Zwei Euro, zehn Minuten und eine Sinnkrise – oder: Wenn du nicht weißt, ob du schreien, lachen oder klagen sollst

Es ist Samstag. Shoppingtag. Im Einkaufszentrum Hürth-Park.

Silke, meine Nicht-Ehefrau aber Freundin, shopping-erprobt wie Lara Croft, steuert zielsicher einen Dessous-Laden an. Fragt mich: „Kommst du mit rein?“

Ich: „Och nö, weißte … das erregt mich immer so. Ich krieg da Bilder im Kopf, und nicht alle sind jugendfrei. Und dann behauptest du wieder, ich sei ein Lustmolch.“

„Dann warte halt draußen. Aber benimm dich.“
„Mache ich doch immer.“
Sie schüttelt nur den Kopf und verschwindet – vermutlich Richtung Lack & Leder.

Ich steh also da, Hürth-Park, 14:12 Uhr, irgendwo zwischen Bäcker, Currywurstbude und Friseursalon. Ich denke noch: „Latte Macchiato? Geht doch eigentlich immer.“
Und dann sehe ich ihn.

Einen Ledersessel. Schwarz. Wuchtig. So eine Art Möbelfachgeschäft-Version von Bud Spencer. Ein Gerät mit der Ausstrahlung von Darth Vader.
Ich denke: „Wie nett! Da setzt du dich mal rein, lässt dir das Rückgrat neu sortieren, daddelst ein bisschen auf dem Handy rum, was soll schon schiefgehen?“

Ich nehme Platz. Gemütlich wie damals Omas Fernsehsessel. Zwei Euro – das ist quasi medizinische Wellness zum Ramschpreis.

Ich werfe die Münzen ein. Was dann passiert, nennt man in der medizinischen Fachsprache: „lokales Symbalsyndrom“. Es beginnt die Massage-Apokalypse.

Nicht gemütlich. Nicht wohltuend.
Sondern: körperliche Durchsuchung mit technischen Mitteln.

Das Ding erwacht zum Leben, knurrt einmal wie ein alter Skoda und fängt an, mir das Rückgrat zu falten wie ein Wäschepaket bei der Bundeswehr.
Ich denke noch: „Hui… sportlich!“

Nach exakt 92 Sekunden: HEXENSCHUSS.
Und das, während die Hexe gegenüber Reizwäsche durchstöbert.

Also, ich sitze da. In diesem Sessel. Nicht auf ihm. Nein. In ihm. Der hat mich eingesogen wie ein schlecht gelaunter Staubsauger. Ich bin so tief versunken, dass man mir theoretisch einen Latte Macchiato auf den Kopf stellen könnte – niemand würde es merken.

Der Sessel knetet weiter.

Da ist ein Knack, ein Schnapp, ein Wimmern.
Letzteres war ich. Ich sitze da. Eingeklemmt zwischen Leder und Schicksal. Ich komme nicht mehr raus. Sie haben mein Rückgrat in die Knie gezwungen. Ich bin quasi Teil des Mobiliars. Ein Menschensessel.

Der Rücken. Dann der Nacken. Dann der … Zwischenbereich.
Dann … grenzüberschreitend. Er fährt von oben nach unten. Von hinten nach tiefer hinten.
Ich frage mich: „Ist das hier eigentlich noch Massage oder schon eine Art mechanisches Vorspiel? Ist das da unten überhaupt legal, oder kann ich das zur Anzeige bringen?“

Der Sessel bearbeitet Regionen, über die mein Hausarzt und ich seit Jahren höflich schweigen. „Moment, darf der das? Und warum tut’s so weh, dass es fast wieder schön ist?“ So tief unten, so präzise, dass ich kurz überlege, ob ich einvernehmlich unterschrieben habe.

Ein Rentner fragt, ob ich den Sessel freimachen würde.
Ich antworte: „Geht gerade nicht, ich bin verhindert.“
„Verhindert worden“, ergänze ich. Nicht, dass der Herr noch denkt ich sei unhöflich.

Die Vibration wird stärker. So stark, dass ich kurz Angst habe, er hat noch ‘ne Schleudersitzfunktion, und katapultiert mich gleich mit einem satten Plopp zurück in die Nordeifel.

Ich klammer mich fest. Nicht nur am Sessel. Am Leben.
Ich bereue alles. Ich bereue alles, was mich auf diesen Stuhl geführt hat. Einschließlich meiner 2 Euro.

Ein kleiner Junge fragt seine Mutter: „Mama, warum zittert der alte Mann so, ist der krank?“
Geh weiter, du kleiner ungezogener Rotzlöffel, schaue ich ihn böse an.

Dann bleiben weitere Leute stehen.
So ein älteres Ehepaar. Er mit Gehhilfe, sie mit Grimmigkeit im Gesicht.
Sie: „Geht’s Ihnen gut?“
Ich: „Ich weiß gerade nicht, was ich darauf antworten soll.“
Er: „Ach, so’n Ding wollt ich mir auch mal holen. Wo haben Sie das gekauft?“
Ich: „Direkt in der Hölle. Gibt’s im Set mit Rollator.“

Langsam bildet sich eine Menschentraube. Smartphones werden gezückt. Ich bin jetzt virales Menschenmaterial.
Ein Mann kommt auf mich zu, guckt mich lange an und sagt:
„Ich kenn das. Ich hab mal bei IKEA in so einen Massagesessel gepinkelt, weil ich dachte, das wär ein japanisches Klo.“
Ich sage: „Okay. Du hast gewonnen. Ich bin raus.“
Er geht. Ich bin sprachlos. Mein Rücken auch.

Dann ein Jugendlicher, Jogginghose, Vokuhila im Retro-Style, filmt mich mit dem Handy.
„Ey, der Typ da chillt voll hart!“, ruft er und filmt weiter.
Ich rufe zurück: „Ich chille nicht, ich bin ergonomisch verhaftet!“
Wenn ich hier nicht gefangen wäre, dann würdest du für den Rest deines Lebens ganz hart chillen, du Spacken, sage ich leise zu mir.

In dem Moment vibriert mein Handy in der Brusttasche. Ich schaffe es irgendwie mit zwei Fingern dranzukommen.
Lars, mein Sohn. Ich gehe ran.
„Papa?“
„Ja?“
„Alter, was geht ab bei dir? Ich hab Bilder auf Facebook gesehen! Irgendjemand hat dich in einer Shoppinggruppe gepostet. Du trendest gerade unter ‚Massage-Opa lost im Hürth-Park‘.“

Ich sage: „Ich bin aktuell Opfer meiner eigenen Fehlentscheidung. Sag deinem Bruder, er soll das bitte löschen.“
Mein Sohn: „Ich hab keinen Bruder.“
Ich: „Verdammt. Dann war das der Typ mit dem Vokuhila.“

Er fragt, ob er vorbeikommen soll. Ich: „Nur wenn du ein Brecheisen, Vaseline und eine Tube Schmerzgel dabei hast.“ Er lacht. Ich nicht.
Ich habe gerade das Gefühl, dass mein Lendenwirbel sich von mir trennt und in eine bessere Gegend zieht.

Dann kommt so ein Sicherheitsmann. Vom Typ: Hat schon mehr als einen Dackel gefressen – und fand’s geil. Fragt mich, ob ich ein Problem habe.
Ich sage: „Ich hatte mal Rückenschmerzen. Jetzt hab ich Identitätsverlust.“
„Sie müssen da raus.“
„Super Idee. Haben Sie auch einen Plan dazu?“

Dann bleibt ein Mann mit einer XXL Tüte Churros in der Hand vor mir stehen. „Ist das das Programm ’Tsunami de Luxe’? Das hatte ich auch mal. Danach konnte ich Russisch und hab 12 Kilo verloren.“
Ich: „Ich glaub, ich verliere gerade meine Würde.“

Der Sessel vibriert weiter. Mit einer Intensität, die man sonst nur von Zauberstäben in dubiosen Online-Shops kennt. Ich halte mich fest. Ich überlege, ob ich nach der Anwendung noch beichten muss.

Eine Frau mit buntem Schal und Esoterikblick stellt sich neben mich.
Na du hast mir gerade noch gefehlt, denke ich.
„Ich spüre eine Blockade in deinem Chakra.“
Ich fluche: „Ich spüre eine Blockade in meinem unteren Rücken. Und eventuell ein Brötchen, das ich noch nicht ganz verdaut habe. Sie gehen jetzt besser weiter, ich muss gleich ganz fürchterlich pupsen. Ansonsten haben sie nämlich eine Blockade in ihrem Atmungssystem.“
Sie befolgt meinen Rat umgehend.

Silke kommt aus dem Laden. Mit einer Tüte voller Reizwäsche und einem Blick, der gleichzeitig Liebe, Genervtheit und ‚Ich hab’s geahnt‘ schreit. Sie sieht mich schon von weitem inmitten der Menschenmenge, schüttelt nur den Kopf und ruft über die Leute hinweg: „Ich war zehn Minuten im Laden – und du hast wieder einen halben Fetisch entwickelt.“
Ich rufe zurück: „Der Sessel hat angefangen!“

Dann steht sie vor mir: „WAS ZUM HENKER MACHST DU DA?“
Ich sage: „Ich erhole mich, mehr oder weniger unfreiwillig. Horizontal.“
Sie: „Du bist die Chaos-Queen. In Männerschuhen.“
Ich: „Ich vibriere für unsere Beziehung!“

Endlich – das Programm endet. Der Sessel spuckt mich im hohen Bogen aus.
Langsam. Widerwillig.
Ich stehe jetzt. Irgendwie.
Mein Körper macht dabei Geräusche wie eine knarzende Treppe in einem Horrorfilm.

Die Passanten klatschen. Ich verbeuge mich leicht – also nur geistig, weil körperlich geht da gar nix mehr – und halte mich dabei an einem Mülleimer fest, der mehr Rückgrat hat als ich.

Eine Frau murmelt: „Respekt.“
Ein Kind fragt: „Kommt der morgen wieder?“
Ich gehe. Langsam.
Mit innerer Leere. Und äußerem Wackeln.

Setz dich nie in Dinge, die mehr Vibration haben als dein Liebesleben.
Denn manche Möbelstücke sind keine Sitzgelegenheit. Sondern eine Prüfung.

Man sagt, was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Glaubt mir, das war gelogen.

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