Zwischen Frühstückskäse und Feilenmassaker

Warum man bei der Pediküre mehr verliert als Hornhaut

Ich sitze beim Frühstück.
Brötchen, Limburger, original Allgäuer – der gute.
Silke sitzt gegenüber und atmet nur durch den Mund.
„Ganz ehrlich“, sagt sie, „der riecht original wie Schweißfüße.“
Ich sage: „Ja. Aber er schmeckt nicht so, wie er riecht.“
Sie sagt: „Das ist bei deinen Füßen auch so. Leider.“
Ich schaue sie an.
„Woher willst du wissen, wie meine Füße schmecken?“
Sie schaut zurück, ganz ruhig.
„Intuition. Und eine jahrelange Geruchsausbildung im Alltagseinsatz.“
Ich suche nach einem Satz, der mich rettet – finde aber nur welche, die mich noch tiefer reinreiten. Also lasse ich es.
Sie schiebt mir ihr Tablet über den Tisch.
„Was soll das sein?“, frage ich.
„Beweisfoto.“
Ich schaue drauf.
Ein Fuß. Meiner.
Seitlich fotografiert. Unvorteilhaft.
Ich erkenne ihn nur, weil ich den Haarriss auf der Ferse sehe.
Und weil sonst niemand so steht.

„Warum hast du meinen Fuß fotografiert?!“
„Weil du’s mir sonst wieder nicht glaubst.“
„Was genau?“
„Dass da was gemacht werden muss. Dringend.“

Ich sehe nochmal drauf.
Es sieht aus wie Baumrinde.
Unbewässert.
Alt.
Ich weiß nicht, ob ich mehr über das Bild oder über unsere Beziehung schockiert bin.

„Ich dachte, das ist privat. Meine Füße gehören mir.“
Silke grinst.
„Nicht, wenn sie gefährlich werden.“
„Ich habe keine Waffen an den Füßen!“
„Nein, aber ein Landschaftsschutzgebiet.“

Ich sage: „Ich zieh einfach wieder Socken an.“
Sie sagt: „Du kommst mit. Pediküre. Ich habe einen Termin gemacht.“
„Ohne mich.“
„Mit dir. Und mit Terminbestätigung per Mail. Willst du sie sehen?“

Ich starre auf das Tablet.
Auf meinen Fuß.
Auf meine Beziehung.

„Guck mal“, sagt sie, „so kannst du nicht rumlaufen.“
Ich sage: „Was meinst du, wie viele Jahre der gebraucht hat, um so zu werden? Der ist authentisch.“
„Der ist unhygienisch“, sagt Silke. „Du kommst mit. Basta.“
„Pediküre klingt nach Landwirtschaft“, sage ich. „Und es riecht meist nach Gülle!“

Sie seufzt.
„Ich wusste gar nicht, dass du so ein feines Näschen hast. Und trotzdem erkennst du beim Käse nicht den Unterschied zwischen Reife und Verderb.“
Ich habe in unserer Beziehung ungefähr so viel Mitspracherecht wie ein Topflappen. Man darf mich benutzen, aber entscheiden tun andere.
Sie sagt: „Los. Zieh dir was an die Füße, das du schnell wieder ausziehen kannst.“

Und ich weiß:
Der Tag ist gelaufen, noch bevor er angefangen hat.

Also fahren wir in die Stadt. Ich frage, ob es wirklich sein muss. Sie sagt, ja.
Ich frage, ob ich nicht einfach Socken mit integrierter Schleifsohle tragen kann. Sie sagt, ich sei lächerlich.

Wir laufen an Schaufenstern vorbei. Goldschmiede. Reformhaus. Asia-Imbiss. Und dann:
„Magical Nails – Studio für Hände & Füße“.
Ich bleibe stehen. Nicht aus Respekt. Aus Instinkt.
Irgendwas in mir weiß: Hier ist die Endstation für meinen Stolz.
„Du willst wirklich, dass ich da reingehe? In diesen Laden und du willst ernsthaft, dass ich da drin jemandem meine Fersen zeige? Du weißt, dass ich es hasse, wenn jemand auch nur in die Nähe meiner Füße kommt!“
„Ja, ich weiß. Du hasst es. Und trotzdem ziehst du beim Fernsehen regelmäßig die Socken aus. Genau da beginnt das Problem.“
Ich hasse es, wenn sie recht hat. Ich hasse es noch mehr, wenn ich plötzlich vor einer Türe stehe, durch die Männer gehen, um freiwillig ihre Füße zu zeigen.

Drinnen riecht es nach Chemie, Zitrone und Vorurteilen.
Eine Frau mit makellosem Lidstrich winkt mich heran.
Sie heißt Trang.
Sie hat eine Feile in der Hand, die aussieht, als könne man damit Scheiben aus Panzerglas schneiden.
Ich überlege, ob ich einfach weglaufen kann. Aber ich trage Sandalen.
Man kennt meine Füße jetzt.
Ich bin geliefert.

Ich sage noch schnell zu Silke: „Also meine Hände, die sehen doch gepflegt aus, oder?“
Sie sagt: „Du hast an drei Fingern Hornhaut, eine Narbe wie nach einem Kettensägenkurs, und am Daumen irgendwas … Fossiles.“
Ich hebe den Zeigefinger.
„Das war kurz vor Weihnachten. Krippenschnitzen. Ich war konzentriert, das Messer nicht. Am Ende haben wir mein Fingerstück in eine Brotdose mit Eis gelegt – der Arzt hat nur gelacht und gesagt: „Das füttern Sie besser der Katze. Drannähen lohnt sich nicht.“
„Sieht man aber kaum noch“, füge ich trotzig hinzu.
„Doch“, sagt sie. „Aber das sagen Männer ja auch über Bauchansätze.“

Ich betrachte meine Hände. Ich finde, sie erzählen Geschichten. Von harter Arbeit. Von Werkzeug. Vom Leben.

Trang tippt auf ein laminiertes Kärtchen mit bunten Nägeln.
„Du willst Gel French, Shellac Natural, oder Chrome Babyboomer?“
Ich starre auf die Karte, als würde sie in Hieroglyphen gedruckt sein.

„Äh“, sage ich.
„Gel French“, wiederholt sie.
Ich denke kurz nach. Gel klingt klebrig. French klingt wie irgendwas mit Zunge.

„Kriegt man das wieder runter?“, frage ich.
Trang schaut mich an, als hätte ich gerade gefragt, ob man Fingernägel zurückgeben kann. „French. Weiß Spitze. Klassiker. Sehr schön.“
Ich nicke verständnislos.
Silke ruft von der Seite: „Nimm Natural! Du willst ja nicht aussehen wie ein Beerdigungsclown.“
Ich rufe zurück: „Das war EINMAL. Und es war ein Konzert!“
Trang ignoriert unsere Beziehungsgeschichte und zeigt auf einen rosigen Farbton.
„Diese gut. Sieht aus wie nix. Aber teuer.“

Ich denke: Endlich mal ein Beautyprodukt, das ehrlich ist.

Trang schiebt meine Hand unter so eine Lampe, die aussieht, als würde sie gleich ein Geständnis aus mir rausleuchten.
Ich frage: „Warum das Licht?“
Sie sagt: „UV. Macht hart.“
Ich denke an meine Jugend, Freibad, Solarium.
Ich sage: „Klar, kenn ich. Früher lag ich freiwillig unter UV-Licht. Damals wurde ich braun, heute werde ich beleuchtet. Fortschritt sieht anders aus.“
Sie reagiert nicht. Vielleicht war das der Moment, in dem sie innerlich auf vietnamesisch „Halt einfach die Klappe“ gesagt hat.

Sie beginnt mit dem Fräsen. Das Geräusch liegt irgendwo zwischen Zahnarzt und Motorsense. Ich versuche, nicht zu zucken.
Sie sagt: „Nicht bewegen. Sonst krumm.“
Ich sage: „Ich habe Reflexe. Ich bin ein Mensch.“
Sie sagt: „Trotzdem nicht bewegen.“
Ich halte still wie bei meiner ersten Impfung.

Silke grinst.
„Wusste gar nicht, dass du so ruhig sein kannst“, sagt sie.
Ich will was sagen, aber Trang guckt mich an wie eine Frau, die gleich versehentlich Chrome Babyboomer aufträgt, nur um’s mir heimzuzahlen.

Ich beschließe zu schweigen.
Aus Liebe.
Und aus Angst.

Zwischendurch sehe ich zu Silke rüber. Ich flüstere:
„Sag mal, warum genau sitze ich eigentlich nochmal hier?“
Sie legt ihr Magazin Nails & Soul beiseite und sagt nur das, was sie immer sagt: „Locker bleiben.“

Zwei Worte, bei denen mein Puls auf 180 geht.
Denn wenn sie locker bleiben sagt, meint sie in Wahrheit: Gleich wird’s schlimm, aber ich will dich leiden sehen.
Und ich? Ich bin zu stolz, zu fliehen. Und zu schwach, um es nicht trotzdem zu tun.

Trang fragt: „Du willst Glitzer?“
Ich sage: „Nur innerlich.“

„Jetzt Füße“, sagt Trang.
Kein Vorschlag. Ein Schicksal.
Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich das alles hier mitmache.
Es muss ein Traum sein, aus dem ich gleich schweißgebadet aufwache.

Ich ziehe die Socken aus.
Trang setzt eine Schutzmaske auf.
Ich denke: Das ist nie ein gutes Zeichen.

Ich werde auf einen rosa Sessel gesetzt, Beine hoch, Haltung: geprügelter Pavianarsch.
Trang sagt: „Bitte nicht kitzeln.“
Ich sage: „Das ist keine freiwillige Entscheidung, das ist ein Reflex!“
Sie sagt: „Sehr viel Arbeit.“

Sie beginnt zu schleifen. Meine Hornhaut rieselt wie Parmesan.
Silke trinkt Latte Macchiato und beobachtet alles mit dieser Genugtuung, die nur langjährige Partnerinnen haben, wenn der Mann zur Abwechslung mal verliert.

Ich frage mich, warum wir nicht einfach in einem Café sitzen.
Mit gedecktem Apfelkuchen, warmen Getränken und angezogenen Socken. Und dem Gefühl, dass der Tag noch uns gehört – und nicht Trang.

Trang beugt sich runter, hält meinen Fuß fest, spreizt meine Zehen leicht auseinander und sagt mit stoischer Ruhe:
„Ich mach jetzt die Zwischenräume.“

Ich reiße die Augen weit auf und spüre, wie sich in meinem Inneren ein Reflex meldet, der seit meiner Kindheit unterdrückt wurde.
So eine Mischung aus Fluchtinstinkt und Magenkrampf.
Ich schaue panisch zu Silke. Doch sie zuckt nur vor Lachen, kann sich kaum zusammenreißen.
Ich fluche. Leise. Innen drin. So ein „Was zur Hölle mach ich hier eigentlich?“-Fluch, der einem den Blutdruck hochfährt, ohne dass man sich bewegt.
Wie konnte ich mich auf so einen Quatsch einlassen?
Ich hasse es, wenn mir jemand an die Füße geht. Ich hasse es sogar, wenn ich mir selbst an die Füße gehe. Das ist für mich eine Zone, da hört der Spaß auf.

Und jetzt lieg ich hier.
Barfuß. Wehrlos.

Ich will ruhig bleiben.
Ich denke: Sei ein Mann.
Mein Fuß denkt: Spastischer Übergriff!

Und dann passiert’s.
Ein Reflex.
Nicht doll.
Aber präzise.

Dabei treffe ich mit meinem rechten Fuß ihr Visier.
Also nicht hart.
Mehr so: Kontakt.

Trang friert ein.
Ich friere innerlich auch ein.
Silke hustet in ihren Latte Macchiato, was kein echter Husten ist, sondern das Geräusch, das sie macht, wenn sie sehr laut nicht lachen will.

Ich sage: „Entschuldigung … das war … mein Fuß … der macht das automatisch, wenn … äh …“
Trang nickt langsam.
Ohne Emotion.
„Ja. Viele Männer haben Trauma am Fuß. Ich arbeite drumherum.“
Dann zieht sie sich neue Handschuhe über, fester als vorher, und sagt nur: „Jetzt bitte keine Bewegung. Sonst sehr schief. Sieht dann lustig aus. Für uns. Nicht für dich.“

Ich nicke.
Vorsichtig.
Und spüre, wie meine Würde irgendwo draußen an der Garderobe sitzt – mit meinen Socken und dem letzten Rest Stolz.

Trang beugt sich wieder nach unten.
Langsam. Wie jemand, der weiß, dass das, was jetzt kommt, kein Handwerk mehr ist – sondern Nahkampf.

Ich versuche, mich nicht zu bewegen. Nicht zu atmen. Nicht zu existieren.

Silke schiebt sich demonstrativ ein Stück Schokolade in den Mund und sagt: „Du machst das ganz toll, Schatz.“
Ich will etwas antworten, aber ich habe das Gefühl, selbst meine Stimmbänder könnten zucken und irgendwas kaputt machen.

Trang setzt an. Eine feine Fräse diesmal. Klingt wie eine elektrische Zahnbürste.

Sie nähert sich dem Ballen meines rechten Fußes, und ich schwöre, ich höre, wie mein Körper innerlich sagt: Bitte nicht. Nicht da. Nicht heute.

Dann spüre ich es. Es ist kein Schmerz. Es ist schlimmer.

Es kitzelt.

Ich zucke. Nur ein bisschen.
Trang schaut hoch.
Ich reiße die Augen auf.
Sie sagt nichts.
Aber sie wechselt das Werkzeug.
Zu einem dickeren.

Ich sage: „Ich gebe mir Mühe.“
Trang sagt: „Nicht genug. Nicht wieder treten.“

In dem Moment fällt mir auf, dass Silke ihr Handy zückt.
„Das ist für unsere private Sammlung“, sagt sie.
Ich sage: „Ich verbiete das.“
Sie sagt: „Du verbietest hier grad gar nichts. Du bist bewegungsunfähig.“
Dann lacht sie. Nicht laut. Aber warm.
Und sehr aufrecht.

Und ich denke:
Das hier ist nicht Fußpflege.
Das ist Charakterentwicklung.

Trang tupft noch irgendwas auf meine Zehen, das riecht wie Klostein mit Wellness-Ambitionen, und ich weiß: Jetzt ist es vorbei. Zumindest hoffe ich das.

Sie zieht die Handschuhe aus, ganz langsam, wie eine Gerichtsmedizinerin nach einem besonders schweren Fall, schaut mich an, mustert ihre Arbeit und sagt in einem Ton, der mehr Urteil als Erleichterung ist: „Fertig. War grenzwertig. Aber nicht hoffnungslos.“

Ich nicke. Nicht aus Zustimmung, sondern weil mein Hals gerade das einzige Körperteil ist, das noch ansatzweise funktioniert.
Meine Beine – ich sehe sie, kann sie aber nicht spüren.
Mein Gleichgewichtssinn – leicht traumatisiert.
Meine Würde – keine Ahnung wo die wieder hin ist.

Silke reicht mir meine Socken, so, als hätte sie mir ein altes Testament überreicht. Ich nehme sie nicht. Ich kann nicht. Ich will nicht. Ich habe das Gefühl, meine Füße sind jetzt so glatt, dass selbst Stoff sie nicht mehr berühren möchte.

Ich versuche aufzustehen.
Ich schaffe es.
Irgendwie, ohne gleich einzuknicken.

Trang nickt mir zu, mit dem Blick einer Frau, die heute was geleistet hat. Ich nicke zurück wie ein Mann, der kurz überlegt, ob man auch als erwachsener Mensch einfach zurück in den Brutkasten kann.

Wir treten vor die Tür.
Draußen scheint die Sonne.
Silke ist bester Laune, was verdächtig ist.
Ich gehe zwei Schritte. Zwei ganze Schritte.
Und dann passiert es.
Der linke Fuß – mein linker Fuß, dieser frisch entkernte Problemkandidat – berührt einen exakt kreisrunden, leicht feuchten Gullydeckel, der aussieht, als hätte jemand ihn vorher mit Vaseline eingestrichen.

Ich rutsche. Nicht filmreif. Nicht mit Pirouette.
Einfach nur … auf die Art, wie Männer rutschen, die noch kurz gedacht haben: Ich hab’s geschafft.

Ich rutsche, ziehe dabei die Schultern hoch, mache ein Geräusch, das irgendwo zwischen Uhu, Luftpolsterfolie und psychischem Verfall liegt – und rette mich im allerletzten Moment an einen Bauzaun.
Der wackelt. Natürlich wackelt der.

Ein Fahrradfahrer klingelt.
Ein Kind lacht.
Silke lächelt milde und sagt:
„Vielleicht musst du das einfach annehmen. Du bist jetzt ein Mann mit weichen Füßen. Und fragiler Würde.“

Ich sage nichts.
Ich kann nicht.
In meinem Kopf läuft Fahrstuhlmusik.

Trang steht drinnen am Fenster, sieht alles, hebt langsam die Hand und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Sie lächelt.
Und ich denke:

Manchmal musst du dich komplett zum Horst machen, damit jemand deine Füße ernst nimmt.

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