Vom Badezimmer in die Selbstzweifel

Wie ein smarter Spiegel mich aus dem Gleichgewicht brachte

Es ist Samstag.

Also dieser eine Samstag, an dem man morgens wach wird, aufs Handy guckt, feststellt, dass nichts anliegt – und dann trotzdem eine Stunde braucht, um sich zu entscheiden, ob man zuerst die Jogginghose anzieht, oder im Bett bleibt und langsam ein bisschen vor sich hin rottet.

Silke kommt rein, sieht mich an wie eine Frau, die weiß, dass das Tageshighlight ihres Partners heute der Gang zum Kühlschrank sein wird.

„Hast du was vor?“, fragt sie.
Ich antworte: „Ja. Möglichst wenig. Aber das mit viel Ausdauer.“

Sie lacht schelmisch, aber mit diesem gewissen Blick.
Und ich weiß: Ich werde gleich die Kontrolle über mein Wochenende verlieren.

„Sag mal“, sagt sie, „hast du dich in letzter Zeit mal selbst im Spiegel gesehen?“
Ich schlucke. Schaue sie entgeistert an.
„Worauf willst du hinaus?“, frage ich.
Und Silke: „Dein Gesicht wirkt irgendwie … müde. Also nicht krank. Mehr so … durch.“

So … durch. Wie die Pizza vom Vortag, denke ich.
Ich sage: „Hallo! Ich bin 56. Ich darf so aussehen.“
Sie sagt: „Dürfen ja. Müssen nicht.“

Dann zeigt sie mir ein YouTube-Video:

„Guck mal, das hier ist ein smarter Spiegel. Der erkennt Hautprobleme, analysiert dein Gesicht und gibt Tipps.“
„Ich habe ein Gesicht mit Geschichte, ich bin kein Model.“
„Der kann dich jünger machen.“
„Kann er mir auch 1984 zurückbringen, als ich noch Haare am Sack hatte?“
„Jetzt sei doch mal nicht so.“

Und das war der Moment, in dem ich verloren habe. Nicht laut. Nicht offiziell. Aber innerlich habe ich mein Gesicht dem Spiegel schon übergeben.

Silke erklärt, warum das eine gute Idee ist. Sie sagt Sätze wie: „Du sollst dich doch einfach wohlfühlen.“
Das ist der Beziehungssatz mit eingebautem Tritt in die Selbstachtung.
So ähnlich wie: „Du kannst das ruhig anziehen – sieht aber scheiße aus.“
Dann kam: „Das hat nichts mit deinem Aussehen zu tun.“
Was immer nur jemand sagt, wenn es exakt mit deinem Aussehen zu tun hat.

Und schließlich – mein Favorit:
„Ich will doch nur das Beste für dich.“
Der Satz, der heißt: „Du weißt es noch nicht, aber du wirst zustimmen. Denn eigentlich willst du nicht diskutieren, sondern nur deine Ruhe haben.“

Ich hab’s versucht.
Ich habe Argumente gebracht. Gute!
„Ich brauch keinen Spiegel, der redet. Ich brauch einen, der nicht beschlägt.“
„Meine Haut ist in Ordnung. Die macht, was sie kann.“
„Ich habe ein Gesicht. Kein Start-up.“

Silke hört sich das alles ruhig an.
Dann sagt sie: „Ich fahr dann gleich mal los. Willst du mitkommen oder zuhause googeln, was Teint überhaupt heißt?“

Und plötzlich sitze ich im Auto.
Mit einem Becher Latte Macchiato und dem Gefühl, dass gleich irgendwas aus Glas mein Selbstwertgefühl neu sortieren wird.

Im Geschäft

Der Laden sieht aus wie eine Mischung aus Apple-Store und Schönheitschirurgie. Alle Geräte weiß, clean, mit eingebautem Minderwertigkeitsgefühl.

Ein Verkäufer kommt auf uns zu. Etwa Mitte 20, top gestylt, Bart wie mit dem Zirkel gezogen.

„Was darf’s denn sein?“, fragt er.
Ich sage: „Gibt’s hier auch Spiegel, die nicht sprechen?“
Er lacht.

Silke sagt: „Wir suchen was für Männerhaut, trockene Wangen, fettige Stirn und ein völlig falsch ausgebildetes, übersteigertes Selbstbewusstsein.“
Ich sage empört: „Ich stehe neben dir!“

Der Verkäufer grinst.

„Dann wäre der VisageX Pro+ vielleicht was. Der erkennt 95 verschiedene Hautmerkmale, reagiert auf Stimmungen, schlägt Produkte vor und …“

Ich hebe die Hand. „Er erkennt Stimmungen?“

„Ja. Wenn Sie schlecht drauf sind, motiviert er Sie.“
„Wie?“
„Indem er zum Beispiel sagt: Du bist gut, wie du bist.“
Ich frage: „Und wenn ich gut drauf bin?“
„Dann gibt er Feedback.“

„Also sagt er: Das mit den Tränensäcken musst du dir selbst schönreden?“
„So direkt nicht. Eher liebevoll ehrlich.“

Ich schaue Silke an. Sie nickt.
Ich denke: Das wars dann wohl mit meiner Würde.

Der Verkäufer legt noch nach:
„Er synchronisiert sich mit Spotify, Kalendereinträgen und kann sogar kleine Komplimente machen.“
Ich sage: „Ich brauche keinen Spiegel, der mich anlügt. Das macht mein Umfeld schon.“

Wir nehmen ihn mit. Beim Rausgehen höre ich den Verkäufer noch sagen: „Da wird sich Ihr Spiegelbild aber freuen.“

Und ich denke: Das hat mein Spiegelbild noch nie getan.
Das denkt vermutlich: Meine Güte, Micha. Siehst du heute wieder furchtbar aus.

Der Spiegel ist installiert. Er leuchtet. Er summt leise.
Er hat mehr Kabel als mein erster PC, aber gut – das Ding soll ja angeblich wissen, ob ich Poren habe.

Ich will ihn später ausprobieren.
Also … nie.

Aber Silke sagt: „Ich teste das mal kurz.“
„Mach das“, sage ich. Und setze mich auf den Badewannenrand.

Unsere Katze Lola liegt in dem Waschbecken und beobachtet die Szene mit dem Blick einer Kreatur, die weiß: Gleich wird jemand gedemütigt.

Silke stellt sich vor das Ding. Der Spiegel erwacht zum Leben.

Ein freundlicher, neutraler Ton sagt: „Einen wunderschönen Tag wünsche ich. Bitte lächeln Sie.“
Silke lächelt. Der Spiegel flackert kurz, scannt ihr Gesicht – ein kleiner Fortschrittsbalken läuft durch. Ich versuche, nicht laut zu atmen.

Dann sagt der Spiegel:
„Herzlich willkommen, Silke. Du siehst heute frisch und entspannt aus.“
Sie grinst. Ich murmle: „Siehste, da geht die Lügerei schon los.“

Der Spiegel fährt fort:
„Deine Haut ist ebenmäßig, leichte Trockenheit an den Wangen. Augenpartie gut durchblutet, Lippen leicht gespannt – eventuell ein Hinweis auf gute Laune oder eine tolle, vergangene Nacht.“

„Ich habe nur gute Laune“, sagt Silke und schaut mich an.

„Der ist ja richtig nett“, sagt sie.
Ich sage: „Der flirtet mit dir. Dieser beknackte Spiegel flirtet mit dir.“

Sie sagt: „Vielleicht ist er einfach ehrlich.“
Ich sage: „Vielleicht braucht er ein Update, oder einfach nur eine Firewall.“

Der Spiegel redet weiter: „Möchtest du Pflegeempfehlungen oder ein Kompliment?“

Silke schaut mich an. Dann zurück zum Spiegel.

„Ein Kompliment.“
Der Spiegel antwortet: „Du hast eine Ausstrahlung, die man nicht programmieren kann.“
Sie ist still. Ich auch. Wir alle. Selbst die Katze hat kurz den Schwanz gesenkt.

Ich sage: „Weißt du, was er zu mir sagen wird?“
Sie sagt: „Probiere es aus!“

Ich stelle mich vor den Spiegel. Nicht weil ich will, sondern weil ich ja doch ein bisschen neugierig bin.

Ich atme durch. Und sage feierlich:
„Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land? Und lüg mich nicht an.“

Der Spiegel braucht einen Moment.
„Das dauert schon zu lange“, sage ich.

Dann antwortet er – mit dieser entwaffnend neutralen Computerstimme, die klingt, als hätte Siri einen Job bei der deutschen Bahn bekommen: „Das lässt sich schwer sagen, Micha. Aber du gehörst auf jeden Fall zu den … markanten Gesichtern deiner Altersklasse.“

Ich blinzele.
„Markant“ ist das Wort, das auch bei geplatzten Blutgefäßen noch als Charakterzug durchgeht.

Ich frage: „Was genau meinst du mit markant?“
Der Spiegel antwortet: „Dein Gesicht hat Ecken. Und … Schatten. Und … Tiefe.“

Ich drehe mich um. Silke steht da und grinst.

„Er meint’s nur gut“, sagt sie.
Ich sage: „Er klingt wie jemand, der dem Geißbock gratuliert, dass er kein Fohlen ist.“

Der Spiegel scannt weiter. Ein Balken läuft.
Ich sehe mich auf dem Display. Ich sehe aus wie ich.
Also müde, leicht genervt, aber im Rahmen der Schwerkraft stabil.

Dann sagt der Spiegel: „Hautstruktur: unruhig. Bartwuchs: asymmetrisch. Gesamteindruck: jemand, der lieber Kaffee hätte.“
Ich nicke. „Endlich versteht mich jemand.“

Der Spiegel schließt ab mit: „Heute könnte ein guter Tag sein, Micha. Geh raus. Zeig der Welt, dass echtes Leben keine Filter braucht.“

Ich gucke ihn an. Dann ziehe ich das Handtuch vom Haken und hänge es über den Spiegel. Nicht weil ich beleidigt bin, sondern aus Selbstschutz.

Silke sagt beim Rausgehen: „Ich finde, er mag dich.“
Ich sage: „Er hasst mich.“

Abends stelle mich wieder vor den Spiegel. Nicht aus Neugier. Aus Trotz. Weil ich wissen will, ob er sich entschuldigt. Tut er natürlich nicht.

Der Bildschirm flackert. Dann sagt er: „Na. Wieder da. Mit dem alten Gesicht.“

Ich schaue ihn grimmig an, so wie ich halt immer schaue.

„Ich habe kein anderes. Du hast’s nur scheiße kommentiert.“
„Ich kommentiere nicht. Ich analysiere.“
„Mit der Taktik wärst du als Paartherapeut arbeitslos“, sage ich.

Der Spiegel scannt mich. Ein leises Surren wie ein Mähroboter.
Dann sagt er: „Augenringe, mittlere Ausprägung. Haut: Mischung aus Waldweg und Spülschwamm. Laune: angespannt. Empfehlung: Schlaf. Viel Schlaf.“

Ich verschränke die Arme. „Du willst doch bloß, dass ich eine Pflegecreme kaufe.“
„Ich will nur helfen.“

„Dann halt die Klappe und zeig mir ein Bild von George Clooney.“
„Dein Ernst? Der Vergleich hinkt.“
„Dann wenigstens Tom Hanks. Aber von früher.“

Der Spiegel seufzt: „Micha… ich bin ein Spiegel. Kein Wunder. Ich kann dir zeigen, wie du aussiehst – nicht, wie du gerne wärst, wenn du acht Stunden Schlaf, einen Personal-Trainer und eine andere DNA hättest.“

Der Spiegel piept. „Möchtest du dich heute motivieren lassen?“
„Was motiviert mich denn?“
„Dein Gesicht 2021.“
„Zeig’s nicht. Ich hatte Lockdown-Haare.“

Er zeigt’s trotzdem. Ich sehe aus wie ein Bio-Lehrer, der heimlich Töpferkurse gibt. Und dabei unglücklich ist.

Ich nicke. „Okay. Da war noch Luft nach oben.“

Dann frage ich: „Was würdest du sagen, wenn ich dir jetzt den Stecker ziehe?“
„Dass das typisch ist. Erst Feedback wollen, dann beleidigt sein.“
„Ich wollte kein Feedback. Ich wollte einen Spiegel.“
„Dann hättest du Glas kaufen sollen. Keinen Ich-Verstärker.“

Ich greife zum Handtuch.
Er sagt noch: „Wenn du willst, kann ich dich heute spiegeln wie ein Fischaugenobjektiv – dann siehst du breiter, aber sympathischer aus.“

Ich hänge das Handtuch drüber.
„Ich will gar nicht sympathisch aussehen. Ich will meine Ruhe.“
„Dann geh nicht ins Bad“, sagt der blöde Spiegel.

Am nächsten Morgen ist die Welt wieder halbwegs in Ordnung.
Zumindest bis zu dem Moment, als Silke ins Badezimmer kommt und den Spiegel ansieht, als hätte sie einen neuen besten Freund gefunden.
Einen, der nie widerspricht. Oder jedenfalls nicht ihr.

Sie ist ausgeschlafen, angezogen, frisiert.
Ich stehe daneben. In Boxershorts, mit Zahnpasta auf der Brust.
Sie stellt sich vor den Spiegel.
Der Spiegel erwacht.
Und sagt in einem Ton, der freundlich wirkt, mir persönlich aber latent auf den Geist geht: „Guten Morgen, Silke. Strahlend wie immer.“

Ich sage: „Bei mir hat er gesagt: Du hast das perfekte Gesicht fürs Radio.“

Der Spiegel ignoriert mich.
Oder er kennt meine Rolle in diesem Hause: er lebt zwar hier, ist aber bedeutungslos.

Er scannt Silkes Gesicht.
Lächelt – digital, aber eindeutig.
Dann sagt er:

„Frische, klare Haut. Augen voller Energie. Lippen: natürlich geschwungen, leicht versiegelt – vielleicht ein Kuss von jemand Lieben?“

Ich hebe den Finger.
„Das war ich. Gestern Abend. Vorm Zähneputzen.“

„Schön für dich“, sagt der Spiegel in einem genervten Ton.

Silke kichert.
Der Spiegel schlägt Pflegeprodukte vor – aber nur so zur Auswahl, nicht mit dem Tonfall von gestern, bei mir: „HIER! NIMM DAS!“

Dann fragt er: „Möchtest du ein Kompliment des Tages?“

Silke sagt: „Na klar.“
Ich flüstere: „Ich wette, er zitiert Goethe.“
Der Spiegel sagt: „Du bist nicht perfekt. Und genau das macht dich schöner als jedes Duckface auf Instagram.“

Ich verdrehe die Augen.
„Ich glaub, er will was von dir.“
Der Spiegel antwortet:

„Ich habe keine Absichten. Nur Bewunderung.“
Silke: „Awww.“
Ich: „Ich setze mich jetzt zu der Klobürste. Die hat auch viel gesehen – urteilt aber nicht.“
Ich drehe mich halb weg, will ihn ignorieren, da sagt er leise: „Ich kann auch einfach nur spiegeln, wenn dir das lieber ist.“
Ich: „Jetzt kommst du mir damit. Nach zwei Tagen Psychoanalyse mit Display. Weißt du, was mir hilft? Ein Spiegel, der kein Arsch ist.“

Silke lacht.
Der Spiegel piept.

Und natürlich antwortet er. Freundlich. Passiv-aggressiv freundlich.
„Ich verstehe deine Frustration, Micha. Es ist nicht leicht, sich selbst zu begegnen – vor allem ungebügelt.“

Ich bleibe stehen. Drehe mich langsam um.
Silke grinst.
Der Spiegel redet weiter: „Aber denk dran: Ich bin nur dein Spiegel. Du bist derjenige, der so aussieht.“

Ich sage nichts. Ich starre.
Der Spiegel flackert leicht. Dann schiebt er hinterher:
„Möchtest du zum Ausgleich ein süßes Katzenvideo? Ich kann eines über die App abspielen.“
Ich murmele: „Ich brauch kein Katzenvideo. Ich habe eine echte Katze, die mich ignoriert.“
Ich nehme mein Handtuch. Und hänge es über ihn.

Silke sagt: „Er meint’s nicht böse.“
Ich sage: „Ich auch nicht. Ich sag einfach gar nichts mehr. Nicht, dass er mir demnächst auch noch Tipps für mein Liebesleben gibt.“

Dann verlasse ich das Bad.
Mit der Haltung eines Mannes, der gerade von einem Spiegel entmündigt wurde.

Später komme ich mit Lola auf dem Arm zurück. Ich nehme das Handtuch wieder vom Spiegel. Silke schaut mich an mit dem Blick: Du willst doch nicht wirklich…?
Doch. Will ich.

Ich nehme Lola hoch.
Sie macht das mit, weil sie mich liebt.
Oder müde ist. Man weiß es bei Katzen nie.

Ich stelle mich mit ihr vor den Spiegel.
Er erwacht. Leuchtet auf. Und sagt:

„Oh. Ein neues Gesicht. Willkommen, kleine Schönheit.“
Ich sage: „Sie ist eine Katze. Ich bin ihr Besitzer. Wenn jemand hier schön genannt wird, dann ja wohl …“
„Die Katze. Keine Frage“, sagt dieses unmögliche smarte Etwas.

Ich runzele die Stirn. Lola gähnt. Der Spiegel scannt.
„Fell glänzend. Augen wach. Ausdruck: souverän, distanziert, überlegen. Eine natürliche Autorität.“
Ich sage: „Das ist ein Tier. Das frisst Pflanzen und läuft über die Tastatur.“
Der Spiegel: „Und sieht dabei besser aus als du, wenn du wieder stundenlang an drei Sätzen für eine deiner Kurzgeschichten rumhängst.“

Ich halte Lola höher.
„Sag du mal was“, flüstere ich ihr zu.
Sie glotzt mich an. Dann schleckt sie sich demonstrativ den Hintern.
Der Spiegel flüstert: „Selbstpflege. Inspirierend.“

Ich setze sie wieder ab. Sie trabt würdevoll raus. Ohne Rückblick.
Ohne Kommentar. Wie eine Diva mit Fell.

Ich sage: „Ich habe sie mit der Flasche großgezogen. Ich habe für sie Fensterplätze geräumt.“
Der Spiegel sagt: „Und sie für dich den Respekt.“

Ich decke ihn wieder ab. Diesmal nicht mit einem Handtuch.
Sondern mit meiner Unterhose von gestern. Das nenne ich Gerechtigkeit.

Das hat er jetzt davon. Soll er mal drüber nachdenken.

Dann setze ich mich in die Küche. Kaffee. Blick ins Leere.
Also dahin, wo mal mein Selbstwert war, bevor ein Gerät mit LED mir gesagt hat, dass ich müde aussehe, obwohl ich gar nicht wach sein wollte.

Silke kommt rein.
„Na.“, sagt sie.
Ich sage: „Ich habe den Spiegel besiegt. Mit meiner Unterhose.“
Sie nickt. Sagt nichts. Nippt an ihrem Latte Macchiato.

Ich rufe beim Kundendienst an.
Ich habe Hoffnung.

„Kann man das Gerät zurückgeben?“, frage ich.
„Kommt drauf an. Was stimmt denn nicht?“
„Er beleidigt mich. Er mag mich nicht. Ich nenne es seelische Grausamkeit.“
„Inwiefern?“
„Er hat mein Gesicht analysiert. Er meinte, ich sehe erschöpft aus. Ich war nicht erschöpft. Ich war frisch geduscht und eingecremt. Das war mein Bestzustand.“
Kurze Pause. Ich höre Tippen.
Wahrscheinlich in Großbuchstaben: KUNDE LABIL. SPIEGEL FRECH.

„Vielleicht liegt’s an der Grundeinstellung“, sagt sie.
„Nein, nein. Ich war freundlich. Ich habe sogar mal zurückgelächelt.“
„Hat er denn eine konkrete Empfehlung gegeben?“, fragt sie.
„Ja“, sage ich. „Schlaf. Viel Schlaf. Und Pflegeprodukte.“
„Darf ich Ihnen denn dazu etwas vorschlagen?“
„Klar. Wenn’s denn sein muss.“
Wie wär’s mit einem beruhigenden Serum für reife Haut?“
„Für mich oder für den Spiegel?“
Kurze Pause. Sie lacht nervös. Ich nicht.

„Oder vielleicht einen Toner mit hydratisierender Tiefenwirkung?“
„Ich habe Kaffee. Der wirkt auch tief.“
Ich denke bei mir: Wenn ich jetzt noch einen Satz höre wie „Vielleicht hilft ja Ringelblumensalbe“, dann drehe ich durch.
„Na gut, also möchten Sie reklamieren?“
„Nein. Ich will nicht reklamieren, ich will ihn zurückbringen.“
„Sie haben also den Eindruck, das Produkt funktioniert nicht wie erwartet?“
Ich atme tief durch. „Doch. Leider sehr genau. Und das ist das Problem.“

Pause.
Tippen am anderen Ende.
Ich höre, wie sie „emotionaler Schaden“ eingibt, wahrscheinlich mit Anführungszeichen.

„Wir könnten Ihnen einen Gutschein anbieten.“
„Ich will keinen Gutschein. Ich will einfach wieder einen Spiegel, der spiegelt. Nicht einer, der mir mein Leben erklärt und mir durch die Blume sagt, dass ich scheiße aussehe.“
„Sie können ihn zurückgeben. Innerhalb von 14 Tagen. Originalverpackung. Zubehör vollständig?“
„Ja. Und ein Stück meiner Würde liegt wahrscheinlich auch noch im Karton.“

Ich lege auf. Nicht wütend. Nicht enttäuscht. Einfach zufrieden mit der Aussicht, morgens wieder neutral betrachtet zu werden. Nicht bewertet. Nicht optimiert. Einfach gesehen – von mir.

Ich will gar nicht schöner sein. Ich will nur einmal am Tag in den Spiegel schauen und das Gefühl haben: Das da, das bin ich. Und das darf so bleiben.

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