener Turm des Wahnsinns. Etagenweise fließt da Schokolade runter wie in einem Dessertporno. Warm, glänzend, hypnotisch.

Und er brodelt. Wie meine innere Stimme, die flüstert: „Warum tust du das? Warum bist du hier? Warum gibt’s kein ‚Currywurst mit Fritten‘-Museum?“

Silke ist komplett verzaubert.
„Guck mal, Micha! Der läuft seit 1993 ohne Unterbrechung!“
„Ich laufe seit 1968. Das nennt sich Leben.“

Sie verdreht die Augen, sagt aber nichts. Das ist bei ihr meistens gefährlich.
Das ist die Ruhe vor dem nächsten Programmpunkt.
Ich sehe mich um. Menschen mit glänzenden Augen, als wären sie Zeugen eines Wunders. Ich sehe nur geschmolzene Schokolade, eine klebrige Sicherheitsgefahr und ein Kind, das aussieht, als würde es gleich reinfallen.

Silke sagt: „Willst du auch einen Löffel?“
Ich sage: „Ich will zurück in den Teil meines Lebens, in dem niemand mir mit heißem Kakao droht.“
Dann kommt diese Dame mit den silbernen Probierlöffeln. Die Museumslöffelfrau. Sie reicht mir einen, als wäre das ein Sakrament. Ich nehme ihn. Ich koste nicht.
Silke nimmt einen Löffel, tunkt ihn in die flüssige Schokolade – mit einer Eleganz, die mich kurz daran zweifeln lässt, ob ich mit einem Menschen oder einer Schokopriesterin liiert bin – und genießt das Ganze mit einem „Mmmh“, das an der Grenze zur Lebensmittel-erotischen Belästigung kratzt.

Meine Holde ist schon weiter. Sie hat den Flyer für die „Mitmach-Schokoladenmanufaktur“.
Sie ruft über die Schulter: „Micha, wir können unsere eigene Schokolade machen!“
Ich rufe zurück: „Ich kann auch zu Hause die Heizung aufdrehen und eine Packung Nuss-Nougat auf die Fensterbank stellen. Ist günstiger. Und ohne Publikum.“
Sie hört’s nicht mehr. Sie ist schon drin.

Ich stehe in einem Raum, in dem erwachsene Menschen Schürzen tragen, als hätten sie sich für ein pädagogisch wertvolles Backevent im Kindergarten beworben.
Ich trage auch eine. Weil Silke gesagt hat: „Los, Micha. Ist doch lustig.“
„Wenn’s lustig wäre, würde ich lachen“, sage ich.
Der Kursleiter – ein 19-jähriger Typ mit Dutt, Vornamen aus Skandinavien und einem Enthusiasmus, den ich seit der Erfindung des Internets vermisse – erklärt mir gerade, was „Temperieren“ bedeutet.
Mir, gelernter Konditor. Mit Gesellenbrief. Und Vergangenheit. Und Stolz.
Temperieren. Das ist so, als würde man Einstein erklären, wie man Plus rechnet.

Dann bekommen wir kleine Förmchen. Und Einmalhandschuhe.
Ich ziehe sie an, obwohl ich innerlich nur schreien will: „Linus, Malte, Ragnar, oder wie auch immer du heißt, ich habe schon Trüffel gemacht, da bist du noch bei deinem Vater im Sack über’n Zaun gehüpft!“

Silke schaut rüber.
Sie sagt: „Du guckst, als würdest du gerade ein Uhrwerk operieren.“
Ich sage: „Ich bin im Dienst der Ästhetik.“
Sie sagt: „Naja, ich mach halt lieber was mit Crunch.“
„Ich mache lieber was mit Anstand“, antworte ich.

Meine Pralinen sehen aus wie Kunstwerke. Jedes einzelne Stück ein Denkmal.
Silke macht ihre. Sie sehen aus wie … tja …
Sie fragt: „Meinst du, man kann meine essen?“
Ich antworte: „Bestimmt. Man kann ja auch Frösche lutschen. Muss man aber nicht.“
Und in meinem Kopf taucht Alfred Biolek auf. Wie er früher in seiner Sendung immer „Interessant“ sagte, wenn das Essen seiner Gäste scheiße war.

Ich richte sie an. Meine Pralinen. Eine Reihe. Glänzend. Stolz. Ruhig.
Silke guckt mich an. „Du bist so ein Angeber.“
Ich sage: „Ich bin einfach nur jemand, der sein Handwerk ernst nimmt.“

Dann werden die fertigen Pralinen verpackt.
Mit Schleife.
Mit Urkunde.
Ich lese meinen Namen.
Darunter: „Hat mit Freude teilgenommen.“

Wir verlassen die Pralinenwerkstatt.
Ich – mit dem Stolz eines Mannes, der Denkmal-Pralinen geschaffen hat.
Silke – mit einer Tüte voller Katastrophen und der festen Überzeugung, dass Experimentierfreude ein Talent ist.

„Lass uns in den Museumsshop gehen“, sagt sie. Ich sage nichts. Weil ich weiß: Das ist kein Laden. Das ist die Endgegnerzone für alle, die noch an normale Preise glauben.

Schon beim Reingehen merke ich: Ich bin falsch hier.
Ich will Riegel. Sie haben Rituale.
Ich bin hungrig. Sie wollen, dass ich reflektiere.

Die Regale sehen aus wie ein Konzeptladen für Leute mit Ernährungsstudium.
Überall Schokolade. In Formen, in Farben, in preispolitischer Selbstüberschätzung. Es gibt Schokoladen-Werkzeuge, Schokoladen-Schallplatten, Schokoladen-Zahnbürsten.

Silke ist im Paradies. Sie läuft los, nimmt Dinge in die Hand, murmelt Sachen wie „Oh wie süß“ und „Das wäre was für Maren“, während ich versuche, nicht in einen Präsentkorb zu stolpern.

Ich hätte gern einfach Ritter Sport Vollmilchschokolade mit Rum-Rosinen und Haselnüssen. Aber das wäre hier kulturell wahrscheinlich strafbar.

Ich nehme eine Tafel in die Hand. Dunkel. Edel. 9,90 Euro.
Für eine Tafel Schokolade. 100g.
Ich rechne kurz um: Würde ich die essen wie normale Menschen, wäre ich in drei Minuten um zehn Euro ärmer. Das ist mathematisch beeindruckend und finanziell beleidigend.

Ich sage: „Die haben einen Druckfehler auf dem Preisschild.“
Silke sagt: „Das ist handgegossen.“
Ich sage: „Ja. Wahrscheinlich von Leonardo da Vinci persönlich.“

Am Ende nehmen wir eine kleine Tüte mit.
Mit genau drei Artikeln:
– Eine Schokolade mit Kakaonibs, die klingt wie ein Orthopädieprodukt.
– Ein Aufstrich mit Tonkabohne, den keiner kennt, aber alle edel finden.
– Und eine Postkarte mit dem Spruch: „Ohne Schokolade ist alles doof.“
Ich finde: Auch mit Schokolade ist einiges einfach … bekloppt.

Wir wollten eigentlich gehen. Ehrlich.
Wir haben Schokolade. Wir haben Mitmachkram. Wir haben Souvenirs.

Aber dann sehen wir diese Gruppe. Silke bleibt stehen. Ich spüre sofort, wie sich was zusammenbraut.
„Die machen eine Führung.“
Ich: „Na und?“
Sie: „Na wir können da doch mal … so tun, als ob.“

Ich sage gar nichts. Ich habe das einmal bei einer Weinprobe gemacht. Seitdem darf ich in Rheinland-Pfalz kein Schnapsglas mehr halten.

Silke läuft los. Ich hänge mich dran. Zwei erwachsene Menschen, die so tun, als hätten sie 14,90 extra bezahlt, nur um noch mal zu hören, wo der Kakao herkommt.

Wir mischen uns in die Führungsgruppe – etwa 15 Unerschrockene, alle mit diesem halb erwartungsvollen, halb schuldigen Blick von Leuten, die gerade den Diät-Pakt gebrochen haben.
Vorne: die Museumsführerin.
Name: Lotte.
Energielevel: übermotiviert.
Sie trägt ein Headset.
Ein Headset. Im Schokoladenmuseum.
Ich bin 56, kein Teenie auf einem Ariana-Grande-Konzert.

„Herzlich willkommen zur Führung durch die faszinierende Welt der Schokolade!“, ruft Lotte in ihr Mikrofon, als würde gleich DJ Bobo auftreten.
Ich zu Silke: „Gibt’s auch die stille Variante?“
Sie: „Hör doch einfach zu. Sei mal offen für Neues.“
Ich bin offen. Für Stille. Für Kaffee. Für Flucht.

Station 1: das Tropenhaus.
„Hier wachsen echte Kakaopflanzen!“, sagt Lotte begeistert, während 17 Leute durch eine Glasschleuse in eine Mischung aus Tropenhalle und Dschungelcamp geschoben werden. Es ist heiß. Feucht. Meine Brille beschlägt.

Station 2: eine antike Schokoladenform aus dem Jahr 1903.
Lotte sagt: „Und hier sehen wir, wie früher Osterhasen gegossen wurden.“
Ich sage zu Silke: „Sieht aus wie ein verbeulter Gartenzwerg.“
Silke tritt mir gegen die Wade.

Dann kommt Station 3.
Die Katastrophe.

Lotte: „Jetzt schauen wir uns gemeinsam an, wie der Schokoladenbrunnen funktioniert.“
Sie führt uns in einen Raum mit einem großen, dampfenden, fließenden Monument aus Milchschokolade. Ein Schokobrunnen. Drei Etagen. Ein Mahnmal der Kalorien.

Lotte sagt: „Gleich darf jeder probieren. Aber bitte vorsichtig – der Boden ist rutschig.“

Sie hätte es nicht sagen sollen. Denn exakt in dem Moment macht ein älterer Herr hinter mir einen Schritt zu weit, sagt noch leise: „Ups“ – und rutscht mit einem eleganten Satz wie ein Curlingstein quer durch den Raum. Direkt in Silke. Und Silke in mich. Und plötzlich … fliegt meine Männerhandtasche.

Die gute. Leder. Massiv. Das Ding, mit dem ich Schlüssel, Respekt und Powerbanks transportiere. Sie segelt in einem würdevollen Bogen durch die Luft – und landet mit einem dumpfen „PLATSCH“ mitten im Schokobrunnen.

Stille.

Lotte erstarrt.
Silke steht neben mir, wie in einem schlechten Western, in dem gerade der Held erschossen wurde.
Ich stammle: „Ähmm, meine … Tasche … da ist … alles drin …, was der Mann von Welt so braucht.“
Lotte: „Bitte nicht hineingreifen. Das ist ein lebensmittelrechtlicher Bereich.“
Ich: „Das ist jetzt ein persönlicher Bereich, Lotte. Da drin ist mein Leben! Meine Schlüssel! Mein Notizbuch mit meinem Amazon-Passwort!“

Silke flüstert: „Die Tasche war teuer.“
Ich flüstere: „Die Tasche war ein Statement.“
Lotte funkt hektisch ins Headset: „Code Kakao. Ich wiederhole: Code Kakao.“

Der Sicherheitsdienst kommt.
Zwei Frauen mit ernsten Gesichtern und Plastikhandschuhen.
Eine greift mit einer Schöpfkelle nach der Tasche, als wäre sie radioaktiv.
Die andere dokumentiert.
Ich frage: „Kriege ich die wieder?“
Sie: „Das muss geprüft werden. Hygienevorschrift.“
„Hygienevorschrift? Sie haben eben Leder aus einem Dessert gezogen. Der Drops ist gelutscht.“
Lotte sagt: „Vielleicht bekommen Sie einen Gutschein.“
Ich sage: „Ich will keinen Gutschein. Ich will meine verdammte Tasche zurück.“

Dann geht alles ganz ruhig: Sie legen meine Tasche auf eine Serviette, wickeln das Ganze in ein Stück Papier, und stecken es – ohne einen Hauch Ironie – in eine ganz normale Papiertüte mit Tragegriff.
So eine mit dem Logo vom Museum drauf. Als wär’s ein Geschenk.

Die Tasche ist umgeben von Schokolade. Innen. Außen. Seelisch.

Dann sagt die Frau: „Ich pack Ihnen noch was Süßes dazu.“
Und legt mir ein Werksstück weiße Bruchschokolade obendrauf.
Als Trost. Als Wiedergutmachung. Oder als Symbol für alles, was in meinem Leben gerade nicht funktioniert.

Wortlos nehme ich die Tüte.

Silke steht daneben, hält sich das Lachen mit zwei Fingern vom Gesicht fern und sagt: „Wenigstens bist du jetzt Teil der Geschichte.“
Ich sage: „Mit meinem Alter bin ich immer Teil der Geschichte. Ich will jetzt hier raus.“
Dann gehen wir.

Draußen zeigt Silke auf das Riesenrad. „Komm, Micha! Nur eine Runde! Gemeinsam! Das ist romantisch!“
Ich bleibe stehen und schaue sie ernst an.
„Du weißt genau, dass ich Schiss habe, Silke.“
„Ach Quatsch“, sagt sie, „du hast doch keine Höhenangst. Du bist nur … vorsichtig.“
„Vorsichtig? Ich hatte heute schon eine Nahtoderfahrung mit meiner Tasche im Schokibrunnen. Was kommt als nächstes? Schlimmer geht immer, das weißt du doch. Ich setz mich da nicht rein. Weißt du, was passiert, wenn das Ding ruckelt? Wenn es plötzlich stehen bleibt? Wenn ich über Köln hänge, wie ein schwitzender Wackelpudding und mir bei Windstärke fünf der Angstschweiß runterläuft?“

Silke grinst.
„Wird schon nicht passieren.“
„Und wenn doch? Ich habe keine Wechselwäsche dabei! Was ist, wenn ich mich einkote? Was ist dann? Sag mir das! Willst du das in der Plastiktüte mit meiner Männertasche nach Hause tragen?!“

Sie zieht eine Augenbraue hoch. „Du übertreibst.“
„Nein. Ich rechne realistisch mit meinem Versagen.“
„Du bist doch kein Vierjähriger.“
„Vierjährige haben Ersatzhosen! Ich nicht!“
Sie schaut mich an.
Dann sagt sie leise: „Ich würde mich freuen, wenn du mit mir fährst.“
Und da ist er wieder. Dieser Satz. Diese leise emotionale Atombombe im Beziehungsköcher.
„Danach kriegst du auch ein Eis.“
„Ich bin doch kein kleines Kind.“

Ich seufze. Blick aufs Riesenrad. Blick auf Silke. Blick auf den Himmel, ob da ein Zeichen kommt. Natürlich kommt keins.

Ich bleibe stehen. Gondeln aus Plexiglas. Menschen, die freiwillig einsteigen, als gäbe es da oben halbe Hähnchen mit Fritten.

Ich sage: „Gut. Ich mach’s. Aber wenn das Ding ruckelt, werde ich einfach eine Szene machen, laut deinen Namen schreien und behaupten, du hättest mich gezwungen.“

Ich bin drin. Mit Silke.
Das Riesenrad setzt sich in Bewegung.

Langsam.
Gemächlich.
Bedrohlich.

Ich schwitze.
Nicht so ein „Ich bin ein bisschen aufgeregt“-Schweiß.
Sondern „Ich habe gerade meine Komfortzone mit einem Vorschlaghammer zerstört und sitze jetzt in einem schwebenden Panikbehälter“-Schweiß.

Der Saft läuft mir durch alle Körperritzen. Vorne. Hinten.
Hinten vor allem. Kimmentechnisch ist Land unter.

Silke sitzt neben mir. Leicht. Luftig. Als würde sie auf einer Wolke schweben.
Sie sagt: „Ist das nicht wunderschön?“
„Ja, total“, antworte ich und versuche, nicht zu weinen.
„Guck mal, die Aussicht!“
„Ich habe genug gesehen. Ich kenn Köln von unten. Das reicht mir.“

Ich lehne mich zur Seite, schaue aus dem Fenster. Ich sehe den Rhein. Die Stadt.
Und mein inneres Kind, das sich gerade tierisch zusammenreißt.

„Micha, du bist ganz blass.“
„Ich halte es nicht aus. Ich meine es ernst, mir ist kotzübel.“

Ich lasse mich langsam auf den Boden der Gondel gleiten. Mit der Erfahrung eines Mannes, der weiß: Das war’s, hier kommen wir nie wieder raus.

Ich sitze. Mit dem Rücken an der Scheibe. Ich atme wie ein defekter Staubsauger – unregelmäßig, aber mit viel Drama.
Silke schaut runter und zückt ihr Handy. Ich höre das Klicken.
„Nicht dein Ernst, Silke. Ich verrecke hier, und du machst Fotos.“
„Das ist genau der Moment, den wir später nicht vergessen dürfen.“
Ich hebe den Kopf. Schweiß tropft mir von der Nasenspitze.
Ich sage: „Wenn du das bei Insta postest, ist das ein Trennungsgrund.“

Die Gondel hält. Wir stehen auf. Ich bin verschwitzt, verwackelt, verwirrt.
In meiner Kimme ist eine Wettersituation, für die es in Mitteleuropa keine Warnstufe gibt.

Ein Mitarbeiter schaut rein.
„Alles okay?“
Ich sage: „Nein. Ich bin durch. Ich habe Dinge gefühlt, die man nur bei einer Magen-Darm-Spiegelung fühlen sollte.“

Silke grinst: „War doch gar nicht schlimm, oder?“
Ich sehe sie an. Ich sage: „Wenn ich jemals wieder über dem Erdboden schwebe, dann nur als Asche in einer Dose mit Schraubdeckel.“


Am Ende war es wie immer: Ich habe geschwitzt, gelitten, mich innerlich verabschiedet und Schokolade in Aggregatzuständen erlebt, die in keinem Chemiebuch stehen – aber als ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, die Schokotasche in der einen und Silkes Hand in der anderen, wusste ich:
Es war furchtbar. Und wunderschön. Genau wie mein Leben.

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