Ein Mann, ein Schuh, ein Desaster

Ein Bericht aus dem Fegefeuer der Erlebnisgastronomie

Es war Silkes Idee.

Streetfood-Festival in Köln.
Mit Atmosphäre. Mit Leuten. Mit Essen, das sehr bemüht nach Abenteuer aussieht – aber am Ende doch nur ein Lauch mit Dipschale ist. Für 14,50 Euro. Ich wollte eigentlich nur Pommes.

Aber Silke sagt, ich müsse rauskommen. Für sie bedeutet das: Steh in der prallen Sonne zwischen 700 fremden Achselhöhlen und tu so, als sei fermentierter Blumenkohl auf Algenchip der neue Lebenssinn.

Sie sagt, das sei Erlebnisgastronomie.
Ich sage, das sei Folter mit übelriechenden Mitmenschen und ein olfaktorischer Angriffskrieg mit Sojasoße.

Trotzdem fahren wir hin. Samstagmittag. Köln. Innenstadt. Und wir haben alles, was man für einen gelungenen Tag braucht:

– Einen vollen Tank.
– Einen leeren Magen.
– Und keinen Parkplatz.

Es gibt viele Wege, an der Menschheit zu zweifeln – aber keiner ist so effizient wie die Parkplatzsuche in Köln. Sie ist in Köln kein logistisches Problem. Sie ist ein psychologischer Belastungstest. Silke hat eine App, die angeblich freie Parkplätze anzeigt. Ich habe eine andere App: die Realität.

„Da ist was frei!“, sagt sie.
„Das ist ein Behindertenparkplatz“, sage ich.
„Oh … okay, dann … da vorne!“
„Bushaltestelle.“
„Aber vielleicht darf man da …?“
„Nein. Man darf da nie. Nicht mal mit Papst-Segen und Warnweste.“

Wir fahren weiter. Langsam. Sehr langsam. Ein SUV vor uns fährt mit exakt 6 km/h. Ich könnte ihn zu Fuß überholen und nebenbei noch ’nen Döner holen.

„Gib Gas, du Sonntagsfahrer!“, brülle ich aus dem Seitenfenster.
Er blinkt rechts. Ohne Grund. Dann links. Dann gar nicht mehr. Dann bleibt er einfach stehen.
„Betet der, oder ist er tot?!“, frage ich.
Silke sagt nichts. Sie starrt geradeaus wie jemand, der in einem Katastrophenfilm weiß, dass gleich etwas Schreckliches passiert.

Und dann – plötzlich – ein Parkplatz. Frei. Real. Ohne Schilder.
Ohne Absperrband. Ich bremse, schlage ein, ziele – und in dem Moment … fährt ein Rollerfahrer rein.
Einfach so. Parkt quer, nimmt die ganze Lücke ein. Ich lasse das Fenster runter: „Das ist kein Parkplatz für Zweiräder, du … Pillermann!“
Silke legt mir die Hand auf den Arm. „Lass gut sein. Wir finden schon was.“ Ich fluche. Kreativ. International. Mit Leidenschaft.
„Nächstes Mal parken wir direkt in Frechen!“

Nach weiteren zehn Minuten finde ich endlich eine Lücke.
Hanglage. Halb auf dem Bordstein. Aber sie gehört mir. Ich stehe drin. Quer, schräg und wahrscheinlich juristisch nicht ganz einwandfrei, aber drin.

Silke steigt aus, schaut sich das Ergebnis an und sagt: „Willst du das nicht nochmal …?“
Ich sage nichts. Ich schließe das Auto ab.
Ich habe geparkt. Ich habe überlebt. Und verdammt nochmal, ich habe Hunger.

Wir sind genau 39 Sekunden auf dem Gelände, da ruft Silke euphorisch: „Da! Seoul-Mango-Dumplings! Die habe ich mal auf Instagram gesehen! Ich nicht. Ich habe nie freiwillig etwas gegessen, das gleichzeitig nach Süß, Salzig und Was zum Teufel war das?! schmeckt.

Wir stellen uns an.
Der Typ hinterm Stand trägt einen selbst gehäkelten Tanktop und riecht wie fermentierte Aufbruchsstimmung.
Ich frage ihn vorsichtshalber: „Ist das scharf?“
Er lächelt mich an wie ein Kleinkind ein Hamsterbaby.
„Nee, das ist mild. Mit Pfirsich-Note und einem Hauch geröstetem Galgant.“ Ich weiß nicht, was Galgant ist. Aber es klingt wie etwas, das man in einer alten Truhe in Zelda findet.

Dann bekomme ich die Schale. Vier dampfende Teigtaschen.
Sie sehen aus wie schrumpelige Kleintiergehirne.

Ich beiße rein. Fehler.

Der erste Bissen trifft mich wie ein innerer Monolog mit dem Teufel. Die Füllung ist eine Mischung aus Mango, geröstetem Knoblauch und einer Substanz, die mein Körper sofort als Feind erkennt. Ich würge.
Silke fragt: „Alles okay?“
Ich hebe den Finger. Das bedeutet bei mir: Noch drei Sekunden, dann gibt’s eine Szene, dann kommt’s wieder raus.
Ich kaue weiter. Noch größerer Fehler.
Plötzlich explodiert da drin so eine süß-scharf-ölige Masse, als hätte jemand Chutney mit Spülmittel vermengt. Ich spucke es aus. Gerade noch so in eine Serviette.

Silke schaut mich an wie eine Lehrerin bei der Klassenfahrt: „Kannst du dich mal benehmen?“
Ich sage: „Wenn ich das runterschlucke, kotze ich dir vor die Füße.“
Ein Kind schreit. Ein Hund jault. Silke verdreht die Augen.

„Chaos-Queen“, sagt sie.
Ich sage: „Das ist mein Überlebenstrieb.“

„Du immer mit deinen Influencern“, murmele ich. „Bisher war alles für die Katz, was die empfohlen haben. Wirklich alles. Vegane Lasagne, Detox-Tee, das hier … Das Einzige, was da regelmäßig gereinigt wird, ist dein Konto.“
Silke lacht. Ich nicht.

Der zweite Dumpling. Ich versuche es nochmal. Ehrlich. Ich will ja offen sein. Aber diesmal schmeckt es, als hätte jemand Gummisohlen gekocht, Marmelade drüber geschmiert und das Ganze mit einem Sojasaucenstrahl gesegnet – direkt aus der Hölle. Mir zieht’s die Arschbacken zusammen. Ich schlucke es NICHT. Ich kippe Wasser hinterher. Es hilft NICHT.

Silke isst ihren dritten. Lächelt. Sagt: „Die haben echt Charakter.“
Ich: „Die haben ’ne Anklage am Hals, wenn ich das nicht überlebe.“
Ich gebe auf. Die letzten Dumplings gehen direkt zurück ins Nirwana.
Neben mir isst ein Typ begeistert das gleiche.
Er sagt: „Das ist Geschmacksexplosion pur!“
Ich denke: Ja. Wie ein elektrischer Weidezaun für die Zunge.

Ich bin blass. Ich gehe. Schweigend. Erniedrigt. Geschmacklich geschändet. Aber dann sehe ich sie. Pommes. Kein Hype, kein QR-Code-Menü, kein Bühnenprogramm.

Nur: „Pommes Jupp“. Auf einem Schild, das seit den 90ern auf eine bessere Zeit wartet. Vergilbt, ehrlich, fettig. Hinter der Theke: zwei Frauen. Kein Social Media. Kein Trüffelöl. Kein Reden über „Konzept“.

Nur eine Frage: „Rot, Weiß oder beides?“
Ich bin den Tränen nahe. „Beides. Mit viel Mayo. Danke. Ich danke Ihnen.“ Die Pommes kommen in einer schlichten weißen Pappschale, tropfen leicht das ist kein Foodtrend, das ist eine Umarmung.

Ich beiße rein. Sie sind heiß, knusprig, salzig – und sie schmecken nach zuhause. Nicht nach Seoul. Nicht nach fermentierter Mango. Einfach: Kartoffel. Fett. Glück. Silke kommt dazu, kaut noch an ihrem Dumpling-Desaster. „Na, besser?“
Ich nicke. „Das ist das erste Lebensmittel heute, das mir nicht mit einem Kochlöffel die Kindheit aus dem Kopf schlagen will.“
Sie probiert. Nickt. Sagt: „Okay … die sind wirklich gut.“

Ich halte inne. Zeige auf die Pappschale.
„Das hier, Silke … das ist echtes Streetfood. Ohne Pillepalle, Trallala und Hopsasa. Ohne Wasabi-Kern. Ohne Spiralen aus Verzweiflung.“

Ein Typ neben mir fragt, ob ich wisse, wo es den Kimchi-Popcorn-Burger gibt. Ich zeige wortlos auf den Ausgang.

Wir setzen uns an einen freien Tisch, essen Pommes, trinken Fritz-Cola aus der Flasche und sagen nichts. Denn manchmal ist Schweigen einfach knuspriger.

Kaum habe ich mit den Pommes wieder so etwas wie Lebensfreude zurückgewonnen, sagt Silke: „Da vorne gibt’s Wraps mit Ofengemüse und Cashewcreme. Sieht total lecker aus!“

Wir gehen hin. Der Stand hat so Holztäfelchen mit Worten wie „regional“, „bio“ und „stilles Aroma“. Es riecht ein bisschen nach dreckigem Wurzelgemüse.
Silke strahlt. „Ich nehme den mit Rote Bete, Walnuss und Minze.“
Ich sehe sie an. „Minze? Im Wrap? Ernsthaft? Das ist doch keine Zahnpasta!“

Sie ignoriert mich. Bestellt. 11,80 Euro. Dann hält sie mir das Ding hin.
„Willst du auch mal probieren?“
Ich will nicht. Aber ich tu’s. Weil ich mutig bin. Und dumm.
Und lernresistent.

Erster Biss. Der Teig ist kalt. Eiskalt. Innen: lauwarmes Gemüse mit der Textur von angeschwitztem Esspapier. Ich kaue. Es knirscht. Es schmeckt … gesund. Also nach Acker und Erde. Und dann trifft mich die Minze. Nicht als Hauch, sondern als Angriff.
Ich bleibe stehen. Meine Nackenhaare stellen sich auf.

„Ich … kann das nicht, das schmeckt wie Blumenerde mit Zahncreme.“
Silke lacht. „Du übertreibst.“ Ich reiche ihr den halben Wrap zurück. „Wenn ich das aufesse, bekomme ich Dünnpfiff.“
Sie beißt nochmal rein. Kaut. Schluckt. Dann sagt sie – mit ganz leichtem Zucken im linken Augenlid: „Okay … die Minze ist etwas viel.“

Ein Typ neben uns, barfuß und mit Stirnband, sagt: „Das ist voll cleansing, Digga.“
Ich sage: „Bro, ich habe nichts dagegen, wenn es mich innerlich reinigt. Aber doch bitte nicht im Stil von Rohrfrei!“

Ich will weg. Weg vom Wrap. Weg von der Minze. Weg von diesem Festival. Ich drehe mich also um. Gehe zwei Schritte. Spüre was. Etwas Weiches. Etwas Nachgiebiges. Etwas … Lebenserfahrungsartiges.

Ein Geräusch. „Plöpp.“ Ich bleibe stehen. Ganz langsam senke ich den Blick. Linker Fuß: unauffällig. Rechter Fuß: steht mitten in einem Haufen. Nicht so ein alter, ausgetrockneter, windverblasener, nicht stinkender Tretminenrest.

Nein. Frisch. Warm. Noch leicht glänzend. Ein riesengroßer Hundescheißehaufen.

Ich starre. Sag nichts. Mein Hirn will sprechen, ich halte kurz die Luft an. Dann kommt es raus.

„WHAT THE FUCK?!“

Silke dreht sich um. Guckt. Guckt nochmal.
Dann sagt sie: „Oh.“
Ich: „Oh?! Das ist kein Oh. Das ist ein ‚Wir-gehen-jetzt-zum-Schuhgeschäft-und-ich-kaufe-mir-neue-Chucks‘-Moment!“

Sie versucht zu helfen. „Mach das Ding mit dem Bordstein. Kante. Schaben. Kennste doch.“
„Ich trag hier gerade die komplette Darmflora von ‘nem Schäferhund durch Köln. Und du sagst SCHABEN?! Ich brauch einen Hochdruckreiniger!“
Silke sagt: „Mach das mit dem Schaben, das geht wieder ab.“
„Ich brauche neue Schuhe“, presse ich raus. „So kann ich doch nicht rumlaufen! Was sollen die Leute denken?“

Silke hebt die Augenbrauen. „Dass du auf einem Festival warst?“
„NEIN! Dass ich offensichtlich den Kampf gegen eine XXL-Hundewurst verloren habe! Dass ich Teil einer Anti-Mode-Aktion bin! Dass ich aus Prinzip in Scheiße trete, um auf mich aufmerksam zu machen! Ich sehe aus wie ein Greenpeace-Demonstrant mit Fußproblemen!“

Ich drehe mich einmal im Kreis – so eine Art wütender Schuhtanz.
„Die waren weiß! Die hatten Schnürsenkel, Silke! Schnür-SEN-KEL! Ich hätte damit auf eine Taufe gehen können!“

Ein Rentner geht vorbei, schaut auf meinen Schuh, sagt einfach nur: „Tja Jung, dat is Kölle.“
Ich rufe hinterher: „Kölle is Kacke, du Jeck. Hier ist nichts lustig!“

Silke steht da. Isst seelenruhig den Rest ihres Wraps.
„Willst du noch ein Stück?“
Ich: „Silke. Ich habe gerade tierische Verdauungsreste am Schuh. Ich habe kein Interesse an Ackergemüse mit Minzgeschmack.“

Ein kleiner Junge bleibt stehen. Guckt auf meinen Schuh. Guckt auf mich.
Flüstert zu seiner Mutter: „Boah Mama, der Mann stinkt nach Popo!“
Ich schaue ihn an. Flüster zurück: „Du auch gleich mein Freund.“

Ich schleife meinen Schuh seitlich an der Bordsteinkante entlang. Aber egal wie – die Kacke verschmiert sich nur weiter.
„Da krieg ich die Pimpanellen, krieg ich da!“, brülle ich plötzlich.
Silke: „Na ja, ist halt ein bisschen Pech.“
Ich: „Pech?! Das ist kein Pech, das ist eine koordinierte Demütigung! Ich habe in Gassi-Rückständen gestanden! Ich trag ein Abo auf Hundedrama am Fuß!“
Sie versucht zu grinsen. Ich schnaufe.
„Ich brauch neue Schuhe. Jetzt. Sofort. Und zwar in einem Laden, wo man nicht vorher ’ne Bodenprobe abgeben muss.“
Silke seufzt. „Ich dachte, du wolltest noch Crêpe?“
Ich schüttle den Kopf. „Ich will Crêpe. Ich will Frieden. Ich will ein Leben ohne Hundescheiße. Ist das zu viel verlangt?!“

Ich fluche leise vor mich hin, während ich versuche, meinen Schuh an einem abgeranzten Pflasterstein zu entkacken.
Da sagt Silke plötzlich – völlig ungerührt: „Weißt du noch, Annelies 60.?“
Ich drehe mich langsam zu ihr um. „Was?! Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ Sie nickt. Kaut. Genüsslich. „Danach hast du dir deine 400-Euro-Schuhe vollgekotzt. Die mit dem schicken Leder. Italienisch.“

Ich seufze. „Ja. Und ich habe meinen Chef auf die Stirn geküsst. Und du … du hast es nicht verhindert!“
Silke schaut mich an, schüttelt den Kopf. „Ich hab dich gewarnt und gesagt: Zieh dir nicht einen Kurzen nach dem anderen rein. Aber nein, du meintest ja ganz stolz: Ich bin schon 3 x 7 Jahre alt!“
„Ich war jung, frei und voll wie ‘ne Schüppe!“
Silke: „Du warst 50 und nicht mehr Herr deiner Sinne. Völlig durch. Du hast nichts mehr mitbekommen. Heidi und ich haben dich gestützt. Den Keldenicher Berg runter.“
Ich starre sie an. „Ihr seid den BERG mit mir runter?! Ich kann mich nicht mal erinnern, dass ich da jemals rauf bin!“
Silke: „Wir haben dich links und rechts gepackt. Du hast Heidi alle 10 Meter gesagt, dass du sie liebst, dann haben wir ein Taxi gerufen. Ich hätte dich niemals allein zu mir nach Hause bekommen.“
Ich nicke. „Das war auch bestimmt für mich kein einfacher Spaziergang.“
Silke: „Im Kreisel bei Peter Pan hat der Taxifahrer dann kurz angehalten. Er dachte, du kotzt ihm gleich die Sitze voll.“
Ich blinzele. „Hab ich?“
Silke: „Nee. War knapp.“
Ich: „Tja, professionelle Kontrolle nennt man das.“
Silke: „Du hast ins Fenster geflüstert: Ich schwör, ich bin stabil. Dann hast du’s gestreichelt.“
Ich stöhne. „Ich will das alles nicht mehr wissen.“

Ich starre auf den Boden.
Meine Schuhe quietschen leise. Stinken.
Der rechte klebt noch – eine Erinnerung an ein Streetfood-Trauma, das ich nie jemanden erzählen werde.

Und dann sehe ich es.
Gegenüber. Ein Schuhladen. Ein riesiges Schild schreit mir ins Gesicht: „Sommerschlussverkauf – alles muss raus!“
Ich richte mich langsam auf. Zeige stumm aufs Schaufenster. Flüstere: „Da. Das ist ein Zeichen. Ich hol mir neue. Jetzt sofort. Schuhe, die noch nie Scheiße gesehen haben. Schuhe, die den Neuanfang nicht nur gehen, sondern tragen.“
Silke schaut mich an: „Dann beeil dich. Die da drin fragen sich bestimmt schon, ob du barfuß reinkommst.“
Ich drehe mich um.
„Wenn’s sein muss: Ja. Aber ohne Minze.“

Ich torkele rüber. Treppe hoch. Trete ein. Die Verkäuferin sieht auf meinen Schuh. Macht ein Geräusch, das irgendwo zwischen Entsetzen und innerlichem Würgen liegt.
Ich: „Ich suche Chucks. Irgendwas mit Farbe.“
Sie zeigt auf ein Regal. „Wir haben eine riesige Auswahl.“
Ich nicke. „Perfekt. Ich nehme die da.“
Sie: „Die knallbunten?“
Ich: „Ja. Ich brauche Aufheiterung und neue Lebensfreude.“

Fünf Minuten später stehe ich wieder draußen. Frisch besohlt. Links knallblau, rechts giftgrün. Ich sehe aus wie ein Zirkuspädagoge.
Ich zeige Silke die Tüte mit den beschissenen Schuhen drin.
„Beerdigung ist heute Abend. Still. Im Kreise der Familie.“

Sie: „Du bist die wandelnde Chaos-Queen.“
Ich: „Immerhin trag ich jetzt keine biologischen Kampfstoffe mehr an den Füßen. Fortschritt.“

Ich stehe da, bunte Chucks an den Füßen, die alten Schuhe in der Tüte wie ein Beweisstück vom Tatort.
Ich atme durch. Gucke Silke an. „Ich sehe aus wie jemand, der aus dem Leben gefallen und in einem Comic gelandet ist.“
Silke mustert mich von oben bis unten. Zieht die Augenbrauen hoch. Dann sagt sie: „Okay. Crêpe?“ Und ich nicke. Weil: Was willst du sonst tun, wenn alles schiefgegangen ist – außer Zucker, Teig und sich selbst zusammenzufalten?

Wir stehen da. Nebeneinander. Crêpe-Stand vor uns.
Leichter Wind, kein Geruch von Hund, kein Geräusch, das einem Festivaltrauma gleicht. Nur dieser Duft. Warm. Süß. Teig und Nutella. Wie eine Kindheitserinnerung.
Silke guckt mich an. „Wir nehmen zwei, oder?“
Ich nicke sofort. Kein Zögern. Keine Diskussion.
„Zwei. Mit Nutella. Ohne Extras. Keine Banane, keine Minze, kein Konzept. Einfach Crêpe. Und Ruhe.“
Die Verkäuferin grinst. Sie kennt unseren Blick.
Den Blick von Leuten, die gelitten haben. Ich halte ihn in der Hand.
Den Crêpe. Frisch vom Eisen.
Leicht knusprig an den Rändern, innen weich.
Randvoll mit Nutella. Nicht sparsam gestrichen – nein, richtig vollgeklatscht, so wie es sein muss. So viel, dass es aus der Falte quillt wie ein süßer Hilfeschrei. Ich sehe ihn an, als würde er gleich singen. Oder mich umarmen. Oder beides. Ein dünner Nebel aus warmer Teigluft und Haselnuss zieht mir direkt in die Nase.
Ich sehe den Crêpe an.
Er sieht mich an, so als wolle er sagen: „Los, nimm mich. Du willst es doch auch.“

Ich beiße rein.
Und alles wird still.

Er ist heiß.
Nicht verbrannt – perfekt heiß.
Das Nutella fließt, nicht zu dünn, nicht zu dick. Der Teig ist weich, ein bisschen buttrig, mit diesen ganz leichten Röstaromen.
Ich schließe die Augen. Alles andere ist weg.
Kein Kackeschuh. Kein Wrap mit Minzübergriff.
Nur ich. Und dieser Crêpe.

Ich kaue langsam. Würdigungskauen.
Kaue wie ein Mensch, der sich sagt: Das hier, das ist die Entschädigung für alles, was du heute überlebt hast.

Ein Tropfen Nutella läuft mir über den Daumen. Ich fange ihn mit der Zunge auf, so reflexartig wie jemand, der genau weiß, was im Leben wichtig ist. Silke steht neben mir, sagt nichts. Sie sieht es mir an. Ich bin ganz bei mir.
Ich murmele nur: „Das ist kein Crêpe. Das ist Gaumensex mit Puderzucker.“
Sie lacht. Ich esse weiter. Biss für Biss.

Vielleicht war das alles nötig – der ganze Stress, der Kackhaufen, das Würgen, das Fluchen – nur damit ich jetzt hier stehe, Silke ansehe, und das Gefühl habe: Ich bin angekommen. Nicht perfekt. Mit ein bisschen Chaos. Aber echt.

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