
Ostern
Früher: Eier färben, Hefezopf, irgendwer vergisst die Servietten, irgendjemand heult, weil er sein Nest nicht findet.
Heute: Wir fahren zum Chinesen.
Wir alle.
Silke – meine Frau. Also offiziell Freundin, aber wir tun jetzt mal nicht kleinlich.
Maren – meine Tochter.
Lars – mein Sohn.
Und Vanessa – Lars’ Freundin, die sich in diesem Wahnsinn erstaunlich gut behauptet.
Das ist unsere Truppe. Der harte Kern.
Gemeinsamer Einsatzbefehl: All-you-can-eat.
Uhrzeit laut offizieller Reservierung: 17:30 Uhr.
Uhrzeit laut Silke: 17:15 Uhr.
Weil Silke weiß, dass ich grundsätzlich nicht in die Pötte komme, wenn irgendwo ein Termin ansteht.
Sie kennt mich. Und sie kennt die Zeit, die ich brauche, um vor dem Losfahren noch alles Mögliche zu erledigen – ob das Licht überall aus ist, ob die Katze genug Futter hat, oder ob ich nicht doch noch irgendwas suchen muss, von dem ich vorher nicht wusste, dass es fehlt.
Deswegen nennt sie mir nie die echte Uhrzeit.
Seit Jahren.
Einfach aus Selbstschutz.
Und alle wissen das – Maren, Lars, Vanessa – sie kennen den Trick.
Sie folgen der obersten Heeresleitung ohne zu murren.
Denn wer sich gegen Silkes Zeitmanagement stellt, bekommt es mit ihrer militärischen Ader zu tun – die ist leise, aber unmissverständlich.
Also sitzen alle parat, als ginge es auf Patrouille.
Silke sagt: „Wir müssen um viertel nach fünf da sein.“
Nicht fragend. Nicht verhandelbar.
Mit dem Tonfall, in dem man sonst eher sagt:
„Das Wasser steigt schneller als gedacht.“
Ich kontrolliere meine Taschen: Schlüssel, Handy, E-Zigarette, Portemonnaie – das Notfallpaket für Männer, die wegen eines Restaurantbesuchs kurz so tun, als würden sie ins Ausland versetzt.
Ich bin bereit. Zumindest auf eine Art, die sich gut anfühlt, solange niemand genauer nachfragt.
Silke steht schon mit Jacke an der Tür.
Sie sagt nichts, aber ihre Augen haben ein eigenes Countdown-System.
Ich weiß natürlich, dass der Tisch erst um halb sechs reserviert ist. Silke weiß, dass ich das weiß.
Aber wir spielen das durch. Quasi ein Rollenspiel.
Keiner sagt dem anderen, dass er es weiß.
Das ist unser ewiger Kompromiss:
Sie täuscht mich, wir kommen pünktlich und alle sind glücklich.
Ich widerspreche auch nicht.
Wer klug ist, diskutiert nicht mit dem Oberkommando in zivil.
Schon gar nicht, wenn Feiertag ist.
Da wird nicht gefahren – da wird die Kompanie verlegt.
Taktisch durchgeplant.
Wir kommen an – 17:15 Uhr – und der Laden ist voll.
Natürlich ist der Laden voll.
Es ist Ostern, die halbe Nordeifel hat sich gedacht:
„Lassen wir Jesus mal ruhen, fahren wir zum Chinesen.“
Drinnen riecht es nach allem gleichzeitig.
Sojasoße, frittiertes Hähnchen, eine Vanillecreme, die aussieht, als hätte sie gute Laune – und darüber dieser Duft, wie ein Potpourri aus Erwartung, Glutamat und einer Entscheidung, die man später nicht bereut. Nur kurz hinterfragt.
Wir grüßen, werden zum Tisch gebracht, setzen uns.
Ich ziehe die Jacke aus, sehe zum Buffet – und da ist sie.
Die Schlange.
Nicht eine normale, höfliche Ansteh-Schlange.
Sondern eine, die aussieht, als würde vorne ein Arzt kostenlos deine Cholesterinwerte schätzen.
Manche schauen so verbissen aufs Buffet, als ginge es um die letzten Reste vor dem Weltuntergang.
Ich stehe auf.
Ganz selbstverständlich.
Und trotzdem: alle reagieren.
Silke sagt: „Na bitte. Wurde auch Zeit“
Vanessa: „Der Klassiker.“
Maren lehnt sich zurück und sagt: „Erst pinkeln, dann Buffet.
Alles wie immer.“
Lars grinst: „Ostern ist erst, wenn Papa gestrullert hat.“
Es ist ein Ritual, ein Running Gag in der Familie, vor jedem Essen muss ich vorher aufs Klo.
Ich weiß nicht mal, ob ich wirklich muss – oder ob mein Körper das einfach als feste Vorschrift abgespeichert hat.
Erst Toilette, dann Teller.
Wie für andere die Kippe nach dem Sex.
Und wenn ich mal nicht gehe, sagt garantiert jemand:
„Irgendwas fehlt noch …, musst du gar nicht aufs Klo?“
Und zack – muss ich.
Das ist einfach eingebrannt.
Vor dem Essen wird gepieselt.
Kein Drama, nur ein Reflex.
Ich verschwinde.
Die Herrentoilette ist leer.
Ein kleiner Sieg.
Zurück am Tisch: Die Schlange hat sich exakt um drei Personen nach vorn bewegt.
Ich schließe mich an.
Teller in der Hand. Blick nach vorn.
Ich nehme wie immer das, was ich immer nehme.
Reis.
Paniertes Hähnchenfleisch, schön knusprig.
Ente in Streifen.
Manchmal Fisch, wenn er mich nicht anschreit: „Ich war mal ein Tier mit Gefühlen!“
Und Soße Süß-Sauer. Viel Soße.
Ich bin kein Abenteuermensch.
Ich esse, was funktioniert.
Meine Teller sind zuverlässig.
Wie Silke. Nur heißer.
Ich balanciere meinen Teller zurück an den Tisch.
Am Nebentisch liegt ein kleiner Hund auf einer Decke.
Irgendwas zwischen Shih Tzu und Fußabtreter.
Sitzt da wie bestellt und nicht abgeholt – oder eben: nur halb abgeholt.
Schnauze auf Tischhöhe, starrt mir aufs Essen.
Ich lehne mich zu Silke rüber und sage:
„Ach guck mal. Die bringen sich ihr Essen jetzt selber mit.
Wird bestimmt gleich frisch zubereitet.
Wenn der erst mal in Streifen geschnitten ist …, schön frittiert, passt bestimmt gut zu Erdnusssoße.“
Silke schaut mich an.
Dieser Blick: „Wenn Blicke töten könnten, wärst du frittiert.“
Ich grinse: „Oder süß-sauer.“
Sie atmet tief durch.
Das heißt bei uns: „Nicht jetzt. Nicht hier. Reiß dich zusammen.“
Wir setzen uns, essen.
Es ist ruhig.
Alle zufrieden.
Kein großes Reden – nur kleine Sätze, die sitzen.
Vanessa erzählt kurz was von ihrem Studium.
Irgendwas mit Kommunikation.
Ich vergesse jedes Mal, wie’s genau heißt – es klingt ein bisschen wie der Untertitel von einem ZDF-Themenabend.
Aber sie redet gerne darüber. Und das ist gut. Ich verstehe nicht alles, aber ich höre zu, mit Respekt.
Lars erzählt von seiner letzten Kampagne – irgendwas mit Versandoptimierung, Conversion und „Customer Journey“.
Ich stelle keine Fragen. Ich hab schon mal „Cookies ablehnen“ gedrückt, das reicht mir.
Maren hat heute keine Verantwortung.
Außer für die Balance von Huhn zu Soße.
Sie nimmt das ernst.
Sie sieht zufrieden aus.
Und ich denke: Das ist Ostern.
Dann kommt der Glückskeks.
Zettel drin: „Manchmal ist frühes Kommen ein Zeichen von Weisheit.“
Ich halte Silke den Zettel hin.
Sie lacht.
„17:30 war übrigens die echte Uhrzeit“, sagt sie.
Ich: „Ich weiß.“
Sie: „Seit wann?“
Ich: „Seit 2015.“
Wir lachen beide.
Weil wir uns kennen.
Weil wir wissen, wie wir funktionieren.
Und weil es eben keine große Philosophie braucht,
nur einen festen Tisch, ein bisschen Soße Süß-Sauer,
und Menschen, die man liebt.
Nicht laut. Nicht kompliziert.
Einfach richtig.
Und das reicht.
Frohe Ostern!
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